oder die Republik der unbezahlten Nebenjobs
Es gehört zu den stillen Revolutionen der Gegenwart, dass sie ohne Barrikaden auskommt, ohne Fahnen, ohne Pathos, ja sogar ohne ein nennenswertes Bewusstsein ihrer eigenen Existenz. Während früher Arbeiterbewegungen lautstark die Fabriktore blockierten, hat sich die neue Arbeitsordnung in die Hosentasche verlagert, genauer gesagt in jene flimmernden Rechtecke, die mit der diskreten Autorität algorithmischer Selbstverständlichkeit verkünden, was zu tun ist: bitte hier scannen, dort bestätigen, jenes hochladen, dieses anklicken, und wenn möglich alles gleichzeitig, alldieweil der Fortschritt bekanntlich keine Zeit kennt, schon gar nicht jene derer, die ihn ausbaden dürfen. Es ist eine bemerkenswerte Pointe der Geschichte, dass die vielbeschworene Effizienzsteigerung sich nicht etwa in einer Reduktion menschlicher Mühen äußert, sondern in deren geschickter Umverteilung auf jene, die vormals schlicht Kunden hießen und nun, ohne je einen Arbeitsvertrag unterschrieben zu haben, zu multifunktionalen Dienstleistern ihrer selbst degradiert wurden, ein Umstand, der so selbstverständlich daherkommt, dass er kaum noch Widerspruch hervorruft, alldieweil Widerspruch ein Luxus ist, den sich nur leisten kann, wer nicht gerade versucht, im dritten Anlauf ein Passwort zurückzusetzen, das aus Sicherheitsgründen weder erinnerbar noch wiederverwendbar sein darf.
Selbstbedienung als Zivilreligion
Der moderne Mensch, so scheint es, ist nicht mehr Bürger, nicht mehr Konsument, sondern ein sakrales Mischwesen aus Bedienpersonal und Bittsteller, das sich vor Terminals verneigt, deren liturgische Formeln in der Sprache des Fortschritts daherkommen, dabei aber eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Bußübungen vergangener Jahrhunderte aufweisen. „Bitte folgen Sie den Anweisungen auf dem Bildschirm“, heißt es dann, und der Bildschirm ist gnadenlos, kennt kein Erbarmen, keine Ironie, keine Müdigkeit, und schon gar keine Kulanz, alldieweil Kulanz ein menschliches Laster ist, das im Zeitalter der Prozessoptimierung ausgemerzt wurde wie einst die Cholera aus den Großstädten. Man scannt seine Lebensmittel, als wäre man ein schlecht bezahlter Aushilfskassierer in eigener Sache, man gibt Überweisungen ein, als hätte man heimlich eine Banklehre absolviert, man checkt sich selbst ein, als sei man Bodenpersonal mit persönlicher Haftung, und wenn das System einen nicht erkennt, was es mit einer gewissen Regelmäßigkeit tut, dann liegt der Fehler selbstverständlich nicht im System, sondern im Subjekt, das offenbar noch nicht hinreichend digitalisiert ist, ein Defizit, das sich durch weitere Interaktion mit dem System beheben lässt, sofern man die Geduld eines Mönchs und die Leidensfähigkeit eines Steuerpflichtigen mitbringt.
Die Ökonomie der Verlagerung
Es wäre naiv, in all dem bloß einen bedauerlichen Nebeneffekt technischer Entwicklung zu sehen; vielmehr handelt es sich um eine präzise kalkulierte Verschiebung von Kosten, eine Art stiller Enteignung von Zeit und Aufmerksamkeit, die so elegant vollzogen wird, dass sie kaum als solche wahrgenommen wird. Was früher von Angestellten erledigt wurde, die dafür bezahlt, geschult und im Idealfall sogar sozial abgesichert waren, wird heute von Individuen erledigt, die dafür weder entlohnt noch qualifiziert, geschweige denn gewürdigt werden, alldieweil Würdigung ein Kostenfaktor ist, der sich nicht in Quartalszahlen übersetzen lässt. Die Ersparnis liegt auf der Hand: weniger Personal, weniger Verantwortung, weniger Reibung – und mehr Arbeit für jene, die sie nie gesucht haben. Der Clou besteht darin, dass diese Arbeit als Service verkauft wird, als Freiheit, als Autonomie, als „Self-Service“, ein Begriff, der so harmlos klingt wie ein Salatbuffet, dabei aber die soziale Realität eines ausgelagerten Arbeitsverhältnisses beschreibt, das sich jeder arbeitsrechtlichen Kategorie entzieht, alldieweil es offiziell gar nicht existiert.
