Die Thermodynamik der Vorschrift

Es gibt in der europäischen Zivilisation zwei unerschütterliche Glaubenssätze: Erstens, dass alles irgendwie zusammenhängt. Zweitens, dass man es folglich auch irgendwie regeln muss. Wenn also am Rande eines Hotelwaschbeckens ein Mini-Shampoo-Fläschchen steht – jene zierliche Ikone des transitorischen Hedonismus, die uns mit der stillen Würde einer Einmaligkeit entgegenlächelt –, dann ist klar: Hier droht die Anarchie. Hier lauert das ungezügelte Molekül. Und wer, wenn nicht die mehr als 60.000 Beamten der Europäischen Union, könnten sich mit der moralischen Entschlossenheit eines spätmodernen Zisterzienserordens dieser existenziellen Gefahr entgegenstellen? Unter der Ägide von Ursula von der Leyen wird das Shampoo zur Schicksalsfrage des Kontinents. Man stelle sich vor, Karl der Große hätte statt Schwertern Verordnungen geschwungen – Europa wäre vermutlich früher geeint gewesen, wenn auch deutlich besser parfümiert.

Das Prinzip der vorbeugenden Weltrettung

Man muss es bewundern: Während andere politische Gebilde in geopolitischen Scharmützeln oder ökonomischen Disruptionen versinken, entfaltet die Brüsseler Verwaltung eine heroische Konzentration auf das Wesentliche – die Größe von Fläschchen. Der Miniaturismus des Problems ist dabei kein Zufall, sondern Methode. Denn in der Logik moderner Governance gilt: Je kleiner der Gegenstand, desto größer die moralische Fallhöhe. Das Shampoo-Fläschchen ist nicht einfach ein Behältnis mit leicht zitronig duftender Flüssigkeit; es ist ein Symbol für Verschwendung, für das Wegwerfzeitalter, für jene zivilisatorische Hybris, die glaubt, dass Reinheit in 30 Millilitern abgepackt werden kann. Und so erhebt sich die Regulierung wie ein strenger Hausmeister der Geschichte und sagt: Nicht mit uns! Wer braucht individuelle Hygieneportionen, wenn es nachfüllbare Großspender gibt, die an Gefängnisarchitektur erinnern und das Gefühl vermitteln, man dusche unter Aufsicht einer Ethikkommission?

Der Beamte als metaphysischer Held

Es wäre jedoch zu einfach, von „Regulierungswahn“ zu sprechen, ohne die psychologische Tiefenstruktur dieses Phänomens zu würdigen. Der europäische Beamte ist kein pedantischer Paragrafenreiter, sondern ein metaphysischer Held im Maßanzug. Er ringt nicht mit Drachen, sondern mit Definitionen. Er bekämpft keine Hydra, sondern die Unschärfe des Begriffs „Einweg“. In nächtlichen Sitzungen, umgeben von Aktenbergen, die wie moderne Kathedralen aus Papier emporragen, wird gerungen, gefeilt, präzisiert. Ist ein Fläschchen noch „mini“, wenn es 31 Milliliter fasst? Und wenn es biologisch abbaubar ist, darf es dann sündigen? Hier zeigt sich die wahre Tragik: Der Wille zur Verbesserung der Welt trifft auf die unerschütterliche Tatsache, dass die Welt aus Menschen besteht, die sich im Hotel gern die Haare waschen, ohne zuvor eine Nachhaltigkeitsprüfung zu absolvieren.

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Die Ästhetik der Überregulierung

Europa war immer dann groß, wenn es Maß und Mitte fand – in der Architektur, in der Musik, in der Philosophie. Nun scheint es eine neue Ästhetik zu entwickeln: die Ästhetik der Überregulierung. Sie ist barock in ihrer Detailverliebtheit, gotisch in ihrer Komplexität und zugleich zutiefst bürokratisch in ihrer Seele. Das Mini-Shampoo-Verbot reiht sich ein in eine lange Galerie wohlmeinender Interventionen, die alle das gleiche Versprechen tragen: Wenn wir nur noch dieses eine Detail korrigieren, wird die Welt ein kleines bisschen besser. Es ist der Traum vom perfekten Uhrwerk, in dem kein Zahnrad knirscht – nur dass das Uhrwerk aus 450 Millionen Individuen besteht, die gelegentlich widerspenstig sind und sich dem Diktat der Dosierpumpe widersetzen.

Der moralische Mehrwert des Mangels

Man darf die symbolische Kraft des Verzichts nicht unterschätzen. Das Fehlen des Mini-Fläschchens wird künftig eine Leerstelle sein, die spricht. Sie wird uns zuflüstern: „Du bist Teil eines großen Projekts.“ Vielleicht wird man im Hotelzimmer stehen, auf den nackten Rand des Waschbeckens blicken und ein Gefühl der transnationalen Solidarität verspüren. Vielleicht wird man sich sagen: Wenn ich schon kein Shampoo in Reisegröße bekomme, dann hat wenigstens das Klima eine Chance. Und wenn nicht, so bleibt doch das gute Gewissen – jene universelle Ersatzreligion der Gegenwart, die sich besonders gut in Verwaltungsakten niederschlägt.

Die Ironie des Fortschritts

Natürlich ließe sich einwenden, dass Plastikmüll ein reales Problem ist, dass Ressourcen endlich sind, dass kollektives Handeln notwendig ist. All das ist richtig, vernünftig, ja geboten. Und doch bleibt ein Rest Ironie, wenn die große europäische Erzählung sich an den Rändern des Hotelbads materialisiert. Man spürt das Missverhältnis zwischen Pathos und Objekt, zwischen planetarer Verantwortung und handtellergroßem Behältnis. Es ist, als würde man mit Kanonen auf Wattestäbchen schießen – sehr zielgenau, sehr entschlossen, aber eben doch mit einer gewissen komischen Fallhöhe.

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Das kontinentale Duschgel-Schicksal

Am Ende wird Europa auch dieses Kapitel überstehen. Die Mini-Shampoos werden verschwinden, wie einst die Roaming-Gebühren oder die Glühbirnen alter Bauart. Man wird sich gewöhnen, wie man sich immer gewöhnt. Und vielleicht wird man eines Tages nostalgisch zurückdenken an jene Zeit, als man im Hotelzimmer eine kleine Flasche aufschraubte und für einen Moment das Gefühl hatte, die Welt sei handlich und wohlgeordnet. Bis dahin aber regulieren wir weiter, mit der stoischen Ernsthaftigkeit eines Apparats, der fest daran glaubt, dass der Weg zur besseren Zukunft über die korrekte Dosierung von Haarpflegeprodukten führt. Europa, du hast Großes vor – und es beginnt, wie so oft, im Bad.

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