Die perfideste Leistung der Hamas

Auschwitz als Waffe gegen seine Erben

Die eigentliche Perfidie des 7. Oktober liegt nicht nur in der Brutalität des Massakers selbst, sondern auch in der politischen und moralischen Nachgeschichte, die daraus entstanden ist. Die Hamas hat mit dem Angriff vom 7. Oktober 2023 nicht nur Menschen ermordet, Geiseln genommen und eine neue Runde des Nahostkonflikts ausgelöst. Sie hat zugleich eine Erzählung begünstigt, in der die Erinnerung an die Shoah gegen jene gewendet wird, deren historische Erfahrung sie geprägt hat. Das ist die vielleicht zynischste Volte überhaupt: Ausgerechnet die Vernichtung der europäischen Juden wird in manchen Teilen des westlichen (linken) Diskurses zum moralischen Argument gegen den jüdischen Staat. Aus den Opfern von einst werden die vermeintlichen Täter von heute, aus der Erinnerung an Auschwitz wird eine Anklageschrift gegen Israel, und aus dem historischen Schuldgefühl Europas entsteht eine neue Anklage gegen die Nachkommen der Ermordeten. Die Rechnung ist pervers einfach: Weil Juden Opfer einer beispiellosen Vernichtung waren, dürfen sie heute nicht mehr als bedrohte Gemeinschaft auftreten; weil Israel aus der Katastrophe der europäischen Juden hervorgegangen ist, soll es für jede Handlung seiner Regierung die historische Schuld gleich mit übernehmen. Auschwitz wird damit nicht vergessen. Es wird politisch umfunktioniert.

Der große historische Kurzschluss

Die zentrale intellektuelle Unredlichkeit dieser Konstruktion besteht in einem gewaltigen historischen Kurzschluss. Zwischen dem Deutschen Reich der Jahre 1933 bis 1945 und dem Staat Israel des 21. Jahrhunderts liegt nicht lediglich Zeit, sondern ein Bruch von Geschichte, Institutionen, Ideologien und Verantwortlichkeiten. Dennoch wird dieser Abstand in Teilen des politischen Diskurses mit erstaunlicher Leichtigkeit übersprungen. Israel wird nicht mehr als demokratischer Staat mit einer konkreten Regierung, konkreten politischen Parteien, konkreten Konflikten und konkreten Entscheidungen betrachtet, sondern als eine Art historischer Stellvertreter des jüdischen Gedächtnisses. Und sobald Israel politisch handelt, wird Auschwitz gewissermaßen rückwirkend umgeschrieben: Die Opfergeschichte wird zur Vorstufe einer Tätergeschichte.

Genau hier liegt die moralische Absurdität. Ein Jude, der heute in Tel Aviv, Berlin, Paris oder Wien lebt, ist nicht der politische Erbe einer nationalsozialistischen Tat im Sinne persönlicher Schuld. Ein israelischer Soldat ist nicht deshalb ein Nachkomme Hitlers, weil er Jude ist. Ein israelischer Minister ist nicht deshalb ein Nazi, weil er militärische Entscheidungen trifft. Und ein palästinensisches Kind wird nicht zum politischen Erben der Hamas, nur weil es in Gaza geboren wurde. Geschichte funktioniert nicht nach genetischer Haftung. Schuld ist keine Erbkrankheit. Verantwortlichkeit folgt Handlungen, nicht Abstammung.

Doch genau diese elementare Unterscheidung wird zunehmend verwischt. Der Begriff „Erben“ erhält dabei eine groteske Doppelbedeutung. Einerseits wird den Juden das Erbe der Shoah zugestanden, solange es um Erinnerung, Gedenkkultur und europäische Selbstvergewisserung geht. Andererseits wird ihnen dieses Erbe wieder entzogen, sobald daraus politische Konsequenzen entstehen. Die jüdische Erinnerung darf dann zwar existieren, aber bitte ohne Anspruch auf Gegenwartsrelevanz. Auschwitz darf erinnert werden, solange es Vergangenheit bleibt. Sobald die Erinnerung zur Forderung nach Sicherheit, Selbstverteidigung oder jüdischer staatlicher Souveränität führt, beginnt die moralische Ungeduld.

