Emmanuel Macron hat wieder einmal einen historischen Moment entdeckt. Nach den tödlichen Schüssen bei Paris erklärte der französische Präsident, das Ereignis stelle einen Wendepunkt im Leben der Republik und der Nation dar. Erstmals sei ein Terroranschlag geplant worden, um Menschen allein aufgrund ihrer Hautfarbe oder einer ihnen zugeschriebenen Religion zu töten. Ein Satz von geradezu epochaler Kühnheit. Nicht wegen seiner historischen Tiefe, sondern wegen der Abgründe, die sich zwischen seiner Behauptung und der tatsächlichen Geschichte Frankreichs auftun. Man möchte beinahe nachfragen, ob der Präsident während der vergangenen fünfzehn Jahre in einem schallisolierten Weinkeller unter dem Élysée-Palast gelebt hat, ohne Zeitungen, Fernsehen und Geschichtsunterricht. Vielleicht wurde dort eine alternative französische Geschichte gelehrt, in der Terrorismus erst mit der jüngsten Pressemitteilung erfunden wurde.
Die Geschichte widerspricht – schon wieder
Frankreich musste bereits 2012 erleben, wie Mohammed Merah in Toulouse und Montauban sieben Menschen ermordete, darunter drei jüdische Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule. 2015 folgten die Anschläge auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher, bei denen Menschen gezielt aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit, ihrer Religion oder ihrer zugeschriebenen Identität zu Opfern wurden. Im November desselben Jahres ermordeten islamistische Terroristen in Paris 130 Menschen. 2016 wurde der Priester Jacques Hamel während einer Messe getötet, 2020 der Lehrer Samuel Paty wegen des Kontextes seines Unterrichts über Meinungsfreiheit enthauptet. Das alles waren keine Betriebsstörungen im französischen Geschichtsbetrieb. Es waren nationale Traumata, die ganze politische Debatten prägten. Wer angesichts dieser Chronik eine historische Premiere verkündet, betreibt keine Geschichtsschreibung. Er veranstaltet eine Gedächtnislöschung mit präsidialem Briefkopf.
Natürlich kann ein neuer Anschlag eine neue Qualität besitzen. Aber dann wäre zu erklären, worin diese besteht. Die pauschale Behauptung, die gezielte Tötung von Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder zugeschriebenen Religion sei in Frankreich erstmals zum Gegenstand eines Terroranschlags geworden, ist angesichts der dokumentierten Vergangenheit schlicht nicht haltbar. Auch die französische Geschichte vor 2012 bietet genügend Anschauungsmaterial für Antisemitismus, rassistische Gewalt und identitätsbezogene Verfolgung. Die Dreyfus-Affäre, die Kollaboration des Vichy-Regimes bei der Verfolgung französischer Juden und die gewaltsame Repression gegen Algerier während des Algerienkriegs sind keine unbekannten Fußnoten. Zugegeben: Nicht jedes dieser Verbrechen war ein Terroranschlag im engeren Sinne. Gerade deshalb sollte ein Staatspräsident zwischen historischer Einordnung und dramatischer Wortakrobatik unterscheiden können.
Die Macron’sche Zeitrechnung
Vielleicht muss die französische Geschichte künftig einfach neu datiert werden. Vor Macron und nach Macron. Vor Macron gab es selbstverständlich Gewalt, Terrorismus, Antisemitismus, Rassismus und politische Morde. Nach Macron gibt es nun offenbar erstmals Gewalt, Terrorismus, Antisemitismus, Rassismus und politische Morde, die als historische Überraschung wahrgenommen werden dürfen. Die Vergangenheit bleibt zwar dieselbe, aber ihre politische Wahrnehmung erhält ein modernes Update: Was gestern noch nationale Katastrophe war, ist heute plötzlich eine unerhörte Premiere. Was bereits mehrfach geschehen ist, wird zur beispiellosen Zäsur erklärt. Und was längst hätte verstanden werden müssen, darf nun noch einmal feierlich entdeckt werden.
Das ist eine bemerkenswerte Form politischer Innovation. Andere Präsidenten versuchen, die Geschichte zu verändern. Macron scheint es zu genügen, sie rückwirkend so umzuschreiben, dass die Gegenwart möglichst dramatisch aussieht. Die Republik bekommt dadurch zwar keinen zusätzlichen Schutz, aber wenigstens einen neuen historischen Superlativ. Und Superlative sind in der Politik bekanntlich besonders praktisch: Sie erzeugen Betroffenheit, ohne bereits Rechenschaft über frühere Versäumnisse ablegen zu müssen.
Wenn die Erinnerungspolitik Alzheimer bekommt
Das eigentliche Problem ist nicht, dass ein Präsident ein schreckliches Verbrechen als Wendepunkt bezeichnet. Das kann durchaus berechtigt sein. Das Problem entsteht, wenn die Begründung dafür auf einer historischen Behauptung beruht, die den dokumentierten Erfahrungen des eigenen Landes widerspricht. Dann wird aus dem Gedenken eine Inszenierung und aus der politischen Analyse ein Wettbewerb um die größtmögliche Dramatik. Frankreich hat genügend Trauerreden gehört, genügend Gedenkminuten abgehalten und genügend feierliche Bekenntnisse zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vernommen. Was gelegentlich fehlt, ist nicht die nächste historische Ansprache, sondern die Bereitschaft, aus der Geschichte Konsequenzen zu ziehen, ohne so zu tun, als beginne das Problem erst mit dem neuesten Ereignis.
Vielleicht sollte im Élysée-Palast deshalb ein neues Ministerium eingerichtet werden: das Ministerium für erstmalige historische Ereignisse, zuständig für die regelmäßige Wiederentdeckung längst bekannter Katastrophen. Seine erste Maßnahme wäre die Umbenennung der Geschichtsbücher in unverbindliche Vorabinformationen. Seine zweite die Abschaffung sämtlicher Jahreszahlen, weil sie bei der Ausrufung einer historischen Premiere ohnehin nur stören.
Und Macron? Der könnte sich künftig darauf beschränken, Ereignisse als Wendepunkte zu bezeichnen, ohne dabei die Vergangenheit versehentlich zu leugnen. Das wäre ein bescheidener Fortschritt, aber immerhin einer, der tatsächlich neu wäre.
Denn die Geschichte Frankreichs hat keinen Mangel an Wendepunkten. Sie hat eher einen Mangel an Politikern, die sich erinnern, wo sie bereits gewesen ist. Der Élysée-Palast muss dafür nicht einmal seine Keller durchsuchen. Ein Geschichtsbuch würde genügen. Es müsste nur geöffnet werden.
Schärfe die argumentative UnterscheidungEntferne die Alzheimer-Metapher