Kafka lebt. Orwell hat inzwischen einen Schreibtisch daneben.

Manchmal entsteht der Verdacht, dass die Gegenwart gar keine historische Epoche mehr ist, sondern ein gigantisches literarisches Experiment. Irgendwo muss ein übermüdeter Lektor sitzen, der morgens Franz Kafka liest, mittags George Orwell, am Nachmittag Eugène Ionesco und abends Monty Python, um anschließend zu beschließen, aus allem gleichzeitig eine Gesellschaftsordnung zu basteln. Niemand hätte ein solches Manuskript veröffentlicht. Man hätte es mit dem Hinweis zurückgeschickt, die Handlung sei unglaubwürdig, die Figuren psychologisch unstimmig und die Verwaltung zu grotesk. Heute nennt sich genau diese Geschichte Alltag. Die Wirklichkeit hat die Literatur nicht mehr eingeholt; sie hat sie überholt, ihr den Mittelfinger gezeigt und anschließend verlangt, sich wegen Beleidigung der Realität zu entschuldigen.

Früher glaubte man, Fortschritt bedeute, dass das Leben einfacher werde. Heute bedeutet Fortschritt vor allem, dass dieselben Probleme auf einem deutlich teureren Bildschirm erscheinen. Der Mensch besitzt inzwischen eine Rechenleistung in der Hosentasche, mit der sich die Mondlandung mehrfach hätte berechnen lassen. Gleichzeitig scheitert er regelmäßig daran, das richtige Passwort für das Bürgerportal einzugeben, dessen Sicherheitsarchitektur den Zugang zum eigenen Steuerbescheid ungefähr so kompliziert gestaltet wie den Eintritt in einen geheimen Atombunker. Die Zukunft war einmal als Befreiung angekündigt worden. Geliefert wurde ein Dauerabonnement für Updates, Verifizierungen, Einwilligungen und Sicherheitsabfragen. Die Zivilisation hat den Menschen nicht von Formularen erlöst. Sie hat ihnen lediglich WLAN spendiert.

Der perfekte Bürger braucht keine Ketten mehr

George Orwell stellte sich den totalitären Staat noch erstaunlich altmodisch vor. Uniformen, Lautsprecher, Propagandaplakate, der Große Bruder mit ernstem Gesicht. Wie rührend naiv das inzwischen wirkt. Die moderne Gesellschaft hat entdeckt, dass Unterordnung erheblich eleganter funktioniert, wenn sie als Komfort verkauft wird. Niemand wird gezwungen. Man stimmt einfach zu. Den Nutzungsbedingungen. Den Datenschutzrichtlinien. Den Cookie-Bannern. Den Community-Standards. Den aktualisierten Community-Standards. Den überarbeiteten aktualisierten Community-Standards. Freiheit besteht heute häufig darin, zwischen „Akzeptieren“ und „Später erinnern“ wählen zu dürfen.

Die eigentliche Meisterleistung besteht darin, dass der moderne Mensch seine eigene Überwachung begeistert organisiert. Fitnessarmbänder protokollieren den Puls, Smartphones den Standort, Suchmaschinen die Gedanken, Streamingdienste den Geschmack, Sprachassistenten die Wohnzimmergespräche und soziale Netzwerke den Gemütszustand. Früher musste ein Geheimdienst mühsam Agenten anwerben. Heute genügt ein Rabattgutschein oder eine kostenlose App. Die Menschen verraten sich nicht mehr unter Folter, sondern für zehn Prozent Preisnachlass auf Laufschuhe.

Orwell hätte vermutlich protestiert, dass dies sein Roman niemals hergegeben hätte. Sein Verleger hätte geantwortet, das Manuskript sei leider nicht glaubwürdig genug.

Kafka hätte heute einen Systemadministrator gebraucht

Franz Kafka ließ Josef K. an einer Bürokratie verzweifeln, deren Regeln niemand verstand. Damals war das eine düstere Metapher. Heute wirkt sie wie eine Bedienungsanleitung für Behördenportale. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Akten inzwischen digital sind und Fehlermeldungen höflicher formuliert werden.

