Die Inszenierung der Unschuld

Es gehört zu den großen Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet ein Ereignis, das mit der demonstrativen Abwesenheit von Härte, Kontrolle und Misstrauen beginnen sollte, in einer der brutalsten Lektionen über deren Notwendigkeit endete. München 1972 war kein Zufallsschauplatz, sondern ein bewusst komponiertes Bühnenbild: heitere Spiele, lächelnde Ordner ohne Waffen, eine Architektur der Offenheit, die fast schon trotzig gegen die bleierne Vergangenheit gesetzt war. Die Republik wollte freundlich erscheinen, entkrampft, geläutert – ein Staat, der seine Lektionen gelernt hatte und sie nun in Pastellfarben vorzeigte. Man hatte die Schwere der Geschichte gegen die Leichtigkeit eines Sommermärchens eingetauscht, als ließe sich Moral durch Ästhetik ersetzen. Dass Sicherheit dabei zur Statistin degradiert wurde, erschien weniger als Risiko denn als pädagogisches Statement. Wer wollte schon misstrauisch wirken, wenn die Welt zusah?

Doch Geschichte besitzt einen unerquicklich trockenen Sinn für Dramaturgie: Sie liebt es, Inszenierungen zu zerstören, gerade dann, wenn sie sich für Wirklichkeit halten. So wurde die Bühne betreten – nicht von Sportlern, sondern von Männern mit Kalaschnikows und Granaten, die sich weder für Symbolpolitik noch für die psychologische Hygiene eines Landes interessierten. Der Einbruch in die Connollystraße war keine bloße Tat, sondern eine brutale Korrektur eines Weltbildes, das glaubte, mit guten Absichten ließen sich schlechte Akteure beeindrucken. Zwischen Trainingsanzügen und Gewehren kollidierten zwei Vorstellungen von Realität: hier die Hoffnung auf ein neues, offenes Deutschland, dort die kalte Logik eines Konflikts, der sich von olympischem Geist nicht im Geringsten beeindrucken ließ.

Die Naivität als Sicherheitskonzept

Es ist unerquicklich, aber unvermeidlich festzuhalten, dass die Sicherheitsarchitektur dieser Spiele weniger einem Konzept als einer Stimmung entsprach. Man vertraute – ein schönes Wort, das in sicherheitspolitischen Kontexten häufig als Synonym für „nicht vorbereitet“ dient. Keine spezialisierte Anti-Terror-Einheit, keine durchdachte Einsatzstrategie, keine klare Kommandostruktur für den Ernstfall: Das alles war kein Versäumnis im engeren Sinne, sondern Ausdruck einer Haltung, die glaubte, durch demonstrative Harmlosigkeit selbst harmlos zu werden. In gewisser Weise war dies die Fortsetzung der Nachkriegsmentalität mit anderen Mitteln: lieber zu wenig Staat als zu viel, lieber sichtbar zivil als potenziell autoritär. Dass Gewaltakteure diese Skrupel nicht teilen, wurde zwar gewusst, aber offenbar nicht ernst genommen.

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So geriet die Reaktion zur improvisierten Abfolge halbherziger Versuche, die weniger von Strategie als von Hoffnung getragen waren. Hoffnung, dass sich eine Lage irgendwie beruhigen möge, dass Zeit ein Verbündeter sei, dass der Gegner rational reagieren werde, wenn man ihm nur genügend Gelegenheit dazu gebe. In solchen Momenten zeigt sich die Differenz zwischen politischem Wunschdenken und operativer Realität besonders deutlich: Der eine operiert mit Narrativen, der andere mit Waffen. Dass diese beiden Ebenen nicht kompatibel sind, musste erst unter maximal tragischen Umständen gelernt werden.

Fürstenfeldbruck oder die Anatomie des Scheiterns

Die Ereignisse am Flugplatz Fürstenfeldbruck lesen sich im Rückblick wie ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man eine ohnehin prekäre Lage durch strukturelle Unzulänglichkeiten weiter verschärft. Scharfschützen ohne entsprechende Ausbildung, ausgerüstet mit Gewehren, die für ganz andere Zwecke konzipiert waren, positioniert unter schlechten Lichtverhältnissen, ohne ausreichende Koordination – es war weniger ein Einsatz als ein riskantes Experiment. Dass ein solches Setting in ein Desaster mündete, überrascht im Grunde nur jene, die zuvor an die Tragfähigkeit improvisierter Lösungen geglaubt hatten.

