Es gab einmal eine Zeit, in der Unverträglichkeiten keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern allenfalls ein medizinischer Randvermerk waren, beiläufig erwähnt zwischen Masernimpfung und dem gebrochenen Arm vom Baumklettern, eine Epoche, in der Kinder nicht kuratiert, sondern schlicht groß wurden, und zwar irgendwo zwischen Linoleumboden, Freibadchlor und der leisen Ahnung, dass ein Leberwurstbrot mehr über das Leben lehrte als jede spätere Ernährungsphilosophie, eine Zeit, in der niemand ernsthaft auf die Idee gekommen wäre, den emotionalen Aggregatzustand eines Toast Hawaii zu analysieren oder Dosenpfirsichen eine kulturelle Aneignung zu unterstellen, weil Essen damals schlicht Nahrung war und nicht ein moralisch aufgeladenes Selbstverwirklichungsprojekt, das im besten Fall satt machte und im schlechtesten Fall eben auch, und wer in dieser Welt aufwuchs, wurde nicht gefragt, ob er das Leben verträgt, sondern lernte, es auszuhalten, oft mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und stiller Tapferkeit, die heute vermutlich als therapiebedürftig gelten würde, obwohl sie in Wahrheit nichts anderes war als eine Grundform der Realitätstauglichkeit.
Pädagogik des Asphalts
Die eigentliche Schule jener Jahre war kein pädagogisch durchkonzipierter Raum mit ergonomischen Sitzkissen und Feedbackbögen zur Selbstwahrnehmung, sondern der Asphalt, rau, unnachgiebig und von einer didaktischen Klarheit, die keinen Interpretationsspielraum ließ, denn wer fiel, fiel wirklich, und wer sich das Knie aufschlug, erhielt eine Behandlung, die aus Spucke, Pflaster und einem lakonischen „Das wird schon wieder“ bestand, eine Therapieform, die weder evidenzbasiert noch zertifiziert war, aber erstaunlich zuverlässig funktionierte, und während heutige Diskurse dazu neigen, jede kleine Verletzung als potenziell traumatisches Ereignis zu rahmen, wurde damals Schmerz als das begriffen, was er war: ein vorübergehender Zustand mit pädagogischem Mehrwert, der dem Individuum lehrte, dass nicht jeder Stolperer ein systemisches Versagen darstellt, sondern manchmal schlicht ein Stolperer ist, und dass das Leben keine Entschuldigungsschreiben verschickt, nur weil der Gehweg seine Unebenheiten nicht vorher angekündigt hat.
Schlüsselkind-Existentialismus
Zwischen Fahrradstürzen und Brausepulver entwickelte sich eine Existenzform, die man heute wohl als „selbstorganisiert unter prekären emotionalen Rahmenbedingungen“ bezeichnen würde, damals jedoch schlicht Schlüsselkind hieß, eine Spezies, die mit erstaunlicher Effizienz zwischen Hausaufgaben, Fernseher und der Suche nach etwas Essbarem navigierte, ohne dabei eine tiefere Sinnkrise zu entwickeln, weil niemand da war, der diese Krise moderiert hätte, und so entstand eine Generation, die früh verstand, dass Verantwortung nicht delegierbar ist und dass das Leben nicht ständig applaudiert, wenn man es schafft, den Tag halbwegs unfallfrei zu überstehen, was im Rückblick weniger nach Vernachlässigung klingt als nach einer unbeabsichtigten Ausbildung in Resilienz, deren Curriculum aus Improvisation, Pragmatismus und der stillen Übereinkunft bestand, dass man sich selbst hilft, bevor man beginnt, das Universum zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Gegenwart als Theater der Empfindlichkeit
In der Gegenwart hingegen scheint sich eine bemerkenswerte Verschiebung vollzogen zu haben, bei der das Alltägliche zunehmend als Zumutung interpretiert wird, als wäre das bloße Stattfinden von Realität bereits ein Übergriff, und so entstehen Diskurse, in denen ein gewöhnlicher Montag den Charakter einer existenziellen Grenzerfahrung annimmt, während parallel dazu eine Kultur gedeiht, die jede Unannehmlichkeit in ein narratives Ereignis überführt, das zwischen persönlichem Schicksalsprotokoll und moralischem Appell oszilliert, wobei der eigentliche Inhalt oft hinter der Inszenierung verschwindet, und man beginnt sich zu fragen, ob hier nicht weniger das Leben schwieriger geworden ist als vielmehr die Toleranz gegenüber seiner Unvollkommenheit gesunken, ein Befund, der sich besonders eindrücklich zeigt, wenn banale Vorkommnisse plötzlich mit einer Ernsthaftigkeit diskutiert werden, die früher politischen Krisen vorbehalten war, und man den leisen Verdacht nicht loswird, dass hier weniger Sensibilität gewachsen ist als vielmehr eine neue Form der Selbstdramatisierung kultiviert wird.
