Das selektive Gedächtnis der Flammen

Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenheiten moderner Erinnerungskultur, dass sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügt – allerdings nur für jene Kapitel der Geschichte, die sich harmonisch in das gegenwärtige Weltbild einfügen. Die Vergangenheit gleicht inzwischen weniger einem Archiv als vielmehr einem sorgfältig kuratierten Museum, dessen Exponate nach pädagogischer Brauchbarkeit sortiert werden. Einige Ereignisse erhalten einen Ehrenplatz im hell erleuchteten Schaufenster moralischer Belehrung, andere verschwinden im Keller zwischen verstaubten Regalen, wo sie zwar weiterhin existieren, aber niemanden mehr stören. So entsteht die erstaunliche Illusion, bestimmte historische Verbrechen seien singulär gewesen, obwohl die Menschheitsgeschichte eher an einen Serienbrand erinnert, bei dem in beinahe jedem Jahrhundert irgendein Herrscher, eine Kirche, eine Revolution oder ein ideologischer Erlösungsverein auf die glorreiche Idee kam, Gedanken durch Feuer zu widerlegen.

Wenn Papier gefährlicher wird als Waffen

Bücher besitzen eine höchst unangenehme Eigenschaft: Sie widersprechen der Vorstellung totalitärer Systeme, Wahrheit könne von oben verordnet werden. Ein Buch kann schweigen und dennoch widersprechen. Es kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern und einen Diktator überleben, ohne auch nur einen einzigen Schuss abzugeben. Genau deshalb waren Bibliotheken seit der Antike bevorzugte Angriffsziele politischer und religiöser Fanatiker. Kaiser, Könige, Revolutionäre, Inquisitoren und Ideologen unterschiedlichster Couleur entdeckten unabhängig voneinander dieselbe Erkenntnis: Wer den Gedanken nicht widerlegen kann, vernichtet den Träger des Gedankens. Das Feuer übernimmt dann die Rolle des letzten Arguments.

Bereits unter Qin Shi Huangdi wurden zwischen 213 und 210 vor Christus philosophische Schriften der sogenannten „Hundert Schulen des Denkens“ vernichtet, um jede geistige Konkurrenz zum staatlich verordneten Wahrheitsmonopol auszuschalten. Jahrhunderte später ließ Kaiser Valens missliebige Schriften verbrennen, ehe mittelalterliche Inquisitionen den Akt der Büchervernichtung nahezu zur liturgischen Handlung erhoben. Im Jahr 1258 versank mit dem „Haus der Weisheit“ in Bagdad eine der bedeutendsten Bibliotheken ihrer Zeit im Chaos der mongolischen Eroberung. Der Tigris, so berichten Chronisten, soll sich von der Tinte der Manuskripte dunkel gefärbt haben. Selbst biblische Überlieferungen berichten von der Verbrennung von Schriften. Geschichte und Religion liefern also reichlich Belege dafür, dass die Menschheit ihre geistigen Schätze mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit selbst vernichtet.

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Die Flammen kennen keine Konfession

Auch religiöse Überzeugungen erwiesen sich selten als friedliche Begleiter des geschriebenen Wortes. Martin Luther verbrannte 1520 öffentlich die Bannandrohungsbulle Papst Leos X. sowie weitere kirchliche Schriften. Der spanische Bischof Diego de Landa vernichtete 1562 nahezu den gesamten schriftlichen Nachlass der Maya-Kultur, weil die Codices nicht mit dem christlichen Weltbild harmonierten. Papst Klemens XIV. ließ im 18. Jahrhundert aufklärerische Werke öffentlich verbrennen. In London kam es bereits 1763 zu großen Schriftenverbrennungen, ein Jahr später traf es in Den Haag sogar die Werke Voltaires.

