Die bequeme Moral der nachträglichen Gewissheit

Es gehört zu den zuverlässigsten Reflexen spätmoderner Öffentlichkeit, Tragödien im Nachhinein mit einer moralischen Eindeutigkeit zu versehen, die ihnen im Moment ihres Entstehens bemerkenswert abging, und so wird auch im Fall Jason Arday ein Chor der Gewissheit laut, der sich in der Pose des Erschütterten gefällt, während er zugleich die bequeme Gewissheit pflegt, den Schuldigen bereits identifiziert zu haben; eine „rassistische Medienhetze“ sei es gewesen, heißt es, die den Tod verursacht habe, und diese Formel hat alles, was man sich im diskursiven Schnellimbiss wünscht: ein klar benennbarer Täter, ein strukturell aufgeladenes Narrativ, ein moralisches Kapital, das sich öffentlich einlösen lässt, und vor allem die befreiende Wirkung, nicht allzu lange über die komplizierteren, unerquicklicheren Fragen nachdenken zu müssen, die sich jenseits dieser Erklärung auftun würden, denn dort, wo einfache Antworten dominieren, gedeiht selten die Bereitschaft, sich mit den eigenen Anteilen an einer Entwicklung auseinanderzusetzen, die man im nächsten Atemzug als Katastrophe beklagt.

Die Konstruktion eines Wunders

Die Geschichte, die erzählt wurde, war zu schön, um sie zu prüfen, und gerade deshalb wurde sie geglaubt, ja mehr noch, sie wurde benötigt, denn sie fügte sich mit einer fast schon literarischen Perfektion in das Bedürfnis nach symbolischen Figuren ein, die gesellschaftliche Fortschrittserzählungen verkörpern; ein Mensch, der spät sprechen lernte, noch später lesen und schreiben, sich dennoch an die Spitze einer der prestigeträchtigsten Universitäten der Welt arbeitete, dabei scheinbar mühelos wissenschaftliche Exzellenz mit moralischer Integrität verband und obendrein karitativ wirkte – das ist kein Lebenslauf mehr, das ist ein modernes Märchen, und Märchen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie weniger überprüft als erzählt werden, weniger hinterfragt als wiederholt, weniger analysiert als gefeiert, sodass sich um die Figur ein Resonanzraum bildete, in dem Skepsis nicht als notwendige Bedingung wissenschaftlicher Redlichkeit galt, sondern als Störung eines erwünschten Narrativs, das man nicht beschädigen wollte, weil man es brauchte.

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Die Ökonomie der Bewunderung

In diesem Resonanzraum entwickelte sich eine eigentümliche Ökonomie der Bewunderung, in der Lob nicht mehr aus Leistung abgeleitet, sondern vorauseilend gewährt wurde, gleichsam als Vorschuss auf eine Geschichte, die man erzählen wollte, und so konnte es geschehen, dass Übertreibungen, Zuspitzungen und schließlich handfeste Unstimmigkeiten nicht etwa als Anlass zur Klärung dienten, sondern als irritierende Nebengeräusche, die man überhörte, solange der Grundton stimmte; wer dennoch fragte, wer nach Belegen verlangte, wer den wissenschaftlichen Maßstab anlegte, den man sonst so gerne beschwört, fand sich rasch in der Rolle des Störers wieder, nicht selten versehen mit einem moralischen Verdacht, der in seiner Wucht jede inhaltliche Auseinandersetzung überlagerte, sodass Kritik nicht mehr als Teil eines offenen Diskurses erschien, sondern als Angriff auf eine Person, deren symbolischer Wert längst die nüchterne Betrachtung überstrahlte, und genau darin liegt eine der subtileren Grausamkeiten dieser Geschichte: dass der Betroffene nicht nur bewundert, sondern zugleich in eine Rolle gedrängt wurde, die kaum zu erfüllen war.

Die Institution als Bühne

Institutionen, die sich gerne als Orte kritischer Vernunft verstehen, sind nicht immun gegen die Versuchung, sich mit solchen Geschichten zu schmücken, und so wurde aus einer Person ein Zeichen, aus einem Zeichen ein Aushängeschild, aus einem Aushängeschild ein Beleg dafür, dass man auf der richtigen Seite der Geschichte stehe, wobei diese „richtige Seite“ bemerkenswert selten durch die Qualität von Forschung und Lehre definiert wird, sondern zunehmend durch die Fähigkeit, gesellschaftspolitische Erwartungen zu erfüllen; in dieser Logik wird Diversität nicht mehr als Ergebnis eines offenen Wettbewerbs verstanden, sondern als Projekt, das man sichtbar machen muss, und Sichtbarkeit wiederum verlangt nach Figuren, die sie verkörpern, wodurch ein Mechanismus entsteht, der weniger an akademische Standards als an symbolische Ökonomie gebunden ist, und wer einmal in diesem Mechanismus angekommen ist, wird selten noch als Individuum betrachtet, sondern als Funktionsträger einer Erzählung, deren Fortbestand wichtiger wird als ihre faktische Grundlage.

