Das Gedenken als Bühne der Gegenwart

Es gehört zu den merkwürdigsten Eigenarten der Gegenwart, dass Erinnerung zwar ständig beschworen, aber immer seltener verstanden wird. Erinnerung gilt als moralische Hochleistungsdisziplin, als eine Art gesellschaftlicher Triathlon aus Empörung, Symbolpolitik und performativer Betroffenheit. Kaum ein öffentlicher Raum scheint dafür geeigneter als eine KZ-Gedenkstätte. Dort lässt sich schließlich mit minimalem Aufwand maximale moralische Resonanz erzeugen: Die Kulisse ist historisch aufgeladen, die Opfer sind unbestreitbar tot und können sich folglich nicht mehr zu Wort melden, und die Gegenwart darf sich im Licht des Vergangenen moralisch ausleuchten lassen. In dieser Konstellation gedeiht eine eigentümliche politische Praxis: Erinnerung wird nicht mehr gepflegt, sondern benutzt. Die Vergangenheit dient nicht mehr als Mahnung, sondern als Projektionsfläche für aktuelle ideologische Kämpfe.

In diesem Sinne erscheint die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ als ein besonders illustratives Beispiel jener neuen Form von Gedenkpolitik, in der das historische Gedächtnis weniger als Verpflichtung denn als Rohstoff betrachtet wird. Der Ort, an dem Zehntausende gequält und ermordet wurden, verwandelt sich in eine Bühne, auf der die Gegenwart ihre politischen Accessoires ausstellt. Das Prinzip ist denkbar einfach: Man nimmt einen Ort des Leidens, versieht ihn mit aktuellen Symbolen, erklärt das Ganze zur mutigen Intervention gegen angebliche Verbote und ruft anschließend zur moralischen Solidarität auf. Auf diese Weise gelingt das Kunststück, aus der Erinnerung an Mord eine Art Aktivismus-Festival zu formen – inklusive Rundgang, Vorträgen und Podiumsdiskussion, also jenem unverzichtbaren Dreiklang des akademischen Protests.

Die Logik der symbolischen Überblendung

Der eigentliche Kern der Angelegenheit liegt allerdings weniger im Stoff der Kufiya als in der Logik ihrer Platzierung. Symbolpolitik folgt bekanntlich einer einfachen Regel: Ein Symbol entfaltet seine Wirkung nicht durch das, was es ist, sondern durch das, wo es erscheint. Ein Stück Stoff kann in einem Café ein modisches Accessoire sein, auf einer Demonstration ein politisches Statement und in einer Gedenkstätte eine Provokation von bemerkenswerter historischer Blindheit. Genau diese Blindheit wird jedoch von ihren Protagonisten nicht als Problem, sondern als moralischer Fortschritt interpretiert.

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Denn die moderne politische Symbolik liebt die Überblendung. Sie ersetzt historische Kontexte durch aktuelle Narrative und erklärt die so entstehende Mischung zur kritischen Erinnerungskultur. Dass Buchenwald ein Ort ist, an dem tausende Jüdinnen und Juden ermordet wurden, wird in dieser Logik nicht bestritten – es wird lediglich in eine größere, gegenwärtige Erzählung integriert, in der die Rollen neu verteilt werden. Die Geschichte dient dann weniger dazu, die Täter zu identifizieren, sondern vielmehr dazu, die Gegenwart moralisch umzudeuten. Das Ergebnis ist jene berühmte Täter-Opfer-Umkehr, die inzwischen zu den zuverlässigsten Konstanten bestimmter politischer Milieus gehört.

Der historische Mord wird dabei gewissermaßen zum dramaturgischen Hintergrundrauschen, vor dem sich die eigentliche Botschaft entfalten kann: dass die Gegenwart moralisch noch dringlicher sei als die Vergangenheit. Man könnte sagen, die Vergangenheit wird nicht geleugnet – sie wird überstimmt.

Der antizionistische Universalismus und seine blinden Flecken

Besonders interessant ist die ideologische Herkunft der Kampagne. Lange galt Geschichtsrevisionismus als Spezialität der extremen Rechten, jener politischen Tradition, die sich mit der Vergangenheit grundsätzlich nur dann beschäftigt, wenn sie sie relativieren möchte. Doch die Gegenwart zeigt eine bemerkenswerte Pluralisierung dieses Geschäftsmodells. Auch Teile der radikalen Linken haben entdeckt, dass sich mit der Umdeutung der Geschichte hervorragende politische Effekte erzielen lassen.

Der entscheidende Trick besteht darin, Antizionismus als universelle Befreiungsideologie zu präsentieren. In dieser Perspektive wird Israel zum globalen Symbol des Unrechts, während jede Opposition gegen diesen Staat automatisch den Rang eines antikolonialen Freiheitskampfes erhält. Die historische Komplexität der jüdischen Geschichte wird dabei großzügig beiseitegeschoben, denn sie stört das moralische Schwarz-Weiß-Gemälde. Besonders störend wirkt etwa der Umstand, dass viele Überlebende der Shoah ihre Zukunft im jüdischen Staat suchten – ein Detail, das nicht recht zur Erzählung vom kolonialen Projekt passen will.

