Exportweltmeister der Entwicklungshilfe

Deutschland entdeckt sich neuerdings als internationaler Aufbauhelfer mit einer Leidenschaft, die fast religiöse Züge trägt. Während im eigenen Land Werkstore schließen, Produktionslinien verstummen und traditionsreiche Industriestandorte über ihre Zukunft rätseln, richtet sich der staatsmännische Blick entschlossen gen Süden. Die Botschaft ist von bewundernswerter Konsequenz: Wenn schon die eigene Wirtschaft ins Schlingern gerät, dann soll wenigstens anderswo Optimismus wachsen. Die heimische Industrie mag schrumpfen – Hauptsache, der internationale Gestaltungswille kennt keine Rezession.

Senegal zuerst

Es ist ein faszinierendes Schauspiel politischer Prioritäten. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Deutschlands industrielle Substanz unter Energiepreisen, Bürokratie, Investitionsschwäche und internationalem Wettbewerbsdruck leidet, wird der wirtschaftliche Aufbau des Senegal zu einem Projekt von beinahe staatsphilosophischer Bedeutung erhoben. Natürlich ist wirtschaftliche Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten legitim und sinnvoll. Satire beginnt jedoch dort, wo der Eindruck entsteht, dass der Kanzler die Zukunft Dakars mit größerer Begeisterung entwirft als jene von Dortmund, Duisburg oder Dresden. Während deutsche Mittelständler überlegen, ob sie noch investieren oder bereits auswandern sollen, werden tausende Kilometer entfernt Perspektiven entwickelt. Der Bürger könnte den Eindruck gewinnen, der eigentliche Wirtschaftsminister residiere inzwischen am Atlantik.

Die Fabrik schließt aber die Vision lebt

In den Hallen deutscher Industrieunternehmen werden Schichtpläne zu Erinnerungsstücken, Investitionen verschoben und Arbeitsplätze zur Verhandlungsmasse. Gleichzeitig entstehen auf internationalen Gipfeln die großen Visionen einer gerechteren Weltwirtschaft. Es besitzt eine fast poetische Ironie: Der Motor stottert, doch der Fahrer diskutiert bereits über die Lackfarbe des nächsten Fahrzeugs. Wer darauf hinweist, gilt schnell als provinziell. Schließlich müsse Politik global denken. Das Problem besteht lediglich darin, dass Fabrikarbeiter ihre Hypotheken noch immer mit regionalen Arbeitsplätzen bezahlen und nicht mit geopolitischen Leitbildern.

Die neue deutsche Entwicklungspolitik

Früher exportierte Deutschland Maschinen, Automobile und chemische Spitzenprodukte. Heute scheint der wichtigste Exportartikel das gute Gewissen zu sein. Kaum ein internationales Forum, auf dem nicht neue Partnerschaften, Transformationsprojekte oder Investitionsinitiativen angekündigt werden. Der Senegal wird zum Symbol dieser politischen Erzählung: Dort soll aufgebaut werden, was im eigenen Land zunehmend unter Kostendruck gerät. Es ist beinahe eine Umkehrung der klassischen Wirtschaftspolitik. Einst machte der Erfolg im Inland Auslandshilfe möglich. Heute entsteht gelegentlich der Eindruck, Auslandshilfe müsse den Mangel an wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen im Inland kompensieren.

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Das Prinzip der entfernten Baustelle

Jeder Hauseigentümer kennt die Reihenfolge vernünftigen Handelns: Erst wird das undichte Dach repariert, anschließend hilft man dem Nachbarn beim Streichen seines Gartenzauns. Die moderne Politik scheint dieses Prinzip kreativ weiterentwickelt zu haben. Das eigene Dach tropft zwar bereits in den Keller, doch dafür reist der Hausherr mit Helm und Werkzeugkoffer durch die Nachbarschaft und erklärt dort voller Elan die Kunst nachhaltiger Sanierung. Anschließend folgt eine Pressekonferenz vor frisch gestrichenen Fassaden – selbstverständlich nicht vor dem eigenen Haus.

Schon gut Herr Kanzler

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragikomödie. Niemand bestreitet, dass Partnerschaften mit afrikanischen Staaten sinnvoll sein können und Entwicklungspolitik ihren Platz hat. Doch eine Regierung wird letztlich daran gemessen, ob sie zuerst die Grundlagen des eigenen Wohlstands sichert. Wenn Deutschlands industrielle Basis bröckelt, Werke schließen, Unternehmen abwandern und Arbeitsplätze verschwinden, während gleichzeitig der wirtschaftliche Aufbruch im Senegal zum außenpolitischen Prestigeprojekt erhoben wird, entsteht ein Bild von bemerkenswerter Symbolkraft. Es erinnert an einen Kapitän, der auf dem sinkenden Schiff enthusiastisch den Bau eines Leuchtturms auf einer fernen Insel plant.

Und so bleibt am Ende nur ein leises, beinahe höfliches Lächeln. Ein Lächeln, das irgendwo zwischen Sarkasmus und Resignation pendelt. Die Maschinen schweigen, die Werkstore schließen, doch die Visionen reisen um die Welt.

Schon gut, Herr Kanzler. Der Senegal wird es Ihnen vielleicht danken. Die deutschen Industriearbeiter hätten vermutlich lieber ihre Arbeitsplätze behalten.