Leipzig 3: Nach dem Amok ist vor dem Amok

Es gehört inzwischen zur makabren Liturgie der Gegenwart, dass auf das Entsetzen sogleich die Deutung folgt, und auf die Deutung die Vereinnahmung, und auf die Vereinnahmung die moralische Selbstvergewisserung, geschniegelt im Tonfall der Betroffenheit und geschniegelt im Pathos der richtigen Haltung – ach nein, eben nicht dieses Wort –, also geschniegelt durch Routine, geschniegelt durch Reflexe, geschniegelt durch jene eigentümliche Mischung aus Empörung und Berechnung, die sich als Anteilnahme tarnt. Kaum ist der Rauch verzogen, kaum sind die Namen der Opfer halbwegs gesichert, beginnt ein anderer, weit weniger sichtbarer, aber nicht minder erbitterter Kampf: der um die Deutungshoheit. Der Amoklauf selbst, so monströs er ist, wird zum Auftakt eines zweiten Ereignisses, das sich mit erschreckender Verlässlichkeit wiederholt – ein mediales und politisches Nachspiel, dessen Drehbuch längst geschrieben scheint. „Man möchte das ja nicht instrumentalisieren, aber…“ – dieser Satz ist kein Einwand mehr, sondern die Startpistole. Und wer ihn ausspricht, hat den Finger bereits am Abzug des eigenen Narrativs.

Die Namen als Zündfunken

Es ist eine geradezu kafkaeske Pointe der Gegenwart, dass der Name des mutmaßlichen Täters zum entscheidenden semantischen Sprengsatz avanciert. Florian oder Michael – dann wird von Einzeltätern gesprochen, von psychischen Ausnahmesituationen, von tragischen Verwerfungen im individuellen Lebenslauf. Yusuf oder Igor – dann öffnen sich andere Diskursräume: Integration, Parallelgesellschaften, importierte Gewalt, systemische Versäumnisse. Die Tat bleibt dieselbe, die Toten bleiben tot, die Trauer bleibt – zumindest für jene, die sie wirklich empfinden – ungeteilt. Doch die Bedeutung des Geschehens wird elastisch, formbar, ja beinahe beliebig. „Es wäre fahrlässig, hier vorschnelle Schlüsse zu ziehen, aber…“, heißt es dann, und das „aber“ trägt mehr Gewicht als alles, was ihm vorausgeht. Es ist das rhetorische Brecheisen, mit dem sich jede noch so fragile Differenz in eine ideologische Gewissheit verwandeln lässt.

Der Name wird zur Chiffre, zum Symbolträger, zum moralischen Signal. Und während man vorgibt, gerade nicht zu pauschalisieren, wird bereits pauschalisiert; während man beteuert, differenzieren zu wollen, hat man die Differenz längst zugunsten einer These geopfert. Es ist ein Theater der Halbverneinungen, in dem jede Einschränkung nur dazu dient, die folgende Behauptung scheinbar zu legitimieren. „Natürlich darf man nicht alle über einen Kamm scheren, aber…“ – und schon wird der Kamm gezückt.

TIP:  Grüne Tränen

Das ritualisierte Aber

Das „Aber“ ist der eigentliche Protagonist dieses Dramas. Es ist das kleine, unscheinbare Wort, das jede moralische Vorsichtsmaßnahme in ihr Gegenteil verkehrt. In ihm kulminiert die ganze Dialektik einer Öffentlichkeit, die sich selbst für aufgeklärt hält und doch immer wieder in die gleichen reflexhaften Muster zurückfällt. Das „Aber“ ist die Eintrittskarte in den Bereich des Sagbaren, der zuvor noch als unsagbar deklariert wurde. Es ist die rhetorische Generalamnestie für alles, was folgt.

„Man will das Leid der Opfer nicht politisieren, aber…“ – und schon wird politisiert. „Man sollte jetzt nicht spekulieren, aber…“ – und schon wird spekuliert. „Es geht hier nicht um Ideologie, aber…“ – und schon marschiert die Ideologie in Reih und Glied auf. Diese Formeln sind keine Ausrutscher, sie sind Struktur. Sie sind die sprachlichen Scharniere, an denen sich die Tür zur Instrumentalisierung öffnet, während man gleichzeitig behauptet, sie geschlossen zu halten.

