Die Geographie der Schuld

Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenheiten deutscher Erinnerungskultur, dass sie offenbar niemals zur Ruhe kommt. Kaum scheint ein historischer Sachverhalt halbwegs gesichert, beginnt bereits die nächste Generation damit, ihn umzudekorieren, umzuschreiben oder zumindest so umzuräumen, dass die eigene moralische Wohnzimmerlandschaft etwas aufgeräumter wirkt. Geschichte wird dabei weniger als wissenschaftliche Disziplin verstanden denn als Innenarchitektur des politischen Gewissens. Möbel werden verrückt, unbequeme Schränke verschwinden hinter Vorhängen, und wenn ein besonders sperriger Fakt partout nicht in das gewünschte Gesamtbild passt, erhält er kurzerhand eine neue Postleitzahl. Ausgerechnet Adolf Hitler wird dann gewissermaßen zum geographischen Wanderpokal deutscher Schuldzuweisung. Die einer ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin zugeschriebene Bemerkung, „Hitler war Westdeutscher“, gehört in genau diese Kategorie jener historischen Verrenkungen, bei denen weniger die Vergangenheit als vielmehr das gegenwärtige Bedürfnis nach moralischer Entlastung sichtbar wird.

Die Erfindung des praktischen Hitlers

Die Geschichte besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie weigert sich hartnäckig, den Bedürfnissen späterer Generationen zu folgen. Adolf Hitler wurde 1889 im österreichischen Braunau am Inn geboren, verbrachte seine politische Aufstiegsphase in München und errichtete seine Diktatur über das gesamte Deutsche Reich. Dieses Reich endete bekanntlich nicht an der späteren innerdeutschen Grenze, die erst Jahrzehnte nach seinem Tod entstand. Sachsen, Thüringen, Mecklenburg, Brandenburg oder Teile Berlins gehörten ebenso zum Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus wie Bayern, Hessen oder Nordrhein-Westfalen. Die NS-Diktatur war weder westdeutsch noch ostdeutsch, sondern deutsch – ergänzt um Österreich und die besetzten Gebiete Europas. Wer daraus nachträglich eine regionale Besitzurkunde basteln möchte, betreibt keine Geschichtsschreibung, sondern historische Kleingärtnerei. Die Vergangenheit wird parzelliert, damit jeder seine eigene kleine moralische Schrebergartenidylle pflegen kann.

Die Kunst der eleganten Entlastung

Nichts ist politisch attraktiver als Verantwortung, die stets irgendwo anders wohnt. Jede Ideologie entwickelt früher oder später ihre eigene Logistik der Schuldverteilung. Das Böse besitzt dabei eine bemerkenswerte Mobilität. Es reist zuverlässig dorthin, wo gerade der politische Gegner lebt, während die eigene Vergangenheit mit erstaunlicher Geschwindigkeit in den Bereich tragischer Missverständnisse oder unglücklicher äußerer Einflüsse verschoben wird. Im Falle der DDR lautete diese Erzählung oft, der Nationalsozialismus sei ein Produkt des kapitalistischen Westens gewesen, während der sozialistische Osten sich selbst gern als der eigentliche antifaschistische Neubeginn verstand. Dass zahllose ehemalige NSDAP-Mitglieder, Wehrmachtsoffiziere und Funktionsträger auch in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR lebten, arbeiteten und Karriere machten, störte dieses elegante Selbstbild nur wenig. Geschichte wurde nicht geleugnet; sie wurde lediglich äußerst selektiv sortiert.

TIP:  Der bequeme Sündenbock

Antifaschismus als politisches Waschmittel

Der staatlich verordnete Antifaschismus der DDR entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer bemerkenswert komfortablen Erzählung. Weil der Staat sich selbst offiziell zum antifaschistischen Gegenmodell erklärte, schien individuelle Verantwortung vielerorts automatisch abgegolten. Der Faschismus wurde zum Exportprodukt des Klassenfeindes erklärt, während die eigene Gesellschaft sich als historisch geläuterte Avantgarde präsentieren durfte. Das hatte einen erheblichen propagandistischen Vorteil: Wer sich selbst dauerhaft zum Antifaschisten erklärt, muss erstaunlich selten über die eigenen autoritären Strukturen sprechen. Während politische Gegner überwacht, Oppositionelle verfolgt und Bürger durch ein dichtes Spitzelsystem kontrolliert wurden, blieb die offizielle Erzählung moralisch makellos. Die Diktatur trug schließlich das Gütesiegel des Guten. Es war gewissermaßen der Totalitarismus mit eingebautem Reinwaschprogramm.

Die zwei Diktaturen und die eine menschliche Natur

Gerade darin liegt eine der unangenehmsten Erkenntnisse der deutschen Geschichte: Totalitäre Systeme unterscheiden sich häufig stärker in ihren ideologischen Farben als in ihren praktischen Mechanismen. Ob Uniformen braun oder Fahnen rot sind, ob Parolen von „Volksgemeinschaft“ oder „sozialistischem Menschen“ sprechen, verändert erstaunlich wenig an den Werkzeugen der Herrschaft. Überwachung, Einschüchterung, Propaganda, Denunziation, Gleichschaltung und Opportunismus folgen keinem parteipolitischen Farbkreis. Sie folgen der menschlichen Versuchung, Macht über Freiheit zu stellen. Deshalb wirkt jede nachträgliche Verschiebung historischer Verantwortung wie der Versuch, zwei spiegelbildliche Gefängnisse dadurch zu unterscheiden, dass eines die schöneren Gardinen besitzt.

