Es gibt Politiker, die zitieren Churchill. Andere berufen sich auf Adenauer, de Gaulle oder Václav Havel. Manche greifen auf Aristoteles zurück, wenn sie besonders ehrwürdig erscheinen möchten. Und dann gibt es jene seltenen Talente, die den europäischen Gesetzgebungsprozess auf die intellektuelle Flughöhe eines Samstagvormittags im Kinderfernsehen herabziehen und dabei offenbar überzeugt sind, gerade einen großen staatsphilosophischen Wurf gelandet zu haben. Als Lena Schilling im Europäischen Parlament die europäische Verkehrspolitik mit „Wickie und die starken Männer“ erklärte, war dies deshalb weniger ein Ausrutscher als eine Art Vollendung. Die Metapher war nicht das Problem. Sie war die logische Konsequenz einer politischen Kultur, die seit Jahren glaubt, jedes komplexe Problem lasse sich durch pädagogisch wertvolle Bilder, moralische Eindeutigkeit und die emotionale Dramaturgie eines Kinderbuches lösen.
Der eigentliche Reiz des Auftritts lag dabei in der unbeabsichtigten Selbstbeschreibung. Denn Wickie war bekanntlich das Kind, das den Erwachsenen erklären musste, wie die Welt funktioniert. Die erwachsenen Wikinger ruderten planlos durch die Gegend, während der kleine Held sich an der Nase rieb und die rettende Idee hatte. Betrachtet man die politische Laufbahn Schillings, entsteht allerdings ein etwas anderes Bild. Hier begegnet nicht der kleine Genius, der den Verwirrten den Weg weist. Vielmehr entsteht der Eindruck einer politischen Generation, die mit bemerkenswerter Selbstsicherheit davon ausgeht, dass Lebenserfahrung, Fachwissen, institutionelle Kenntnisse und historische Bildung überschätzt werden, solange genügend moralische Gewissheit vorhanden ist.
Die Karriere des permanenten Missverständnisses
Besonders faszinierend ist die politische Biografie dieser neuen Generation deshalb, weil sie offenbar nach einem völlig neuen Prinzip funktioniert. Früher musste man zunächst etwas können, bevor man als Hoffnungsträger galt. Heute genügt es oft, Hoffnungsträger zu sein, um irgendwann behaupten zu können, etwas zu können.
Schilling wurde als Aktivistin bekannt, avancierte zur Spitzenkandidatin der Grünen und erreichte damit eine politische Aufstiegsgeschwindigkeit, die selbst in einer Republik, die gelegentlich Kabinette aus Quereinsteigern, Pressesprechern, Talkshowgästen und Twitter-Kommentatoren zusammensetzt, bemerkenswert erscheint. Die Schwierigkeit bestand lediglich darin, dass mit zunehmender Öffentlichkeit auch eine Reihe von Geschichten auftauchte, die weniger an den geradlinigen Aufstieg einer Staatsfrau erinnerten als an eine überdrehte Mischung aus Schülerzeitung, WG-Drama und politischer Netflix-Serie.
Da waren die Vorwürfe über die Verbreitung schwerwiegender Gerüchte über das Ehepaar Bohrn Mena, die schließlich in gerichtlichen Auseinandersetzungen und Unterlassungserklärungen mündeten. Da waren Berichte über erfundene oder zumindest suggerierte Beziehungen und über Gerüchte rund um Journalisten. Da waren Vorwürfe eines problematischen Umgangs mit Weggefährten aus der Aktivistenszene. Vieles wurde bestritten, manches relativiert, anderes später bedauert, wieder anderes in Vergleichen erledigt. Doch das Gesamtbild blieb bemerkenswert unerquicklich.
Der Eindruck entstand nicht deshalb, weil einzelne Fehler passiert wären. Fehler gehören zur Politik wie Schlaglöcher zur österreichischen Bundesstraße. Der Eindruck entstand, weil sich hinter den Episoden ein Muster abzuzeichnen schien: eine bemerkenswerte Distanz zwischen politischer Selbstdarstellung und tatsächlicher Urteilsfähigkeit.
