Es gibt Daten, die sich mit einer gewissen historischen Gravitation aufladen, als hätten sie ein eigenes Gedächtnis entwickelt, eine stille, aber unerbittliche Erinnerung an die Elastizität politischer Wahrheit; der 1. September gehört zweifellos dazu, und wer ausgerechnet an diesem Tag mit feierlicher Miene neue „Beweise“ präsentiert, die den stets aktuellen Gegner der Stunde belasten sollen, bewegt sich nicht nur auf dünnem Eis, sondern scheint mit einer fast rührenden Unbekümmertheit in die Tiefen historischer Ironie zu stapfen, als wäre Geschichte lediglich ein dekorativer Vorhang, hinter dem man nach Belieben neue Kulissen aufstellen kann, ohne dass jemand im Publikum bemerkt, wie vertraut ihnen das Bühnenbild vorkommt.
Die Wiederkehr des allzu Bekannten
Denn der Schatten von Gleiwitz – jener ebenso plumpen wie folgenreichen Inszenierung, die einst als Vorwand für einen Krieg diente, dessen Dimensionen die damaligen Architekten vermutlich selbst nicht vollständig begriffen – ist kein diskretes Relikt, sondern ein geradezu aufdringlicher Begleiter jeder Gegenwart, die sich zu sehr in der eigenen moralischen Gewissheit einrichtet; wenn also Jahrzehnte später erneut mit demonstrativer Ernsthaftigkeit Beweisstücke auf den Tisch gelegt werden, die eine vorgefertigte Erzählung stützen sollen, dann entfaltet sich eine unfreiwillige Komik, die weniger aus der Absurdität der einzelnen Behauptung entsteht als aus der historischen Resonanz, die sie begleitet, ein Echo, das leise, aber hartnäckig fragt, ob man ausgerechnet an diesem Datum tatsächlich keine subtilere Dramaturgie gefunden hat.
Der Glaube an die eigene Inszenierung
Es gehört zu den charmantesten Eigenheiten politischer Kommunikation, dass sie sich selbst mit einer Inbrunst glaubt, die jedem Theaterensemble zur Ehre gereichen würde; Beweise werden nicht nur präsentiert, sie werden inszeniert, gerahmt, dramaturgisch zugespitzt, mit einem Pathos versehen, das suggerieren soll, hier spreche die reine, unverfälschte Wirklichkeit – und doch haftet dem Ganzen häufig etwas leicht Überdeutliches an, ein Hauch von „zu gut, um wahr zu sein“, der sich besonders dann bemerkbar macht, wenn Timing und Narrativ eine allzu perfekte Übereinstimmung aufweisen, als hätte jemand im Hintergrund die historische Symbolik bewusst mit der aktuellen Botschaft synchronisiert, in der stillen Hoffnung, dass Bedeutung sich durch bloße Gleichzeitigkeit verstärken lasse.
Moral als Kulisse
In dieser eigentümlichen Mischung aus Ernst und unfreiwilliger Satire tritt die Moral gern als Hauptdarstellerin auf, geschniegelt und geschniegelt, bereit, die Welt in klare Kategorien von Schuld und Unschuld zu sortieren, während im Hintergrund die Requisitenarbeiter hastig an den Details feilen; doch gerade diese moralische Überinszenierung erzeugt jene feine Irritation, die sich nicht laut äußert, sondern eher als leises Stirnrunzeln bemerkbar macht, ein inneres „Wirklich?“, das sich nicht so leicht zum Schweigen bringen lässt, weil es weniger auf einzelne Fakten reagiert als auf das Gesamtbild, auf die Art und Weise, wie Geschichte, Gegenwart und politische Zweckmäßigkeit ineinandergeschoben werden, bis sie eine glatte Oberfläche bilden, die bei näherem Hinsehen erstaunlich viele Risse aufweist.
Die Komik der Überdeutlichkeit
Grotesk wird es dort, wo die Inszenierung ihre eigene Subtilität unterschätzt, wo sie glaubt, durch Verstärkung an Überzeugungskraft zu gewinnen, und dabei übersieht, dass gerade die Überdeutlichkeit den Verdacht nährt; es ist die alte Regel des guten Erzählens, dass das Offensichtliche selten das Überzeugendste ist, und doch scheint diese Regel im politischen Betrieb regelmäßig außer Kraft gesetzt zu werden, vielleicht weil man davon ausgeht, dass Wiederholung Wahrheit erzeugt, oder zumindest den Eindruck davon, oder weil die Geschwindigkeit der Gegenwart keine Zeit mehr für Zwischentöne lässt, sodass selbst komplexe Zusammenhänge in einfache, leicht konsumierbare Dramaturgien gepresst werden müssen.
Historische Ironie als unbequemer Zeuge
Die eigentliche Pointe liegt jedoch nicht in der Frage, ob einzelne Beweise belastbar sind oder nicht, sondern in der unfreiwilligen Selbstentlarvung, die entsteht, wenn historische Symbolik und aktuelle Behauptungen sich zu eng umarmen; der Jahrestag von Gleiwitz fungiert hier wie ein stiller Zeuge, der nichts sagt und doch alles andeutet, der daran erinnert, dass auch die überzeugendste Inszenierung irgendwann von der Wirklichkeit eingeholt wird, und dass die Geschichte eine eigentümliche Neigung besitzt, sich nicht exakt zu wiederholen, aber doch in Mustern aufzutreten, die jedem, der hinsieht, zumindest ein leises Déjà-vu bescheren.
Schluss ohne Auflösung
So bleibt am Ende weniger Empörung als ein schiefes Lächeln, jenes leicht zynische, aber nicht völlig humorlose Lächeln, das sich einstellt, wenn Ernsthaftigkeit und Absurdität in einem Maße ineinander greifen, dass sie sich gegenseitig unterlaufen; die „Beweise“ mögen für sich genommen diskutierbar sein, doch ihre Präsentation im Schatten eines solchen Datums verleiht ihnen eine zusätzliche Ebene, die sich der Kontrolle ihrer Urheber entzieht, und gerade darin liegt die eigentliche Groteske: dass die Inszenierung, die überzeugen soll, unversehens zur Satire ihrer selbst wird, ohne es zu merken.