Heterodoxer Extremismus in Stein gemeißelt

Es ist eine eigentümliche Angelegenheit mit der Gegenwart. Früher wurden Dogmen wenigstens noch mit der Höflichkeit vorgetragen, Dogmen zu sein. Sie kamen in Uniform, trugen Orden, hatten einen Schnurrbart oder wenigstens eine erkennbare Absicht. Das war angenehmer. Der Gegner besaß Konturen. Heute dagegen erscheint der Zeitgeist in Funktionskleidung, tritt mit Expertenmiene auf und spricht in einem Dialekt aus Verwaltungsdeutsch, moralischer Ergriffenheit und jener tödlichen Freundlichkeit, die Menschen annehmen, sobald sie davon überzeugt sind, ausschließlich auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Die Geschichte selbst, diese alte Hure, sitzt derweil in der Ecke, raucht schweigend und erkennt ihre Kundschaft längst nicht mehr wieder.

Im sicutBLOG nun zum 1750. Male „alles wo wichtig ist“. Nicht in Stein gemeißelt, versteht sich. Um Himmels willen. Stein besitzt etwas Endgültiges. Etwas Unangenehmes. Etwas Ehrliches. Heute wird nichts mehr in Stein gemeißelt. Heute wird alles als vorläufig bezeichnet und gleichzeitig mit der Haltbarkeit mittelalterlicher Kirchenfundamente versehen. Das ist die große Kunst der Gegenwart: Sie errichtet Unumstößlichkeiten und nennt sie Diskursangebote. Früher gab es Dekrete. Heute gibt es Debattenräume. Der Unterschied besteht darin, dass man bei Dekreten wenigstens wusste, wann sie begannen. Der moderne Debattenraum dagegen ähnelt einem Zimmer, dessen Türen offenstehen, solange niemand versucht, hindurchzugehen.

Die drei Affen auf Geschäftsreise

Geführt erscheint das Ganze von einer Art geopolitischer Reisegruppe unter Leitung von Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer – drei Figuren, die gelegentlich wirken, als hätte jemand den alten japanischen Mythos der sanbiki no saru in eine politische Unternehmensberatung ausgelagert. Jene berühmten drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Wobei die moderne Variante subtil weiterentwickelt wurde. Heute lautet die Formel eher: nur sehen, was vorgesehen ist; nur hören, was freigegeben wurde; nur sagen, was bereits abgestimmt ist. Evolution durch Pressemitteilung.

Dabei liegt die eigentliche Kunst längst nicht mehr im Regieren. Regieren war gestern. Die hohe Schule besteht heute darin, den Eindruck permanenter Alternativlosigkeit zu erzeugen. Eine Welt, in der Entscheidungen nicht mehr getroffen werden, sondern scheinbar naturwissenschaftlich eintreten. Wie Regen. Wie Ebbe und Flut. Wie Steuererhöhungen. „Die Dinge sind nun einmal komplex“, heißt es dann mit jener Stimme, die irgendwo zwischen Schuldirektor und Wetterbericht schwebt. Komplexität ist das moderne Weihrauchfass geworden. Sobald es geschwenkt wird, verschwinden Widersprüche im Nebel.

TIP:  Der Wahnsinn in Maßanzügen

Der Blocksberg der Vernunftverwaltung

Über all dem schwebt – wenigstens in satirischer Überhöhung, rein fiktiv natürlich – die Leitgöttin namens „Röschen“ Uschi, jene märchenhafte Verwaltungsallegorie mit der Aura eines Brüsseler Hochamtes, verkörpert durch Ursula von der Leyen. Hoch oben auf einem fernen Blocksberg einer Europäischen Union, die vielen Menschen ungefähr so nah erscheint wie eine Sternenbasis im äußeren Orionarm. Dort oben sitzt das große Projekt der Volksnähe: klimatisierte Höhenluft, begleitet vom diskreten Summen institutioneller Selbstgewissheit.

Der Vorwurf der Entfremdung wäre dabei fast zu banal. Entfremdung setzt voraus, dass irgendwann Nähe bestand. Die eigentliche Komik liegt in der hartnäckigen Vorstellung, Verwaltungsarchitektur sei bereits Gemeinschaft. Als könne eine Verordnung Heimat ersetzen. Als ließe sich Zugehörigkeit durch Richtlinien nummerieren. Das politische Europa wirkt manchmal wie ein gigantisches Flughafenterminal: perfekt beschildert, technisch beeindruckend, makellos organisiert – und doch möchte niemand dort dauerhaft wohnen.

Und irgendwo am Horizont schleicht dann jene unangenehme Erinnerung an historische Figuren vorbei, etwa an Erich Mielke, nicht als Tatsachenbehauptung, nicht als Vergleich im engen Sinne, sondern eher als satirisches Phantom deutscher Erinnerungskultur: jener ewige Schatten einer Bürokratie, die glaubte, Menschen besonders gut zu kennen, wenn sie genug Akten über sie besaß. Die moderne Gesellschaft hat Akten abgeschafft. Heute gibt es Profile. Fortschritt muss schließlich sichtbar bleiben.