Der moderne Bürger betritt keine Amtsstube mehr. Er betritt ein Labyrinth aus Login-Portalen, TAN-Verfahren, Authentifizierungsapps und elektronischen Signaturen, deren Funktionsweise ausschließlich Menschen verstehen, die beruflich elektronische Signaturen entwickeln. Falls tatsächlich einmal ein Mensch erreicht wird, erklärt dieser freundlich, das Problem liege leider außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches. Zuständigkeiten sind überhaupt die seltensten Lebewesen der Gegenwart. Jeder weiß ungefähr, wer nicht verantwortlich ist. Wer verantwortlich wäre, bleibt dagegen eine Figur von fast religiöser Unsichtbarkeit.

Kafka hätte vermutlich versucht, das Schloss telefonisch zu erreichen. Eine freundliche Computerstimme hätte erklärt: „Aufgrund eines erhöhten Anrufaufkommens beträgt Ihre Wartezeit etwa 93 Minuten. Ihr Anliegen ist uns wichtig.“

Die Moral als Hochleistungssport

Die bemerkenswerteste Industrie unserer Zeit produziert weder Autos noch Computer, sondern moralische Überlegenheit. Sie ist praktisch unerschöpflich. Kaum ist ein Thema entdeckt, beginnt ein Wettlauf darum, wer die reinste Gesinnung besitzt. Argumente spielen dabei eine zunehmend dekorative Rolle. Entscheidend ist die korrekte Haltung. Haltung ersetzt Begründung, Empörung ersetzt Analyse und Lautstärke ersetzt Denken.

Es ist erstaunlich, wie schnell sich moralische Gewissheiten bilden. Noch erstaunlicher ist lediglich, wie schnell sie wieder verschwinden. Was gestern als unerschütterliche Wahrheit galt, gilt morgen als peinlicher Irrtum, ohne dass sich irgendjemand an den gestrigen Fanatismus erinnern möchte. Die Geschichte wird inzwischen schneller umgeschrieben als Software aktualisiert. Das Einzige, was dauerhaft bestehen bleibt, ist die Überzeugung, immer schon auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

TIP:  Der Ort, der keiner Bühne gehört

Wer Fragen stellt, gerät leicht unter Verdacht. Fragen gelten nicht mehr als Beginn des Denkens, sondern gelegentlich als Anfang einer charakterlichen Auffälligkeit. Zweifel wirken verdächtig. Differenzierung erscheint verdächtiger. Ironie gilt beinahe als staatsgefährdend, weil sie sich der eindeutigen Einordnung verweigert.

Die Republik der Experten ohne Risiko

Noch nie gab es so viele Experten. Für jedes Problem existieren Ausschüsse, Kommissionen, Beiräte, Thinktanks, Arbeitsgruppen, Kompetenzzentren und Taskforces. Trotzdem entsteht gelegentlich der Eindruck, dass die Zahl der Lösungen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Zahl ihrer Erfinder steht.

Die moderne Verwaltung ähnelt einem Uhrwerk, dessen Zahnräder mit beeindruckender Präzision ineinandergreifen, allerdings ohne jemals eine Uhrzeit anzuzeigen. Ununterbrochen werden Konzepte entwickelt, Strategien formuliert, Leitlinien verabschiedet, Evaluierungen angekündigt und Zukunftspläne präsentiert. Das eigentliche Wunder besteht darin, dass trotz dieser gewaltigen Papierproduktion gelegentlich tatsächlich noch Straßen gebaut, Krankenhäuser betrieben oder Züge bewegt werden. Wahrscheinlich geschieht dies versehentlich.

Verantwortung ist ohnehin ein eigentümlicher Rohstoff geworden. Er taucht zuverlässig auf Pressekonferenzen auf und verschwindet unmittelbar nach Auftreten erster Schwierigkeiten. Erfolg besitzt viele Väter. Misserfolg wird von einer anonymen Arbeitsgruppe betreut.