Der Tätertausch

Die eigentliche Meisterleistung dieser Argumentation ist der Tätertausch. Er geschieht nicht offen, sondern durch eine schrittweise Verschiebung der Perspektive. Zunächst wird das Massaker des 7. Oktober in den historischen Kontext des Nahostkonflikts gestellt. Das ist grundsätzlich legitim. Dann wird aus dem Kontext eine Erklärung. Aus der Erklärung wird eine politische Rechtfertigung. Und schließlich wird aus dem Täter ein Reagierender und aus dem Opfer ein Teil der Ursache. Die Reihenfolge ist entscheidend, weil sie den moralischen Schwerpunkt verschiebt, ohne dass die Sprache dies ausdrücklich eingestehen muss.

Die Hamas wird dadurch vom Täter zum Symptom. Israel wird vom Angegriffenen zum eigentlichen Erklärungsgegenstand. Die Ermordeten verschwinden aus dem Zentrum der Erzählung und machen Platz für die Geschichte der Besatzung, der „Nakba“, der Siedlungspolitik, der israelischen Regierung und der geopolitischen Ordnung. All diese Themen können und müssen diskutiert werden. Aber keine historische Vorgeschichte hebt die Verantwortung für eine konkrete terroristische Tat auf. Wer das Gegenteil behauptet, müsste konsequenterweise jedes politische Verbrechen zunächst mit einer historischen Schuldrechnung versehen. Dann wäre Mord nur noch die letzte Rate eines jahrzehntelangen Konfliktkontos.

TIP:  Die Unmöglichkeit eines unmöglichen Wortes

Das ist keine historische Analyse mehr. Es ist moralische Buchführung.

Auschwitz wird umgedreht

Besonders perfide wird die Konstruktion dort, wo Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt oder zumindest sprachlich in dessen Nähe gerückt wird. Der Vorwurf „Nazi“ ist dabei nicht einfach eine besonders scharfe politische Beleidigung. Er besitzt eine historische Funktion. Er kehrt das Verhältnis von Täter und Opfer um. Der Jude wird aus der Geschichte des Holocaust herausgelöst und in die Rolle des Holocaust-Täters hineingeschrieben. Damit verändert sich nicht nur die Bewertung Israels. Es verändert sich rückwirkend die moralische Position des Juden in der europäischen Erinnerungskultur.

Der historische Jude war Opfer, weil die Nationalsozialisten ihn zum Feind erklärten. Der heutige Jude soll nun selbst zum Repräsentanten des Bösen werden. Der Übergang ist ideologisch äußerst praktisch. Denn wer den Juden zum Täter erklärt, muss sich mit seinem eigenen historischen Schuldverhältnis nicht mehr beschäftigen. Die Shoah bleibt zwar als Erinnerung bestehen, aber ihre moralische Richtung wird umgekehrt. Nicht mehr die Frage „Wie konnte Europa Juden vernichten?“ steht im Mittelpunkt, sondern „Was machen die Juden heute mit anderen?“. Das ist eine legitime Frage, solange sie sich auf konkrete politische Entscheidungen bezieht. Sie wird pervers, sobald die Antwort lautet: Deshalb war die jüdische Geschichte gewissermaßen nur eine Vorgeschichte zu israelischer Täterschaft.

So wird aus Auschwitz eine politische Waffe – und zwar eine Waffe, die sich gegen diejenigen richtet, deren Vorfahren dort ermordet wurden.

Die Linke und die erstaunliche Bereitschaft zur Übernahme

Besonders irritierend ist dabei die Rolle eines Teils der europäischen und westlichen Linken. Ausgerechnet jene politische Tradition, die sich historisch auf Antifaschismus, Minderheitenschutz, Internationalismus und die Bekämpfung rassistischer Ideologien beruft, übernimmt stellenweise erstaunlich unkritisch ein Deutungsmuster, das Juden kollektiv mit Macht, Privileg und Täterschaft identifiziert. Die Erklärung dafür liegt teilweise in einer politischen Verschiebung, die den klassischen Klassenbegriff durch Identitätskategorien ersetzt hat. Wo früher vor allem nach ökonomischer Stellung gefragt wurde, wird heute zunehmend nach struktureller Position sortiert. Opfer und Täter werden nicht mehr primär anhand konkreter Handlungen bestimmt, sondern anhand von Gruppenzuschreibungen.

