Der Kanzler, der vom Golfplatz grüßt

Es gibt politische Auftritte, die hinterlassen den Eindruck staatsmännischer Größe. Andere vermitteln wenigstens die beruhigende Gewissheit, dass der Redner die grundlegenden Machtverhältnisse seiner eigenen Rolle verstanden hat. Und dann gibt es jene seltenen Momente, in denen ein Regierungschef vor den wichtigsten Leistungsträgern seines Landes erscheint, um ihnen vor laufender Kulisse zu erklären, dass sie eigentlich selbst schuld an ihren Problemen seien. Der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz beim Tag der Familienunternehmer gehörte unverkennbar zur dritten Kategorie. Es war ein Schauspiel von bemerkenswerter Ironie: Der Mann, der einst als Verkörperung wirtschaftlicher Kompetenz galt, hielt den versammelten Unternehmern eine Vorlesung darüber, wie Unternehmertum funktioniert. Es war ungefähr so, als würde ein Orchesterdirigent einem Rudel Wölfe erklären, wie man jagt.

Dabei begann alles noch vergleichsweise harmlos. Die üblichen Formeln wurden vorgetragen, die bekannten Appelle an Mut, Aufbruch und wirtschaftliche Erneuerung. Deutschland müsse wieder ein Wirtschaftswunder schaffen. Das Land brauche Zuversicht. Die Gesellschaft müsse sich bewegen. Solche Sätze gehören mittlerweile zum festen Inventar politischer Reden wie die Rettungswesten zur Ausstattung eines Kreuzfahrtschiffes. Niemand erwartet ernsthaft, dass sie gebraucht werden, aber ohne sie fühlt sich die Veranstaltung unvollständig an. Doch schon in den ersten Minuten schimmerte ein bemerkenswertes Selbstverständnis durch. Der Kanzler sprach über Deutschland, als beobachte er die Lage aus einer Loge über den Ereignissen. Die Republik erschien als ein eigenständiger Organismus, dessen Verhalten ihn gleichermaßen verwundere wie frustriere. Fast hätte man vergessen können, dass dort kein außenstehender Kommentator sprach, sondern der Regierungschef selbst.

Besonders aufschlussreich war dabei der Vergleich mit der Nachkriegszeit. Es sei schwieriger, eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, als ein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Der Satz besitzt jene eigentümliche Mischung aus Pathos und Selbstüberschätzung, die nur Spitzenpolitiker in Vollendung beherrschen. Der Wiederaufbau nach 1945, die Trümmerstädte, die Millionen Heimatvertriebenen, die zerstörte Infrastruktur, die Hungerwinter und die existenzielle Unsicherheit einer ganzen Nation schrumpfen in dieser Logik zu einer überschaubaren Fingerübung gegenüber den Mühen moderner Regierungsarbeit. Man möchte fast dankbar sein, dass niemand auf die Idee kam, die Mondlandung oder die Entdeckung des Penicillins ebenfalls als weniger anspruchsvoll zu deklarieren als die Verwaltung einer Koalition im Berlin des Jahres 2026.

Die große Belehrung der Fleißigen

Der eigentliche Höhepunkt des Nachmittags begann jedoch erst, als die Unternehmer ihre Erfahrungen schilderten. Hier offenbarte sich ein bemerkenswertes Muster moderner Politik. Sobald Menschen, die Unternehmen führen, Arbeitsplätze schaffen und Investitionsentscheidungen treffen, von Problemen berichten, entsteht regelmäßig der Eindruck, sie hätten eine Art Kategorienfehler begangen. Schließlich sollen Unternehmer investieren, Risiken tragen und Steuern zahlen. Sie sollen jedoch möglichst nicht darauf bestehen, dass die politischen Rahmenbedingungen vernünftig sind. Wer dies dennoch tut, wird rasch in die Rolle des notorischen Nörglers gedrängt.

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Als Unternehmervertreter auf die Belastungen durch Regulierung, Bürokratie und wirtschaftspolitische Unsicherheit hinwiesen, reagierte der Kanzler nicht mit neugieriger Aufmerksamkeit, sondern mit jener Mischung aus Gereiztheit und pädagogischem Eifer, die sonst eher von Oberstudienräten am Ende eines langen Schultages bekannt ist. Plötzlich stand nicht mehr die Frage im Raum, weshalb Unternehmer frustriert sind. Vielmehr mussten sich die Unternehmer rechtfertigen, weshalb sie überhaupt frustriert sein durften.