Das Informationszeitalter produziert Ahnungslosigkeit in Serie

Nie zuvor war Wissen so leicht verfügbar. Nie zuvor war es zugleich so schwer, zwischen Wissen, Meinung, Werbung, Aktivismus, Gerücht und algorithmisch optimierter Erregung zu unterscheiden. Informationen werden nicht mehr gesammelt, sondern konsumiert wie Fast Food. Schnell, heiß und ohne nachhaltigen Nährwert.

Empörung besitzt inzwischen eine kürzere Haltbarkeit als frische Milch. Kaum ist ein Skandal entdeckt, muss bereits der nächste geliefert werden. Das öffentliche Gedächtnis arbeitet nach den Prinzipien eines Goldfisches mit WLAN-Anschluss. Alles ist ungeheuer wichtig – ungefähr bis Mittwoch.

Die Folge ist paradox. Je mehr Informationen verfügbar werden, desto weniger Orientierung entsteht. Das ist ungefähr so, als würde man einen Verdurstenden nicht mit Wasser versorgen, sondern mit einem Feuerwehrschlauch unter Hochdruck beschießen.

Die Diktatur des Wohlmeinens

Die klassischen Diktaturen arbeiteten mit Angst. Die moderne Form gesellschaftlicher Disziplinierung bevorzugt Wohlwollen. Alles geschieht angeblich zum Besten. Zum Schutz. Zur Sicherheit. Zur Gesundheit. Zur Resilienz. Zur Nachhaltigkeit. Zur Sensibilisierung. Zur Optimierung. Die Liste edler Motive wächst schneller als die Zahl der Formulare, die zu ihrer Umsetzung notwendig sind.

Das eigentliche Kunststück besteht darin, dass sich nahezu jede Einschränkung sprachlich in einen Fortschritt verwandeln lässt. Aus Kontrolle wird Verantwortung. Aus Überwachung wird Sicherheit. Aus Bevormundung wird Fürsorge. Aus Bürokratie wird Governance. Aus Zensur wird Moderation. Aus Anpassung wird gesellschaftliche Verantwortung. Wörter haben ihre Bedeutung nicht verloren. Sie haben lediglich neue Eigentümer bekommen.

George Orwell nannte dieses Verfahren „Neusprech“. Heute würde vermutlich eine Kommunikationsagentur den Begriff „zielgruppenorientierte Narrativoptimierung“ bevorzugen.

Die große Selbstverwaltung der Absurdität

Vielleicht ist die größte Pointe der Gegenwart jedoch, dass niemand mehr behaupten muss, in einer absurden Welt zu leben. Die Welt erledigt diese Behauptung selbst. Sie produziert täglich Geschichten, gegen die jede Satire wie eine nüchterne Behördenmitteilung wirkt. Politiker liefern Kabarett, Kabarettisten analysieren Politik, Behörden schreiben Realsatiren und Algorithmen entscheiden, welche davon sichtbar werden dürfen. Das Irrenhaus hat seine Mauern nicht eingerissen. Es hat sie lediglich durch Glasfassaden ersetzt und einen Informationsschalter eingerichtet.

Und so marschiert die Gesellschaft mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit in eine Zukunft, die gleichzeitig hochmodern und erstaunlich mittelalterlich wirkt: technisch brillant, organisatorisch überwältigend, moralisch bis zur Erschöpfung aufgeladen und dabei oft von einer fast kindlichen Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten getragen. Kafka hätte diese Welt sofort erkannt. Orwell ebenso. Beide hätten wahrscheinlich versucht, ein neues Buch darüber zu schreiben. Der Verlag hätte den Entwurf jedoch mit einer höflichen Bemerkung zurückgesandt: „Leider übertrieben. Der Leser erwartet mehr Realismus.“

Heute müsste man den Satz wohl umformulieren: Leider zu realistisch. Der Leser könnte glauben, es handle sich um eine Dokumentation.

