Die feierliche Geburt einer Idee und ihr stilles Ableben
Die „University of Birmingham“ wurde im Jahre des Herrn 1900 von Königin Victoria gegründet, in einer Epoche also, in der man noch der irrigen Auffassung war, Universitäten dienten der Erkenntnis und Prüfungen der Überprüfung derselben, eine Zeit, in der man glaubte, Wahrheit ließe sich wenigstens annäherungsweise von Irrtum unterscheiden, und in der man die naive Hoffnung hegte, dass Leistungsnachweise etwas mit Leistung zu tun haben könnten; seither lehrt und forscht man dort munter vor sich hin, und wenn man dem Pathos der Gründungsurkunden Glauben schenken darf, tat man dies einst mit einem gewissen Ernst gegenüber dem Gegenstand, dem Studenten und – man verzeihe das archaische Wort – der Wahrheit, doch wie alles Irdische ist auch diese Idee dem Zahn der Zeit nicht gewachsen, und während die ehrwürdigen Backsteinfassaden der Universität noch stoisch dem Regen trotzen, hat sich im Inneren eine geistige Erosion vollzogen, die nunmehr dazu führt, dass man ausgerechnet dort, wo man einst die Grundlagen rationalen Denkens pflegte, das Denken selbst als verdächtiges Relikt kolonialer Gewalt identifiziert.
Prüfen als Akt struktureller Aggression
Da aber zum Lehren auch gelegentliches Prüfen gehört, muss man sich von Zeit zu Zeit darüber klar werden, in welcher Form Prüfungen stattfinden sollen – akademische Prüfungen, wohlgemerkt, von denen man zumindest theoretisch ein gewisses Niveau erwarten sollte –, doch in Birmingham scheint man mit diesem Prinzip leichte Schwierigkeiten zu haben, wie die britische Zeitung „Daily Mail“ berichtet, und man darf an dieser Stelle ruhig festhalten, dass es eine gewisse Ironie besitzt, wenn ausgerechnet ein Boulevardblatt zum Chronisten universitärer Selbstauflösung wird, während die akademische Welt selbst in betretenem Schweigen versinkt. Im Folgenden werde ich nichts anderes tun, als die deutsche Übersetzung dieses Artikels zu notieren, die ich nur manchmal unterbrechen muss, um einen Begriff zu erläutern, wobei bereits diese Notwendigkeit der Erläuterung ein Symptom ist: Man versteht die neue Universität nur noch, wenn man sie wie eine fremde Kultur ethnologisch kommentiert.
Intelligenz als weißes Missverständnis
Unter der Überschrift „Große britische Universität fordert Abschaffung von Prüfungen als Teil ihrer Pläne zur ‚Dekolonialisierung‘ ihrer Wirtschaftsfakultät – weil ‚sie weiße Studierende begünstigen‘“ wird dem Leser eröffnet, dass Prüfungen und das Verfassen von Aufsätzen abgeschafft werden sollten, da sie weiße Studenten unfair begünstigten, eine These von jener schlichten Radikalität, die jeden Widerspruch bereits als moralische Verfehlung disqualifiziert, denn wer wollte sich schon vorwerfen lassen, er verteidige Privilegien, wenn er in Wahrheit lediglich darauf besteht, dass zwei plus zwei auch weiterhin vier ergeben mögen. Die Universität Birmingham erklärt demnach, traditionelle Bewertungsmethoden würden „Intelligenz auf der Grundlage weißer Privilegien“ messen, ein Satz, der bei näherer Betrachtung weniger über Intelligenz als über das Weltbild seiner Urheber verrät, denn er setzt voraus, dass Denken selbst ein kulturell exklusives Produkt sei, gewissermaßen ein Accessoire der europäischen Hautfarbe, und dass das Lösen einer Aufgabe weniger mit Verstehen als mit Pigmentierung zu tun habe.