Das Herzstück dieser Belehrung war die Forderung, häufiger in Talkshows aufzutreten. Die Diagnose lautete sinngemäß: Das Problem des Unternehmertums sei nicht die politische Wirklichkeit, sondern dessen mangelnde Sichtbarkeit im Fernsehen. Es war ein Gedanke von erfrischender Originalität. Jahrzehntelang glaubte man irrtümlich, die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft hänge von Energiepreisen, Steuern, Infrastruktur, Bildung oder Innovationsfähigkeit ab. Nun stellte sich heraus, dass der eigentliche Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg in Sonntagabenddiskussionen zwischen Berufsempörten, Aktivisten, Moderatoren und gelegentlichen Politikern liegt.

Besonders eindrucksvoll war die implizite Logik dieses Vorwurfs. Unternehmer, die täglich mit Märkten, Lieferketten, Mitarbeitern, Investitionen und internationalem Wettbewerb beschäftigt sind, sollen ihre Zeit künftig verstärkt in Fernsehstudios verbringen. Wenn Produktionsstandorte schließen, Investitionen ins Ausland abwandern oder Nachfolger fehlen, dann vielleicht deshalb, weil zu wenige Vorstandsvorsitzende Podcasts aufnehmen. Die deutsche Wirtschaft, so könnte man diese Sichtweise zusammenfassen, leidet weniger an strukturellen Problemen als an einem Mangel an medialer Selbstdarstellung.

Der Golfplatz als politisches Feindbild

Unsterblich wurde der Auftritt schließlich durch den Satz, mehr Unternehmer auf Golfplätzen als in Talkshows anzutreffen. Es war einer jener Momente, in denen ein Politiker glaubt, eine schlagfertige Bemerkung gemacht zu haben, während er in Wahrheit einen ganzen Kosmos von Vorurteilen offenbart.

Der Golfplatz besitzt in Deutschland seit jeher eine eigentümliche Funktion. Er ist weniger Sportanlage als Projektionsfläche. Wer Golf spielt, gilt automatisch als privilegiert. Wer ein Unternehmen besitzt und Golf spielt, wird endgültig zur Karikatur des Kapitalismus. Die Vorstellung vom älteren Firmenchef, der zwischen zwei Abschlägen Gewinne zählt und sich anschließend von seinem Personal die Schläger tragen lässt, gehört zum Inventar gesellschaftlicher Folklore. Dass die meisten Unternehmer ihre Wochenenden mit Akten, Zahlen, Personalfragen oder schlaflosen Gedanken über die Zukunft ihrer Betriebe verbringen, stört die Romantik dieser Erzählung nur unnötig.

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Gerade deshalb wirkte die Bemerkung so bemerkenswert. Ein Kanzler, der sich über die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung des Unternehmertums beklagt, bedient ausgerechnet jenes Klischee, das zur Entwertung dieser Gruppe seit Jahren beiträgt. Die Unternehmer sollen sichtbarer werden, aber wenn sie sichtbar werden, erscheinen sie als Golfspieler. Man kann sich schwerlich eine effektivere Methode vorstellen, Menschen gleichzeitig zur Teilnahme einzuladen und sie dabei zu verspotten.

Wenn die Realität zurückschlägt

Der eigentliche Zusammenstoß erfolgte jedoch, als Nicola Leibinger-Kammüller von Unternehmern berichtete, die ihre Betriebe nicht mehr an die nächste Generation weitergeben wollen. Dieser Satz hätte eigentlich die zentrale Botschaft des Tages sein müssen. Denn in ihm steckt mehr Sprengkraft als in tausend Sonntagsreden über Innovation und Zukunftsvertrauen. Wenn Familienunternehmer beginnen, ihre Lebenswerke abzuwickeln, weil sie keine Perspektive mehr erkennen, dann handelt es sich nicht um eine Stimmungsschwankung. Es ist ein Alarmsignal.

