Die Religion der einfachen Wahrheiten

Es gehört zu den liebgewonnenen Eigenheiten der modernen Gesellschaft, komplizierte technische Zusammenhänge in moralische Kategorien umzuwandeln. Aus Chemie wird Gewissensprüfung, aus Thermodynamik ein Glaubensbekenntnis und aus Ingenieurswissenschaft eine Frage der richtigen Gesinnung. Kaum ein Thema illustriert diese eigentümliche Verwandlung eindrucksvoller als die Debatte über Erdöl. Dort scheint inzwischen eine bemerkenswerte Überzeugung zu herrschen: Man müsse nur laut genug verkünden, dass fossile Energieträger keine Zukunft hätten, und schon würden sich jahrzehntelang entwickelte industrielle Stoffkreisläufe aus Respekt vor politischen Resolutionen freiwillig auflösen. Die Raffinerie wird in dieser Erzählung zu einer Art magischer Maschine, die morgen einfach etwas völlig anderes produziert als gestern, sofern das Parlament den entsprechenden Beschluss fasst. Chemische Bindungen gelten offenbar nur noch bis zur nächsten Pressekonferenz.

Die unbequeme Chemie

Die Wirklichkeit besitzt allerdings die unangenehme Angewohnheit, sich weder für Wahlprogramme noch für Hashtags zu interessieren. Rohöl ist kein Wunschkonzert, sondern ein komplexes Gemisch aus Kohlenwasserstoffen. Bei seiner Verarbeitung entstehen verschiedene Produktgruppen – darunter Benzin, Diesel, Kerosin, Flüssiggas, Naphtha sowie Bitumen und andere Rückstände –, deren jeweilige Anteile je nach Rohölsorte und Raffinerietechnik variieren. Moderne Raffinerien können diese Verteilung durchaus beeinflussen, jedoch nicht beliebig. Aus einem Liter Rohöl lassen sich nicht hundert Prozent Wunschprodukt herstellen. Die Natur kennt keine Mehrheitsbeschlüsse. Sie kennt Moleküle.

Gerade darin liegt jene Ironie, über die in der öffentlichen Debatte erstaunlich selten gesprochen wird. Sobald ausschließlich vom Ende einzelner Kraftstoffe die Rede ist, entsteht gelegentlich der Eindruck, als würden die übrigen Bestandteile des Raffinerieprozesses sich höflich verabschieden und gemeinsam mit dem Verbrennungsmotor das Betriebsgelände verlassen. Als hätten Diesel, Kerosin oder petrochemische Ausgangsstoffe beschlossen, aus Solidarität mit der politischen Kommunikation ebenfalls in den Ruhestand zu gehen. Man könnte darüber lachen, wäre diese Vorstellung nicht derart weit verbreitet.

Die Illusion der verschwindenden Moleküle

Die moderne Gesellschaft liebt den Trick des gedanklichen Verschwindens. Was moralisch unerwünscht erscheint, wird sprachlich einfach ausgeblendet. Das funktioniert bei physikalischen Prozessen allerdings ähnlich gut wie der Versuch, den Regen dadurch zu stoppen, dass der Wetterbericht künftig ausschließlich Sonnenschein vermeldet.

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Selbstverständlich bleibt die petrochemische Industrie auf zahlreiche Kohlenwasserstoffe angewiesen. Kunststoffe, Arzneimittel, Lösungsmittel, Farben, Schmierstoffe, Kunstfasern, Asphalt, Dichtungsmaterialien, Isolierungen oder zahlreiche chemische Grundstoffe entstehen nicht aus wohlmeinenden Pressemitteilungen. Sie entstehen aus Rohstoffen. Auch Flugzeuge werden vorerst nicht durch kollektiven Optimismus angetrieben, und Containerschiffe fahren nur äußerst widerwillig auf moralischer Entrüstung.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob fossile Produkte eines Tages ersetzt werden können. Forschung und technischer Fortschritt arbeiten seit Jahrzehnten daran. Die entscheidende Frage ist vielmehr, mit welcher intellektuellen Redlichkeit über Übergangsphasen gesprochen wird.

Die bemerkenswerte Kunst des Weglassens

Vielleicht ist das Weglassen die erfolgreichste Erfindung moderner Kommunikation. Weggelassen werden Unsicherheiten. Weggelassen werden technische Randbedingungen. Weggelassen werden Zielkonflikte. Übrig bleibt eine Geschichte, die sich ausgezeichnet in wenigen Sekunden erzählen lässt.

