Flug Kapitalismus

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der moderne Luftverkehr endgültig dort landete, wo alle spätmodernen Heilsversprechen enden: im Bereich der theologischen Spitzfindigkeit. Einst war das Fliegen die sakrale Handlung einer mobilen Mittelklasse, die zwischen Duty-free-Parfum und Sicherheitskontrolle glaubte, der Geschichte davonzufliegen. Heute hingegen sitzt der europäische Passagier in Terminalhallen wie ein mittelalterlicher Büßer vor einer Kathedrale aus Glas und Aluminium, beobachtet die Anzeigetafel wie ein Orakelbrett und wartet darauf, ob der Flug nach Palma de Mallorca, Athen oder Kopenhagen dem Schicksal geopfert wird, weil irgendwo im Persischen Golf ein Tanker schief im Wasser liegt und der Ölpreis sich wieder benimmt wie ein kokainsüchtiger Hedgefondsmanager auf einem Derivatemarkt.

Die Europäische Kommission bemüht sich derweil um jene eigentümliche rhetorische Gymnastik, die nur supranationale Verwaltungsapparate vollkommen beherrschen: beruhigen und vorbereiten zugleich. Einerseits gebe es „keine konkreten Hinweise auf Treibstoffengpässe“. Andererseits müsse der Flugbranche „Flexibilität ermöglicht“ werden. Das klingt ungefähr so vertrauenserweckend wie die Durchsage eines Kapitäns, der mitteilt, es gebe keinerlei Anlass zur Sorge, während bereits die Sauerstoffmasken aus der Decke fallen. „Flexibilität“ ist ohnehin eines jener Wörter, die im neoliberalen Wörterbuch dieselbe Funktion erfüllen wie Weihrauch im Hochamt: Es verdeckt den Geruch des Verfalls. Flexibel sollen stets die anderen sein. Arbeitnehmer flexibel. Konsumenten flexibel. Bürger flexibel. Nur Dividenden, Vorstandsgehälter und Aktienrückkäufe genießen eine Stabilität, die sonst nur altägyptischen Pyramiden zukommt.

Die Ironie der Lage besteht darin, dass ausgerechnet jene Branche, die jahrzehntelang den Mythos grenzenloser Mobilität verkaufte, nun an der banalen Tatsache scheitert, dass Flugzeuge ohne Kerosin ungefähr denselben Nutzwert besitzen wie vergoldete Badewannen. Jahrzehntelang wurde das Fliegen zum demokratischen Menschenrecht erklärt. Wochenendtrip nach Barcelona für 29 Euro, Junggesellenabschied in Riga, Yoga-Retreat auf Kreta, Nachhaltigkeitskonferenz in Singapur – alles erschien möglich in jener Epoche, in der die Weltwirtschaft glaubte, physikalische Grenzen seien bloß schlechte Laune der Naturwissenschaft. Nun jedoch stellt sich heraus, dass selbst der billigste Billigflug noch immer auf einem fossilen Inferno basiert, das irgendwo zwischen Hormus, Spekulation und geopolitischem Wahnsinn entzündet wird.

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Der Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikosta sprach Ende April von „vorübergehenden Änderungen der Gesetzgebung“, falls sich die Lage verschlechtern sollte. Ein Satz von wunderbarer europäischer Trockenheit. In Brüssel verschlechtern sich Lagen niemals katastrophal; sie „entwickeln sich dynamisch“. Staaten kollabieren nicht; sie erleben „Herausforderungen“. Menschen verarmen nicht; sie „passen ihre Konsumgewohnheiten an“. Und Passagierrechte verschwinden nicht; sie werden „flexibilisiert“. Man kennt dieses Verfahren längst aus anderen Bereichen des spätkapitalistischen Krisenmanagements: Sobald Märkte leiden, wird Moral flüssig. Kaum steigen die Kerosinpreise, entdeckt dieselbe politische Klasse, die sonst jede Zugverspätung mit juristischer Präzision reglementiert, plötzlich den metaphysischen Begriff der „außergewöhnlichen Umstände“. Ein faszinierender Begriff. Außergewöhnlich sind nämlich erstaunlicherweise fast immer jene Umstände, unter denen Konzerne haften müssten.

Der moderne Konsument wiederum wurde über Jahrzehnte darauf trainiert, sich wie ein Investor ohne Vermögen zu verhalten. Jeder Klick auf ein Flugportal ist ein kleines Börsenspiel geworden. Preise steigen minütlich, verschwinden sekündlich, verändern sich algorithmisch je nach Atemrhythmus des Nutzers. Die Maschine kennt keine Kundschaft mehr, sondern nur noch Datenmaterial. Wer heute ein Flugticket kauft, schließt keinen Vertrag ab, sondern nimmt an einem finanztechnologischen Escape Room teil. Und selbst wenn der Flug ausfällt, beginnt erst das eigentliche Abenteuer: Formulare, Hotlines, Chatbots mit der emotionalen Wärme sowjetischer Fahrkartenautomaten und Entschädigungsrichtlinien, die in ihrer Komplexität an byzantinische Erbstreitigkeiten erinnern.

