Der Parteitag als moralische Geisterbahn

Es gibt politische Ereignisse, die wirken zunächst wie gewöhnliche Parteitagsfolklore: etwas Pathos, etwas Resolutionstheater, ein paar wohlfeile moralische Gesten fürs heimische Milieu. Und dann gibt es jene Momente, in denen eine politische Bewegung – womöglich unbeabsichtigt – eine Art historischen Offenbarungseid leistet. Der niedersächsische Parteitag der Linkspartei gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Dort wurde mit der Ernsthaftigkeit eines ideologischen Kirchenkonzils die „Ideologie des Zionismus“ verworfen, als handle es sich um eine besonders anstößige Unterabteilung spätkapitalistischer Börsenspekulation. In Wahrheit aber wurde damit etwas weit Elementareres infrage gestellt: das schlichte Prinzip, dass Juden – nach Jahrhunderten der Verfolgung, Entrechtung und schließlich industriell organisierter Vernichtung – möglicherweise ein Existenzrecht in einem eigenen Staat besitzen könnten. Dass diese Einsicht im Deutschland des 21. Jahrhunderts offenbar wieder diskussionsfähig ist, gehört zu jenen historischen Ironien, bei denen das Lachen im Hals stecken bleibt.

Die rhetorische Kulisse, vor der dieser Beschluss präsentiert wurde, ist vertraut: „Siedlerkolonialismus“, „Apartheid“, „Genozid“. Es handelt sich um eine Art politischer Baukasten, der in bestimmten Milieus zuverlässig funktioniert. Wer diese Begriffe in rascher Folge aneinanderreiht, erzeugt eine moralische Dramaturgie, die ebenso simpel wie wirkungsvoll ist: Hier die Täter, dort die Opfer, und dazwischen eine Bühne für moralische Empörung. Der Umstand, dass diese Begriffe historisch und juristisch äußerst präzise Bedeutungen besitzen, scheint im Eifer des ideologischen Gefechts eher als lästige Fußnote zu gelten. Denn wer einmal den Begriff „Genozid“ ins Spiel gebracht hat, braucht sich mit komplizierten Realitäten nicht mehr aufzuhalten. Der moralische Schlussakkord steht bereits fest, lange bevor die erste ernsthafte Analyse begonnen hat.

Antifaschismus als moralische Selbstverkleidung

Die eigentliche Groteske dieses Vorgangs liegt jedoch in der Selbstinszenierung jener politischen Strömung, die diesen Beschluss gefasst hat. Seit Jahrzehnten pflegt man dort die Rolle des antifaschistischen Gewissens der Republik. In dieser Rolle wird mit moralischer Strenge über politische Gegner gerichtet, über historische Verantwortung referiert und über die Gefahren von Nationalismus und Menschenfeindlichkeit doziert. Es ist eine Pose, die durchaus Wirkung entfaltet – besonders in akademischen Seminarräumen und auf Demonstrationsbühnen mit Megafon.

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Doch gerade diese Pose verleiht dem niedersächsischen Parteitag eine beinahe kabarettistische Dimension. Denn während man sich selbst als Bollwerk gegen jede Form von Diskriminierung begreift, wird ausgerechnet der Zionismus – also die historische Bewegung zur politischen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes – zur verwerflichen Ideologie erklärt. Der moralische Kompass scheint dabei eine bemerkenswerte Fehljustierung aufzuweisen. Antisemitismus wird in diesem Weltbild offenbar erst dann problematisch, wenn er in den klassischen Kostümen der Vergangenheit auftritt. Sobald er sich jedoch im modischen Gewand des „Antizionismus“ präsentiert, gilt er plötzlich als legitime Kritik.

Man könnte darin fast eine Art politischer Tarntechnik erkennen: Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts tritt nicht mehr mit groben Parolen auf, sondern mit Vokabeln aus postkolonialen Seminaren. Die Feindbilder bleiben erstaunlich stabil – lediglich die Verpackung wurde modernisiert.

Die bequeme Moral des sicheren Abstands

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt dieses politischen Schauspiels liegt in der geographischen Distanz, aus der es inszeniert wird. Zwischen den Parteitagsstühlen in Niedersachsen und den realen Konfliktlinien des Nahen Ostens liegen mehrere tausend Kilometer – und ein politischer Realitätsunterschied von kaum zu überschätzender Größe. Während in Israel eine demokratische Gesellschaft unter permanentem Sicherheitsdruck existiert, während Raketenangriffe, Terroranschläge und geopolitische Bedrohungen zum Alltag gehören, entfaltet sich auf deutschen Parteitagen eine moralische Debatte von erstaunlicher Leichtigkeit.

