Die zwei Sprachen der Würde

Es gehört zu den eleganteren Kunstgriffen der internationalen Politik, fundamentale Differenzen in den sanften Nebel wohlklingender Begriffe zu hüllen. „Menschenrechte“ etwa – ein Wort, das sich in diplomatischen Sälen so mühelos ausspricht wie ein Versprechen, das niemand genau überprüft. Und doch verbirgt sich hinter der scheinbaren Einigkeit ein Abgrund. Auf der einen Seite steht die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, ein Dokument, das mit dem Pathos der Nachkriegszeit den Menschen als autonomes, vernunftbegabtes Individuum setzt, ausgestattet mit unveräußerlichen Rechten, die keiner Autorität untergeordnet sind. Auf der anderen Seite die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990 – ein Text, der formal dieselben Worte verwendet, sie jedoch unter den Vorbehalt einer göttlichen Rechtsordnung stellt, deren Interpretation nicht selten erstaunlich irdisch, nämlich politisch, ausfällt.

Der Unterschied ist dabei nicht bloß ein akademischer, wie er sich in Fußnoten verbergen ließe. Er ist strukturell, fast schon ontologisch. Während die UN-Erklärung mit Artikel 1 beginnt – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ –, fügt die Kairoer Erklärung in nahezu jedem Artikel eine Bedingung hinzu, eine unscheinbare, aber folgenreiche Klammer: alles im Einklang mit der Scharia. Die Pointe ist von trockener Ironie: Das Universelle wird partikular, das Unbedingte wird bedingt, das Individuum wird wieder eingebettet in eine Ordnung, die es nicht selbst bestimmt. So entsteht eine doppelte Buchführung der Moral – eine für die Bühne der internationalen Öffentlichkeit, eine für die konkrete Anwendung.

Die Theologie der Einschränkung

Die Kairoer Erklärung ist kein plumper Gegenentwurf, sondern ein feinsinniges Dokument der Begrenzung. Sie gewährt Rechte – und entzieht sie im selben Atemzug. Religionsfreiheit? Ja, aber nicht im Sinne eines Rechts, die Religion zu wechseln. Meinungsfreiheit? Gewiss, solange sie nicht den religiösen Grundlagen widerspricht. Gleichberechtigung? Selbstverständlich, sofern sie nicht die „natürliche Ordnung“ verletzt, deren Definition sich bemerkenswert flexibel erweist, solange sie bestehende Hierarchien stabilisiert.

TIP:  DEOS NON VULT

Hier liegt der eigentliche perfide Kern: Nicht die offene Ablehnung der Menschenrechte, sondern ihre rhetorische Aneignung bei gleichzeitiger inhaltlicher Transformation. Es ist ein Spiel mit Spiegeln, in dem Begriffe gleich bleiben, ihre Bedeutung jedoch verschoben wird. Der französische Philosoph Marcel Gauchet hätte vermutlich von einer „Entzauberung der Entzauberung“ gesprochen – eine Rückkehr des Sakralen im Gewand moderner Sprache.

Die europäische Verwirrung

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Haltung eines Teils europäischer politischer Milieus eine eigentümliche Brisanz. Insbesondere in linken und grünen Kontexten lässt sich eine bemerkenswerte Zurückhaltung beobachten, wenn es um die kritische Auseinandersetzung mit genau diesen Differenzen geht. Wo sonst jede Form von Hierarchie, Diskriminierung oder religiöser Normsetzung mit analytischem Eifer seziert wird, herrscht plötzlich ein Ton der Vorsicht, ja bisweilen der demonstrativen Empathie.

Man erinnere sich an symbolträchtige Inszenierungen wie gemeinschaftliche Fastenbrechen in politischen Institutionen, begleitet von Bildern verschleierter Frauen und geschlechtergetrennter Rituale. Szenen, die – in einem anderen Kontext betrachtet – wohl als Paradebeispiele regressiver Sozialordnung kritisiert worden wären, erscheinen hier als Ausdruck kultureller Sensibilität. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Praktiken, die im eigenen kulturellen Kontext als zu überwindende Relikte gelten, werden im Namen der Diversität plötzlich sakrosankt.

Die Angst vor der falschen Kritik

Die Gründe für diese Haltung sind vielschichtig, aber keineswegs mysteriös. Ein zentrales Motiv scheint die Furcht vor dem falschen Verdacht zu sein. In einer politischen Landschaft, in der Kritik an muslimischen religiösen Praktiken schnell als kulturelle Intoleranz oder gar als Vorstufe zu Diskriminierung gelesen wird, entsteht ein Klima der Selbstzensur. Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte hier von symbolischer Gewalt gesprochen – allerdings in umgekehrter Richtung: nicht als Unterdrückung durch dominante Strukturen, sondern als freiwillige Beschränkung aus Angst vor moralischer Delegitimierung.

Hinzu tritt ein postkoloniales Erbe, das jede Kritik an nicht-westlichen Traditionen unter Generalverdacht stellt. Was als berechtigte Reflexion historischer Machtverhältnisse begann, entwickelt sich mitunter zu einer paradoxen Form des Relativismus: Alles ist gleichwertig, solange es nicht aus Europa stammt. Dass dabei universelle Prinzipien auf der Strecke bleiben könnten, wird mit einem Achselzucken quittiert – oder mit dem Hinweis, Universalismus sei selbst nur eine verkappte Form westlicher Dominanz.

TIP:  Österreich zahlt, Kiew spendet, Afrika isst.

Die Dialektik der Toleranz

So entsteht eine eigentümliche Dialektik: Im Namen der Toleranz wird Intoleranz toleriert. Im Namen der Vielfalt werden Praktiken akzeptiert, die Vielfalt im Inneren begrenzen. Und im Namen der Offenheit verschließt man die Augen vor offensichtlichen Spannungen. Der Philosoph Karl Popper formulierte einst das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führe zur Abschaffung der Toleranz. Es scheint, als werde dieses Paradox nicht nur theoretisch diskutiert, sondern praktisch erprobt.

Dabei wäre eine differenzierte Kritik keineswegs ein Akt der Feindseligkeit, sondern im Gegenteil ein Ausdruck ernst genommener Universalität. Denn wenn Menschenrechte tatsächlich universell sein sollen, dann müssen sie auch gegenüber kulturellen oder religiösen Begründungen verteidigt werden, die sie relativieren. Alles andere wäre eine Kapitulation im Gewand der Höflichkeit.

Die sanfte Ironie der Geschichte

Am Ende bleibt ein Bild von beinahe literarischer Tragikomik: politische Bewegungen, die sich einst als Avantgarde der Emanzipation verstanden, geraten in die Rolle wohlmeinender Komplizen von Strukturen, die genau jene Emanzipation begrenzen. Es ist, als hätte sich die Geschichte einen feinen Scherz erlaubt – nicht laut, nicht grob, sondern mit jener leisen Ironie, die erst im Nachhinein ihre volle Wirkung entfaltet.

Und so steht die Frage im Raum, nicht als Anklage, sondern als Einladung zur Reflexion: Ob es wirklich Fortschritt ist, Differenzen zu übersehen, oder ob nicht gerade in ihrer klaren Benennung die Voraussetzung für einen ernsthaften Dialog liegt. Denn nur wer Unterschiede erkennt, kann entscheiden, welche davon tragbar sind – und welche nicht.

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