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Das späte Erwachen der Skepsis

Wenn dann, fast zwangsläufig, Risse im sorgfältig errichteten Bild sichtbar werden, vollzieht sich ein bemerkenswerter Umschlag, bei dem die zuvor suspendierte Skepsis mit umso größerer Vehemenz zurückkehrt, nun allerdings nicht mehr als differenzierende Kraft, sondern als instrumentalisierter Furor, der die gleichen Mechanismen bedient, die zuvor zur Überhöhung geführt hatten, nur in umgekehrter Richtung; plötzlich wird jedes Detail seziert, jede Ungenauigkeit zum Skandal aufgeblasen, jede Inkonsistenz zum Beweis für umfassende Täuschung erklärt, und jene Medien, die zuvor bereitwillig an der Konstruktion der Geschichte mitgewirkt haben, entdecken ihre kritische Ader mit einer Energie, die weniger an Aufklärung als an nachträgliche Selbstentlastung erinnert, während Institutionen, die sich eben noch stolz mit der Figur schmückten, diskret auf Distanz gehen, als hätte man es hier mit einem bedauerlichen Einzelfall zu tun, der mit den eigenen Strukturen nichts zu tun habe.

Die bequeme Schuldzuweisung

In diesem Moment tritt die eingangs erwähnte Erklärung auf den Plan, die von einer „Hetzjagd“ spricht und damit den Kreis schließt, indem sie die Aufmerksamkeit erneut auf einen klar identifizierbaren Schuldigen lenkt, diesmal die Medien, die nun als Ursache dessen gelten sollen, was zuvor über Jahre hinweg gewachsen ist; es ist eine bemerkenswert elegante Lösung, weil sie die Verantwortung externalisiert und zugleich moralisch auflädt, doch gerade in ihrer Eleganz liegt ihre Schwäche, denn sie unterschlägt die lange Phase des Wegsehens, der unkritischen Bewunderung, der institutionellen Instrumentalisierung, ohne die es die spätere Eskalation kaum gegeben hätte, und so verwandelt sich die komplexe Dynamik eines kollektiven Versagens in eine lineare Kausalkette, die vor allem eines leistet: sie entlastet jene, die am Aufbau des Kartenhauses beteiligt waren, indem sie den Einsturz allein dem Wind zuschreibt.

Die Tragödie als Lehrstück

Die eigentliche Tragik liegt daher weniger in der späten, teils überzogenen Berichterstattung, als in der frühen Unfähigkeit zur Ehrlichkeit, in der Weigerung, Maßstäbe anzulegen, die man für andere als selbstverständlich erachtet, und in der Bereitschaft, einen Menschen in eine Rolle zu drängen, die mehr mit den Bedürfnissen seiner Umgebung als mit seiner tatsächlichen Situation zu tun hatte; „Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach“, ließ sich einst Oscar Wilde zitieren, und man könnte hinzufügen, dass sie vor allem dort am schwersten zu ertragen ist, wo sie die eigenen guten Absichten in ein weniger schmeichelhaftes Licht rückt, weshalb es so verführerisch ist, sie durch klarere, moralisch eindeutige Geschichten zu ersetzen, auch wenn diese der Wirklichkeit weniger gerecht werden.

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Der Preis der Erzählungen

Am Ende bleibt eine unbequeme Einsicht, die sich gegen den Strich der öffentlichen Erzählung bürstet: dass nicht die Kritik allein zerstört, sondern ebenso die unkritische Bewunderung, dass nicht nur Angriffe verletzen, sondern auch Erwartungen erdrücken können, und dass Institutionen, die sich ihrer moralischen Überlegenheit allzu sicher sind, besonders anfällig dafür sind, die Grenzen zwischen Förderung und Instrumentalisierung zu verwischen; der Preis dieser Verwechslung wird selten von den Institutionen selbst bezahlt, sondern von jenen, die sie zu Symbolfiguren erheben, und wenn dann alles zusammenbricht, bleibt nur die hastige Suche nach Schuldigen, begleitet von der leisen, oft überhörten Frage, ob das Kartenhaus nicht längst hätte erkannt werden können, wenn man den Mut gehabt hätte, genauer hinzusehen.