5 Minuten vor 19:33

Die ewige Vorahnung des Abgrunds

Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen politischer Selbstvergewisserung, den eigenen Standort durch die dramatische Beschwörung des Abgrunds zu markieren, und so steht man, gefühlt täglich, wieder einmal kurz vor 1933, als wäre Geschichte kein komplexes Geflecht aus Ursachen, Kontingenzen und Entscheidungen, sondern ein schlecht programmiertes Uhrwerk, das zuverlässig zur Katastrophe zurücktickt, sobald irgendwo ein politischer Missklang ertönt; die inflationäre Rede vom „neuen 1933“ ist dabei weniger ein analytisches Instrument als ein moralischer Nebelwerfer, der alles, was sich widersetzt, in eine suggestive Düsternis taucht, in der Differenzierung als Verrat gilt und historische Präzision als kaltherzige Pedanterie, während zugleich eine merkwürdige Selbstberuhigung mitschwingt: Wer das Schreckbild oft genug beschwört, wähnt sich bereits auf der richtigen Seite der Geschichte, ganz gleich, wie dürftig die Diagnose ist, die diesem Pathos zugrunde liegt.

Weimar als Projektionsfläche

Seit 1945 dient die Weimarer Republik als bevorzugte Projektionsfläche für Gegenwartsängste, ein historisches Lehrstück, das sich je nach Bedarf in eine warnende Parabel verwandeln lässt, wobei die eigentlichen Lektionen – die strukturellen Schwächen eines politischen Systems, die sozioökonomischen Verwerfungen, die internationale Einbettung und die schlichte Tatsache, dass Menschen unter Druck nicht immer rational handeln – allzu gern zugunsten einer moralischen Kurzformel verdampfen; die alte Frage, ob aus Bonn wieder Weimar werden könne, hatte immerhin noch den Charme einer hypothetischen Übung, die mit wachsender Stabilität der Bundesrepublik ihren Schrecken verlor, doch kaum scheint die Geschichte sich beruhigt zu haben, wird sie mit neuer Vehemenz aus dem Archiv gezerrt, als müsse das Gespenst wachgehalten werden, um die eigene Gegenwart mit Bedeutung aufzuladen.

Die Pädagogik der Panik

Die gegenwärtige Renaissance des 1933-Vergleichs folgt dabei einer eigentümlichen Dramaturgie, in der politische Auseinandersetzungen nicht mehr als Streit konkurrierender Interessen erscheinen, sondern als Endspiel zwischen Demokratie und ihrem vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Untergang, und es ist ein bemerkenswertes Schauspiel, wie sich Teile des öffentlichen Diskurses in eine Art pädagogische Alarmanlage verwandeln, deren Dauersirene das historische Bewusstsein eher abstumpft als schärft; wo alles jederzeit „wie damals“ ist, verliert das Damals seine Spezifität, und die Singularität des Nationalsozialismus wird in der ständigen Wiederholung leise nivelliert, nicht aus bösem Willen, sondern aus jener Mischung aus moralischem Eifer und analytischer Bequemlichkeit, die komplexe Wirklichkeiten in handliche Narrative presst.

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Die Historiker als Hohepriester der Gegenwart

Besonders unerquicklich wird es dort, wo sich die akademische Zunft selbst in den Chor der Alarmisten einreiht und aus der nüchternen Analyse eine Art engagierter Zeitdiagnostik macht, die sich ihrer eigenen normativen Voraussetzungen kaum noch bewusst ist, und so lässt sich beobachten, wie Historiker, die einst den Anspruch erhoben, vergangene Wirklichkeiten in ihrer Fremdheit zu verstehen, nun mit einer gewissen Emphase die „Wiederholbarkeit der Geschichte“ beschwören, als handle es sich um ein Naturgesetz und nicht um eine höchst problematische Metapher; wenn etwa Wolfgang Benz mit ernstem Tonfall vor einer drohenden Replik historischer Katastrophen warnt, dann klingt darin weniger die Skepsis des Forschers als die Gewissheit des Pädagogen, der seine Zuhörer auf die richtige Seite der Barrikade führen möchte, notfalls um den Preis analytischer Verkürzungen.