Die Versuchung der moralischen Vereinfachung ist in dieser Distanz besonders groß. Konflikte, die in Wirklichkeit aus historischen, religiösen, geopolitischen und gesellschaftlichen Faktoren bestehen, lassen sich bequem auf eine simple Erzählung reduzieren. Der Staat Israel wird zum kolonialen Projekt erklärt, Palästinenser erscheinen ausschließlich als Opfer, und sämtliche historischen Kontexte verschwinden in einer rhetorischen Nebelwand aus Schlagworten.

In dieser Perspektive erscheint jede Differenzierung bereits als moralischer Verrat. Wer es wagt, die Existenz eines komplexen Konflikts anzuerkennen, wird schnell verdächtigt, sich auf die falsche Seite der Geschichte zu stellen. Moralische Gewissheit ersetzt politische Analyse – ein Zustand, der auf Parteitagen besonders gut gedeiht.

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Der Austritt als stilles Urteil

Besonders aufschlussreich wirkt vor diesem Hintergrund der Austritt eines Mannes, dessen Amt eigentlich symbolisch für das Gegenteil stehen sollte: der Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner. Sein Rückzug aus der Partei besitzt eine gewisse Tragik, denn er stellt weniger einen politischen Angriff dar als vielmehr ein resigniertes Eingeständnis. Wenn jemand, der institutionell mit dem Kampf gegen Judenfeindlichkeit betraut ist, zu dem Schluss gelangt, dass die eigene Partei diese Grenze nicht mehr zuverlässig erkennt, dann ist das kein gewöhnlicher Parteikonflikt mehr. Es ist ein strukturelles Problem.

Seine Begründung, man könne nicht Mitglied bleiben, ohne die eigenen Überzeugungen zu verraten, wirkt wie ein nüchterner Schlusssatz unter ein Kapitel politischer Illusionen. Denn der Vorgang offenbart eine Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und politischer Realität, die kaum noch zu übersehen ist. Wer Antisemitismus bekämpfen möchte, muss zunächst erkennen, wie er heute erscheint. Und er erscheint selten noch in den Karikaturen der Vergangenheit.

Der lange Schatten der Ideologie

Am Ende bleibt die Frage, was dieser Parteitag tatsächlich offenbart hat. Vielleicht weniger eine plötzliche Radikalisierung als vielmehr eine ideologische Kontinuität, die lange unter der Oberfläche existierte. Teile der europäischen Linken pflegen seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Obsession mit Israel – eine Aufmerksamkeit, die in keinem Verhältnis zu ihrer Beschäftigung mit anderen internationalen Konflikten steht. Staaten mit deutlich brutaleren Menschenrechtsbilanzen geraten erstaunlich selten ins Zentrum moralischer Kampagnen.

Israel hingegen scheint eine besondere Rolle einzunehmen: als Projektionsfläche, als moralisches Symbol, als politisches Feindbild. Die Gründe dafür sind komplex, doch das Ergebnis ist sichtbar. Der jüdische Staat wird nicht einfach kritisiert – er wird delegitimiert, moralisch isoliert und symbolisch zum globalen Hauptschuldigen erklärt.

Der niedersächsische Parteitag hat diese Tendenz nicht erfunden. Aber er hat sie mit einer Klarheit formuliert, die kaum noch Interpretationsspielraum lässt.

Satire der politischen Selbstgewissheit

Vielleicht liegt die bitterste Ironie dieses gesamten Vorgangs in der moralischen Selbstgewissheit, mit der er präsentiert wurde. Auf Parteitagen dieser Art herrscht häufig eine Atmosphäre, die an eine Mischung aus politischem Seminar und moralischem Tribunal erinnert. Resolutionen werden verabschiedet, Begriffe definiert, historische Urteile gefällt – und das alles mit jener intellektuellen Sicherheit, die besonders dort gedeiht, wo reale Verantwortung fern bleibt.

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Satiriker müssten sich anstrengen, eine groteskere Szene zu erfinden: deutsche Parteitagsdelegierte, die mit großer Ernsthaftigkeit darüber abstimmen, ob die historische Bewegung zur jüdischen Selbstbestimmung eine unzulässige Ideologie darstellt. Die Geschichte besitzt manchmal einen Sinn für Ironie, der selbst erfahrene Beobachter überrascht.

Und so bleibt nach diesem Wochenende vor allem eine Erkenntnis: Politische Bewegungen verraten ihren wahren Charakter selten in sorgfältig formulierten Programmen. Viel häufiger geschieht dies in jenen Momenten, in denen ideologische Gewissheit die letzte Zurückhaltung über Bord wirft. Dann fällt die Maske – und darunter erscheint nicht selten ein Gesicht, das man eigentlich längst überwunden glaubte.

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