Es gibt Szenen, die wirken wie sorgfältig komponierte Grotesken, als hätten sich Realität und Satire zu einer stillschweigenden Kooperation entschlossen. Eine solche Szene: ein 1.-Mai-Marsch im Herzen von Wien, jener traditionsgesättigten Bühne politischer Selbstvergewisserung, auf der plötzlich die Flagge der Islamische Republik Iran im Frühlingswind flattert. Nicht als ironisches Requisit, nicht als warnendes Symbol, sondern getragen von Menschen, die sich – mit einer bewundernswerten Immunität gegen Widersprüche – selbst als antifaschistisch begreifen. Man reibt sich die Augen, doch es bleibt dabei: Die Fahne eines Regimes, das systematisch Oppositionelle verfolgt, Frauenrechte beschneidet und die Todesstrafe in erschreckender Routine vollstreckt, wird im Namen progressiver Ideale präsentiert.
Die seltsame Allianz der selektiven Empörung
Der Widerspruch ist nicht einfach ein Versehen, sondern wirkt wie ein bewusst gepflegter blinder Fleck. Wer „Antifaschismus“ als moralische Totalformel begreift, scheint gelegentlich bereit, dessen Inhalt flexibel zu handhaben. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ – ein Satz, der älter ist als jede Demonstration und doch selten so unerquicklich aktuell klang. In dieser Logik wird ein autoritäres Regime plötzlich zur Projektionsfläche antiwestlicher Ressentiments, während dessen reale Praxis elegant aus dem Blickfeld verschwindet.
Man könnte an George Orwell denken, der einst schrieb: „Politische Sprache … ist darauf angelegt, Lügen glaubwürdig und Mord respektabel zu machen.“ Der Satz wirkt wie ein Kommentar aus der Zukunft, der sich hier mit unheimlicher Präzision materialisiert. Denn was sonst ist es, wenn die Symbolik eines repressiven Staates in einen Kontext gestellt wird, der sich selbst als Befreiungsbewegung versteht?
Moral als Baukastenprinzip
Es scheint, als habe sich ein Baukastenprinzip der Moral etabliert: Empörung wird nicht nach universellen Maßstäben verteilt, sondern nach politischer Nützlichkeit dosiert. Die Hinrichtungen in Teheran sind dann weniger skandalös als die geopolitische Rolle des Westens; die Unterdrückung von Frauenrechten weniger dringlich als die Kritik an globalen Machtstrukturen. Diese Gewichtung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Ideologie, die Komplexität durch Vereinfachung ersetzt – eine Vereinfachung, die sich selbst für besonders aufgeklärt hält.
Dabei wäre die Lage eigentlich unerquicklich klar. Die Islamische Republik Iran ist kein missverstandenes Experiment, kein unglücklich verlaufener Versuch kultureller Eigenständigkeit, sondern ein System, das Dissens kriminalisiert und Freiheit als Bedrohung begreift. Wer dessen Symbole trägt, trägt nicht nur Stoff, sondern Bedeutung – und diese Bedeutung lässt sich nicht beliebig umdeuten.
Die Ironie der historischen Amnesie
Es gehört zu den subtileren Ironien der Gegenwart, dass gerade jene Milieus, die sich auf historische Sensibilität berufen, gelegentlich eine bemerkenswerte Gedächtnislücke aufweisen. Totalitarismus wird erkannt, solange er in vertrauten Formen erscheint; tritt er jedoch in ungewohnten Gewändern auf, wird er plötzlich relativiert, kontextualisiert oder gleich ganz übersehen.
Hannah Arendt warnte einst vor der „Banalität des Bösen“, jener erschreckenden Fähigkeit, Unrecht in routinierte Selbstverständlichkeiten zu verwandeln. Heute scheint sich eine Variante davon zu zeigen: die Banalisierung durch selektive Wahrnehmung. Nicht das Offensichtliche wird geleugnet, sondern seine Relevanz wird geschickt heruntergedimmt.
Zwischen Pose und Prinzip
Am Ende bleibt die Frage, ob es sich um Naivität, Zynismus oder eine eigentümliche Mischung aus beidem handelt. Vielleicht ist es auch schlicht die Versuchung, sich moralisch auf der „richtigen Seite“ zu wähnen, ohne die Mühe auf sich zu nehmen, diese Seite konsequent zu definieren. Die Fahne wird dann zum Accessoire einer Haltung, die mehr Wert auf symbolische Selbstvergewisserung legt als auf inhaltliche Kohärenz.
Und so entsteht ein Bild, das gleichermaßen absurd wie aufschlussreich ist: Menschen, die gegen Unterdrückung demonstrieren, während sie die Insignien eines unterdrückenden Systems tragen. Es ist ein Schauspiel, das man kaum erfinden könnte, ohne der Übertreibung bezichtigt zu werden – und gerade deshalb entfaltet es seine eigentümliche Wirkung.
Ein augenzwinkernder Humor mag helfen, diese Widersprüche zu ertragen. Doch hinter dem Lächeln bleibt eine ernste Frage: Wenn selbst grundlegende Prinzipien so flexibel gehandhabt werden, was bleibt dann noch von ihnen übrig?