Die wunderbare Reise ins Land der Toleranz

Es ist ein bemerkenswertes gesellschaftliches Experiment: Kaum wird die eigene Mehrheit zur Minderheit erklärt, verwandelt sich der Mensch vom selbstverständlichen Bewohner eines Landes in einen leidenschaftlichen Verfechter kultureller Rücksichtnahme. Plötzlich entdeckt er, dass Religion, Tradition, Sprache, Ernährung, Feiertage, Kleidung, Familiengewohnheiten und sogar die Frage, welche Tiere auf einem Gehsteig ihre Hinterlassenschaften verteilen dürfen, keine privaten Nebensächlichkeiten sind, sondern fundamentale Bestandteile einer würdevollen Existenz. Was gestern noch als Zumutung für die Mehrheitsgesellschaft galt, wird heute zum unveräußerlichen Menschenrecht, sobald die eigene Person davon betroffen ist. Das ist die eigentliche Pointe des kleinen Gedankenexperiments, das hier zugrunde liegt: Eine christlich geprägte Familie beschließt, mitsamt Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen und den Kollegen der Nachbarn in ein muslimisch geprägtes Land auszuwandern – und verlangt dort selbstverständlich all jene kulturellen und gesellschaftlichen Rücksichten, deren Einforderung gegenüber der eigenen Gesellschaft andernorts gerne als rückständig, intolerant oder gar gefährlich etikettiert wird. Das Ergebnis ist weniger eine Anklage gegen den Islam als eine ziemlich unangenehme Spiegelung westlicher Selbstgewissheiten. Denn plötzlich steht da nicht mehr der abstrakte „Migrant“, über den sich in Talkshows vortrefflich diskutieren lässt, sondern die eigene Großmutter mit dem Koffer, der eigene Sohn mit dem Kreuz um den Hals, der eigene Metzger mit dem Serrano-Schinken und die eigene Nachbarschaft mit dem dringenden Bedürfnis, dass die Welt gefälligst verstehen möge, dass kulturelle Identität nicht auf dem Flughafen abgegeben wurde.

Das große Abenteuer der Minderheitwerdung

Zunächst beginnt alles ganz harmlos. Eine Familie sucht ein neues Zuhause. Das ist im Grunde eine uralte menschliche Tätigkeit. Menschen sind seit jeher umgezogen: wegen Arbeit, Krieg, Hunger, Liebe, Abenteuer, Steuern oder schlicht wegen eines Nachbarn, der sonntags um sieben Uhr morgens mit dem Hochdruckreiniger experimentiert. Im Gedankenexperiment aber wird aus dem individuellen Umzug rasch ein demographisches Großprojekt. Die Familie kommt nicht allein. Die Nachbarn kommen mit. Dann deren Nachbarn. Dann die Kollegen. Dann deren Verwandte. Irgendwann steht die halbe Nation am Grenzübergang, beladen mit Koffern, Kindern, Haustieren, religiösen Symbolen, kulinarischen Erwartungen und jenem geheimnisvollen Gefühl, dass irgendwo im internationalen Menschenrechtsrecht bereits eine Wohnung mit Balkon reserviert worden sein müsse.

An dieser Stelle beginnt die Satire ihre eigentliche Arbeit. Denn die Einwanderung wird nicht als Bittgesuch verstanden, sondern als kulturelle Selbstverständlichkeit. Niemand fragt ernsthaft: „Welche Regeln gelten dort?“ Die Frage lautet vielmehr: „Welche Regeln werden dort gefälligst geändert, damit die eigenen Regeln weiter gelten können?“ Der Unterschied ist subtil, aber fundamental. Integration bedeutet ursprünglich, sich in eine bestehende gesellschaftliche Ordnung einzufügen, ohne die eigene Identität vollständig aufzugeben. Das satirische Gegenmodell hingegen lautet: Integration bedeutet, dass die aufnehmende Gesellschaft sich so lange verändert, bis der Neuankömmling keinerlei Unterschied mehr zwischen Heimat und neuer Heimat feststellen kann. Das ist die besonders elegante Form der Integration, bei der sich am Ende nicht der Gast an den Gastgeber angepasst hat, sondern der Gastgeber an den Gast – und zwar unter ausdrücklichem Hinweis darauf, dass jede Gegenfrage diskriminierend sei.

