Die Freiheit des Lärms

Zu den bemerkenswertesten Eigentümlichkeiten moderner Demokratien gehört die Vorstellung, dass Freiheit zwar grundsätzlich begrüßenswert sei, allerdings möglichst geräuschlos, konfliktfrei, höflich, zertifiziert und unter Aufsicht einer ausreichend großen Zahl von Moderatoren, Faktenprüfern, Verhaltensbeauftragten und gesellschaftlichen Hygienikern stattfinden müsse. Man liebt die Freiheit ungefähr so, wie man Gewitter liebt: als interessantes Naturphänomen, solange es nicht vor der eigenen Haustür einschlägt. Sobald Meinungen laut werden, sobald Streit nicht mehr den Charakter einer Podiumsdiskussion mit Mineralwasser und Namensschildern besitzt, sondern die ungehobelte Direktheit des wirklichen Lebens annimmt, beginnt das große Zittern. Dann erscheinen jene Stimmen auf der Bühne, die zwar unermüdlich von Meinungsfreiheit sprechen, deren Verhältnis zu ihr aber dem eines Museumsdirektors zu einem lebenden Tiger ähnelt: Man bewundert das Tier, solange es ausgestopft hinter Glas steht.

Besonders eindrucksvoll lässt sich dieses Phänomen am Umgang mit sozialen Netzwerken beobachten, insbesondere mit X. Kaum eine Plattform hat in den vergangenen Jahren derart viele Klagen, Warnungen, Untergangsprophezeiungen und moralische Notstandsberichte hervorgerufen. Wer die einschlägigen Kommentare liest, gewinnt bisweilen den Eindruck, dort herrsche ein Zustand zwischen Bürgerkrieg, mittelalterlichem Marktplatz und dem letzten Tag von Pompeji. Die Sprache sei zu rau, die Debatten zu scharf, die Umgangsformen zu grob, die Meinungen zu ungefiltert. Mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit wird daraus derselbe Schluss gezogen: Mehr Kontrolle müsse her. Mehr Aufsicht. Mehr Regulierung. Mehr Eingriffe. Mehr Schutz vor den Mitmenschen.

Die Sehnsucht nach dem gepolsterten Diskurs

Dabei bleibt eine Frage erstaunlich oft unbeantwortet: Weshalb sollte eine Plattform, auf der Millionen Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Temperamenten, Bildungsgraden, politischen Ansichten und kulturellen Hintergründen zusammentreffen, überhaupt wie ein gepflegter Kurpark wirken? Die Geschichte der freien Rede bietet wenig Anlass für eine solche Erwartung. Freiheit war nie ein Synonym für Eleganz. Sie war laut, unerquicklich, gelegentlich beleidigend, oft unerquicklich und manchmal sogar unerquicklich in einer Weise, die mehrere Generationen von Feuilletonisten gleichzeitig erschauern ließe.

Schon der große englische Philosoph John Stuart Mill verteidigte die Freiheit nicht deshalb, weil alle Meinungen vernünftig seien, sondern gerade weil viele es nicht sind. Eine Gesellschaft, die nur wohltemperierte Ansichten zulässt, produziert keine Freiheit, sondern Langeweile mit Verwaltungsapparat. Auch George Orwell bemerkte bekanntlich, Freiheit bedeute das Recht, den Menschen das zu sagen, was sie nicht hören wollen. Er schrieb nicht: Freiheit bedeutet das Recht, sich innerhalb der Grenzen eines von Kommunikationsberatern genehmigten Gesprächsleitfadens zu bewegen.

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Der Wunsch nach einem vollständig harmonischen öffentlichen Raum erinnert daher an den Wunsch nach einem Ozean ohne Wellen. Beides mag ästhetisch ansprechend erscheinen, setzt aber die Abschaffung der jeweiligen Naturgesetze voraus.

Die Fluchtmöglichkeiten der Moderne

Noch bemerkenswerter wird die Empörung über den Ton auf X angesichts einer simplen Tatsache: Niemand ist dort gefangen. Anders als in den alten Monopolzeiten des Rundfunks existiert heute eine nahezu unüberschaubare Zahl digitaler Alternativen. Plattformen entstehen, wachsen, verschwinden und werden ersetzt. Manche setzen auf strenge Moderation, andere auf lockere Regeln, wieder andere auf spezialisierte Gemeinschaften. Das digitale Universum gleicht einem gigantischen Einkaufszentrum mit tausend Ausgängen.

Wer den Ton auf X als unerträglich empfindet, kann die Plattform verlassen. Sofort. Ohne Genehmigungsantrag, ohne Visum, ohne Fluchtkorridor der Vereinten Nationen. Ein Klick genügt. Es gibt keine Mauern, keine Grenzposten und keine ideologischen Umerziehungslager für Aussteiger. Dennoch wird häufig so argumentiert, als handle es sich um eine Art verpflichtenden Staatsdienst, dessen Bedingungen von Regierungsstellen nachgebessert werden müssten.

Die Logik dahinter besitzt einen eigentümlichen Charakter. Niemand würde ernsthaft verlangen, sämtliche Rockkonzerte müssten künftig die Lautstärke eines Streichquartetts annehmen, weil manche Besucher empfindliche Ohren haben. Niemand käme auf die Idee, jede Kneipe in ein Kloster umzuwandeln, weil einige Gäste lieber meditieren möchten. Doch im digitalen Raum erscheint vielen die Forderung selbstverständlich, jede Plattform müsse den Geschmack jener widerspiegeln, die sie gerade kritisieren.

