Die neue Unschuld der alten Parolen

Es ist eine eigentümliche Wiederkehr des Immergleichen, die sich in den jüngeren Verlautbarungen bestimmter linker Gruppierungen beobachten lässt: ein politisches Déjà-vu, das sich als Fortschritt verkleidet und doch in den vertrauten Mustern ideologischer Erstarrung verharrt. Wo einst „Ho Chi Minh“ und „Che Guevara“ als Chiffren einer romantisierten Revolte dienten, treten heute andere Namen, andere Orte, andere Konflikte – doch die Logik bleibt frappierend konstant. „Nieder mit dem Imperialismus – es lebe der Widerstand der Völker!“, verkündet die „Kommunistische Organisation“ mit jener unerschütterlichen Gewissheit, die sich weniger aus Analyse als aus Glauben speist. Es ist der Tonfall der alten Gewissheiten, neu aufgelegt für ein Publikum, das sich seiner moralischen Überlegenheit ebenso sicher ist wie seiner historischen Unschuld.

Dabei wirkt diese Rhetorik wie aus der Zeit gefallen und zugleich beunruhigend zeitgemäß. Aus der Distanz betrachtet, entfaltet sich ein Panorama, in dem komplexe geopolitische Konflikte auf die schlichte Dramaturgie eines moralischen Kinderbuchs reduziert werden: hier das Böse, dort das Gute, und dazwischen keine Grautöne, keine Ambivalenzen, keine störenden Fakten. Die Welt als Schaubühne, auf der das eigene Weltbild ungestört zur Aufführung gelangen kann.

Die Allianz der Unbequemen Wahrheitenvermeider

Besonders bemerkenswert ist die neue Form der politischen Koalition, die sich hier abzeichnet. Gruppen, die sich selbst als Speerspitze emanzipatorischer Bewegungen verstehen, finden plötzlich eine erstaunliche Nähe zu Regimen, deren Verhältnis zu genau diesen emanzipatorischen Idealen – vorsichtig formuliert – unerquicklich ist. Die Islamische Republik Iran, ein Staat, der Dissens mit Repression beantwortet und individuelle Freiheiten systematisch einschränkt, wird zur Projektionsfläche antiimperialistischer Sehnsüchte verklärt.

„Die Linke müsse sich eindeutig auf die Seite Irans stellen“, fordert „Klasse gegen Klasse“ – eine Forderung, die in ihrer Absolutheit mehr über den Zustand der Fordernden aussagt als über den Gegenstand selbst. Eindeutigkeit wird hier nicht als Ergebnis sorgfältiger Abwägung verstanden, sondern als moralische Pflicht zur Vereinfachung. Wer differenziert, gilt bereits als verdächtig; wer zögert, als Verräter an der Sache.

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Dass dabei autoritäre Strukturen relativiert oder gar ignoriert werden, erscheint als notwendiges Opfer auf dem Altar der ideologischen Kohärenz. Es ist eine merkwürdige Form der Solidarität, die sich weniger an den realen Lebensbedingungen der Menschen orientiert als an der symbolischen Funktion eines Regimes im eigenen Weltbild.

Der Charme des Autoritären im Gewand des Widerstands

Die Faszination für autoritäre Systeme, sofern sie sich nur entschieden genug gegen den Westen positionieren, ist kein neues Phänomen, doch sie erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Was früher als problematische Nähe zu diktatorischen Regimen kritisiert wurde, erscheint heute in Teilen der radikalen Linken als legitime, ja notwendige Konsequenz eines konsequent gedachten Antiimperialismus.

So wird das Schwenken von Flaggen eines repressiven Regimes nicht als Ausdruck politischer Verirrung verstanden, sondern als Akt des Widerstands gegen eine vermeintlich hegemoniale Ordnung. Die Hamburger AKK warnt gar vor einer „Delegitimierung“ der Islamischen Republik – eine Formulierung, die in ihrer Absurdität fast schon literarische Qualitäten besitzt. Denn was hier verteidigt wird, ist nicht etwa ein differenziertes Verständnis internationaler Politik, sondern die symbolische Integrität eines Systems, das selbst wenig Interesse an Legitimität im demokratischen Sinne zeigt.