Die Moral als Geographiestunde

Es ist eine eigentümliche Erscheinung moderner Debatten, dass selbst historische Schuld offenbar regionalisiert werden soll. Plötzlich wird Geschichte wie Immobilienrecht behandelt. Wer wohnte wo? Wer darf welche Verantwortung übernehmen? Wer besitzt welches moralische Grundbuch? Die absurde Konsequenz lautet, dass historische Verbrechen nicht mehr aus politischen Ideologien, gesellschaftlichen Entwicklungen oder individuellen Entscheidungen entstehen, sondern aus Himmelsrichtungen. Der Nationalsozialismus wird zur westlichen Angelegenheit, der Kommunismus zur östlichen Besonderheit, während beide Systeme sich in Wahrheit aus denselben menschlichen Konstanten speisten: Machtstreben, Angst, Anpassung und der Bereitschaft, Freiheit gegen vermeintliche Sicherheit oder ideologische Erlösung einzutauschen. Die Geographie ersetzt plötzlich die Analyse. Aus Geschichtswissenschaft wird Wetterkunde.

TIP:  Die große Klimaprozession

Die Verlockung des Opferbonus

Jede Gesellschaft entwickelt verständlicherweise Mitgefühl für jene, die unter Diktaturen gelitten haben. Dieses Mitgefühl ist berechtigt und notwendig. Doch persönliche Leidensgeschichte verleiht keine historische Unfehlbarkeit. Auch Zeitzeugen können irren, vereinfachen oder sich von politischen Deutungsmustern leiten lassen. Der Satz des Historikers Leopold von Ranke, Geschichte solle zeigen, „wie es eigentlich gewesen“, bleibt deshalb unbequem aktuell. Gerade dort, wo moralische Autorität besonders groß ist, wird die Versuchung besonders gefährlich, aus persönlicher Glaubwürdigkeit historische Unantastbarkeit abzuleiten. Erinnerung ersetzt keine Quellenkritik. Biographie ersetzt keine Fakten.

Der Fernseher als Geschichtslabor

Talkshows besitzen ihre eigene Physik. Differenzierung verliert dort ungefähr so schnell an Masse wie ein Eiswürfel auf einer Herdplatte. Komplexe historische Zusammenhänge müssen in wenige Sekunden passen, pointierte Sätze schlagen gründliche Analysen, und ein zugespitzter Halbsatz erzeugt regelmäßig mehr Aufmerksamkeit als ein sauber begründeter Vortrag. Das Medium belohnt Zuspitzung, nicht Präzision. Geschichte wird dadurch zum Rohstoff medialer Unterhaltung. Die Pointe triumphiert über die Fußnote. Die Schlagzeile ersetzt die Quellenedition. Das Publikum erhält Geschichte im Fast-Food-Format: schnell serviert, leicht verdaulich und gelegentlich mit erheblichem Nährstoffverlust.

Erinnerung ohne Himmelsrichtungen

Eine ernsthafte Aufarbeitung deutscher Geschichte benötigt weder Ostalgie noch Westalgie, weder moralische Rabattmarken noch regionale Schuldverschiebungen. Sie verlangt die Bereitschaft, beide deutschen Diktaturen in ihrer jeweiligen Eigenart und zugleich in ihren strukturellen Gemeinsamkeiten zu betrachten. Weder der Nationalsozialismus noch die SED-Diktatur werden verständlicher, wenn sie als politische Eigentumswohnungen verschiedener Landesteile behandelt werden. Verantwortung entsteht nicht durch Koordinaten auf einer Landkarte, sondern durch Handlungen, Entscheidungen und gesellschaftliche Mitwirkung. Wer Geschichte dauerhaft in Ost und West aufteilt, riskiert, das Entscheidende zu übersehen: Totalitarismus kennt keine Himmelsrichtungen. Er kennt lediglich Gelegenheiten.

Am Ende bleibt deshalb weniger Empörung über einen einzelnen Satz als Verwunderung über seine symptomatische Wirkung. Wenn historische Tatsachen zunehmend den Bedürfnissen aktueller Selbstentlastung angepasst werden, verwandelt sich Erinnerungskultur in Erinnerungskosmetik. Dann wird Geschichte nicht mehr erforscht, sondern geschminkt. Die Falten der Vergangenheit verschwinden zwar kurzfristig unter einer dicken Schicht moralischer Grundierung, doch die Wahrheit besitzt die unangenehme Angewohnheit, selbst durch das teuerste Make-up irgendwann wieder sichtbar zu werden.

TIP:  Die große Archivöffnung

Falls gewünscht, kann ich den Ton noch deutlich bissiger, polemischer und satirischer gestalten, etwa im Stil von Karl Kraus oder Henryk M. Broder, ohne die sachliche Grundlage zu verlassen.