Merkwürdig still bleibt es allerdings um diese Episoden, obwohl sie zweifellos ebenso Ausdruck von Intoleranz und Machtmissbrauch waren. Offenbar altern historische Verbrechen unterschiedlich schnell. Manche erhalten ewige Jugend durch ständige Wiederholung, andere erreichen bereits nach wenigen Jahrzehnten den Status kulturhistorischer Fußnote.

Der pädagogisch genehmigte Brand

Wer heute den Begriff „Bücherverbrennung“ in Suchmaschinen eingibt oder moderne Nachschlagewerke konsultiert, gewinnt leicht den Eindruck, die Menschheitsgeschichte habe dieses Phänomen praktisch ausschließlich im Mai 1933 hervorgebracht. Die Bücherverbrennungen des Nationalsozialismus waren zweifellos ein erschütterndes Symbol totalitärer Herrschaft und verdienen uneingeschränkte historische Aufarbeitung. Problematisch wird jedoch nicht das Erinnern, sondern das Vergessen alles Übrigen.

Geschichte verwandelt sich dadurch in eine moralische Theateraufführung mit festen Rollen. Auf der Bühne erscheinen stets dieselben Täter, dieselben Opfer und dieselben Lektionen. Hinter dem Vorhang verschwinden zahllose andere Fälle, obwohl sie denselben Mechanismus offenbaren: Wer Macht besitzt, versucht irgendwann auch die Deutungshoheit über Bücher zu gewinnen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Ironie. Eine Gesellschaft, die behauptet, aus der Geschichte gelernt zu haben, reduziert deren Vielfalt ausgerechnet auf jene Episoden, die sich besonders gut für politische Erziehungsprogramme eignen. Aus einem globalen Menschheitsproblem wird so ein nationales Lehrstück.

Das digitale Gedankenloch

George Orwell beschrieb in „1984“ das berühmte „Gedankenloch“, in dem unliebsame Dokumente verschwinden. Damals handelte es sich um einen Ofen. Heute genügt häufig ein Algorithmus. Was nicht mehr angezeigt wird, existiert für viele Menschen faktisch nicht mehr. Das digitale Zeitalter hat die Flammen durch Filter ersetzt. Papier muss nicht mehr verbrannt werden, wenn Suchmaschinen entscheiden können, welche Erinnerung überhaupt noch auffindbar ist.

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Gerade diese Entwicklung erzeugt eine paradoxe Situation. Noch nie standen theoretisch so viele Informationen zur Verfügung. Gleichzeitig war es nie einfacher, bestimmte Zusammenhänge aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwinden zu lassen, indem sie hinter Tausenden nahezu identischer Suchergebnisse begraben werden. Das moderne Vergessen riecht nicht mehr nach Rauch. Es riecht nach Serverklimaanlage.

Verboten ist fast so gut wie verbrannt

Dabei besitzt das Feuer zahlreiche zivile Nachfolger. Bücher müssen nicht zwingend in Flammen aufgehen, um aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden. Es genügt häufig, sie aus Bibliotheken zu entfernen, ihre Verbreitung einzuschränken oder ihren Besitz mit bürokratischen Hürden zu versehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland zehntausende Titel verboten oder ausgesondert. In Ost-Berlin entstanden umfangreiche Listen unerwünschter Literatur, deren Auswirkungen teilweise auch westdeutsche Bibliotheken erreichten. Gleichzeitig entstanden die sogenannten „Giftschränke“, in denen bestimmte Werke nur noch Wissenschaftlern mit nachgewiesenem Forschungsinteresse zugänglich waren. Historisch mag manches davon nachvollziehbar gewesen sein; dennoch bleibt die grundsätzliche Frage bestehen, ob der freie Bürger grundsätzlich selbst entscheiden darf, welche Quellen er liest oder ob ein staatlicher Vormund diese Entscheidung übernehmen sollte.

Später verschwanden erneut Bücher aus öffentlichen Bibliotheken, diesmal aufgrund ihrer politischen Einordnung oder der Herkunft ihrer Verlage. Die Methoden änderten sich, der Mechanismus blieb erstaunlich konstant. Das Ergebnis war stets identisch: Weniger Vielfalt, mehr Kontrolle.