Die Republik der Aktivistenkönige
Früher galt Aktivismus als Vorstufe zur Politik. Heute scheint Politik gelegentlich als Verlängerung des Aktivismus mit höherem Gehalt verstanden zu werden.
Das Problem besteht darin, dass Aktivismus und Politik unterschiedlichen Logiken folgen. Der Aktivist muss Aufmerksamkeit erzeugen. Der Politiker muss Verantwortung übernehmen. Der Aktivist lebt von Zuspitzung. Der Politiker von Abwägung. Der Aktivist erklärt, warum die Welt falsch ist. Der Politiker muss mit jener Welt arbeiten, die tatsächlich existiert.
Gerade an diesem Punkt wirkt die Wickie-Rede wie eine unfreiwillige Offenbarung. Die europäische Verkehrspolitik ist nämlich kein Zeichentrickfilm. Sie besteht aus Infrastruktur, Investitionen, Energieversorgung, Industriepolitik, Technologie, Wettbewerb und internationalen Lieferketten. Milliardenbeträge hängen daran. Millionen Arbeitsplätze ebenfalls. Wer solche Fragen mit Kinderfernsehen illustriert, signalisiert ungewollt, dass zwischen politischer Kommunikation und politischer Substanz inzwischen eine beachtliche Lücke entstanden ist.
Das Europäische Parlament als Pädagogische Hochschule
Vielleicht ist dies ohnehin die eigentliche Tragödie der Gegenwart. Das Europäische Parlament wurde einst als demokratisches Machtzentrum einer kontinentalen Ordnung gedacht. Heute erinnert es gelegentlich an ein gigantisches Seminar für politische Bewusstseinsbildung.
Statt Machtpolitik gibt es Narrative. Statt Interessen gibt es Haltungen. Statt Strategie gibt es Betroffenheit. Und statt einer nüchternen Analyse europäischer Verkehrsprobleme erhält das Publikum eine Erinnerung an eine Zeichentrickserie, die erstmals ausgestrahlt wurde, als viele Abgeordnete noch nicht einmal geboren waren.
Die Szene besitzt eine gewisse Schönheit. Während China Hochgeschwindigkeitsstrecken baut, die Vereinigten Staaten über industrielle Renaissance diskutieren und Indien Infrastrukturprojekte in Dimensionen verwirklicht, die europäische Ausschüsse in Ehrfurcht erstarren lassen würden, debattiert Europa über Wickie.
Man möchte fast glauben, die berühmte Nase des kleinen Wikingers sei inzwischen zum offiziellen Symbol europäischer Politik geworden. Nicht mehr das Sternenbanner, nicht mehr die Hymne, nicht mehr die Verträge von Rom. Stattdessen ein Parlament voller Menschen, die sich nachdenklich an die Nase greifen und hoffen, dass sich die Realität den Metaphern anpasst.
Die letzte Pointe
Die eigentliche Komik liegt jedoch woanders.
Wickie war erfolgreich, weil er Probleme löste.
Die moderne europäische Politik ist häufig erfolgreich darin, Probleme zu benennen, Arbeitsgruppen einzusetzen, Stakeholderprozesse einzuleiten, Kommunikationsstrategien zu entwickeln und anschließend feierlich zu verkünden, dass weiterer Diskussionsbedarf besteht.
Wickie hätte vermutlich längst die Geduld verloren.
Vielleicht wäre das die wirklich passende Metapher gewesen. Nicht Europa als Schiff der starken Männer. Sondern Europa als endlose Folge von Zeichentrickepisoden, in denen jede Woche dieselbe Krise auftaucht, dieselben Figuren dieselben Dialoge führen und am Ende alles genauso bleibt wie zuvor.
Nur dass im Kinderfernsehen nach zwanzig Minuten wenigstens die Lösung präsentiert wird.