Der Sieg, der keiner war

Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 zeigt sich die Wirksamkeit islamistischer Propaganda nicht nur in offenen Terrorbekundungen, sondern in ihrer Fähigkeit, Massaker in scheinbar harmlose Bilder zu verwandeln. Ein Retro-Handy, zwei Daten, ein arabischer Satz und ein Koranvers genügen. Auf den ersten Blick wirkt die Grafik wie digitale Nostalgie. Bei genauerem Hinsehen wird daraus eine politische Botschaft: Der 6. Oktober 1973 und der 7. Oktober 2023 werden zu zwei Stationen derselben vermeintlichen Erfolgsgeschichte erklärt. Aus dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel im Jom-Kippur-Krieg und dem Hamas-Massaker fünf Jahrzehnte später wird eine gemeinsame Erzählung des „Sieges“. Rund 1.200 Ermordete und etwa 250 Verschleppte verschwinden dabei hinter einem einzigen Wort. Die Opfer werden aus der Geschichte herausgerechnet, der Terror wird zum Triumph umgedeutet. Genau darin liegt die eigentliche Aussage solcher Propaganda: Nicht nur die Tat soll gerechtfertigt, auch ihre Erinnerung soll kontrolliert werden.

Die Macht der Chiffre

Die Botschaft funktioniert gerade deshalb, weil sie nicht alles ausspricht. Moderne Extremistenpropaganda setzt zunehmend auf Chiffren, Anspielungen und visuelle Codes. Das hat einen praktischen Vorteil: Das eigene Publikum versteht die Botschaft, während Außenstehende im Zweifel nur ein harmloses Meme erkennen. Ein Datum allein ist unverdächtig, ein religiöser Vers ebenfalls. Erst die Kombination schafft Bedeutung. Der 6. Oktober verweist auf den Jom-Kippur-Krieg, der 7. Oktober auf den Hamas-Angriff; das Wort „Sieg“ verbindet beide Ereignisse und der Koranvers versieht diese Verbindung mit religiöser Autorität.

Damit wird Geschichte zur politischen Kurzschrift. Fünf Jahrzehnte komplexer Entwicklungen werden auf zwei Zahlen reduziert. Friedensverträge, Verhandlungen, Konflikte und gescheiterte Lösungsversuche verschwinden. Übrig bleibt eine simple Botschaft: Angriff, Erfolg, Wiederholung. Propaganda liebt solche Vereinfachungen, weil sie keine historische Genauigkeit benötigt, sondern Wiedererkennbarkeit.

Wenn das Massaker zum Meme wird

Die ästhetische Verpackung ist dabei keineswegs nebensächlich. Das Retro-Handy, die knappe Typografie und die Meme-Optik transportieren nicht die Atmosphäre eines historischen Dokuments, sondern die eines digitalen Alltags. Terror wird dadurch in die Sprache sozialer Medien übersetzt. Keine martialische Plakatkunst, keine lange Rede, keine komplizierte Ideologie – nur ein Bild, das in Sekunden verstanden und weitergeleitet werden kann.

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Gerade darin liegt seine Modernität. Propaganda muss heute nicht mehr aussehen wie Propaganda. Sie kann ironisch, nostalgisch oder popkulturell daherkommen. Der Inhalt bleibt trotzdem derselbe. Ein Meme benötigt drei Sekunden Aufmerksamkeit; seine historische Widerlegung benötigt womöglich drei Seiten. Im digitalen Wettbewerb gewinnt deshalb häufig nicht die bessere Erklärung, sondern die schnellere Botschaft.

Religion als Legitimationsstempel

Besonders problematisch wird die Verbindung mit dem Koranvers „Wenn die Hilfe Gottes kommt und der Sieg“. Der Angriff wird damit nicht nur politisch interpretiert, sondern religiös aufgeladen. Der vermeintliche Sieg erscheint als Teil einer höheren göttlichen Ordnung. Eine politische Gewalttat erhält dadurch eine sakrale Aura.

Das verlangt eine klare Unterscheidung: Islam und Islamismus sind nicht dasselbe. Die große Mehrheit der Muslime hat mit terroristischer Gewalt nichts zu tun und lehnt ihre religiöse Instrumentalisierung ab. Gerade deshalb muss islamistische Ideologie präzise benannt werden. Wer jeden Muslim für die Verbrechen von Islamisten verantwortlich macht, betreibt ebenso grobe Vereinfachung wie jener, der Islamismus aus Angst vor Stigmatisierung nicht mehr benennen will.

Die moralische Umkehrung

Der entscheidende propagandistische Schritt besteht in der Umkehrung von Täter und Opfer. Der Terrorist erscheint als Widerstandskämpfer, das Opfer als Teil einer politischen Struktur, der Mord als notwendiger Akt eines historischen Kampfes. Der konkrete Mensch verschwindet hinter einer Kategorie: nicht mehr der ermordete Familienvater, das Kind, der ältere Mensch oder der Konzertbesucher steht im Zentrum, sondern „Israel“, „Besatzung“ oder „Widerstand“.

Diese Abstraktion erleichtert die moralische Distanz. Ein konkretes Opfer erzeugt Empathie; eine politische Kategorie erlaubt Gleichgültigkeit. Deshalb beginnt Entmenschlichung häufig nicht mit offenem Hass, sondern mit dem Verschwinden des Individuums aus der Erzählung.