Der Lifestyle als moralische Bühne
Besonders auffällig ist dabei die Transformation des Alltags in eine moralische Bühne, auf der jede Entscheidung, sei sie noch so trivial, mit Bedeutung aufgeladen wird, als hinge das Gleichgewicht der Welt davon ab, ob die Hafermilch korrekt schäumt oder das Frühstück die richtigen semantischen Signale sendet, und während man früher schlicht frühstückte, wird heute kuratiert, reflektiert und dokumentiert, was nicht selten dazu führt, dass der Akt des Essens selbst zur Nebensache wird, während die Inszenierung desselben zur Hauptrolle aufsteigt, eine Entwicklung, die man wohlwollend als Bewusstseinsbildung interpretieren könnte, wenn sie nicht so häufig in eine Form von moralischem Exhibitionismus kippen würde, der weniger von echtem Interesse an der Sache getragen ist als von dem Bedürfnis, sich selbst als besonders reflektiert zu präsentieren, wodurch eine paradoxe Situation entsteht, in der die Oberfläche der Dinge immer differenzierter beschrieben wird, während ihre Substanz zunehmend aus dem Blick gerät.
Die Allergie gegen das Künstliche
Vor diesem Hintergrund erscheint die eigentliche Unverträglichkeit nicht als körperliche Reaktion auf bestimmte Stoffe, sondern als eine Art geistiger Abwehrreflex gegenüber einer Kultur, die dazu neigt, das Normale zu problematisieren und das Problematische zu normalisieren, eine Allergie gegen künstlich erzeugtes Drama, gegen den inflationären Gebrauch von Empörung und gegen die stille Erwartung, dass das Leben sich bitte den individuellen Komfortzonen anzupassen habe, eine Haltung, die nicht aus Härte geboren ist, sondern aus der Erfahrung, dass vieles, was heute als unzumutbar gilt, früher schlicht Teil des Alltags war und weder heroisiert noch pathologisiert wurde, sondern einfach geschah, und genau darin lag eine gewisse Freiheit, die darin bestand, nicht ständig über die eigene Befindlichkeit reflektieren zu müssen, sondern sie gelegentlich auch zu ignorieren, ohne sich dabei schuldig zu fühlen.
Epilog der Gelassenheit
Vielleicht liegt in dieser Haltung keine höhere Weisheit, sondern lediglich eine andere Gewichtung, eine, die das Leben weniger als Projekt und mehr als Gegebenheit begreift, die man nicht ständig optimieren, sondern gelegentlich einfach ertragen darf, ohne daraus ein Narrativ zu konstruieren, das größer ist als die Sache selbst, und wenn es dabei eine Botschaft gibt, dann vielleicht diese: Nicht jede Unannehmlichkeit ist eine Krise, nicht jede Erfahrung ein Kapitel und nicht jede Befindlichkeit ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz, und während die Welt sich weiterhin mit beeindruckender Gleichgültigkeit dreht, könnte es gelegentlich entlastend sein, sich daran zu erinnern, dass ein nicht perfekt geschäumter Kaffee kein Angriff des Universums ist, sondern schlicht ein nicht perfekt geschäumter Kaffee, und dass in dieser Erkenntnis, so unspektakulär sie erscheinen mag, eine Form von Gelassenheit liegt, die weder laut noch spektakulär ist, aber erstaunlich tragfähig.