Manchmal entsteht der Verdacht, dass die Gegenwart gar keine historische Epoche mehr ist, sondern ein gigantisches literarisches Experiment. Irgendwo muss ein übermüdeter Lektor sitzen, der morgens Franz Kafka liest, mittags George Orwell, am Nachmittag Eugène Ionesco und abends Monty Python, um anschließend zu beschließen, aus allem gleichzeitig eine Gesellschaftsordnung zu basteln. Niemand hätte ein solches Manuskript veröffentlicht. Man hätte es mit dem Hinweis zurückgeschickt, die Handlung sei unglaubwürdig, die Figuren psychologisch unstimmig und die Verwaltung zu grotesk. Heute nennt sich genau diese Geschichte Alltag. Die Wirklichkeit hat die Literatur nicht mehr eingeholt; sie hat sie überholt, ihr den Mittelfinger gezeigt und anschließend verlangt, sich wegen Beleidigung der Realität zu entschuldigen.

TIP:  Die Metaphysik des 1. Januar

Früher glaubte man, Fortschritt bedeute, dass das Leben einfacher werde. Heute bedeutet Fortschritt vor allem, dass dieselben Probleme auf einem deutlich teureren Bildschirm erscheinen. Der Mensch besitzt inzwischen eine Rechenleistung in der Hosentasche, mit der sich die Mondlandung mehrfach hätte berechnen lassen. Gleichzeitig scheitert er regelmäßig daran, das richtige Passwort für das Bürgerportal einzugeben, dessen Sicherheitsarchitektur den Zugang zum eigenen Steuerbescheid ungefähr so kompliziert gestaltet wie den Eintritt in einen geheimen Atombunker. Die Zukunft war einmal als Befreiung angekündigt worden. Geliefert wurde ein Dauerabonnement für Updates, Verifizierungen, Einwilligungen und Sicherheitsabfragen. Die Zivilisation hat den Menschen nicht von Formularen erlöst. Sie hat ihnen lediglich WLAN spendiert.

Der perfekte Bürger braucht keine Ketten mehr

George Orwell stellte sich den totalitären Staat noch erstaunlich altmodisch vor. Uniformen, Lautsprecher, Propagandaplakate, der Große Bruder mit ernstem Gesicht. Wie rührend naiv das inzwischen wirkt. Die moderne Gesellschaft hat entdeckt, dass Unterordnung erheblich eleganter funktioniert, wenn sie als Komfort verkauft wird. Niemand wird gezwungen. Man stimmt einfach zu. Den Nutzungsbedingungen. Den Datenschutzrichtlinien. Den Cookie-Bannern. Den Community-Standards. Den aktualisierten Community-Standards. Den überarbeiteten aktualisierten Community-Standards. Freiheit besteht heute häufig darin, zwischen „Akzeptieren“ und „Später erinnern“ wählen zu dürfen.

Die eigentliche Meisterleistung besteht darin, dass der moderne Mensch seine eigene Überwachung begeistert organisiert. Fitnessarmbänder protokollieren den Puls, Smartphones den Standort, Suchmaschinen die Gedanken, Streamingdienste den Geschmack, Sprachassistenten die Wohnzimmergespräche und soziale Netzwerke den Gemütszustand. Früher musste ein Geheimdienst mühsam Agenten anwerben. Heute genügt ein Rabattgutschein oder eine kostenlose App. Die Menschen verraten sich nicht mehr unter Folter, sondern für zehn Prozent Preisnachlass auf Laufschuhe.

Orwell hätte vermutlich protestiert, dass dies sein Roman niemals hergegeben hätte. Sein Verleger hätte geantwortet, das Manuskript sei leider nicht glaubwürdig genug.

Kafka hätte heute einen Systemadministrator gebraucht

Franz Kafka ließ Josef K. an einer Bürokratie verzweifeln, deren Regeln niemand verstand. Damals war das eine düstere Metapher. Heute wirkt sie wie eine Bedienungsanleitung für Behördenportale. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Akten inzwischen digital sind und Fehlermeldungen höflicher formuliert werden.