Ideologien wechseln, die Flammen bleiben

Besonders aufschlussreich ist, dass sich Bücherverbrennungen nahezu unabhängig von politischen Lagern beobachten lassen. Rechte Diktaturen, kommunistische Systeme, religiöse Fundamentalisten, koloniale Eroberer oder revolutionäre Bewegungen unterschieden sich in ihren Weltanschauungen oft radikal. Bemerkenswert ähnlich waren jedoch ihre kulturpolitischen Maßnahmen.

Während der chinesischen Kulturrevolution forderten die Roten Garden unmissverständlich, alle Bücher zu vernichten, die nicht den Gedanken Mao Zedongs entsprächen. Im Bosnienkrieg wurde 1992 die National- und Universitätsbibliothek Sarajevos gezielt zerstört, um kulturelles Gedächtnis auszulöschen. In London verbrannte Dr. Abdul Yakub Khan öffentlich ein Werk von H. G. Wells wegen dessen kritischer Bemerkungen über den Koran. 1965 verbrannten junge Christen in Düsseldorf Bücher unter anderem von Günter Grass. Die Beispiele ließen sich nahezu beliebig erweitern.

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Die ideologischen Fahnen wechseln. Die Scheiterhaufen bleiben erstaunlich ähnlich.

Der Luxus moralischer Einbahnstraßen

Moderne Debatten vermitteln bisweilen den Eindruck, Intoleranz sei das exklusive Markenzeichen bestimmter historischer Gegner. Tatsächlich handelt es sich eher um eine anthropologische Konstante. Immer wenn Menschen überzeugt sind, endgültig im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, beginnt Literatur gefährlich zu werden. Denn Bücher besitzen die lästige Eigenschaft, Fragen zu stellen. Dogmen bevorzugen dagegen Antworten.

Vielleicht erklärt genau das die selektive Empörung. Eine komplexe Geschichte eignet sich schlecht für moralische Schwarz-Weiß-Malerei. Sie erinnert daran, dass Zensur keine Nationalität besitzt, keine Religion bevorzugt und keine politische Richtung verschont. Sie ist vielmehr die gemeinsame Sprache aller Ideologien, sobald diese ihre Unsicherheit hinter dem Anspruch absoluter Gewissheit verstecken.

Die Asche der Vergangenheit und die Filter der Gegenwart

Heinrich Heines oft zitierter Satz „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ gehört zweifellos zu den eindringlichsten Warnungen der Literaturgeschichte. Vielleicht wäre jedoch eine Ergänzung angemessen: Dort, wo nur noch bestimmte Bücher erinnert und andere systematisch vergessen werden, beginnt auch die Geschichte selbst zu brennen.

Denn das eigentliche Problem besteht nicht allein im Verbrennen von Büchern. Gefährlich wird vor allem die Entscheidung darüber, welche Brände erinnert werden dürfen und welche in den Nebel des kollektiven Vergessens verschwinden sollen. Erinnerung verwandelt sich dann von historischer Aufklärung in politische Auswahl.

So betrachtet lebt das alte Feuer durchaus weiter. Es lodert nicht mehr zwingend auf öffentlichen Plätzen. Es flackert zwischen Suchalgorithmen, Lehrplänen, Bibliotheksregalen, moralischen Etiketten und gesellschaftlichen Tabuzonen. Die Flammen sind kleiner geworden, eleganter, hygienischer und klimafreundlicher. Der Rauch steigt nicht mehr zum Himmel auf, sondern verschwindet lautlos in Datenbanken.

Und vielleicht ist genau das die raffinierteste Form der Bücherverbrennung: Nicht mehr das sichtbare Feuer, das Empörung auslöst, sondern das lautlose Verschwinden aus dem Gedächtnis. Denn Asche fällt wenigstens auf. Vergessen hinterlässt nicht einmal Ruß.