Empörung als Ressource

In dieser seltsamen Ökonomie der Aufmerksamkeit wird Empörung zur Ressource, die es möglichst effizient zu nutzen gilt. Je schneller die eigene Deutung bereitsteht, desto größer die Chance, den Diskurs zu dominieren. Geschwindigkeit ersetzt Sorgfalt, Lautstärke ersetzt Nachdenken. Es ist ein Wettbewerb der Deutungen, in dem nicht die Wahrheit gewinnt, sondern diejenige Version der Wirklichkeit, die sich am geschmeidigsten in bestehende Weltbilder einfügt.

Dabei entsteht ein paradoxes Schauspiel: Alle Seiten erklären, gerade nicht instrumentalisieren zu wollen, während sie es doch unablässig tun. Alle betonen ihre Zurückhaltung, während sie gleichzeitig ihre Schlussfolgerungen präsentieren. Alle warnen vor Vereinfachung, während sie selbst vereinfachen. Es ist, als hätte sich eine kollektive Selbsttäuschung etabliert, die so durchsichtig ist, dass sie kaum noch auffällt. „Wir dürfen jetzt nicht in Reflexe verfallen“, heißt es – und der Satz selbst ist bereits Teil des Reflexes.

Die tröstliche Eindeutigkeit

Warum aber dieser Drang zur sofortigen Einordnung? Vielleicht, weil das Ereignis selbst so radikal sinnlos erscheint, dass es kaum auszuhalten ist. Ein Amoklauf ist die Negation aller Ordnung, ein Einbruch des Chaos in die vermeintlich strukturierte Welt. Die schnelle Deutung bietet Trost, weil sie Komplexität reduziert und Verantwortlichkeiten klar verteilt. Wenn sich das Geschehen in ein bekanntes Narrativ einfügen lässt, verliert es einen Teil seines Schreckens. Es wird erklärbar, und was erklärbar ist, scheint beherrschbar.

TIP:  Vom "Anderl von Rinn" zum "Mohammed von Gaza"

Doch dieser Trost hat seinen Preis. Die vorschnelle Eindeutigkeit verstellt den Blick auf die tatsächliche Vielschichtigkeit solcher Taten. Sie ersetzt Analyse durch Zuschreibung, Ursachenforschung durch Schuldzuweisung. Und sie führt dazu, dass jede neue Tat sofort als Bestätigung bereits bestehender Überzeugungen dient. Der Amoklauf wird zum Argument, nicht zum Anlass für Erkenntnis.

Die endlose Wiederholung

So dreht sich das Rad weiter, unermüdlich, fast schon mechanisch. Nach dem Amok ist vor dem Amok – nicht nur im tragischen Sinne der Wiederholbarkeit solcher Taten, sondern auch im Sinne ihrer diskursiven Verarbeitung. Jede neue Tat aktiviert die gleichen Muster, die gleichen Sätze, die gleichen Empörungsrituale. Es ist eine Endlosschleife, in der sich die Gesellschaft selbst spiegelt, allerdings nicht unbedingt von ihrer besten Seite.

Und irgendwo, zwischen all den „Abers“, den Warnungen vor vorschnellen Schlüssen und den doch gezogenen Schlüssen, zwischen den Namen, die mehr bedeuten, als sie sollten, und den Bedeutungen, die weniger erklären, als sie versprechen, bleibt etwas auf der Strecke: die stille, unspektakuläre, schwer auszuhaltende Erkenntnis, dass nicht alles sofort verstanden werden kann, dass nicht jede Tat in ein sauberes Narrativ passt, dass manche Fragen offen bleiben müssen.

Doch Offenheit ist unerquicklich, sie taugt nicht für Schlagzeilen, nicht für Talkshows, nicht für die schnelle moralische Positionierung. Also wird weiter gedeutet, weiter vereinnahmt, weiter relativiert – mit ernster Miene und gelegentlichem Augenzwinkern, als wäre man sich der eigenen Absurdität durchaus bewusst, aber nicht gewillt, daraus Konsequenzen zu ziehen. Schließlich ist das nächste „Aber“ schon in Vorbereitung.