Hier kulminiert die Tragik in einer bitteren Pointe: Während die politische Ebene noch von Kontrolle sprach, hatte die operative Ebene sie längst verloren. Die Geiseln wurden nicht befreit, sondern im Chaos eines Feuergefechts ermordet, das eher an einen schlecht vorbereiteten Hinterhalt als an eine gezielte Rettungsaktion erinnerte. Am Ende standen Tote auf allen Seiten und ein Staat, der sich eingestehen musste, dass gute Absichten weder Kugeln aufhalten noch Granaten entschärfen. Man könnte sagen, die Realität habe sich unsensibel verhalten – sie hielt sich schlicht nicht an das gewünschte Drehbuch.

Die späte Geburt der Professionalität

Wie so oft entsteht Professionalität nicht aus Einsicht, sondern aus Katastrophe. Die Gründung spezialisierter Einheiten, allen voran der GSG 9, war keine proaktive Modernisierung, sondern eine reaktive Notwendigkeit. Erst das sichtbare Scheitern erzeugte den politischen Willen, Strukturen zu schaffen, die zuvor aus historischen und ideologischen Gründen gemieden worden waren. In gewisser Weise war dies die Rückkehr eines alten Prinzips: Der Staat muss handlungsfähig sein, auch – und gerade – in Extremsituationen. Dass diese Einsicht so teuer erkauft wurde, gehört zu den bittereren Kapiteln politischer Lernprozesse.

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International fügte sich das Ereignis in eine Serie von Anschlägen ein, die den Westen aus seiner sicherheitspolitischen Selbstzufriedenheit rissen. Spezialeinheiten entstanden, Doktrinen wurden entwickelt, Zusammenarbeit intensiviert – nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus der schlichten Erkenntnis, dass man es sich nicht länger leisten konnte, unvorbereitet zu sein. Die Vorstellung, Terrorismus sei ein Randphänomen, das sich mit symbolischer Politik einhegen lasse, erwies sich als ebenso unhaltbar wie gefährlich bequem.

Der lange Schatten der Vergeltung

Die Reaktion Israels, kodiert in der Operation „Zorn Gottes“, eröffnete ein anderes Kapitel, eines, das weniger von Versäumnissen als von Konsequenz geprägt war – und damit eigene Fragen aufwarf. Die systematische Verfolgung der Verantwortlichen stellte eine Form von Gerechtigkeit dar, die sich nicht in Gerichtssälen vollzog, sondern im Schatten operativer Notwendigkeiten. Hier begegnet man einer anderen Logik: der Überzeugung, dass Abschreckung und Vergeltung nicht nur moralische, sondern strategische Funktionen erfüllen. Dass diese Logik bis heute kontrovers diskutiert wird, liegt in ihrer Natur – sie bewegt sich in jenem Graubereich, in dem Recht, Moral und Sicherheit nicht deckungsgleich sind.

Der zynische Beobachter könnte anmerken, dass die Welt seit München zwar klüger, aber nicht unbedingt friedlicher geworden ist. Man hat gelernt, schneller zu reagieren, präziser zuzuschlagen, besser zu koordinieren – und doch bleibt das Grundproblem bestehen: Gewalt als Kommunikationsmittel in Konflikten, die sich anderen Formen der Lösung entziehen oder ihnen misstrauen. In diesem Sinne war München weniger ein Ausreißer als ein Symptom.

Epilog der Illusionen

Am Ende bleibt ein paradoxes Vermächtnis: Die Spiele, die als Demonstration von Offenheit gedacht waren, wurden zum Symbol der Verwundbarkeit; die Lehre, die man vermeiden wollte – dass Sicherheit nicht delegierbar ist an gute Absichten – wurde unausweichlich. Es ist eine Geschichte über die Grenzen von Symbolpolitik, über die Kollision von Wunsch und Wirklichkeit und über die unbequeme Einsicht, dass eine offene Gesellschaft nicht dadurch geschützt wird, dass sie ihre Schutzmechanismen ausblendet.

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Vielleicht liegt die eigentliche Tragik weniger in der Tat selbst als in der Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. Man wollte zeigen, dass Geschichte überwunden sei – und wurde daran erinnert, dass sie sich nicht so leicht verabschiedet. Ein augenzwinkernder Zyniker könnte hinzufügen: Die Geschichte hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, vor allem für jene, die glauben, sie habe es verloren.