Die Moral mit Gedächtnislücken

Geschichte besitzt die unerquicklichste Eigenschaft, sich nicht an Parteiprogramme zu halten. Sie kennt keine Pressesprecher, keine Kommunikationsstrategen und keine Abteilung für politisches Framing. Sie schreibt weder Wahlprogramme noch Koalitionsverträge und zeigt eine geradezu beleidigende Gleichgültigkeit gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist. Vor allem aber weigert sie sich hartnäckig, nur die Kapitel hervorzuholen, die sich für Sonntagsreden, Gedenkveranstaltungen oder moralische Belehrungen eignen. Genau darin liegt ihre eigentliche Sprengkraft. Denn Geschichte ist kein Schaufenster, sondern ein Archiv. Und Archive haben die unangenehme Angewohnheit, Dokumente aufzubewahren, die lieber vergessen worden wären. Wer glaubt, Vergangenheit lasse sich durch Schweigen umschreiben, verwechselt historische Forschung mit Öffentlichkeitsarbeit.

Besonders unerquicklich wird diese Erkenntnis dann, wenn ausgerechnet jene politischen Kräfte, die sich mit Vorliebe als oberste Instanz historischer Moral präsentieren, selbst über historische Altlasten verfügen, die nur äußerst selten den Weg in die öffentliche Debatte finden. Moralische Autorität wirkt schließlich erheblich eindrucksvoller, wenn das Scheinwerferlicht ausschließlich auf die Verfehlungen anderer gerichtet bleibt. Im Halbdunkel der eigenen Geschichte lassen sich dagegen erstaunlich viele Details verschwinden. Der erhobene Zeigefinger benötigt schließlich eine möglichst günstige Beleuchtung.

Das selektive Gedächtnis der Tugend

Zu den bemerkenswertesten Eigenarten moderner Erinnerungspolitik gehört die Kunst des selektiven Erinnerns. Manche Ereignisse werden mit berechtigter Intensität aufgearbeitet, jährlich gewürdigt und in immer neuen Dokumentationen dargestellt. Andere verschwinden dagegen nahezu geräuschlos zwischen den Regalbrettern historischer Archive. Nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil sie den gepflegten Erzählungen widersprechen.

So findet sich bereits 1929 in amtlichen Unterlagen aus Frankfurt der Begriff „Konzentrationslager“ im Zusammenhang mit der Unterbringung von Sinti und Roma. Diese historische Tatsache bedeutet selbstverständlich keine Gleichsetzung mit dem späteren nationalsozialistischen Konzentrationslagersystem, dessen industriell organisierter Terror und millionenfacher Mord historisch einzigartig bleiben. Sie verweist jedoch darauf, dass Begriffe, Verwaltungspraktiken und Formen staatlicher Ausgrenzung keineswegs immer erst am 30. Januar 1933 vom Himmel gefallen sind. Geschichte entwickelt sich selten in abrupten Sprüngen; häufiger entstehen verhängnisvolle Entwicklungen schrittweise, oft lange bevor sie ihren grausamsten Ausdruck finden.

TIP:  MAN WIRD REDEN MÜSSEN

Gerade deshalb wäre eine vollständige historische Betrachtung notwendig. Wer historische Kontinuitäten ernst nimmt, darf nicht nur dort suchen, wo sich politische Gegner belasten lassen. Erinnerung verliert ihren Wert, sobald sie ausschließlich als Instrument parteipolitischer Selbstveredelung benutzt wird.

Der Spiegel, den niemand bestellen wollte

Der Spiegel gehört zu den unerquicklichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Er besitzt keine Parteimitgliedschaft, kennt keine Loyalität und zeigt gelegentlich Dinge, die lieber unter einem dekorativen Tuch verschwinden würden. Gerade politische Parteien entwickeln daher bisweilen eine bemerkenswerte Kreativität, wenn es darum geht, den Spiegel möglichst elegant umzudrehen und stattdessen auf die Fensterscheibe gegenüber zu zeigen.

Es gehört zu den auffälligsten Ritualen moderner Politik, historische Verantwortung fast ausschließlich als Verpflichtung der anderen zu definieren. Eigene Irrtümer erscheinen dagegen bevorzugt als bedauerliche Randnotizen einer ansonsten ruhmreichen Geschichte. Aus Fehlern werden Missverständnisse, aus problematischen Entscheidungen Zeitumstände, aus Verantwortung entsteht historische Komplexität. Dieselbe Großzügigkeit verschwindet allerdings augenblicklich, sobald konkurrierende politische Lager betrachtet werden. Dort genügt häufig bereits der Verdacht historischer Nähe zu fragwürdigen Entwicklungen, um umfassende moralische Urteile zu fällen.

Diese Asymmetrie erzeugt einen eigentümlichen Eindruck: Moral wird nicht mehr als allgemeiner Maßstab verstanden, sondern als exklusives Eigentum. Wer sich selbst dauerhaft zur höchsten sittlichen Instanz erklärt, verwandelt jede historische Diskussion zwangsläufig in eine Vorlesung. Das Problem beginnt dort, wo der Dozent plötzlich feststellt, dass auch im eigenen Lebenslauf unangenehme Kapitel existieren.