Die Dekolonialisierung des Niveaus
Diese erstaunliche Behauptung wurde in einem neuen Papier darüber aufgestellt, wie die Wirtschaftsfakultät „dekolonialisiert“ werden könne, wobei der Begriff hier eine bemerkenswerte Bedeutungsverschiebung erfährt: Ging es bei der historischen Dekolonisation um politische Selbstbestimmung, so geht es nun offenbar um die Befreiung von Anforderungen, von Maßstäben und letztlich von Zumutungen, denn nichts scheint kolonialer zu sein als die Erwartung, dass Studierende unter Zeitdruck kohärente Gedanken zu Papier bringen. Wirtschaftsstudiengänge sollen ihre Systeme und Strukturen ändern, um Verbindungen zum „Kolonialismus und seinen Hinterlassenschaften“ zu kappen, und man fragt sich unwillkürlich, ob als Nächstes die Nachfragekurve als imperiales Konstrukt entlarvt oder die doppelte Buchführung als epistemische Gewalt gegen nicht-westliche Zahlensysteme denunziert wird.
Privilegien der Weißheit und andere metaphysische Substanzen
In einem begleitenden Kommentar schwärmt Professorin Sally Everett vom King’s College London von den „unverdienten Vorteilen, weiß zu sein“, und den „Privilegien der Weißheit“, Begriffe, die mit einer solchen metaphysischen Wucht auftreten, dass man beinahe erwartet, sie könnten in Reagenzgläsern abgefüllt und in Seminaren verteilt werden, und sie plädiert für eine „Dekolonisierung der Bewertung“, weil traditionelle Methoden angeblich „systemische Ungleichheiten aufrechterhalten“, was in der Praxis bedeutet, dass man sie durch „Bewertungen mit geringem Einsatz“ wie das Verfassen von reflektierenden Tagebüchern ersetzen solle. Hier muss man kurz innehalten und sich die Schönheit dieser Idee auf der Zunge zergehen lassen: Das Tagebuch, jenes intime Dokument jugendlicher Seelennöte, avanciert zur akademischen Währung, und wer früher noch irrigerweise glaubte, ein Studium solle Wissen und Fähigkeiten vermitteln, darf nun lernen, dass es vor allem um das korrekte Protokollieren eigener Befindlichkeiten geht.
Die Pädagogik der Schonung
Der Bericht kommt folgerichtig zu dem Schluss, dass persönliche, zeitlich begrenzte Prüfungen oder benotete Aufsätze abgeschafft werden sollten, da sie potenziell „Instrumente der Ausgrenzung“ seien, sie würden „Wissen marginalisieren“ und Fähigkeiten aus „nicht-westlichen Traditionen“ abwerten, eine Argumentation, die so tut, als stünde die Fähigkeit, einen klaren Gedanken zu formulieren, in einem unauflöslichen Gegensatz zu kultureller Vielfalt, als müsse man sich zwischen Logik und Gerechtigkeit entscheiden, und als sei das universelle Denken selbst eine Form westlicher Arroganz. All dies ist Teil einer Initiative für Gleichberechtigung, Vielfalt und Inklusion, die als Reaktion auf die Black-Lives-Matter-Proteste ins Leben gerufen wurde, was erklärt, warum man sich weniger mit ökonomischer Theorie als mit moralischer Selbstvergewisserung beschäftigt, denn nichts wirkt in Zeiten öffentlicher Erregung so beruhigend wie der symbolische Verzicht auf Standards.