Der Kunde als Sachbearbeiter seiner selbst
Besonders delikat wird die Angelegenheit dort, wo die Grenze zwischen Dienstleistung und Verwaltung verschwimmt, also im Reich der Anträge, Formulare und Nachweise, jenem biotopischen Kern staatlicher und halb-staatlicher Organisationen, der sich im Zuge der Digitalisierung nicht etwa aufgelöst, sondern vervielfacht hat. Anträge werden nicht mehr gestellt, sie werden „angelegt“, Nachweise nicht mehr vorgelegt, sondern „hochgeladen“, und wer glaubt, damit sei der Weg zur Effizienz geebnet, der hat noch nie versucht, ein PDF in das richtige Format zu konvertieren, alldieweil das System selbstverständlich nur eine ganz bestimmte Version akzeptiert, deren Spezifikationen irgendwo zwischen Fußnote und Orakel versteckt sind. Der Bürger, pardon, der Nutzer wird zum Sachbearbeiter seiner selbst, ein Amt in eigener Sache, ausgestattet mit der Verantwortung, die richtigen Häkchen zu setzen und die richtigen Dateien zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bewegen, wobei jeder Fehler nicht etwa als Lernchance, sondern als Verzögerung sanktioniert wird, alldieweil Zeit, wie man weiß, das Einzige ist, was im digitalen Zeitalter noch knapper geworden ist als Geduld.
FAQ als moderne Folterkammer
Und wenn etwas nicht funktioniert, was es mit der stoischen Regelmäßigkeit eines Schweizer Uhrwerks tut, dann öffnet sich der Vorhang zur vielleicht perfidesten Bühne dieser neuen Ordnung: der Welt der FAQ und Chatbots, jener digitalen Labyrinthe, in denen Antworten so organisiert sind, dass sie möglichst selten auf die gestellte Frage passen. Man klickt sich durch Kategorien, Unterkategorien, Unterunterkategorien, bis man schließlich auf eine Antwort stößt, die mit der entwaffnenden Klarheit eines Zen-Koans verkündet, dass das Problem leider nicht erkannt werden konnte, alldieweil es in der vorgesehenen Taxonomie nicht vorgesehen ist. Der Chatbot, dieses freundliche Gespenst aus Code, bietet Hilfe an, die keine ist, stellt Fragen, die nicht zur Sache gehören, und verabschiedet sich schließlich mit einem „Ich hoffe, ich konnte helfen“, das in seiner höflichen Nutzlosigkeit an jene Beamten erinnert, die einst mit dem Stempel „abgelehnt“ die Welt ordneten. Es ist eine neue Form der Einsamkeit, diese Interaktion mit Maschinen, die so tun, als seien sie Menschen, während Menschen dazu angehalten werden, sich wie Maschinen zu verhalten.
Die unsichtbare Bilanz
Welche Arbeit wurde noch unbemerkt ausgelagert? Die Antwort lautet, mit einer gewissen Nüchternheit betrachtet: nahezu jede, die sich in Schritte zerlegen, in Prozesse übersetzen und in Interfaces gießen lässt. Reiseplanung, Terminverwaltung, Datensicherung, Fehlersuche, Kundenservice – alles Tätigkeiten, die einst von spezialisierten Kräften übernommen wurden, sind heute Bestandteil eines Alltags, der sich zunehmend wie ein schlecht organisierter Arbeitsplatz anfühlt, alldieweil die Grenze zwischen Arbeit und Leben längst porös geworden ist. Die Bilanz dieser Entwicklung wird selten gezogen, alldieweil sie schwer zu beziffern ist: Wie viel Zeit geht verloren, wie viel Nerven, wie viel stillschweigende Anpassung an Systeme, die nie dafür gedacht waren, den Menschen zu dienen, sondern vielmehr dazu, ihn effizient einzubinden? Es ist eine Ökonomie des Unsichtbaren, eine Buchführung ohne Kontoauszug, in der der Aufwand des Einzelnen nicht als Kosten, sondern als Selbstverständlichkeit verbucht wird.
Ein augenzwinkernder Schluss ohne Pointe
Vielleicht liegt die eigentliche Ironie darin, dass diese Entwicklung von einer Rhetorik begleitet wird, die unablässig von Entlastung, Vereinfachung und Nutzerfreundlichkeit spricht, als handle es sich um eine philanthropische Großtat, während im Hintergrund eine stille Verschiebung von Arbeit stattfindet, die so gründlich ist, dass sie kaum noch als solche erkannt wird. „Der Fortschritt“, schrieb einmal ein gewisser Karl Kraus, „hat das Ziel, die Arbeit zu ersparen und die Zeit zu verkürzen“ – ein Satz, der heute wie ein gut gemeinter Witz wirkt, alldieweil die gesparte Arbeit offenbar nur den Ort gewechselt hat. So bleibt am Ende ein leichtes Schmunzeln, ein Achselzucken vielleicht, und die Erkenntnis, dass der moderne Mensch zwar vieles geworden ist – Kassierer, Bankangestellter, Bodenpersonal, Paketdienst und Sachbearbeiter in Personalunion –, nur eines ist er erstaunlich selten: arbeitslos im eigenen Leben.