Die akademische Weihe der Gewissheit

Es gehört zu den subtileren Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Institutionen, die sich mit besonderem Nachdruck der kritischen Reflexion verschrieben haben, bisweilen als Durchlauferhitzer für Gewissheiten fungieren, die jeder Kritik trotzen wie ein gut imprägniertes Dogma dem Regen. Die Universität, einst Ort der methodischen Skepsis, erscheint in solchen Fällen weniger als Labor des Denkens denn als Zertifizierungsstelle für bereits feststehende Weltbilder. Und so erhebt sich, fast unschuldig formuliert, jene Frage, die sich nicht nur auf eine einzelne Dissertation bezieht, sondern auf ein ganzes System: Wie gelangt eine Apologie der islamischen Theokratie zur akademischen Ehrenfähigkeit in einem Umfeld, das sich selbst gern als Hochburg der Aufklärung begreift?

Der Fall des heutigen iranischen Außenministers Abbas Araghchi bietet hierfür eine nahezu lehrbuchhafte Illustration. In seiner an einer britischen Universität angenommenen Dissertation entfaltet sich keine kritische Distanz, kein tastendes Abwägen, sondern eine bemerkenswert ungebrochene Affirmation jener ideologischen Grundpfeiler, die mit der Islamische Revolution von 1979 ihren historischen Durchbruch erlebten. Es ist, als habe sich die wissenschaftliche Methode höflich verabschiedet, um einem Narrativ Platz zu machen, das weniger analysiert als reproduziert.

Die Zitation als Bekenntnis

Besonders aufschlussreich ist dabei die Behandlung von Ayatollah Ruhollah Khomeini, jener Figur, die zugleich religiöser Führer, politischer Architekt und ideologischer Urheber eines Systems war, das Kritik nicht als Diskurs, sondern als Abweichung versteht. Die Dissertation referiert dessen Gedanken nicht etwa mit der gebotenen analytischen Distanz, sondern in einer Tonlage, die eher an Exegese als an Wissenschaft erinnert.

Wenn dort etwa die Rede davon ist, die „Entfremdung der muslimischen Welt“ sei auf die „feindliche Einwirkung der Juden“ oder die „satanischen Bemühungen“ westlicher Mächte zurückzuführen, dann stellt sich weniger die Frage nach der historischen Plausibilität als nach der akademischen Verantwortlichkeit. Denn was hier als Zitat daherkommt, wird nicht dekonstruiert, sondern – durch die bloße Einbettung in eine Dissertation – gewissermaßen geadelt. Die Grenze zwischen Analyse und Affirmation verschwimmt, bis sie schließlich ganz verschwindet wie eine Kreidelinie im Regen.

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Gharbzadegi oder die Eleganz der Feindbildpflege

Ein besonders reizvolles Detail in diesem ideologischen Mosaik ist der Begriff „Gharbzadegi“, jene poetisch anmutende Diagnose einer „Westvergiftung“, die mit der Eleganz eines kulturkritischen Schlagworts daherkommt und doch in ihrer Substanz eine erstaunlich robuste Abwehrhaltung gegenüber allem verkörpert, was nicht in das eigene Weltbild passt. Es ist ein Begriff, der sich hervorragend dazu eignet, Komplexität zu reduzieren, indem er sie externalisiert: Nicht interne Widersprüche sind das Problem, sondern äußere Einflüsse; nicht strukturelle Defizite, sondern kulturelle Infiltration.

Dass ein solcher Begriff in einer akademischen Arbeit nicht nur auftaucht, sondern offenbar ohne größere Reibung integriert wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Kriterien, nach denen wissenschaftliche Qualität bemessen wird. Offenbar genügt es bisweilen, ein Konzept hinreichend elaboriert darzustellen, um seine impliziten Prämissen der kritischen Prüfung zu entziehen. Die Form triumphiert über den Inhalt, die Argumentationsstruktur über die argumentative Substanz.

Die stille Komplizenschaft der Institutionen

Doch die eigentliche Pointe liegt nicht im Text selbst, sondern in seiner Annahme. Eine Dissertation entsteht nicht im luftleeren Raum; sie wird betreut, begutachtet, verteidigt. Jeder dieser Schritte bietet Gelegenheit zur Intervention, zur Korrektur, zur kritischen Nachfrage. Wenn all dies ausbleibt, entsteht der Eindruck einer stillen Komplizenschaft – nicht im Sinne bewusster Zustimmung, sondern als Ergebnis institutioneller Trägheit, gepaart mit einer gewissen Faszination für das Exotische.

Es ist die alte Versuchung des akademischen Betriebs: das Fremde nicht zu hinterfragen, sondern zu romantisieren; die Differenz nicht zu analysieren, sondern zu ästhetisieren. In dieser Perspektive erscheint selbst die apologetische Darstellung einer Theokratie als legitimer Beitrag zur Vielfalt der Perspektiven. Vielfalt jedoch, so ließe sich mit einem gewissen Zynismus anmerken, ersetzt nicht die Pflicht zur Kritik – sie macht sie vielmehr umso dringlicher.

Zwischen Relativismus und Verantwortung

Hier zeigt sich das Dilemma einer akademischen Kultur, die sich zunehmend dem Relativismus verschrieben hat. Wenn jede Perspektive als gleichwertig gilt, verliert die Kritik ihren normativen Anker. Die Folge ist eine eigentümliche Schieflage, in der selbst offen ideologische Positionen als legitime Forschungsgegenstände behandelt werden – nicht im Sinne ihrer Analyse, sondern ihrer Darstellung.

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Dabei wäre gerade hier die Aufgabe der Wissenschaft besonders klar: nicht zu zensieren, wohl aber zu kontextualisieren; nicht zu verurteilen, wohl aber zu hinterfragen. Eine Dissertation, die zentrale Elemente einer autoritären Ideologie zustimmend referiert, ohne deren Implikationen offenzulegen, verfehlt diesen Anspruch – und zwar nicht aus bösem Willen, sondern aus methodischer Nachlässigkeit.

Die Ironie der aufgeklärten Blindheit

Am Ende bleibt eine Ironie, die sich kaum übersehen lässt: Während die westliche Universität sich gern als Bollwerk gegen Dogmatismus versteht, gelingt es ihr bisweilen erstaunlich mühelos, genau solchen Dogmatismus zu legitimieren – vorausgesetzt, er tritt im Gewand der kulturellen Authentizität auf. Die Kritik wird selektiv, die Skepsis asymmetrisch, und die Aufklärung gerät zur Pose.

So entsteht ein intellektuelles Klima, in dem die Apologie einer Theokratie nicht als Problem, sondern als Perspektive erscheint; in dem antisemitische Versatzstücke als historische Zitate durchgehen; und in dem der Begriff „Westvergiftung“ mit der Gelassenheit eines kulturwissenschaftlichen Terminus behandelt wird. Man könnte darüber den Kopf schütteln – oder, mit einem Anflug von schwarzem Humor, feststellen: Die Universität hat ihre Offenheit bewahrt. Sie steht nun auch jenen offen, die sie im Grunde für überflüssig halten.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe: dass eine Institution, die sich der Kritik verschrieben hat, am Ende jene auszeichnet, die sie am gründlichsten suspendieren.

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