Doch die politische Reaktion fiel bemerkenswert aus. Anstatt die Schilderung wirken zu lassen, verwandelte sich die Diskussion in eine Erklärung der parlamentarischen Arithmetik. Die fehlende absolute Mehrheit wurde zum zentralen Argument. Die Koalition wurde zur Entschuldigung. Die Sachzwänge wurden zu Hauptdarstellern.

Hier zeigte sich der tiefe kulturelle Graben zwischen Politik und Unternehmertum. Unternehmer leben in einer Welt, in der Entscheidungen getroffen werden müssen, auch wenn die Umstände unerquicklich sind. Märkte akzeptieren keine Ausreden. Banken finanzieren keine Rechtfertigungen. Kunden kaufen keine Entschuldigungen. Politik hingegen hat über Jahrzehnte eine Kunst perfektioniert, die in Unternehmen meist zur Insolvenz führt: das Verwalten der Unvermeidlichkeit.

Der Unternehmer fragt: „Was ist zu tun?“ Der Politiker antwortet: „Was ist möglich?“ Der Unternehmer denkt in Ergebnissen. Der Politiker denkt in Mehrheiten. Der Unternehmer verliert Geld, wenn er sich irrt. Der Politiker verliert bestenfalls Prozentpunkte.

Die Republik der Ausreden

Vielleicht war gerade deshalb dieser Nachmittag so aufschlussreich. Er zeigte nicht bloß einen gereizten Kanzler oder einige frustrierte Unternehmer. Er offenbarte zwei Welten, die zunehmend unterschiedliche Sprachen sprechen. Auf der einen Seite Menschen, die täglich erleben, wie internationale Wettbewerber schneller entscheiden, günstiger produzieren und aggressiver investieren. Auf der anderen Seite ein politischer Betrieb, der selbst offensichtliche Probleme zunächst durch Arbeitskreise, Kommissionen, Gipfel, Konsultationen und Strategieprozesse schleust, bis jede Dringlichkeit verdunstet ist.

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Dabei liegt die eigentliche Tragik nicht im Streit selbst. Streit zwischen Wirtschaft und Politik hat es immer gegeben. Neu ist die gegenseitige Entfremdung. Der Unternehmer erscheint dem Politiker zunehmend als wohlhabender Sonderinteressent. Der Politiker erscheint dem Unternehmer zunehmend als Verwalter eines Systems, das sich selbst wichtiger geworden ist als die Voraussetzungen seines Wohlstands.

Der Nachmittag im Adlon war deshalb weit mehr als eine missglückte Podiumsdiskussion. Er war ein kleines Lehrstück über den Zustand einer Nation, die sich noch immer für eine Wirtschaftsmacht hält, während sie zugleich jene Menschen belehrt, auf deren Leistungsfähigkeit diese Wirtschaftsmacht beruht. Man könnte darüber lachen, und tatsächlich besitzt das Ganze eine gewisse komische Qualität. Ein Kanzler beklagt mangelnden Unternehmergeist vor Unternehmern. Unternehmer beklagen politische Lähmung vor Politikern. Beide Seiten sitzen im selben Saal und reden doch über verschiedene Länder.

Und irgendwo zwischen Brandenburger Tor und Golfplatz schwebt die große Frage über der Szene: Wer wird am Ende recht behalten? Die Unternehmer, die ihre Betriebe schließen wollen, oder die Politiker, die ihre Talkshows füllen wollen? Die Antwort dürfte sich nicht in Fernsehstudios entscheiden. Sie wird sich dort entscheiden, wo immer entschieden wird, ob Wohlstand entsteht oder verschwindet: in Fabrikhallen, Werkstätten, Laboren und Investitionsplänen. Orte also, die merkwürdigerweise nur selten als Kulisse politischer Selbstvergewisserung dienen.

Bis dahin bleibt das Bild eines Kanzlers, der den Unternehmern zuruft, sie müssten hinausgehen und der Bevölkerung ihr Gesicht zeigen. Ein bemerkenswerter Appell. Denn selten hat eine politische Veranstaltung so deutlich gezeigt, dass das eigentliche Problem nicht die Unsichtbarkeit der Unternehmer ist. Sichtbar wurde vielmehr die tiefe Ratlosigkeit einer politischen Klasse, die zunehmend den Eindruck erweckt, sie sei vom Zuschauer zum Akteur und vom Akteur wieder zum Zuschauer geworden – und bemerke den Unterschied nicht einmal mehr.