Der moderne Bürger betritt keine Amtsstube mehr. Er betritt ein Labyrinth aus Login-Portalen, TAN-Verfahren, Authentifizierungsapps und elektronischen Signaturen, deren Funktionsweise ausschließlich Menschen verstehen, die beruflich elektronische Signaturen entwickeln. Falls tatsächlich einmal ein Mensch erreicht wird, erklärt dieser freundlich, das Problem liege leider außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches. Zuständigkeiten sind überhaupt die seltensten Lebewesen der Gegenwart. Jeder weiß ungefähr, wer nicht verantwortlich ist. Wer verantwortlich wäre, bleibt dagegen eine Figur von fast religiöser Unsichtbarkeit.

Kafka hätte vermutlich versucht, das Schloss telefonisch zu erreichen. Eine freundliche Computerstimme hätte erklärt: „Aufgrund eines erhöhten Anrufaufkommens beträgt Ihre Wartezeit etwa 93 Minuten. Ihr Anliegen ist uns wichtig.“

Die Moral als Hochleistungssport

Die bemerkenswerteste Industrie unserer Zeit produziert weder Autos noch Computer, sondern moralische Überlegenheit. Sie ist praktisch unerschöpflich. Kaum ist ein Thema entdeckt, beginnt ein Wettlauf darum, wer die reinste Gesinnung besitzt. Argumente spielen dabei eine zunehmend dekorative Rolle. Entscheidend ist die korrekte Haltung. Haltung ersetzt Begründung, Empörung ersetzt Analyse und Lautstärke ersetzt Denken.

Es ist erstaunlich, wie schnell sich moralische Gewissheiten bilden. Noch erstaunlicher ist lediglich, wie schnell sie wieder verschwinden. Was gestern als unerschütterliche Wahrheit galt, gilt morgen als peinlicher Irrtum, ohne dass sich irgendjemand an den gestrigen Fanatismus erinnern möchte. Die Geschichte wird inzwischen schneller umgeschrieben als Software aktualisiert. Das Einzige, was dauerhaft bestehen bleibt, ist die Überzeugung, immer schon auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

TIP:  Der digitale Blockwart – oder: Wie man mit einem Klick das Grundgesetz entwertet

Wer Fragen stellt, gerät leicht unter Verdacht. Fragen gelten nicht mehr als Beginn des Denkens, sondern gelegentlich als Anfang einer charakterlichen Auffälligkeit. Zweifel wirken verdächtig. Differenzierung erscheint verdächtiger. Ironie gilt beinahe als staatsgefährdend, weil sie sich der eindeutigen Einordnung verweigert.

Die Republik der Experten ohne Risiko

Noch nie gab es so viele Experten. Für jedes Problem existieren Ausschüsse, Kommissionen, Beiräte, Thinktanks, Arbeitsgruppen, Kompetenzzentren und Taskforces. Trotzdem entsteht gelegentlich der Eindruck, dass die Zahl der Lösungen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Zahl ihrer Erfinder steht.

Die moderne Verwaltung ähnelt einem Uhrwerk, dessen Zahnräder mit beeindruckender Präzision ineinandergreifen, allerdings ohne jemals eine Uhrzeit anzuzeigen. Ununterbrochen werden Konzepte entwickelt, Strategien formuliert, Leitlinien verabschiedet, Evaluierungen angekündigt und Zukunftspläne präsentiert. Das eigentliche Wunder besteht darin, dass trotz dieser gewaltigen Papierproduktion gelegentlich tatsächlich noch Straßen gebaut, Krankenhäuser betrieben oder Züge bewegt werden. Wahrscheinlich geschieht dies versehentlich.

Verantwortung ist ohnehin ein eigentümlicher Rohstoff geworden. Er taucht zuverlässig auf Pressekonferenzen auf und verschwindet unmittelbar nach Auftreten erster Schwierigkeiten. Erfolg besitzt viele Väter. Misserfolg wird von einer anonymen Arbeitsgruppe betreut.