Infantilisierung als Fürsorge
Chris McGovern von der Campaign for Real Education zeigt sich traurig darüber, dass die akademische Integrität auf diese Weise in Verruf gebracht wird, und weist darauf hin, dass traditionelle Formen der Leistungsbewertung aufgrund von Intelligenz diskriminieren, nicht aufgrund der Rasse, ein Gedanke, der in der neuen Logik bereits als Skandal gilt, weil er impliziert, dass Menschen unterschiedlich leistungsfähig sein könnten, ohne dass dafür ein politischer Schuldiger benannt werden muss. Besonders treffend ist seine Beobachtung, dass Studierende aus dem globalen Süden bevormundet, infantilisiert und herabgewürdigt werden, indem man sie als intellektuell minderwertig behandelt, denn hinter der wohlmeinenden Rhetorik der Schonung verbirgt sich eine Erwartungslosigkeit, die mit Respekt wenig zu tun hat: Wer jemandem keine Prüfung zutraut, traut ihm letztlich auch keine Leistung zu.
Kunstbetrachtung statt Erkenntnis
Der Bericht „Decolonising a business school in context: from theory to practice“ ist Teil eines dreijährigen Projekts, zu dessen weiteren Aktivitäten der Besuch einer Kunstgalerie mit Wirtschaftsstudenten gehörte, um Interpretationen von Gemälden und Skulpturen aus der Perspektive der Rassentheorie zu hören, eine Maßnahme, die man als intellektuelle Horizonterweiterung verkaufen kann, die aber auch den Verdacht nährt, dass hier Ablenkung von der eigenen Inhaltsleere betrieben wird. „Diese Arbeit mag unangenehm sein, aber sie gibt Anlass zur Hoffnung“, heißt es, wobei offenbleibt, wessen Hoffnung hier gemeint ist: die der Studierenden, die nun weniger rechnen müssen, oder die der Verwaltung, die glaubt, durch performative Bußübungen dem Zeitgeist entkommen zu können.
Die Quote als neuer Lehrplan
Die Maßnahme in Birmingham ist Teil einer größeren Initiative zur Abschaffung von Prüfungen im Hochschulbereich, da diese als voreingenommen gegenüber bestimmten Gruppen angesehen werden, und die Universitäten stehen unter Druck, die Kluft zwischen dem Anteil der erstklassigen und guten Absolventen unter weißen Studenten und dem ihrer Kommilitonen mit ethnischem Minderheitenhintergrund zu schließen, ein Ziel, das sich natürlich am einfachsten erreichen lässt, indem man die Kriterien so weit absenkt, bis sie niemanden mehr diskriminieren können – außer vielleicht jene, die noch immer glauben, dass ein Abschluss etwas bedeuten sollte. Es ist unklar, wie viele Wissenschaftler die Empfehlungen bisher umgesetzt haben, doch die Verteidigungsreden der Universität, wonach es sich um das Ergebnis „akademisch fundierter Forschung“ handle, klingen wie das letzte Aufbäumen einer Institution, die den Unterschied zwischen Forschung und Gesinnungsseminar verlernt hat.
Der Triumph der Perspektive über den Gegenstand
„Die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen, ist eine wichtige Fähigkeit“, heißt es abschließend, und niemand wird dem widersprechen wollen, doch Perspektiven ersetzen keinen Gegenstand, und Vielfalt des Blicks ist kein Ersatz für Klarheit des Denkens; eine Wirtschaftswissenschaft, die sich vor allem mit sich selbst und ihren moralischen Befindlichkeiten beschäftigt, wird weder die Welt erklären noch sie verbessern. So weit der Bericht der „Daily Mail“, der tatsächlich für sich spricht, weshalb ich mir jeden persönlichen Kommentar erspart habe – jedenfalls fast. Für manche mag es tröstlich sein, für andere eher niederdrückend, aber man kann es nicht leugnen: Nicht nur die Deutschen sind verrückt geworden, die Briten sind es auch, und sie haben es geschafft, diesen Zustand mit Zwischenberichten, Projektlaufzeiten und wohlklingenden Leitbildern auszustatten, sodass der Wahnsinn nunmehr als Reform daherkommt und der Verlust der Leistung als Fortschritt gefeiert wird, augenzwinkernd, versteht sich, und selbstverständlich inklusiv.