Das große Theater der betreuten Haltung

Der heutige Extremismus tritt selten in Stiefeln auf. Er marschiert nicht. Er schreitet. Er formuliert Leitlinien. Er verwendet PowerPoint. Er trägt keine Fackel, sondern Organisationsgrafiken. Er fordert keine Gefolgschaft; er lädt zu Beteiligungsformaten ein. Das macht ihn so angenehm. So weich. So freundlich. So vollständig immunisiert gegen den Verdacht, selbst dogmatisch zu sein.

Der heterodoxe Extremismus der Gegenwart besitzt eine geradezu poetische Qualität: Er erklärt sich zur einzigen Kraft gegen Radikalismus und wird gerade dadurch selbst zur ritualisierten Übertreibung. Er verteidigt Offenheit, indem er Debattenräume verkleinert. Er schützt Vielfalt, indem er Denkweisen sortiert wie Gepäckstücke am Flughafen. Alles bekommt ein Etikett, eine Schublade, eine Kategorisierung. Sicherheitshalber.

TIP:  Die große europäische Altersfrage

Es ist die alte Versuchung aller Zeiten: die Sehnsucht nach der vollkommen richtigen Haltung. Nicht Wahrheit wird gesucht; Wahrheit wäre unerquicklich. Wahrheit erzeugt Streit, Zweifel, Kopfschmerzen. Haltung dagegen ist sauber. Haltung ist dekorativ. Haltung passt auf Stoffbeutel.

Der lange Disclaimer einer Epoche

Und weil sogar Satire inzwischen Helmpflicht trägt, braucht selbst der Scherz einen Sicherheitsgurt. Also folgt, gleichsam als literarischer Kniefall vor der Zeit, der unvermeidliche große Disclaimer: Die Inhalte dieses gesamten Gedankengebäudes dienen ausschließlich der Unterhaltung und sind als Satire zu verstehen – ausdrücklich im Böhmermannschen Sinne. Sämtliche Figuren, Formulierungen, Ereignisse und Zuspitzungen sind frei erfunden, überzeichnet, verfremdet oder künstlerisch zugespitzt. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder tatsächlichen Vorgängen wären rein zufällig und selbstverständlich nicht beabsichtigt, selbst dann nicht, wenn die Wirklichkeit gelegentlich den bedauerlichen Ehrgeiz entwickelt, Satire imitieren zu wollen.

Denn das ist vielleicht die eigentliche Tragikomödie dieser Epoche: Nicht Satire ist absurder geworden. Die Realität hat lediglich beschlossen, in Konkurrenz zu treten.

Die neue Frömmigkeit

Früher glaubte man an Gott. Das war oft unerquicklich, aber immerhin konsequent. Heute glaubt man an Haltungen. Haltungen sind praktischer. Sie verlangen keine Beweise, keine Wunder und keine Theologie. Sie verlangen lediglich Zustimmung und gelegentliche Wiederholungen.

Die Zeit hat sich eine Ersatzreligion gebaut. Sie besitzt Priester, Ketzer, Rituale und ihre eigene Inquisition – nur wesentlich besser gestaltet. Früher wurde verbrannt. Heute wird eingeordnet. Das wirkt humaner und riecht weniger.

Es ist überhaupt auffällig, wie sehr moderne Gesellschaften ihre Härte hinter Sanftheit verstecken. Früher kam die Zensur mit Stiefeln. Heute erscheint sie als Einladung zum respektvollen Miteinander. Früher wurden Ansichten verboten. Heute entstehen „Sensibilisierungsprozesse“. Die Sprache hat gelernt, Handschuhe zu tragen.

Der alte Wahnsinn blieb.
Er lernte bloß lächeln.

Die Hoffnung in schlechten Zeiten

Und dennoch: Aufgeben? Niemals.

Nicht aus Hoffnung. Hoffnung ist eine überbewertete Beschäftigung. Hoffnung wird verkauft wie Lebensversicherungen und Wahlprogramme: groß angekündigt, selten eingelöst.

TIP:  Der große Rückzug der Apokalypse

Nein.

Nicht aufgeben aus Trotz.

Aus jener boshaften Form des Überlebenswillens, die sich weigert, der Absurdität den letzten Sieg zu überlassen. Denn vielleicht bleibt am Ende tatsächlich nur noch eine letzte Bastion gegen die verwaltete Vernunft, gegen die regulierte Empfindlichkeit und gegen die große Einheitsgemütlichkeit dieser Zeit:

Die Erkenntnis, dass kein salonfähiger Bademantel existiert.

Und falls irgendwann doch einer erscheint – normiert, zertifiziert, gesellschaftlich geprüft und versehen mit einem Siegel für demokratische Verträglichkeit –, dann dürfte endgültig feststehen:

Nicht die Satire ist außer Kontrolle geraten.

Sondern ihre Vorlage.