Israel passt in dieses Schema schlecht hinein. Der jüdische Staat erscheint als militärisch mächtig, wirtschaftlich entwickelt und westlich orientiert. Palästinenser erscheinen als besetzt, entrechtet und abhängig. Damit ist die moralische Rollenverteilung für manche bereits vor Beginn der Diskussion festgelegt. Der israelische Zivilist kann dann kaum noch einfach Zivilist sein; er wird zum Teil einer privilegierten Struktur. Der palästinensische Zivilist wird dagegen zum Symbol struktureller Unterdrückung. Die Hamas verschwindet zwischen diesen Kategorien beinahe wie ein störendes Detail.

Das ist die eigentliche intellektuelle Bankrotterklärung: Eine Ideologie, die behauptet, Menschen nicht nach Herkunft, sondern nach Machtverhältnissen zu beurteilen, beginnt damit, Menschen wieder kollektiv nach Herkunft und Gruppenzugehörigkeit zu bewerten. Der einzelne Mensch wird seiner Individualität beraubt und in eine politische Schublade gesteckt. Der Israeli wird Israeli, bevor er Mensch wird. Der Jude wird Jude, bevor er Individuum ist. Der Palästinenser wird Palästinenser, bevor sein konkretes Handeln betrachtet wird. Eine solche Moral ist nicht universalistisch. Sie ist tribalistisch mit akademischem Wortschatz.

Die Hamas musste dafür nicht einmal gewinnen

Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Hamas diese politische Wirkung gar nicht vollständig selbst herstellen musste. Es genügte, einen Konflikt zu erzeugen, dessen Bilder, Begriffe und moralische Folgen anschließend von anderen weitergetragen werden. Terrororganisationen können militärisch verlieren und politisch dennoch Narrative gewinnen. Gerade darin liegt die moderne Form asymmetrischer Kriegsführung. Der militärisch Schwächere muss nicht stärker sein als der Gegner; er muss nur erreichen, dass der Gegner sich selbst politisch delegitimiert.

Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an Israel von der Hamas gesteuert wäre. Eine solche Behauptung wäre ebenso absurd wie gefährlich. Die meisten Menschen, die Israel kritisieren, tun dies aus eigenen politischen, humanitären oder moralischen Gründen. Aber politische Bewegungen leben von Resonanz. Eine Propaganda muss nicht jeden Kritiker kontrollieren, um von einer bestimmten Interpretation zu profitieren. Es genügt, wenn die eigene Erzählung in bereits vorhandene politische und kulturelle Konflikte einsickert.

TIP:  Die Geisterarmee der Erinnerung

Die Hamas hat damit etwas geschaffen, das über militärische Gewalt hinausgeht: einen Interpretationsraum, in dem das Massaker selbst hinter seiner politischen Nachgeschichte verschwindet. Der 7. Oktober wird nicht mehr als Ausgangspunkt betrachtet, sondern als Fußnote in einer Geschichte, deren moralischer Hauptangeklagter Israel sein soll. Die Täter haben dadurch einen bemerkenswerten Verbündeten gewonnen: nicht unbedingt Menschen, sondern Deutungsmuster.

Die politische Linke als unfreiwilliger Verstärker

Besonders bitter ist, dass Teile der Linken dabei genau jene historische Logik übernehmen, gegen die sie sich in anderen Zusammenhängen vehement wenden würden. Wenn Juden kollektiv für die Handlungen eines Staates verantwortlich gemacht werden, ist das Kollektivschuld. Wenn Juden aufgrund ihrer Identität unter Generalverdacht gestellt werden, ist das eine Form von Kollektivzuschreibung. Wenn ein Jude sich für Israel rechtfertigen soll, obwohl er mit dessen Regierungspolitik nichts zu tun hat, ist das eine Zumutung, die bei nahezu jeder anderen Minderheit sofort als diskriminierend erkannt würde.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Israel kritisiert werden darf. Natürlich darf und muss Israel kritisiert werden. Die entscheidende Frage lautet, warum Kritik an Israel so häufig eine zusätzliche moralische Dimension erhält, die andere Staaten nicht in gleicher Weise trifft. Warum wird ausgerechnet der jüdische Staat zum bevorzugten Schauplatz globaler Moraldebatten? Warum wird seine Legitimität immer wieder grundsätzlich problematisiert? Warum genügt bei anderen Staaten die Kritik an einer Regierung, während bei Israel nicht selten die Existenzform des Staates selbst zum Gegenstand der Debatte wird?