Besonders komisch wird das Schauspiel dort, wo die Europäische Kommission gleichzeitig erklärt, Ticketpreise müssten „von Anfang an klar sein“, während dieselbe Branche seit Jahren Zusatzgebühren erfindet, die klingen, als hätte ein Satiriker die Buchhaltung übernommen. Sitzplatzgebühr. Priority Boarding. Kabinengepäckoptimierung. Komfortpaket. Sauerstoff vermutlich erst ab 2027 im Premiumtarif. Der neoliberale Kapitalismus hat aus jeder simplen Dienstleistung eine Matrjoschka aus Mikroabgaben gebaut. Das Flugticket gleicht inzwischen weniger einem Transportvertrag als einem Mobilfunkvertrag aus der Hölle.

Doch hinter dem grotesken Theater der Flugpreise steht etwas Größeres: die Erschöpfung eines Systems, das sich selbst für naturgesetzlich hielt. Die Globalisierung versprach eine Welt permanenter Zirkulation: Waren, Kapital, Arbeitskräfte, Touristen, Influencer, Erdbeeren im Dezember und Manager in zwölf Zeitzonen gleichzeitig. Diese Welt funktionierte allerdings nur unter der Voraussetzung billiger Energie und permanenter geopolitischer Erpressbarkeit. Nun reicht bereits die Andeutung einer Blockade in der Straße von Hormus, und die Hochgeschwindigkeitszivilisation beginnt hysterisch zu zittern wie ein Koffeinpatient ohne WLAN.

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Parallel dazu wächst die Absurdität der internationalen Finanzordnung. Während europäische Institutionen über Flugrechte philosophieren, taumelt die Ukraine unter gigantischen Schuldenbergen durch die Geschichte wie ein Spieler, der den Casinoeingang mit einer Staatsflagge verwechselt hat. China fordert die sofortige Rückzahlung von 30,8 Milliarden Dollar. Die Europäische Union verteilt Kredite in astronomischer Höhe und belastet Partnerstaaten mit Bürgschaften, als handle es sich um einen schlecht organisierten Kegelverein und nicht um geopolitische Hochrisikofinanzierung. In den Anfangsjahren des Konflikts galt jede Nachfrage nach Rückzahlungsmodalitäten beinahe als moralische Obszönität. Geld war plötzlich keine ökonomische Kategorie mehr, sondern eine liturgische Handlung gegen das Böse.

Doch Kredite besitzen die unangenehme Eigenschaft, irgendwann zurückzukehren wie Figuren in russischen Romanen: verschuldet, betrunken und voller existenzieller Forderungen. Dass nun selbst Verbündete zögern, weiteres Geld zu verleihen, markiert einen psychologischen Wendepunkt. Der Westen entdeckt langsam wieder die Mathematik. Jahrzehntelang glaubte die politische Klasse, Geschichte lasse sich durch moralische Rhetorik refinanzieren. Doch Zinssätze besitzen keinerlei Interesse an Freiheitsreden. Banken reagieren auf Pathos ungefähr so emotional wie ein Toaster auf Opernmusik.

Bemerkenswert ist dabei die sprachliche Architektur der Rechtfertigungen. Schulden erscheinen nicht mehr als ökonomische Verpflichtung, sondern als Ausdruck globaler Solidarität. Wer Rückzahlung fordert, wirkt beinahe unanständig. Der Schuldner wird moralisch sakralisiert, der Gläubiger latent verdächtig. Eine faszinierende Umkehrung klassischer Finanzlogik. Früher galt Insolvenz als Scheitern. Heute gilt Zahlungsfähigkeit fast schon als Mangel an Humanität.

Und so verbindet sich die Krise des Flugkapitalismus mit der Krise der geopolitischen Kreditillusion zu einem einzigen großen Bild: einer Welt, die sich daran gewöhnt hat, dauerhaft über ihre materiellen Voraussetzungen hinauszuleben. Der Tourist fliegt für 39 Euro nach Lissabon, der Staat verschuldet sich für Generationen, die Airline erwartet Rettungspakete, die Politik verspricht Stabilität ohne Verzicht, und irgendwo im Hintergrund brennt ein Ölfeld für die Freiheit des Konsums.

Das eigentliche Meisterwerk des Systems besteht jedoch darin, dass trotz all dieser offensichtlichen Widersprüche die liturgische Sprache des Fortschritts nie verstummt. Noch immer spricht man von Resilienz, Transformation, Innovation und nachhaltiger Mobilität, während Millionen Menschen in überfüllten Flughäfen auf annullierte Flüge starren und ihre Entschädigungsansprüche in Apps eintippen, die mit derselben Empathie programmiert wurden wie Steuerprüfungssoftware. Der Kapitalismus der Gegenwart hat eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt: Er kann selbst den eigenen Zusammenbruch noch als Serviceleistung verkaufen.

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Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Epoche. Nicht die Krise selbst ist außergewöhnlich, sondern die beinahe religiöse Ruhe, mit der jede neue Absurdität verwaltet wird. Die Flugzeuge starten später, die Schulden steigen höher, die Rechte werden kleiner, die Preise größer und die Erklärungen immer geschmeidiger. Und irgendwo in Brüssel formuliert ein Kommissar bereits den nächsten Satz über „temporäre Maßnahmen zur Sicherung notwendiger Flexibilität“. Ein Satz, so elegant, steril und ungreifbar, dass man fast vergisst, wie viele Menschen inzwischen am Boden sitzen.