In dieser Erzählung existieren lediglich zwei Gruppen. Auf der einen Seite die Erleuchteten, die den Fortschritt vertreten. Auf der anderen Seite jene, die angeblich an veralteten Technologien festhalten. Dass Ingenieure häufig wesentlich differenzierter argumentieren als Aktivisten oder Politiker, passt in dieses dramaturgische Konzept naturgemäß nur schlecht. Denn Differenzierung besitzt einen gravierenden Nachteil: Sie erzeugt keine Schlagzeilen.

Der amerikanische Physiker Richard Feynman bemerkte einst sinngemäß, dass sich die Natur nicht dafür interessiere, was Menschen gerne für wahr halten möchten. Genau darin liegt das Dilemma jeder ideologisierten Technikdebatte. Die Natur bleibt störrisch.

Die Moral als Ersatz für Ingenieurwissenschaft

Besonders faszinierend wirkt die Vorstellung, komplexe Stoffströme ließen sich durch moralische Bewertung verändern. Sobald ein Produkt als „gut“ etikettiert wird, scheint automatisch vorausgesetzt zu werden, sämtliche dazugehörigen industriellen Prozesse hätten dieselbe moralische Eigenschaft angenommen. Als ob Moleküle regelmäßig die Tageszeitung lesen würden.

Dabei wäre gerade Ehrlichkeit das überzeugendere politische Instrument. Niemand verliert Ansehen, wenn eingeräumt wird, dass industrielle Transformation kompliziert, teuer und voller Zielkonflikte ist. Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, Schwierigkeiten zu verschweigen, sondern dadurch, sie offen zu benennen.

Stattdessen entsteht gelegentlich der Eindruck, als werde die Öffentlichkeit für bemerkenswert vergesslich gehalten. Fragen nach Rohstoffen gelten beinahe als unhöflich. Fragen nach Versorgungssicherheit wirken unerquicklich. Fragen nach technischen Grenzen erscheinen fast schon verdächtig. Das Idealbild des mündigen Bürgers scheint mancherorts einem Publikum gewichen zu sein, das möglichst wenig fragt und möglichst viel applaudiert.

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Die Fabrik der guten Gefühle

Es existiert inzwischen eine eigene Industrie der beruhigenden Erzählungen. Dort wird weniger produziert als formuliert. Begriffe wie Transformation, Nachhaltigkeit, Klimaneutralität oder Innovation schweben durch den öffentlichen Raum wie wohlriechende Duftkerzen. Kaum jemand bestreitet ihre Bedeutung. Problematisch wird es erst dort, wo aus Schlagworten der Eindruck entsteht, physikalische Gesetzmäßigkeiten hätten sich ihnen unterzuordnen.

Der französische Schriftsteller Voltaire hätte vermutlich seine Freude daran gehabt. Nicht wegen der Klimadebatte selbst, sondern wegen jener zeitlosen menschlichen Neigung, Überzeugungen mit Tatsachen zu verwechseln. Satire lebt bekanntlich weniger von der Übertreibung als von der exakten Beobachtung.

Die eigentliche Zumutung

Die eigentliche Zumutung besteht nicht darin, über den Ausstieg aus fossilen Energieträgern nachzudenken. Technologischer Wandel gehört zur Geschichte jeder Zivilisation. Die Zumutung besteht vielmehr darin, technische Komplexität gelegentlich auf ein Niveau zu reduzieren, das jeder naturwissenschaftlichen Ernsthaftigkeit spottet.

Eine aufgeklärte Gesellschaft müsste mehr aushalten als einfache Parolen. Sie müsste akzeptieren, dass Übergänge Zeit benötigen, dass industrielle Prozesse miteinander verknüpft sind und dass jede Lösung neue Fragen erzeugt. Wer behauptet, sämtliche Probleme ließen sich durch das Streichen eines einzigen Produkts aus der Bilanz lösen, macht aus Chemie Märchenkunde.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Satire der Gegenwart: Nicht die Raffinerien wirken aus der Zeit gefallen, sondern bisweilen die Vorstellung, Realität lasse sich per Sprachregelung umgestalten. Die Moleküle jedoch bleiben von alldem unbeeindruckt. Sie besitzen keinen Parteiausweis, keine Weltanschauung und keine Social-Media-Kanäle. Sie folgen ausschließlich den Gesetzen der Physik und Chemie. Und diese haben bislang noch nie auf einen Wahltermin Rücksicht genommen.