Die seltsame Ironie der Freiheit

Es gehört zu den großen Grotesken der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Menschen, die Freiheit nie als philosophisches Seminar, sondern als Frage des nackten Überlebens kennengelernt haben, heute zu ihren entschlossensten Verteidigern zählen. Während sich in den klimatisierten Debattenräumen westlicher Universitäten darüber streiten lässt, ob Demokratie lediglich eine kulturelle Erzählung, Menschenrechte ein koloniales Machtinstrument und der Nationalstaat bloß ein historischer Betriebsunfall seien, erinnern sich andere noch sehr genau daran, wie sich Gefängniszellen anhören, wie sich Zensur anfühlt oder wie schnell aus einem politischen Slogan eine Erschießung werden kann. Zwischen diesen beiden Welten liegt weniger ein Ozean als eine Erfahrung. Die einen diskutieren Freiheit. Die anderen mussten sie erst verlieren, um ihren Wert zu erkennen.

Die Revolution der Unverletzbaren

Der neue moralische Zeitgeist präsentiert sich gern als besonders sensibel, besonders gerecht und besonders progressiv. Er liebt die Welt in Kategorien, weil Kategorien einfacher zu verwalten sind als Individuen. Hier die Unterdrückten, dort die Unterdrücker. Hier die Opfer, dort die Privilegierten. Wer einmal einsortiert wurde, bleibt dort möglichst dauerhaft. Biografien, historische Erfahrungen und persönliche Überzeugungen wirken in diesem System nur störend. Es handelt sich um eine bemerkenswerte Form geistiger Bürokratie, deren Aktenordner sorgfältiger geführt werden als manche Staatsarchive.

Besonders unerquicklich wird es, wenn die Wirklichkeit sich weigert, die vorgesehenen Rollen zu spielen. Dann geraten Menschen ins Visier, die nach allen Regeln identitätspolitischer Buchhaltung eigentlich auf der „richtigen“ Seite stehen müssten, sich aber beharrlich weigern, das Drehbuch zu unterschreiben. Der ideologische Theaterbetrieb kennt viele Rollen, doch Improvisation gehört ausdrücklich nicht dazu.

Wenn Opfer widersprechen

Gerade die iranische Exilopposition liefert hierfür ein fast schon tragikomisches Beispiel. Menschen, die vor einem autoritären islamistischen Regime geflohen sind, entwickeln häufig eine erstaunlich geringe Begeisterung für romantisierende Erzählungen über religiösen Fundamentalismus oder kulturellen Relativismus. Wer jahrelang erlebt hat, wie Freiheit verschwindet, beginnt selten, deren Feinde ästhetisch interessant zu finden. Deshalb wehen auf Demonstrationen der iranischen Diaspora oft amerikanische oder israelische Fahnen neben historischen Symbolen eines untergegangenen Iran. Das irritiert jene Beobachter, die ihre Welt gern in farblich sortierten Schubladen organisieren.

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Ähnlich verhält es sich mit kubanischen Exilanten in Florida. Während auf europäischen Studentenfesten das Porträt von Ernesto Che Guevara gelegentlich noch als modisches Accessoire zwischen Vintage-Jeans und Bio-Limonade auftaucht, löst dieselbe Ikonographie bei Menschen, deren Familien tatsächlich unter kommunistischer Herrschaft litten, deutlich weniger nostalgische Gefühle aus. Geschichte besitzt eben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht nach Modekollektionen zu richten.

Die erstaunliche Undankbarkeit der Realität

Auch viele kurdische, jesidische oder alevitische Stimmen in Europa fügen sich nur widerwillig in das gewünschte Narrativ. Wer Verfolgung, Vertreibung oder religiöse Gewalt am eigenen Leib erfahren hat, entwickelt oft einen anderen Blick auf Konflikte als jene, deren politische Bildung überwiegend aus Podcasts, Konferenzhotels und akademischen Arbeitskreisen stammt. Erfahrung besitzt eine störende Autorität. Sie lässt sich nicht einfach durch ein neues Glossar ersetzen.

Nicht wenige Ex-Muslime formulieren ihre Kritik am Islamismus schärfer als konservative Kommentatoren. Persönlichkeiten wie Ayaan Hirsi Ali, Seyran Ateş oder Ahmad Mansour erinnern regelmäßig daran, dass universelle Freiheitsrechte keine kulturelle Besonderheit, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft darstellen. Auch Cem Özdemir oder Güner Balcı haben wiederholt auf Spannungen zwischen integrationspolitischem Idealismus und gesellschaftlicher Realität hingewiesen. Bemerkenswert ist dabei weniger ihre Kritik als die Überraschung ihrer Kritiker darüber, dass ausgerechnet Menschen mit Migrationsgeschichte nicht bereit sind, jede Form kultureller Relativierung zu akzeptieren.

