Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen moderner Erinnerungskultur, dass runde Jahrestage nicht nur die Vergangenheit würdigen, sondern sie zugleich glätten, sortieren, moralisch etikettieren und in handliche Narrative verpacken, die sich im Feuilleton ebenso gut machen wie im Frühstücksradio; so entsteht, pünktlich zum fünfundzwanzigsten Jahrestag eines Ereignisses, das die Welt erschüttert hat, eine Deutung, die mit der Ruhe eines spätabends gelüfteten Seminarraums daherkommt und mit der Gewissheit, man habe nun endlich verstanden, was damals eigentlich geschah – oder zumindest, was man heute darüber sagen sollte, ohne allzu sehr anzuecken; die Pointe liegt darin, dass die historische Analyse sich in solchen Momenten gerne als moralische Hygiene ausgibt, als Desinfektionsmittel gegen „falsche“ Schlüsse, während die eigentliche Zumutung der Geschichte, nämlich ihre Widersprüchlichkeit, ihre Unbequemlichkeit und ihre Resistenz gegen wohltemperierte Erklärungen, diskret hinter die Kulissen verschoben wird, wo sie niemanden mehr stört, schon gar nicht das gute Gewissen.
Die Archäologie des Vorurteils als Allzweckwerkzeug
Gewiss, antimuslimische Stereotype lassen sich bis ins frühe Mittelalter und zu Martin Luther zurückverfolgen; es gibt Chroniken, Predigten und Flugschriften, die den Anderen mit erstaunlicher Fantasie dämonisieren, und es ist eine triviale Wahrheit, dass Feindbilder selten spontan entstehen, sondern sich über Jahrhunderte sedimentieren wie geologische Schichten aus Angst, Projektion und politischem Nutzen; doch die eigentümliche Eleganz der aktuellen Deutung besteht darin, aus dieser historischen Tiefenschärfe eine Art Universalschlüssel zu formen, der jede Gegenwartstür öffnet: Wo immer heute Angst, Ablehnung oder politische Instrumentalisierung sichtbar wird, genügt ein kurzer Griff in die Vitrine der Vergangenheit, und schon ist alles erklärt, katalogisiert und – vor allem – entlastet von der lästigen Frage, ob es neben den tradierten Stereotypen nicht auch neue, spezifische Erfahrungen, Konflikte oder schlicht reale Ereignisse gibt, die sich nicht restlos in die Schublade „jahrhundertealtes Vorurteil“ einsortieren lassen; die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Ausgerechnet die Kritik an vereinfachenden Zuschreibungen bedient sich selbst einer großen Vereinfachung, indem sie die Gegenwart als bloße Wiederholung des Immergleichen interpretiert.
Der elegante Kurzschluss
Der gedankliche Kurzschluss, der hier vollzogen wird, ist von bestechender Ästhetik: Ein historisches Kontinuum wird konstruiert, das von mittelalterlichen Polemiken über koloniale Rechtfertigungsnarrative bis hin zu heutigen Debatten reicht, und dieses Kontinuum dient dann als Erklärung dafür, warum ein singuläres, in seiner Brutalität und Symbolik kaum zu überschätzendes Ereignis in bestimmten Köpfen als Bestätigung vorhandener Ängste wirkte; was dabei unter den Tisch fällt, ist die banale, aber unbequeme Einsicht, dass Ereignisse auch deshalb wirken, weil sie tatsächlich stattfinden – dass also die Tatsache, dass Flugzeuge in Gebäude gesteuert werden, nicht nur eine Projektionsfläche für Vorurteile ist, sondern auch ein reales Geschehen, das Fragen nach Ursachen, Ideologien und Verantwortlichkeiten aufwirft, die sich nicht vollständig in der Diagnose „Stereotypen wurden aktiviert“ auflösen lassen; wer hier ausschließlich die longue durée der Vorurteilsgeschichte betont, läuft Gefahr, die konkrete historische Erfahrung zu entmaterialisieren und in eine Art diskursiven Nebel zu verwandeln, in dem alles letztlich schon immer da war und daher nichts mehr wirklich neu ist.
Feindbilder im Vakuum
Besonders reizvoll ist die These, nach dem Ende des Kalten Krieges habe es gewissermaßen ein Feindbildvakuum gegeben, das nun gefüllt werden musste – eine geopolitische Leerstelle, die nach einem neuen Gegner verlangte wie ein leerer Platz nach einem Denkmal; diese Vorstellung besitzt den Charme eines gut aufgeräumten Weltbildes, in dem historische Prozesse fast mechanisch ablaufen: Hier verschwindet der alte Gegner, dort wird ein neuer konstruiert, und alles folgt einer inneren Logik, die so glatt ist, dass sie beinahe schon verdächtig wirkt; denn sie unterschlägt, dass Konflikte nicht nur aus diskursiven Bedürfnissen entstehen, sondern aus realen politischen, religiösen und sozialen Spannungen, die sich nicht einfach als Ersatzhandlungen für den Verlust eines alten Feindes begreifen lassen; die Welt ist selten so höflich, sich an die dramaturgischen Bedürfnisse westlicher Selbstvergewisserung anzupassen, und wer sie dennoch so beschreibt, betreibt weniger Analyse als eine Form intellektueller Innenarchitektur, bei der störende Ecken großzügig abgeschliffen werden.
Die Pädagogik der Angst
Dass ein Ereignis wie der 11. September eine kollektive Verunsicherung auslöst, die weit über das Politische hinausgeht und das Individuelle erfasst, ist kaum zu bestreiten; die Vorstellung, jederzeit und überall Opfer eines Anschlags werden zu können, hat sich tief in das Sicherheitsgefühl moderner Gesellschaften eingegraben und dient seither als Hintergrundrauschen für politische Entscheidungen, mediale Inszenierungen und private Ängste; doch auch hier zeigt sich die Tendenz zur pädagogischen Glättung: Die Angst wird erklärt, eingeordnet, historisiert – und damit zugleich entgiftet, als handle es sich um ein Missverständnis, das sich durch ausreichend Kontextualisierung auflösen ließe; dabei ist Angst, so unerquicklich sie sein mag, nicht einfach ein Denkfehler, sondern eine Reaktion auf Erfahrungen, die sich nicht vollständig rationalisieren lassen, und wer sie ausschließlich als Produkt von Stereotypen beschreibt, läuft Gefahr, sie entweder zu delegitimieren oder zu trivialisieren, was beides kaum zur Klärung beiträgt.
Die Ironie der Aufklärung
Am Ende bleibt der Eindruck einer Aufklärung, die sich ihrer eigenen Mittel so sicher ist, dass sie die Grenzen dieser Mittel kaum noch wahrnimmt; die historische Kontextualisierung wird zum Allheilmittel, das jede Gegenwartsdiagnose legitimiert, während zugleich jene Aspekte der Realität, die sich nicht nahtlos in dieses Schema einfügen, elegant ausgeblendet werden; es ist eine Form der intellektuellen Selbstberuhigung, die mit einem Augenzwinkern daherkommt und sich dabei erstaunlich ernst nimmt; vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass gerade jene Stimmen, die mit Nachdruck vor vereinfachenden Feindbildern warnen, selbst ein Deutungsmuster anbieten, das die Welt in bemerkenswerter Klarheit ordnet – zu klar, um wahr zu sein, und zu konsistent, um nicht zumindest einen leisen Verdacht zu wecken, dass hier weniger die Geschichte spricht als das Bedürfnis, sie endlich in den Griff zu bekommen.