Postkolonialismus

oder Moralische Selbstüberhöhung durch moralische Selbsterniedrigung

Es gehört zu den eigentümlichen Erscheinungen moderner Gesellschaften, dass sie sich umso moralisch überlegen fühlen, je entschlossener sie ihre eigene Geschichte verachten. Frühere Zivilisationen errichteten Triumphbögen, schrieben Heldengedichte, meißelten Siege in Stein und bemühten sich, ihre Vorfahren wenigstens mit einem Mindestmaß an Respekt zu behandeln. Die westliche Gegenwartskultur hingegen hat ein neues Kunststück vollbracht: Sie verwandelt Selbstanklage in eine Form der Selbstverherrlichung. Wer die eigene Geschichte ausreichend verdammt, wer die eigenen Vorfahren mit genügend Nachdruck anklagt und die eigene Kultur mit ausreichender Inbrunst problematisiert, darf sich als moralisch gereinigt betrachten. Aus der alten Arroganz des Kolonialismus ist die neue Arroganz des Postkolonialismus geworden. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass früher die Überlegenheit aus der Behauptung resultierte, zivilisierter als andere zu sein, während sie heute daraus entsteht, schuldiger als andere zu sein. Die Hierarchie bleibt erhalten. Lediglich die Richtung des moralischen Zeigefingers hat sich geändert.

Die Lust an der Selbstanklage

Der Postkolonialismus begann ursprünglich als durchaus legitimes Forschungsfeld. Historiker und Sozialwissenschaftler untersuchten die Auswirkungen kolonialer Herrschaft, analysierten Machtstrukturen und fragten nach den langfristigen Folgen imperialer Expansion. Dagegen lässt sich wenig einwenden. Jede ernsthafte Geschichtswissenschaft muss sich mit Herrschaft, Gewalt und Ausbeutung befassen. Doch wie so häufig in der Geschichte der Ideen verwandelte sich eine Methode allmählich in eine Weltanschauung und schließlich in eine Ersatzreligion. Aus der Untersuchung kolonialer Phänomene wurde die Überzeugung, praktisch sämtliche Probleme der Gegenwart seien letztlich auf den Kolonialismus zurückzuführen. Wo früher Gott als universelle Erklärung diente, trat nun das Imperium. Armut? Kolonialismus. Korruption? Kolonialismus. Bürgerkrieg? Kolonialismus. Schlechte Verwaltung? Kolonialismus. Misslungene Wirtschaftsreformen? Natürlich Kolonialismus. Die intellektuelle Eleganz dieser Theorie liegt in ihrer Unwiderlegbarkeit. Wer widerspricht, bestätigt lediglich die Existenz jener verborgenen Machtstrukturen, die gerade kritisiert werden.

Das Ergebnis ähnelt gelegentlich einem historischen Monokausalismus von bemerkenswerter Fantasiearmut. Gesellschaften mit völlig unterschiedlichen Traditionen, Religionen, Wirtschaftsstrukturen und politischen Kulturen erscheinen nur noch als Opfer einer einzigen Ursache. Die Menschen selbst verschwinden hinter den Strukturen. Eigenverantwortung wird zum kolonialen Konzept erklärt. Handlungsmacht gilt als verdächtig. Wer scheitert, ist Opfer. Wer Erfolg hat, profitiert von Privilegien. Wer Verantwortung fordert, reproduziert Herrschaft. Es handelt sich um eine Weltanschauung, die den Menschen ständig befreien möchte und ihn dabei ununterbrochen entmündigt.

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Der Adel der Schuldigen

Besonders bemerkenswert ist die soziale Funktion dieser Denkweise. Die öffentliche Selbstanklage erfüllt längst dieselbe Rolle, die einst die öffentliche Frömmigkeit innehatte. Schuld wird demonstrativ bekannt, allerdings nicht, um Vergebung zu erlangen, sondern um moralisches Prestige zu erwerben. Der moderne Bildungsbürger erklärt mit ernster Miene, seine Gesellschaft sei von Rassismus, Imperialismus, Ausbeutung und struktureller Gewalt geprägt. Das Publikum nickt anerkennend. Niemand fragt, weshalb ausgerechnet jene Menschen, die diese Vorwürfe formulieren, fast immer den wohlhabendsten, privilegiertesten und einflussreichsten Schichten angehören. Der neue moralische Adel besteht nicht trotz seiner Schuld, sondern wegen seiner Schuld. Wer sich als Erbe historischer Verbrechen präsentiert, erhebt sich gleichzeitig über jene, die angeblich noch nicht genügend Schuldbewusstsein entwickelt haben.

Hier zeigt sich die eigentliche Ironie. Die moralische Selbsterniedrigung dient der moralischen Selbstüberhöhung. Derjenige, der erklärt, wie schrecklich seine eigene Kultur sei, beansprucht zugleich die Autorität, allen anderen Kulturen Lektionen über Moral zu erteilen. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Form intellektueller Akrobatik. Europa wird als Hort historischer Verbrechen beschrieben, während europäische Universitäten gleichzeitig die Zentren der globalen Moralerziehung bleiben. Die westliche Zivilisation gilt als grundsätzlich problematisch, doch ihre Begriffe von Menschenrechten, Gleichheit, Antidiskriminierung und individueller Freiheit werden als universelle Normen exportiert. Selbst die Kritik des Westens erfolgt fast ausschließlich mit westlichen Kategorien.