Erinnerung als politisches Auswahlmenü

Es existiert eine bemerkenswerte Form moderner Geschichtspflege, die entfernt an ein Restaurant erinnert. Auf der Speisekarte erscheinen ausschließlich jene Gerichte, die den Gästen schmecken könnten. Alles andere verschwindet diskret in der Küche. Geschichte wird dabei zu einem politischen Buffet, auf dem jeder nur das auswählt, was den eigenen Überzeugungen bekommt. Die Vorspeise besteht aus fremden Verfehlungen, das Hauptgericht aus eigener Tugend und zum Dessert serviert das Haus eine großzügige Portion moralischer Überlegenheit.

Der Historiker würde ein solches Verfahren vermutlich als Quellenkritik missverstehen. Tatsächlich handelt es sich eher um Erinnerungsgastronomie. Alles, was den Appetit auf die eigene Erzählung stören könnte, bleibt hinter dem Vorhang. Das Ergebnis ist eine Vergangenheit, die bemerkenswert sauber aussieht – geradezu steril. Leider besitzt Geschichte die unangenehme Eigenschaft, sich gegen derartige Diäten zu wehren. Irgendwann taucht stets ein Dokument auf, das den sorgfältig gedeckten Tisch durcheinanderbringt.

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George Orwell formulierte einst den oft zitierten Satz: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“ Weniger häufig wird ergänzt, dass die Vergangenheit sich erstaunlich schlecht kontrollieren lässt. Archive entwickeln gelegentlich einen eigensinnigen Sinn für Ironie.

Die bequeme Pose der moralischen Überlegenheit

Politische Moral ist ein wertvolles Gut. Sie verliert allerdings erheblich an Überzeugungskraft, wenn sie ausschließlich nach außen angewendet wird. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Konsequenz. Wer historische Aufarbeitung fordert, muss bereit sein, dieselben Maßstäbe auch an die eigene Geschichte anzulegen. Alles andere wirkt wie eine Predigt über Bescheidenheit aus der Präsidentensuite eines Luxushotels.

Gerade Parteien mit langer Geschichte verfügen zwangsläufig über Kapitel, auf die niemand mit Stolz zurückblicken kann. Das ist weder ungewöhnlich noch ehrenrührig. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Kapitel systematisch in den Hintergrund treten, während gleichzeitig jeder Fehler anderer mit moralischer Endgültigkeit bewertet wird. Der Unterschied zwischen historischer Verantwortung und politischer Instrumentalisierung ist kleiner, als viele Redenschreiber glauben.

Der französische Philosoph Michel de Montaigne bemerkte einst, dass jeder Mensch den ganzen Zustand des Menschseins in sich trage. Für politische Organisationen gilt offenbar etwas Ähnliches. Auch sie vereinen Licht und Schatten, Fortschritt und Irrtum, Größe und Versagen. Wer ausschließlich das Licht betrachtet, blendet sich irgendwann selbst.

Die Doppelmoral im Sonntagsanzug

Doppelmoral besitzt eine bemerkenswerte Begabung zur eleganten Verkleidung. Sie erscheint selten als Heuchelei, sondern bevorzugt im makellos gebügelten Gewand des Guten. Sie spricht in wohlformulierten Pressemitteilungen, trägt den Ton moralischer Unanfechtbarkeit und ist fest davon überzeugt, dass ihre eigenen Ausnahmen selbstverständlich notwendig seien. Schließlich handelt es sich ja um die richtige Seite der Geschichte.

Doch Geschichte kennt keine bevorzugten Kunden. Sie verteilt ihre unbequemen Wahrheiten mit erstaunlicher Gleichmäßigkeit. Sie belohnt weder Parteibücher noch ideologische Reinheitszeugnisse. Wer historische Verantwortung ernst nimmt, muss akzeptieren, dass Erinnerung nicht selektiv funktionieren darf. Eine Vergangenheit, die ausschließlich den politischen Gegner belastet, ist keine Vergangenheit mehr, sondern Wahlkampfmaterial.

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So bleibt am Ende eine schlichte Erkenntnis: Die Glaubwürdigkeit einer Erinnerungskultur bemisst sich nicht daran, wie eindrucksvoll sie die Fehler anderer dokumentiert. Sie zeigt sich vielmehr in der Bereitschaft, die eigenen Irrtümer mit derselben Offenheit zu betrachten. Der erhobene Zeigefinger verliert nämlich erheblich an Autorität, sobald das Spiegelbild sichtbar wird. Und vielleicht liegt genau darin die größte Ironie der politischen Moral: Ausgerechnet jene, die Geschichte am häufigsten als Richterin anrufen, begegnen ihr oft am ungernsten, sobald sie selbst auf der Anklagebank der Vergangenheit Platz nehmen müssten.