Festspiele der Moral

Wenn der Taktstock zur Tribüne wird

Es gehört zu den liebenswerten europäischen Illusionen, dass ein Liederwettbewerb die Welt heilen könne – oder sie zumindest für drei Minuten und fünfzig Sekunden vergessen lasse. Der Eurovision Song Contest, dieses schillernde Ritual zwischen Glitzerkanone und Völkerverständigungspathos, tritt regelmäßig an, die Menschheit in eine Tonart zu zwingen, die sich „Dur“ nennt. Und doch zeigt sich, kaum sind die Scheinwerfer montiert, dass die Gegenwart hartnäckig in Moll verharrt. Wien, diese traditionsreiche Bühne zwischen Walzer und Weltpolitik, soll nun also wieder einmal das große Versöhnungstheater ausrichten. Und während man sich noch fragt, ob der Basslauf politisch neutral sein kann, marschiert bereits der Chor der Empörung auf – bestens organisiert, moralisch aufgeladen und mit einem Refrain, der so eingängig wie unerquicklich ist: „No Stage for Genocide“.

Man könnte darüber hinwegsehen, wäre es nur eine weitere jener wohltemperierten Empörungsbekundungen, die in urbanen Milieus als eine Art gesellschaftliches Pflichtprogramm gelten. Doch der Tonfall hat sich verschärft, die Pointe ist stumpfer geworden, und die Pointe selbst scheint nicht mehr das Ziel zu sein. Es geht nicht mehr um Kritik, nicht mehr um Differenzierung, nicht einmal mehr um Politik im engeren Sinne. Es geht um Ausschluss – und zwar um den Ausschluss eines Staates, genauer: seiner Künstler, seiner kulturellen Repräsentanten, seiner symbolischen Existenz auf einer Bühne, die sich einst rühmte, jenseits der Konflikte zu stehen, die sie nun selbst reproduziert.

Der moralische Überschlag als Kunstform

Die Parole „Keine Bühne für den Genozid“ wirkt auf den ersten Blick wie ein moralischer Imperativ, auf den zweiten wie ein semantischer Kurzschluss und auf den dritten wie ein rhetorischer Vorschlaghammer, der alles zerschlägt, was sich ihm in den Weg stellt – insbesondere die Fähigkeit zur Unterscheidung. Denn wer so spricht, hat sich bereits entschieden, nicht mehr zu differenzieren. Hier wird nicht mehr zwischen Regierung und Bevölkerung getrennt, nicht mehr zwischen politischer Verantwortung und kulturellem Ausdruck, nicht mehr zwischen Kritik und Verdammung. Die Bühne wird zum Tribunal, der Künstler zum Stellvertreter, der Song zur Anklageschrift.

TIP:  Der diplomatische Aufschrei im Flüsterton

Dass sich prominente Namen wie Roger Waters oder Michael Barenboim in diesen Chor einreihen, verleiht dem Ganzen jene Mischung aus kulturellem Prestige und politischer Vereinfachung, die seit jeher das Markenzeichen engagierter Prominenz ist. Der Künstler als Gewissen der Welt – eine schöne Idee, solange das Gewissen nicht selbst zum Monolog neigt. Denn was hier als Protest inszeniert wird, ist weniger ein Diskurs als ein Dekret: Israel soll nicht singen. Punkt.

Die Verwechslung von Haltung und Erkenntnis

Es ist ein bekanntes Phänomen der Gegenwart, dass moralische Gewissheit zunehmend als Ersatz für analytische Schärfe dient. Wer sich im Besitz der richtigen Haltung wähnt, empfindet Differenzierung oft als Zumutung. In diesem Sinne erscheint der Vorwurf des „Artwashing“, wie ihn Aktivisten wie Rafael Eisler formulieren, weniger als Analyse denn als Verdachtsroutine: Kultur wird per se zur Tarnung, Kunst zur Komplizin, Musik zur Manipulation. Dass Kunst auch ein Raum der Ambivalenz sein könnte, ein Ort, an dem sich Widersprüche artikulieren, ohne sofort aufgelöst zu werden, scheint in dieser Logik nicht mehr vorgesehen.

So entsteht ein paradoxes Schauspiel: Während man vorgibt, gegen Entmenschlichung zu protestieren, entzieht man gleichzeitig bestimmten Menschen das Recht, überhaupt als kulturelle Subjekte aufzutreten. Der israelische Künstler auf der ESC-Bühne wird nicht mehr als Individuum wahrgenommen, sondern als Chiffre, als Symbol, als Projektionsfläche. Er steht nicht für sich, sondern für alles, was man an seinem Staat ablehnt. Und damit wird er – ironischerweise – genau zu dem reduziert, was man angeblich bekämpft: auf seine Zugehörigkeit.