Wer darauf keine Antwort geben kann oder will, sollte wenigstens die Möglichkeit eines Doppelstandards ernst nehmen.

Die Erben der Geschichte

Besonders perfide ist die Vorstellung, heutige Juden müssten für die Geschichte Israels oder die Entscheidungen israelischer Regierungen kollektiv haften. Europa hat jahrzehntelang erklärt, dass individuelle Schuld nicht vererbbar sei. Dieser Grundsatz gehört zu den elementaren Errungenschaften moderner Rechtsstaatlichkeit. Niemand wird schuldig geboren. Niemand haftet für Verbrechen seiner Vorfahren.

Und doch wird ausgerechnet gegenüber Juden eine merkwürdige Gegenlogik sichtbar. Sie sollen einerseits die historischen Erben der Shoah sein und damit die moralische Erinnerung Europas repräsentieren. Andererseits sollen sie als Angehörige eines jüdischen Volkes die politische Verantwortung für Israel tragen. Das ist eine paradoxe Konstruktion: Die jüdische Identität wird dann gleichzeitig als historisches Opfermerkmal und als politisches Tätermerkmal verwendet. Je nachdem, welche Rolle gerade benötigt wird.

Das ist keine Befreiung vom Antisemitismus. Es ist seine Modernisierung.

Der Holocaust als moralisches Eigentum

Ein weiterer Irrtum besteht darin, die Shoah als eine Art moralisches Eigentum zu behandeln, über dessen Bedeutung ausschließlich jene bestimmen dürfen, die daraus eine bestimmte politische Schlussfolgerung ziehen. Die Erinnerung an den Holocaust gehört der Menschheit. Sie ist nicht Eigentum Israels, nicht Eigentum jüdischer Organisationen und ebenso wenig Eigentum deutscher Gedenkpolitiker. Aber gerade weil sie universelle Bedeutung besitzt, darf sie nicht politisch instrumentalisiert werden, um die historische Identität ihrer Opfer umzudrehen.

Die Lehre aus Auschwitz lautet nicht, dass Juden aufgrund ihrer Geschichte von jeder Kritik ausgenommen sind. Sie lautet auch nicht, dass Israel automatisch moralisch recht hat. Die Lehre lautet vielmehr, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit nicht entrechtet, verfolgt und vernichtet werden dürfen. Diese Lehre gilt universell. Gerade deshalb muss sie auch am 7. Oktober gelten.

Wer daraus ableitet, dass jüdische Selbstverteidigung grundsätzlich illegitim sei, hat Auschwitz nicht universalisiert, sondern entkernt.

Die Gleichsetzung mit den Nazis als letzter moralischer Joker

Der Nazivergleich ist in politischen Debatten zum Joker geworden. Er beendet Diskussionen, weil er keine Argumentation mehr benötigt. Wer als Nazi bezeichnet wird, soll nicht mehr verstanden, sondern ausgeschlossen werden. Das Problem ist nicht, dass Regierungen oder politische Bewegungen niemals mit nationalsozialistischen Ideologien verglichen werden dürften. Selbstverständlich können historische Vergleiche sinnvoll sein. Aber der Vergleich muss begründet sein, nicht lediglich emotional funktionieren.

Bei Israel wird der Vorwurf jedoch häufig auf eine Weise verwendet, die über politische Kritik hinausgeht. Die jüdische Erinnerung selbst wird gegen Israel gewendet. Der Jude soll ausgerechnet durch die Geschichte, in der er Opfer war, zum moralischen Verdächtigen der Gegenwart werden. Das ist eine argumentative Volte von einer solchen Kälte, dass selbst der Begriff „Zynismus“ zu schwach wirkt.

TIP:  Die Kunst der vorsorglichen Selbstwiderlegung

Die Pointe wäre beinahe komisch, wenn die Folgen nicht so ernst wären: Europa hat Auschwitz jahrzehntelang als Warnung vor der Entmenschlichung der Juden erinnert und entdeckt nun in manchen Diskursen, dass dieselbe Geschichte wunderbar geeignet ist, die Juden moralisch zu entmenschlichen – diesmal selbstverständlich im Namen des Antirassismus.

