Die Kunst der selbstverschuldeten Abhängigkeit

Es gehört zu den bemerkenswertesten kulturellen Errungenschaften Europas, dass ein Kontinent, der einst die industrielle Revolution hervorgebracht, Kontinente kartografiert und den Globus mit Dampfkraft, Stahl und einer gewissen missionarischen Selbstgewissheit überzogen hat, im 21. Jahrhundert die nahezu barocke Fähigkeit entwickelt hat, sich sehenden Auges in energiepolitische Abhängigkeiten hineinzumanövrieren und diese anschließend mit der Gravitas eines antiken Dramas zu beklagen, als sei man Opfer eines schicksalhaften Orakels geworden; dabei hätte es keines Delphi bedurft, um die Konsequenzen zu erahnen, sondern lediglich eines nüchternen Blicks auf Geologie, Technik und den schlichten Umstand, dass Energiebedarf kein philosophisches Konzept, sondern eine physikalische Konstante ist, die sich weder durch moralische Empörung noch durch politische Beschwörungsformeln beeindrucken lässt.

Das verpasste Jahrzehnt und seine bequemen Ausreden

Der beste Zeitpunkt, die erheblichen Schiefergasvorkommen Europas zu erschließen, lag, wie es so lakonisch formuliert werden könnte, vor zwanzig Jahren, also in jener Epoche, in der die Vereinigten Staaten ihre eigene Energieabhängigkeit mit bemerkenswerter Konsequenz und einer gewissen robusten Gleichgültigkeit gegenüber modischen Bedenken zu reduzieren begannen, während Europa sich mit einer Mischung aus Skepsis, Selbstzufriedenheit und einem ausgeprägten Hang zur regulatorischen Selbstveredelung darauf konzentrierte, Risiken zu katalogisieren, Studien zu vervielfältigen und politische Konsense so lange zu destillieren, bis sie in der Praxis keinerlei Handlung mehr erforderten; es war eine Zeit, in der das Wort „Fracking“ in europäischen Diskursen häufiger als moralische Kategorie denn als technische Methode erschien, und in der das beruhigende Gefühl überwog, dass Energie im Zweifel immer irgendwo anders herkommen werde, vorzugsweise aus politisch stabilen Regionen, die bekanntlich niemals ihre Interessen neu definieren.

Importabhängigkeit als ritualisierte Unsicherheit

So entstand ein System, das weniger durch Effizienz als durch ein eigentümliches Ritual des jährlichen Zitterns charakterisiert ist, bei dem der Füllstand von Gasspeichern mit der Aufmerksamkeit eines mittelalterlichen Astrologen beobachtet wird, der die Sterne nach Vorzeichen absucht, während zugleich mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit darüber diskutiert wird, ob Versorgungssicherheit nicht vielleicht ohnehin ein überbewertetes Konzept sei; in dieser Choreografie aus Hoffnung, Marktmechanismen und politischer Rhetorik entfaltet sich eine Form der strukturellen Selbstberuhigung, die es erlaubt, Abhängigkeit als alternativlos darzustellen und zugleich deren Risiken rhetorisch zu externalisieren, als handele es sich um ein meteorologisches Phänomen und nicht um das Ergebnis konkreter Entscheidungen, unterlassener Investitionen und einer bemerkenswerten Fähigkeit, Verantwortung in die Zukunft zu verschieben.

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Die moralische Überhöhung des Zögerns

Besonders faszinierend ist dabei die moralische Aufladung der Untätigkeit, die sich im Laufe der Jahre zu einer Art zivilisatorischem Narrativ verdichtet hat, in dem Verzicht auf eigene Ressourcen als Zeichen höherer Einsicht interpretiert wird, während gleichzeitig die Inanspruchnahme externer Ressourcen, oft unter Bedingungen, die jenseits europäischer Standards liegen, mit einer bemerkenswerten Diskretion behandelt wird; es ist die stille Eleganz eines Systems, das sich selbst als Vorreiter versteht, während es faktisch auf die Vorleistung anderer angewiesen ist, und das in seiner Rhetorik eine Reinheit kultiviert, die in der Praxis durch Tanker, Pipelines und geopolitische Abhängigkeiten relativiert wird, deren Existenz man zwar nicht leugnet, aber mit einer gewissen intellektuellen Distanz zu betrachten bevorzugt.

Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt

Und doch bleibt, jenseits aller Ironie, die banale, beinahe unerquicklich einfache Feststellung bestehen, dass der zweitbeste Zeitpunkt, mit dem massiven Abbau der vorhandenen Schiefergasvorkommen zu beginnen, eben jetzt ist, nicht als Ausdruck eines plötzlichen Enthusiasmus, sondern als späte Einsicht in die Notwendigkeit, Handlungsspielräume zurückzugewinnen, die man allzu lange aus der Hand gegeben hat; dies bedeutet keineswegs, technische, ökologische oder gesellschaftliche Fragen zu ignorieren, sondern vielmehr, sie endlich in einen Kontext zu stellen, der von Realismus statt von Verdrängung geprägt ist, und der anerkennt, dass Souveränität in Energiefragen nicht durch Deklarationen entsteht, sondern durch konkrete Maßnahmen, Investitionen und die Bereitschaft, Zielkonflikte nicht nur zu benennen, sondern auch auszuhalten.

Schluss mit dem kultivierten Zaudern

Die eigentliche Herausforderung liegt dabei weniger in der Technologie als in der Mentalität, die es über Jahre hinweg ermöglicht hat, Zögern als Tugend zu interpretieren und Abhängigkeit als unvermeidliche Begleiterscheinung einer vermeintlich höheren Ordnung zu akzeptieren; ein Abschied von dieser Haltung erfordert nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch eine gewisse intellektuelle Ehrlichkeit, die bereit ist, das Offensichtliche auszusprechen, nämlich dass Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und strategische Autonomie keine nostalgischen Relikte sind, sondern Voraussetzungen für jede ernstzunehmende Zukunftsgestaltung, und dass es bisweilen notwendig ist, sich von liebgewonnenen Illusionen zu trennen, um Handlungskraft zurückzugewinnen.

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Epilog einer verspäteten Einsicht

Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten auf diese Phase zurückblicken und sich mit milder Verwunderung fragen, wie es gelingen konnte, ein derart offensichtliches Potenzial so lange ungenutzt zu lassen, während gleichzeitig die Risiken seiner Nichtnutzung immer deutlicher zutage traten, und vielleicht wird dann ein lakonischer Satz genügen, um die Situation zu beschreiben: „Man wusste es, aber man tat es nicht“; die Pointe dieses Satzes liegt nicht in seiner Schärfe, sondern in seiner Schlichtheit, denn sie offenbart, dass die größte Hürde selten im Mangel an Wissen liegt, sondern im Mangel an Entschlossenheit, dieses Wissen in Handeln zu übersetzen, und genau darin liegt, bei aller satirischen Überzeichnung, der ernste Kern einer Debatte, die sich nicht länger mit Ausflüchten begnügen kann.