Gerade Buchenwald selbst liefert hier eine ironische Pointe der Geschichte. Nach der Befreiung gründeten jüdische Überlebende den sogenannten Kibbuz Buchenwald, um ihre Auswanderung nach Eretz Israel vorzubereiten. Ausgerechnet an diesem Ort wurde also jene Bewegung gestärkt, die heute von manchen Aktivisten als Hauptproblem der Weltgeschichte betrachtet wird. Man könnte sagen: Die Geschichte besitzt einen Sinn für Ironie, der den politischen Gegenwartsdebatten gelegentlich abhandenkommt.

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Die Moralindustrie der Provokation

Doch vielleicht liegt der eigentliche Reiz solcher Aktionen weniger in ihrer politischen Botschaft als in ihrer kalkulierten Provokation. Moderne Aktivismusformen folgen oft einem dramaturgischen Muster, das sich ungefähr so beschreiben lässt: Man wählt einen maximal sensiblen Ort, bringt dort ein maximal polarisierendes Symbol an und wartet anschließend auf die empörte Reaktion. Diese Empörung wird dann als Beweis für die eigene Relevanz interpretiert.

Die Mechanik ist bestechend effizient. Die Provokation erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt moralische Polarisierung, und Polarisierung wiederum erzeugt politische Identität. In diesem Kreislauf ist der historische Ort lediglich das Rohmaterial für eine performative Empörungskultur. Das Gedenken selbst spielt dabei eine erstaunlich geringe Rolle. Es dient vor allem als moralischer Resonanzraum, dessen historische Bedeutung die symbolische Lautstärke der Aktion verstärkt.

So entsteht eine Art Erinnerungs-Eventkultur, in der die Vergangenheit nicht mehr erinnert, sondern bespielt wird. Der Glockenturm einer Gedenkstätte wird zur Kulisse einer Mahnwache, deren eigentliche Botschaft weniger den Toten gilt als den Lebenden – genauer gesagt den sozialen Netzwerken, in denen die Bilder dieser Mahnwache zirkulieren sollen.

Die seltsame Karriere der Täter-Opfer-Umkehr

Die vielleicht unerquicklichste Pointe dieser Entwicklung liegt darin, dass ausgerechnet Orte, die einst den mörderischen Antisemitismus dokumentieren sollten, nun gelegentlich als Plattform für dessen moderne Varianten dienen. Natürlich geschieht dies selten in offener Form. Der Antisemitismus der Gegenwart bevorzugt subtilere Gewänder. Er tritt als Antizionismus auf, als antikoloniale Theorie, als radikale Kritik westlicher Machtverhältnisse.

Doch die Grundstruktur bleibt erstaunlich konstant: Die Juden erscheinen erneut als Problem der Weltgeschichte, diesmal allerdings nicht mehr als angebliche Rasse, sondern als Staat. Das Ergebnis ist eine rhetorische Verschiebung, die so elegant wie unerquicklich ist. Die historische Verantwortung für den Antisemitismus wird in eine universelle Anklage gegen „Kolonialismus“ verwandelt, und plötzlich erscheinen ausgerechnet jene Menschen, deren Angehörige in europäischen Lagern ermordet wurden, als Teil einer globalen Unterdrückungsmaschinerie.

In dieser Perspektive wird die Erinnerung an die Shoah zu einem Hindernis. Sie erinnert nämlich daran, dass die jüdische Geschichte nicht nur aus Macht, sondern vor allem aus Verfolgung besteht. Wer diese Erinnerung politisch instrumentalisieren will, muss sie daher zunächst relativieren – oder zumindest in eine größere Erzählung einbauen, in der ihre moralische Eindeutigkeit verschwimmt.

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Die Würde des Ortes und die Gedächtnisökonomie der Gegenwart

Am Ende bleibt eine eher ernüchternde Beobachtung über die Kultur der Erinnerung im 21. Jahrhundert. Gedenkstätten sind längst nicht mehr nur Orte der historischen Aufklärung. Sie sind auch Schauplätze politischer Symbolkämpfe geworden, in denen verschiedene Gruppen um die Deutungshoheit über Vergangenheit und Gegenwart ringen.

Das ist an sich nichts Neues; Erinnerung war stets politisch. Neu ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der manche Akteure glauben, jeden historischen Ort in eine Bühne für ihre aktuellen Anliegen verwandeln zu dürfen. Die Würde des Ortes erscheint dann als eine Art optionales Detail, das man respektieren kann, aber nicht muss.

Gerade darin liegt jedoch die eigentliche Pointe der Kritik: Erinnerung funktioniert nur dann, wenn sie den Toten Vorrang vor den Lebenden einräumt. Sobald das Verhältnis umgekehrt wird – sobald also die Gegenwart ihre politischen Insignien über das Gedenken legt –, verwandelt sich Erinnerung in ihr Gegenteil. Aus der Mahnung wird eine Kulisse, aus dem Gedenken ein Spektakel und aus der Geschichte ein Rohstoff für moralische Selbstinszenierung.

Die Toten von Buchenwald haben viele Dinge erlebt, die sich heute kaum noch begreifen lassen. Eines allerdings hätten sie vermutlich nicht erwartet: dass eines Tages darüber gestritten wird, welche politischen Accessoires man an ihrem Grab tragen darf. Die Geschichte besitzt bekanntlich einen düsteren Sinn für Ironie. Doch selten tritt er so unerquicklich deutlich hervor wie in Momenten, in denen das Gedenken an die Ermordeten durch die Insignien ihrer Feinde ersetzt werden soll – selbstverständlich im Namen der moralischen Sensibilität der Gegenwart.

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