Die Pädagogik der Bevormundung

Es gehört zu den eigentümlichsten Eigenheiten moderner Identitätspolitik, dass sie sich ständig auf Minderheiten beruft, ihnen jedoch erstaunlich ungern zuhört. Solange die Betroffenen das erwartete Vokabular verwenden, gelten sie als authentische Stimmen. Weichen sie davon ab, mutieren sie schlagartig zu bedauerlichen Einzelfällen, zu „internalisierten Opfern“ oder gleich zu Verrätern an der eigenen Gruppe. Offenbar endet Diversität dort, wo Meinungsvielfalt beginnt.

Die Geschichte kennt kaum eine subtilere Form paternalistischer Herablassung. Ausgerechnet jene Bewegung, die jede Bevormundung überwinden wollte, entdeckt plötzlich ihre Leidenschaft dafür, anderen zu erklären, was sie eigentlich denken müssten. Das wirkt ungefähr so überzeugend wie ein Vegetarier, der einer Kuh den Geschmack von Steak erläutert.

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Das Abendland als ungeliebte Erfolgsgeschichte

Keine westliche Gesellschaft ist frei von Widersprüchen. Keine Demokratie ist vollkommen gerecht. Kein Rechtsstaat arbeitet fehlerlos. Dennoch bleibt die historische Bilanz bemerkenswert. Aufklärung, Gewaltenteilung, individuelle Freiheitsrechte, wissenschaftlicher Fortschritt, Marktwirtschaft, Pressefreiheit und religiöse Toleranz entstanden keineswegs zufällig. Sie sind Ergebnisse eines jahrhundertelangen Ringens gegen Machtmissbrauch, Dogmatismus und Absolutheitsansprüche. Gerade weil diese Errungenschaften unvollkommen sind, konnten sie sich weiterentwickeln.

Es wirkt daher eigentümlich, wenn ausgerechnet jene Gesellschaften, die weltweit Millionen Menschen als Zufluchtsort wählen, innerhalb ihrer eigenen kulturellen Eliten zunehmend behandelt werden, als seien sie das eigentliche historische Missverständnis. Offenbar besitzt Erfolg die unangenehme Eigenschaft, bei manchen den Wunsch zu wecken, ihn zuerst zu relativieren und anschließend zu dekonstruieren.

Der Kanarienvogel im Maschinenraum

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass Antisemitismus häufig als Frühwarnsystem gesellschaftlicher Entzivilisierung fungiert. Wenn jüdische Einrichtungen besonderen Schutz benötigen, wenn antisemitische Übergriffe zunehmen und wenn historische Relativierungen salonfähig werden, betrifft dies selten nur jüdisches Leben. Es verweist auf einen allgemeinen Verlust an rechtsstaatlicher und liberaler Kultur.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die Warnungen längst nicht mehr ausschließlich aus jüdischen Gemeinden kommen. Ihnen schließen sich Dissidenten aus autoritären Staaten, religiöse Minderheiten, säkulare Exilanten, liberale Muslime, Ex-Muslime und zahlreiche andere Stimmen an, die Freiheit nicht als abstraktes Seminarobjekt betrachten. Für sie besitzt Freiheit einen Preis, der bereits bezahlt wurde.

Die Satire der Geschichte

Vielleicht besteht die größte Ironie unserer Epoche darin, dass ausgerechnet jene, die am meisten unter Diktatur, religiösem Fanatismus oder ideologischer Gleichschaltung gelitten haben, heute oft als Verteidiger jener westlichen Ordnung auftreten, die andere für hoffnungslos überholt erklären. Während manche Intellektuelle den Nationalstaat bereits im Museum der Irrtümer unterbringen möchten, stehen Menschen aus Teheran, Havanna, Damaskus oder Mossul mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit vor genau jenem Museum und bitten höflich darum, die Ausstellung vorerst nicht abzubauen.

Die Geschichte liebt solche Pointen. Sie verfügt über einen trockenen Humor, der ganze Bibliotheken ideologischer Gewissheiten in wenigen Jahrzehnten alt aussehen lässt. Vielleicht lautet ihre gegenwärtige Botschaft schlicht, dass Freiheit selten von jenen verteidigt wird, die sie für selbstverständlich halten. Meist verteidigen sie diejenigen, die sehr genau wissen, wie eine Welt aussieht, in der sie fehlt. Und möglicherweise ist genau das die unbequeme Lektion unserer Zeit: Die überzeugendsten Anwälte des Westens sind oft nicht jene, die hier geboren wurden, sondern jene, die erlebt haben, was außerhalb seiner rechtsstaatlichen und freiheitlichen Tradition auf Menschen warten kann. Freiheit ist eben keine modische Pose, keine akademische Metapher und kein Hashtag. Sie ist eine historische Ausnahmeerscheinung – und Ausnahmen überleben nur, solange genügend Menschen bereit sind, sie gegen Gleichgültigkeit, ideologische Verblendung und politische Kurzsichtigkeit zu verteidigen.