Gaza als Gegenrechnung

Auch das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung darf in diesem Zusammenhang nicht instrumentalisiert werden. Es ist real. Es ist tragisch. Es verdient humanitäre Hilfe, politische Konsequenzen und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Verantwortlichkeiten aller Seiten. Aber Gaza darf nicht zur historischen Gegenrechnung für Auschwitz gemacht werden. Die Leichen palästinensischer Zivilisten löschen die Leichen jüdischer Opfer nicht aus. Und die jüdischen Opfer des 7. Oktober machen palästinensisches Leid nicht weniger real.

Wer so argumentiert, verwechselt Moral mit Buchhaltung. Eine Leiche macht eine andere nicht ungeschehen. Ein Verbrechen hebt ein anderes nicht auf. Geschichte ist kein Girokonto, auf dem sich moralische Soll- und Habenposten gegenseitig verrechnen lassen.

Gerade diese einfache Wahrheit scheint im Zeitalter der politischen Lagerbildung verloren zu gehen. Das Opfer wird zum Beweisstück für die eigene Theorie, der Täter zum Beleg für die Schuld des gegnerischen Kollektivs. So wird aus menschlichem Leid politisches Rohmaterial.

Die eigentliche Kapitulation

Die eigentliche Kapitulation des Westens besteht deshalb nicht darin, dass irgendwo eine Demonstration mit einer problematischen Parole stattfindet. Das wäre zu banal. Sie besteht darin, dass ein Teil des politischen und akademischen Establishments Schwierigkeiten entwickelt hat, universelle Maßstäbe auch dann anzuwenden, wenn sie politisch unbequem sind.

„Nie wieder“ war ursprünglich eine Zumutung. Es bedeutete: niemals wieder, unabhängig davon, wer das Opfer ist. Heute klingt es zunehmend wie eine Gedenktagsformel, die zwischen Kranz und Kamera funktioniert und danach wieder im Archiv verschwindet. Die Erinnerung ist institutionell perfekt organisiert und politisch erstaunlich wirkungslos geworden. Es gibt Gedenktage, Stolpersteine, Schulprojekte, Staatsakte und Reden. Und gleichzeitig entstehen neue Formen des Antisemitismus, die sich nicht trotz dieser Erinnerung, sondern teilweise unter ihrem moralischen Schutzschild entwickeln.

Das ist die bittere Ironie: Auschwitz ist überall präsent und seine Lehre zugleich erstaunlich selektiv geworden.

Wenn die Opfer plötzlich auf der Anklagebank sitzen

Die perfideste Konsequenz der nach dem 7. Oktober entstandenen Deutungsmuster besteht daher darin, dass der Holocaust nicht geleugnet werden muss, um seine moralische Bedeutung zu zerstören. Es genügt, seine Rollenverteilung umzuschreiben. Die Juden müssen nicht mehr zu Nicht-Opfern erklärt werden. Es reicht, sie zu „Opfern, die später Täter wurden“ zu erklären. Schon ist die moralische Ordnung wieder hergestellt: Die Geschichte bleibt bestehen, nur ihre Lehre wird verändert.

Damit entsteht ein geradezu groteskes Bild der Gegenwart. Die Nachfahren der europäischen Juden werden aufgefordert, sich für Israel zu rechtfertigen. Israel wird mit Nazi-Vergleichen überzogen. Der 7. Oktober wird in historische Kausalitäten aufgelöst. Die Hamas wird zum Symptom erklärt. Gaza wird zur Gegenrechnung mit Auschwitz. Und Teile der westlichen Linken, die sich einst als besonders wachsame Gegner jeder Form von Rassismus verstanden, übernehmen diese Konstruktion, ohne ihre eigenen Widersprüche zu bemerken.

Das ist keine konsequente Anwendung von Menschenrechten. Es ist deren politische Verengung.

Auschwitz darf niemals zur Lizenz für israelische Politik werden. Aber Auschwitz darf ebenso wenig zur Anklage gegen die Juden werden.

Wer diese beiden Sätze nicht gleichzeitig aushält, hat das Problem nicht gelöst, sondern nur die Richtung gewechselt.

Und vielleicht ist genau das die zynischste Hinterlassenschaft des 7. Oktober: Die Hamas musste Auschwitz nicht vergessen machen. Es genügte, dafür zu sorgen, dass andere beginnen, Auschwitz gegen die Nachkommen der Ermordeten zu wenden.

Das ist keine Erinnerungskultur.

Das ist Erinnerung als Waffe.