Die Erfindung des ewigen Opfers

Keine Religion kommt ohne Heilige aus, und keine Ersatzreligion ohne Opferfiguren. Der Postkolonialismus hat deshalb eine bemerkenswerte Hierarchie des Leidens geschaffen. Gesellschaften und Gruppen werden nach ihrer historischen Opferrolle eingeordnet. Je größer die zugeschriebene Opfererfahrung, desto höher das moralische Ansehen. Die paradoxe Folge besteht darin, dass Leid politisch wertvoll wird. Opferstatus entwickelt sich zu einer Form symbolischen Kapitals.

Dabei entsteht eine seltsame Konkurrenz der Benachteiligungen. Nicht mehr Leistungen, Ideen oder Errungenschaften stehen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Anerkennung, sondern historische Verwundungen. Ganze Nationen erscheinen nur noch als Opfergeschichten. Die Komplexität realer Gesellschaften verschwindet hinter einem moralischen Schwarz-Weiß-Gemälde, das jede Differenzierung als verdächtig betrachtet. Der Kolonialherr wird zum ewigen Täter, der Kolonisierte zum ewigen Opfer. Dass Geschichte meistens komplizierter verläuft, dass Imperien unterschiedlicher Herkunft existierten, dass afrikanische, arabische, asiatische und amerikanische Herrschaftssysteme ebenfalls Expansion, Sklaverei und Eroberung kannten, passt nur schlecht in dieses Schema. Die Wirklichkeit stört die Reinheit der Moral.

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Die Romantisierung des Anderen

Zu den eigentümlichsten Zügen postkolonialen Denkens gehört die Verklärung nichtwestlicher Gesellschaften. Während die eigene Kultur einer schonungslosen Kritik unterzogen wird, begegnet man fremden Kulturen oft mit einer Mischung aus Ehrfurcht und infantilisiertem Wohlwollen. Traditionen, die im Westen als autoritär, patriarchal oder illiberal kritisiert würden, erscheinen plötzlich als schützenswerte kulturelle Besonderheiten. Der Maßstab verändert sich je nach Herkunft des betreffenden Phänomens.

Diese Haltung verrät weniger Respekt vor fremden Kulturen als eine subtile Form der Herablassung. Denn echte Gleichbehandlung bedeutet, überall dieselben Maßstäbe anzulegen. Wer jedoch bestimmte Gesellschaften grundsätzlich von Kritik ausnimmt, behandelt sie nicht als gleichwertige Partner, sondern als ewige Schutzbefohlene. Der angebliche Antikolonialismus reproduziert damit ungewollt genau jene paternalistische Haltung, die er zu bekämpfen vorgibt.

Die Universität als Beichtstuhl

Besonders sichtbar wird dieses Phänomen in den akademischen Milieus der westlichen Welt. Dort hat sich eine bemerkenswerte Kultur ritualisierter Selbstkritik entwickelt. Seminare ähneln gelegentlich theologischen Übungen, bei denen weniger die Wahrheitssuche als die korrekte Positionierung im moralischen Raum zählt. Wörter werden überwacht, Formulierungen katalogisiert, historische Schuldverhältnisse vermessen wie mittelalterliche Theologen die Eigenschaften von Engeln.

Der französische Philosoph Pascal Bruckner sprach einst von der „Tyrannei der Reue“. Der Ausdruck trifft einen zentralen Punkt. Reue war traditionell ein Mittel zur Versöhnung mit der Vergangenheit. Heute scheint sie häufig zum Selbstzweck geworden zu sein. Die Vergangenheit wird nicht aufgearbeitet, sondern konserviert. Schuld soll nicht überwunden werden. Sie soll bewahrt werden, weil sie zur Grundlage moralischer Identität geworden ist.

Das Ende der Geschichte als Dauerprozess

Der vielleicht größte Erfolg des Postkolonialismus besteht darin, Geschichte in einen ewigen Gerichtssaal verwandelt zu haben. Die Vergangenheit vergeht nicht mehr. Sie bleibt dauerhaft anwesend, bereit für neue Anklagen, neue Schuldbekenntnisse und neue symbolische Bußübungen. Jede Generation wird zum Angeklagten für Verbrechen, die sie nicht begangen hat, und gleichzeitig zum Richter über Menschen, die längst tot sind. Die historische Distanz verschwindet. Alles wird Gegenwart. Alles wird Moral.

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Doch eine Gesellschaft, die sich ausschließlich über Schuld definiert, verliert irgendwann die Fähigkeit zur Selbstbehauptung. Wer seine Geschichte nur noch als Verbrechensgeschichte betrachtet, wird auch seine Zukunft kaum als Erfolgsgeschichte denken können. Aus kritischer Selbstreflexion wird Selbstverachtung. Aus historischer Verantwortung wird kulturelle Erschöpfung. Und aus dem berechtigten Wunsch nach Gerechtigkeit entsteht jene eigentümliche Mischung aus Moralismus, Narzissmus und Geschichtsvergessenheit, die den postkolonialen Zeitgeist so unverwechselbar macht.

Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieses Denkens. Der Kolonialismus war einst von der Überzeugung getragen, anderen Völkern erklären zu können, wie sie zu leben hätten. Der Postkolonialismus erklärt heute anderen Völkern, wie sie über den Kolonialismus zu denken haben. Die Bühne hat sich verändert, die Kostüme wurden ausgetauscht, die Sprache ist eine andere geworden. Doch der pädagogische Impuls, die Welt moralisch anzuleiten, ist erstaunlich lebendig geblieben. Manche Imperien verschwinden offenbar nicht. Sie wechseln lediglich ihre Uniform.