Vom Märtyrer zum Medienprodukt

Islamistische Propaganda hat dabei längst verstanden, wie moderne Aufmerksamkeit funktioniert. Der Kämpfer wird zum Märtyrer, der Angriff zur Heldentat, der Tod zum Beweis der Hingabe. Dazu kommt eine digitale Ästhetik, die mit Memes, Kurzvideos, Musik, Symbolen und popkulturellen Anspielungen arbeitet. Die Ideologie wird dadurch nicht weniger radikal, sondern leichter konsumierbar.

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Das ist kein ausschließlich islamistisches Phänomen. Politische Gewalt wurde immer wieder romantisiert – von revolutionären Bewegungen bis zu modernen Extremistenszenen. Der Unterschied besteht darin, dass soziale Netzwerke diese Ästhetisierung unmittelbar global verbreiten können. Das Smartphone ist zum Verbreitungsapparat geworden, ohne dass dafür eine Zeitung, ein Fernsehsender oder eine politische Organisation notwendig wäre.

Die Blindheit des Westens

Gerade hier zeigt sich eine Schwäche westlicher Gesellschaften. Rechtsextreme Symbolik wird meist schnell erkannt; bei islamistischen Chiffren herrscht dagegen häufig größere Unsicherheit. Die berechtigte Sorge vor Pauschalisierungen führt mitunter dazu, dass selbst eindeutige ideologische Muster nur widerwillig benannt werden.

Diese Vorsicht darf nicht zur Blindheit werden. Eine demokratische Gesellschaft muss unterscheiden können zwischen islamischer Religionsausübung, legitimer Kritik an Israel, politischem Aktivismus und islamistischer Propaganda. Wer diese Unterschiede nicht macht, analysiert nicht – er pauschalisiert. Wer dagegen aus Angst vor Pauschalisierung jede Analyse unterlässt, überlässt den Extremisten den Deutungsraum.

Wenn Propaganda politisch anschlussfähig wird

Das einzelne Meme ist deshalb weniger wichtig als das Umfeld, in dem es zirkuliert. Extremistische Propaganda wirkt selten durch einen einzigen Beitrag. Sie arbeitet durch Wiederholung und Normalisierung. Ein Begriff wird übernommen, eine Parole geteilt, ein Täter romantisiert, ein Opfer relativiert. Was zunächst radikal erscheint, wird durch ständige Wiederholung vertraut und schließlich diskutierbar.

Hier entsteht die eigentliche Gefahr. Terror muss nicht unmittelbar zur Gewalt aufrufen, um politisch wirksam zu sein. Es genügt zunächst, seine Geschichte umzuschreiben. Wer ein Massaker zum Sieg erklärt, verschiebt die moralische Grenze. Wer den Täter zum Helden macht, verändert die Erinnerung. Wer die Opfer ausblendet, schafft Raum für die nächste Rechtfertigung.

Geschichte als Propagandawaffe

Die Verbindung zwischen 1973 und 2023 ist deshalb mehr als historische Spielerei. Sie konstruiert eine ideologische Kontinuität, die fünfzig Jahre Geschichte überspringt. Aus zwei unterschiedlichen Ereignissen wird ein einziger Erzählstrang. Der Jom-Kippur-Krieg wird zum historischen Vorspiel, der 7. Oktober zur Wiederholung, der religiöse Vers zum Siegel.

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Das ist keine Geschichtsschreibung, sondern Geschichtspolitik. Vergangenheit wird nicht untersucht, sondern auf ihre propagandistische Verwertbarkeit reduziert. Je weniger historische Kenntnisse vorhanden sind, desto leichter funktioniert das Verfahren. Wer die Zwischenräume nicht kennt, erkennt auch die Manipulation nicht.

Die Grenze der Toleranz

Eine offene Gesellschaft muss Widerspruch, politische Radikalität und auch scharfe Kritik aushalten. Sie muss aber nicht so tun, als seien alle Aussagen moralisch gleichwertig. Die Feier eines Massakers ist keine bloße Meinung wie jede andere. Die religiöse Verklärung terroristischer Gewalt ist keine harmlose Provokation. Und die systematische Umdeutung von Tätern zu Helden verdient Analyse statt höflicher Ratlosigkeit.

Das bedeutet weder Zensur noch Generalverdacht. Es bedeutet schlicht, Sprache ernst zu nehmen. Wer Terror „Sieg“ nennt, hat eine politische Aussage gemacht. Wer diesen Sieg religiös deutet, hat sie zusätzlich legitimiert. Wer sie in einem Meme verpackt, hat sie lediglich zeitgemäß gestaltet.

Der bittere Witz

Der zynische Witz der Geschichte besteht darin, dass ein Massaker, das Menschen aus dem Leben riss, drei Jahre später in der Ästhetik digitaler Unterhaltung weiterlebt: Nokia statt Gedenkstätte, Meme statt Trauer, Chiffre statt Erklärung, „Sieg“ statt Opfer.

Gerade deshalb sollte solche Propaganda weder hysterisch aufgeblasen noch achselzuckend ignoriert werden. Sie muss gelesen werden, wie sie gemeint ist: als Versuch, Terror nachträglich moralisch zu adeln und ihn in eine heroische Geschichte einzubauen.

Der 7. Oktober war kein „Sieg“. Er war ein Massaker.

Und wer aus einem Massaker einen Sieg macht, erzählt nicht Geschichte.

Er betreibt Propaganda.

Präzisiere die historische Einordnung des Jom-Kippur-Krieges