Die große Vereinfachung

Denn die eigentliche Pointe dieser gegenwärtigen Geschichtsverwendung liegt in der radikalen Simplifizierung, mit der die Vergangenheit auf ein moralisches Tableau reduziert wird, auf dem klar zwischen guten und bösen Kräften unterschieden werden kann, während die unbequemen Fragen – warum breite Bevölkerungsschichten das Vertrauen in die Republik verloren, welche ökonomischen Katastrophen die politische Radikalisierung befeuerten, welche internationalen Zwänge wirkten – höflich beiseitegeschoben werden; Hyperinflation, Reparationslasten, Weltwirtschaftskrise erscheinen dann allenfalls als dekorativer Hintergrund, während die eigentliche Handlung in den Seelen der „verängstigten“ oder „verführten“ Bürger stattfindet, deren Motive sich bequem pathologisieren lassen, was nicht nur historisch dürftig, sondern auch politisch unerquicklich ist, weil es die Gegenwart gleich mit erklärt, ohne sie wirklich zu verstehen.

Vom Missbrauch großer Begriffe

Besonders unerquicklich wird diese Praxis im Umgang mit dem Begriff des Faschismus, der sich längst von seiner historischen Verankerung gelöst hat und nun als universelles Etikett für alles dient, was als politisch unerwünscht gilt, ein semantisches Universalwerkzeug, das zugleich schneidet und abstumpft, und hier hätte wohl Golo Mann mit feiner Ironie den Finger gehoben, um daran zu erinnern, dass begriffliche Präzision keine akademische Marotte, sondern die Voraussetzung jeder ernsthaften Analyse ist; die Gleichsetzung unterschiedlichster politischer Phänomene mit dem Nationalsozialismus führt nicht zu größerer moralischer Klarheit, sondern zu einer schleichenden Entwertung jener historischen Erfahrung, die man zu schützen vorgibt.

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Die langen Schatten der Ideologie

Dass diese begriffliche Verwilderung eine eigene Tradition hat, die bis in die ideologischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts zurückreicht, wird dabei gern übersehen, obwohl ein Blick auf die Definitionen der von Joseph Stalin geprägten politischen Sprache genügte, um zu erkennen, wie flexibel der Faschismusbegriff schon einmal gehandhabt wurde, als nahezu jede Form nichtkommunistischer Politik darunter subsumiert werden konnte; die Pointe dieser Geschichte ist nicht nur ihre Absurdität, sondern ihre Langlebigkeit, denn Begriffe, die einmal politisch instrumentalisiert wurden, kehren mit erstaunlicher Beharrlichkeit zurück, oft in neuen Gewändern, aber mit ähnlicher Funktion: Sie sollen nicht erklären, sondern delegitimieren.

Der bequeme Alarmismus

So entsteht ein Diskurs, der sich selbst genügt, weil er die Gegenwart durch die Linse eines stets drohenden historischen Rückfalls betrachtet und dabei jene nüchterne Analyse vermeidet, die den tatsächlichen Problemen angemessen wäre; es ist einfacher, in jeder politischen Verwerfung den Vorboten einer neuen Diktatur zu sehen, als sich mit den strukturellen Ursachen von Unzufriedenheit, wirtschaftlichen Umbrüchen oder institutionellen Schwächen auseinanderzusetzen, und so wird die Geschichte zur Kulisse eines moralischen Theaters, in dem die Rollen längst verteilt sind und die Pointe feststeht, bevor das Stück begonnen hat.

Die Ironie der Ernsthaftigkeit

Am Ende bleibt eine eigentümliche Ironie: Je häufiger und lauter der Untergang beschworen wird, desto routinierter wird der Umgang mit ihm, und die große historische Katastrophe, die einst als singulär und unvergleichlich galt, verwandelt sich in eine rhetorische Münze, die im politischen Alltag zirkuliert, bis sie abgegriffen ist; vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Gefahr, nicht in der heraufbeschworenen Wiederkehr der Geschichte, sondern in ihrer schleichenden Banalisierung, die aus dem Ernstfall eine Metapher macht und aus der Metapher ein Ritual, das mehr über die Gegenwart aussagt als über die Vergangenheit, und nicht immer zu deren Vorteil.