Der Preis der Freiheit ist der Mitmensch

In Wahrheit liegt das Problem oft tiefer. Viele Menschen lieben die Meinungsfreiheit in der Theorie und hassen ihre praktischen Begleiterscheinungen. Sie begrüßen das Recht auf freie Rede, solange die Rede vernünftig, höflich, ausgewogen und vorzugsweise mit den eigenen Ansichten kompatibel bleibt. Sobald andere dieses Recht in Anspruch nehmen, verwandelt sich das Freiheitsideal erstaunlich schnell in eine Sicherheitsfrage.

Der eigentliche Skandal freier Gesellschaften besteht nämlich nicht darin, dass Menschen reden dürfen. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass auch die Falschen reden dürfen. Die Lauten. Die Schrillen. Die Groben. Die Besserwisser. Die Fanatiker. Die Provokateure. Die Narren. Die Selbstdarsteller. Die Unbelehrbaren. Kurz gesagt: all jene Personen, die schon auf Familienfeiern den Eindruck erwecken, als habe die Evolution gelegentlich aus Gründen der Unterhaltung auf Qualitätskontrolle verzichtet.

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Freiheit bedeutet nicht die Abwesenheit solcher Menschen. Freiheit bedeutet die Notwendigkeit, sie auszuhalten.

Die Bürokratisierung des Denkens

Daraus ergibt sich ein weiterer Widerspruch der Gegenwart. Ausgerechnet jene Gesellschaften, die ihre historische Größe der Offenheit, dem Wettbewerb der Ideen und der Skepsis gegenüber staatlicher Kontrolle verdanken, entwickeln zunehmend eine Vorliebe für die Bürokratisierung von Kommunikation. Jede Kontroverse erzeugt neue Forderungen nach Eingriffen. Jede Beleidigung wird zum Anlass regulatorischer Fantasien. Jeder digitale Streit scheint den Ruf nach einer neuen Behörde hervorzurufen.

Man gewinnt den Eindruck, als sei irgendwo ein Ministerium für gesellschaftliche Befindlichkeiten in Planung, ausgestattet mit mehreren Unterabteilungen für verletzte Gefühle, missglückte Witze und unzureichend sensible Formulierungen.

Doch die Geschichte liefert wenig Hinweise darauf, dass die Verwaltung von Meinungen jemals zu mehr Freiheit geführt hätte. Behörden besitzen viele Talente. Sie können Formulare produzieren, Zuständigkeiten erweitern und Sitzungen organisieren. Die Herstellung geistiger Lebendigkeit gehört nicht dazu. Wo Diskurse zu stark kontrolliert werden, entsteht selten Weisheit. Meist entsteht Konformität, gelegentlich Heuchelei und fast immer Langeweile.

Die demokratische Kunst des Ignorierens

Vielleicht besteht eine der unterschätztesten Tugenden freier Gesellschaften in der Fähigkeit zum Ignorieren. Nicht jede Meinung verlangt Zustimmung. Nicht jede Provokation verlangt Empörung. Nicht jede Geschmacklosigkeit verlangt Regulierung. Manches darf schlicht als Unsinn erkannt und anschließend vergessen werden.

Gerade soziale Medien verleiten dazu, jede Äußerung für weltgeschichtlich bedeutsam zu halten. Dabei handelt es sich häufig nur um den digitalen Nachfolger jener Stammtischgespräche, die seit Jahrhunderten stattfinden, ohne dass deswegen ganze Zivilisationen zusammenbrechen. Das Internet hat vielen Menschen keine neue Dummheit verliehen. Es hat ihr lediglich Breitbandanschluss verschafft.

Wer daraus den Schluss zieht, die Freiheit müsse eingeschränkt werden, verwechselt Ursache und Sichtbarkeit. Der Mensch war bereits vor dem Internet kompliziert. Das Internet hat ihn lediglich besser ausgeleuchtet.

Schlussbetrachtung

X mag laut sein, unerquicklich, chaotisch, gelegentlich unerquicklich in mehreren Dimensionen gleichzeitig und oft ein Ort, an dem die Menschheit ihre weniger eleganten Seiten präsentiert. Doch genau darin liegt auch eine seiner demokratischen Eigenschaften. Freiheit klingt selten wie ein Streichquartett. Häufig klingt sie eher wie ein überfüllter Marktplatz, auf dem Händler, Prediger, Narren, Philosophen und Scharlatane gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen.

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Der Wunsch, diesen Marktplatz vollständig zu befrieden, entspringt einer verständlichen Sehnsucht nach Ordnung. Doch Ordnung ist nicht dasselbe wie Freiheit. Zwischen beiden besteht seit Jahrhunderten ein Spannungsverhältnis. Wo Freiheit groß ist, wird der Ton gelegentlich rau. Wo jede Rauheit verschwindet, ist oft auch die Freiheit auf dem Rückzug.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung moderner Demokratien deshalb nicht darin, jede unbequeme Stimme zum Schweigen zu bringen. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, die alte, anstrengende und manchmal nervenaufreibende Kunst wiederzuentdecken, Freiheit auszuhalten – selbst dann, wenn sie laut spricht.