Es ist, als hätte sich ein Teil der Linken in eine ästhetische Beziehung zum Autoritären begeben: Die Härte, die Entschlossenheit, die kompromisslose Ablehnung des Westens – all das übt eine eigentümliche Anziehungskraft aus. Der Autoritarismus wird dabei nicht trotz, sondern wegen seiner Eigenschaften bewundert, solange er nur im richtigen geopolitischen Kontext erscheint.

Die Instrumentalisierung der Empörung

Natürlich speist sich diese Entwicklung nicht aus dem Nichts. Die Bilder von Krieg, Zerstörung und menschlichem Leid erzeugen eine verständliche Emotionalisierung, die nach Deutung verlangt. Doch gerade hier zeigt sich die Raffinesse jener Akteure, die diese Emotionen in ideologische Bahnen lenken. Aus berechtigter Empörung wird eine politisch verwertbare Ressource, aus Mitgefühl ein Vehikel für einfache Erzählungen.

Die Reduktion komplexer Konflikte auf eine binäre Moralstruktur ist dabei ebenso effektiv wie gefährlich. Sie erlaubt es, Widersprüche auszublenden und unbequeme Fragen gar nicht erst zu stellen. Wer sich auf die Seite des „Widerstands“ stellt, muss sich nicht mehr mit dessen konkreten Ausprägungen auseinandersetzen. Der Begriff selbst genügt als moralische Legitimation.

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So konnte bereits das Massaker vom 7. Oktober 2023 von einigen dieser Gruppen als „dekolonialer Befreiungsakt“ interpretiert werden – eine sprachliche Volte, die weniger durch analytische Schärfe als durch moralische Akrobatik besticht. Gewalt wird hier nicht verurteilt, sondern kontextualisiert, relativiert, schließlich ästhetisiert.

Der Verlust der inneren Grenzen

Die eigentliche Gefahr liegt jedoch weniger in den Positionen einzelner Splittergruppen als in der fehlenden Abgrenzung innerhalb der breiteren linken Szene. Wo einst klare Linien gezogen wurden, herrscht heute eine bemerkenswerte Toleranz gegenüber Positionen, die früher als unvereinbar gegolten hätten. Bündnisse werden geschlossen, Allianzen geschmiedet, Differenzen überdeckt – im Namen eines vermeintlich höheren Ziels.

Doch diese Strategie hat ihren Preis. Wer die Grenzen nach außen verwischt, verliert auch die Orientierung nach innen. Der Begriff der Solidarität wird so weit gedehnt, dass er schließlich auch jene umfasst, die selbst keine Solidarität kennen. Eine paradoxe Entwicklung, die den Anspruch der Linken, für Freiheit und Gleichheit einzutreten, zunehmend untergräbt.

Die Ironie der Geschichte

Es ist eine jener historischen Ironien, die sich mit einer Mischung aus Faszination und Kopfschütteln betrachten lassen: Eine politische Strömung, die sich einst als Gegenentwurf zu autoritären Systemen verstand, läuft Gefahr, sich mit genau solchen Systemen gemein zu machen – zumindest rhetorisch, zumindest symbolisch. Der Antiimperialismus, einst ein Instrument der Kritik, wird zum Selbstzweck, zur ideologischen Brille, durch die alles betrachtet wird.

Und so entsteht ein Bild, das ebenso widersprüchlich wie aufschlussreich ist: Revolutionäre Rhetorik trifft auf reaktionäre Realitäten, emanzipatorische Ansprüche auf autoritäre Sympathien. Es ist ein Schauspiel, das sich irgendwo zwischen Tragödie und Farce bewegt – mit einem deutlichen Hang zur Farce.

Vielleicht ließe sich das Ganze als Randphänomen abtun, als skurrile Fußnote der politischen Gegenwart. Doch die wachsende Anschlussfähigkeit dieser Positionen legt nahe, dass es sich um mehr handelt: um eine Verschiebung innerhalb eines politischen Spektrums, die nicht ohne Folgen bleiben wird. Und während die Parolen lauter werden, bleibt eine leise, aber hartnäckige Frage im Raum: Was bleibt von einer Bewegung, die ihre eigenen Prinzipien im Eifer des Widerstands preisgibt?

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