Das Informationszeitalter produziert Ahnungslosigkeit in Serie

Nie zuvor war Wissen so leicht verfügbar. Nie zuvor war es zugleich so schwer, zwischen Wissen, Meinung, Werbung, Aktivismus, Gerücht und algorithmisch optimierter Erregung zu unterscheiden. Informationen werden nicht mehr gesammelt, sondern konsumiert wie Fast Food. Schnell, heiß und ohne nachhaltigen Nährwert.

Empörung besitzt inzwischen eine kürzere Haltbarkeit als frische Milch. Kaum ist ein Skandal entdeckt, muss bereits der nächste geliefert werden. Das öffentliche Gedächtnis arbeitet nach den Prinzipien eines Goldfisches mit WLAN-Anschluss. Alles ist ungeheuer wichtig – ungefähr bis Mittwoch.

Die Folge ist paradox. Je mehr Informationen verfügbar werden, desto weniger Orientierung entsteht. Das ist ungefähr so, als würde man einen Verdurstenden nicht mit Wasser versorgen, sondern mit einem Feuerwehrschlauch unter Hochdruck beschießen.

Die Diktatur des Wohlmeinens

Die klassischen Diktaturen arbeiteten mit Angst. Die moderne Form gesellschaftlicher Disziplinierung bevorzugt Wohlwollen. Alles geschieht angeblich zum Besten. Zum Schutz. Zur Sicherheit. Zur Gesundheit. Zur Resilienz. Zur Nachhaltigkeit. Zur Sensibilisierung. Zur Optimierung. Die Liste edler Motive wächst schneller als die Zahl der Formulare, die zu ihrer Umsetzung notwendig sind.

Das eigentliche Kunststück besteht darin, dass sich nahezu jede Einschränkung sprachlich in einen Fortschritt verwandeln lässt. Aus Kontrolle wird Verantwortung. Aus Überwachung wird Sicherheit. Aus Bevormundung wird Fürsorge. Aus Bürokratie wird Governance. Aus Zensur wird Moderation. Aus Anpassung wird gesellschaftliche Verantwortung. Wörter haben ihre Bedeutung nicht verloren. Sie haben lediglich neue Eigentümer bekommen.

George Orwell nannte dieses Verfahren „Neusprech“. Heute würde vermutlich eine Kommunikationsagentur den Begriff „zielgruppenorientierte Narrativoptimierung“ bevorzugen.

Die große Selbstverwaltung der Absurdität

Vielleicht ist die größte Pointe der Gegenwart jedoch, dass niemand mehr behaupten muss, in einer absurden Welt zu leben. Die Welt erledigt diese Behauptung selbst. Sie produziert täglich Geschichten, gegen die jede Satire wie eine nüchterne Behördenmitteilung wirkt. Politiker liefern Kabarett, Kabarettisten analysieren Politik, Behörden schreiben Realsatiren und Algorithmen entscheiden, welche davon sichtbar werden dürfen. Das Irrenhaus hat seine Mauern nicht eingerissen. Es hat sie lediglich durch Glasfassaden ersetzt und einen Informationsschalter eingerichtet.

Und so marschiert die Gesellschaft mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit in eine Zukunft, die gleichzeitig hochmodern und erstaunlich mittelalterlich wirkt: technisch brillant, organisatorisch überwältigend, moralisch bis zur Erschöpfung aufgeladen und dabei oft von einer fast kindlichen Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten getragen. Kafka hätte diese Welt sofort erkannt. Orwell ebenso. Beide hätten wahrscheinlich versucht, ein neues Buch darüber zu schreiben. Der Verlag hätte den Entwurf jedoch mit einer höflichen Bemerkung zurückgesandt: „Leider übertrieben. Der Leser erwartet mehr Realismus.“

Heute müsste man den Satz wohl umformulieren: Leider zu realistisch. Der Leser könnte glauben, es handle sich um eine Dokumentation.