Die Linke und ihr gespaltenes Spiegelbild

Besonders unerquicklich wird die Angelegenheit dort, wo sie sich in den inneren Konflikten der politischen Linken spiegelt. Denn hier zeigt sich, dass der alte Traum von der universellen Solidarität zunehmend an den eigenen Widersprüchen zerbricht. Wenn die Grüne Jugend Österreich erklärt, „null Punkte für Antisemitismus“ zu vergeben, dann klingt das zunächst wie ein erfreulich klarer Satz in einem Meer aus Relativierungen. Doch gerade diese Klarheit offenbart, wie tief der Riss inzwischen geht.

TIP:  Eine lustige Idee.

Denn was bedeutet es, wenn ausgerechnet jene politischen Milieus, die sich traditionell als Hüter universeller Werte verstehen, beginnen, diese Werte selektiv anzuwenden? Wenn plötzlich darüber diskutiert wird, ob bestimmte Zivilisten weniger schützenswert sind als andere, ob bestimmte Gewaltakte kontextualisierbar sind, ob bestimmte Staaten weniger Existenzrecht besitzen als andere? Dann ist nicht nur der Diskurs in Schieflage geraten, sondern das moralische Koordinatensystem selbst.

Postkoloniale Gewissheiten und ihre blinden Flecken

Ein nicht unerheblicher Teil dieser Entwicklung lässt sich auf jene postkolonialen Deutungsmuster zurückführen, die den Nahostkonflikt in ein binäres Schema pressen: hier die Unterdrückten, dort die Unterdrücker. Israel erscheint in dieser Lesart als koloniales Projekt, als Fremdkörper, als historische Anomalie, deren Existenz sich nur durch Macht erklären lässt. Dass es sich zugleich um einen Zufluchtsort handelt, entstanden aus der Erfahrung von Verfolgung und Vernichtung, passt nicht in dieses Raster – und wird daher ausgeblendet.

So entsteht ein Weltbild, das sich seiner eigenen moralischen Stringenz rühmt, dabei aber erstaunlich selektiv operiert. Antisemitismus in arabischen Gesellschaften? Randnotiz. Die historische Dimension jüdischer Existenz in Europa? Fußnote. Der 7. Oktober als Zivilisationsbruch? Kontextualisierbar. Was bleibt, ist ein moralisches Tableau, das weniger von Empirie als von Ideologie geprägt ist – und das in seiner Konsequenz jene universellen Prinzipien untergräbt, auf die es sich beruft.

Der Kulturbetrieb als moralisches Schlachtfeld

Dass sich diese Konflikte nun im Rahmen eines Musikfestivals entladen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Verschiebung. Kultur ist längst nicht mehr nur ästhetischer Raum, sondern politisches Terrain. Der ESC wird zur Projektionsfläche, zur Bühne im doppelten Sinne: für Songs und für Statements, für Melodien und für Moral. Und wie so oft, wenn Kultur politisiert wird, droht sie dabei ihre eigene Autonomie zu verlieren.

Wenn Demonstrationen angekündigt werden, die das Finale übertönen sollen, wenn Künstler nicht mehr nach ihrer Musik, sondern nach ihrer Herkunft beurteilt werden, wenn Boykott zum bevorzugten Mittel der Auseinandersetzung wird – dann stellt sich die Frage, ob hier noch gestritten oder bereits exkommuniziert wird. Der Unterschied ist nicht trivial: Streit setzt die Möglichkeit des Gegenarguments voraus, Exkommunikation nicht.

TIP:  Kaffeehaus-Republik

Finale mit Dissonanzen

Am Ende bleibt ein schales Gefühl, das sich auch durch noch so viele eingängige Refrains nicht übertönen lässt. Der Eurovision Song Contest, einst gedacht als Fest der Vielfalt, wird zum Schauplatz eines Konflikts, der sich nicht in drei Minuten auflösen lässt. Und vielleicht liegt gerade darin die bittere Ironie: Dass ausgerechnet ein Wettbewerb, der die Unterschiede feiern wollte, nun zum Ort wird, an dem Unterschiede nicht mehr ausgehalten werden.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Israel auf der Bühne stehen darf. Sie lautet, was von einer Öffentlichkeit zu halten ist, die glaubt, komplexe Konflikte durch kulturellen Ausschluss lösen zu können. Die Antwort fällt ernüchternd aus. Denn wo der Applaus zur Waffe wird und der Song zur Anklage, dort hat die Musik längst aufgehört, das zu sein, was sie einmal war: ein Raum, in dem selbst die schiefsten Töne noch als Teil eines Ganzen gehört werden konnten.