Kirchen für die neue Minderheit

So entstehen zunächst Kirchen. Nicht etwa irgendeine kleine Kapelle am Stadtrand, sondern richtige Kirchen. Mit Glocken. Möglichst großen Glocken. Sehr großen Glocken. Glocken, die nicht bloß die Gläubigen zum Gottesdienst rufen, sondern auch jenen Bürgern, die in drei Straßen Entfernung schlafen, zuverlässig mitteilen, dass Sonntag ist. Schließlich handelt es sich um kulturelle Identität. Und kulturelle Identität ist – wie man inzwischen gelernt hat – ausgesprochen wichtig, wenn es sich um die eigene handelt.

Natürlich müsste eine liberale Gesellschaft religiöse Minderheiten grundsätzlich schützen. Religionsfreiheit ist kein Geschenk der Mehrheit, sondern ein Freiheitsrecht. Genau darin liegt allerdings die Pointe: Religionsfreiheit bedeutet nicht automatisch, dass jede Religion Anspruch auf die vollständige öffentliche Dominanz ihrer Symbole, Rituale und akustischen Begleiterscheinungen besitzt. Der Unterschied zwischen Freiheit und Privileg ist klein geschrieben und politisch riesig. Eine Kirche darf existieren. Eine Moschee darf existieren. Eine Synagoge darf existieren. Ein Tempel darf existieren. Der Staat darf aber durchaus Regeln für Lärm, Verkehr, Denkmalschutz, Bauordnung und öffentliche Sicherheit aufstellen, ohne dadurch zum Gottesfeind zu werden. Wer das nicht auseinanderhalten kann, verwechselt Toleranz mit bedingungsloser Kapitulation.

Und natürlich müssten für die christliche Minderheit Prozessionen erlaubt sein. Einmal im Jahr vielleicht. Oder zweimal. Oder dreimal. Straßen müssten gesperrt werden, der Verkehr müsste warten, Lautsprecher dürften eingesetzt werden, Fahnen könnten geschwenkt werden. „Keine Sorge“, würde der satirische Antragsteller beruhigend erklären, „nicht fünfmal am Tag – wir sind ja keine Tiere.“ Der Satz ist gerade deshalb so unerquicklich komisch, weil er zeigt, wie schnell sich ein eigentlich religiöses Anliegen in eine Karikatur des anderen verwandelt. Das Problem ist nicht die Prozession. Das Problem ist die implizite Vorstellung, dass die eigene religiöse Praxis selbstverständlich öffentlich sichtbar sein darf, während dieselbe Sichtbarkeit bei anderen als Zumutung empfunden wird.

Das Schwein im Paradies

Noch schöner wird es beim Supermarkt. Denn dort beginnt die eigentliche Schlacht um die Zivilisation: im Kühlregal. Plötzlich ist das Vorhandensein von Schweinefleisch keine Frage individueller Nachfrage mehr, sondern ein Prüfstein gesellschaftlicher Toleranz. Serrano-Schinken muss vorhanden sein, Chorizo selbstverständlich auch, Bauchspeck sowieso, und irgendwo sollte eine Dose Fabada stehen, damit niemand auf die absurde Idee kommt, kulturelle Vielfalt könne bedeuten, dass nicht jede regionale Spezialität in jedem Land jederzeit verfügbar ist.

TIP:  Ein Land, in dem das Schwert nie stumpf wird

Selbstverständlich kann und soll eine pluralistische Gesellschaft Produkte anbieten, die unterschiedliche religiöse und kulturelle Bedürfnisse berücksichtigen. Aber zwischen „Es gibt dieses Produkt“ und „Die gesamte Gesellschaft muss meine Ernährungsgewohnheiten garantieren“ liegt ein Unterschied, der in manchen Debatten erstaunlich schnell verschwindet. Die Logik der Satire ist deshalb bestechend simpel: Wenn eine Minderheit verlangen darf, dass ihre religiösen Speisevorschriften berücksichtigt werden, warum sollte eine christliche Minderheit nicht ebenso verlangen dürfen, dass das Schwein zum Grundrecht erhoben wird? Und wenn die Antwort lautet, dass niemand gezwungen werde, Schweinefleisch zu essen, dann könnte dieselbe Antwort vielleicht auch bei anderen kulinarischen Fragen hilfreich sein.

Das Problem ist nicht, dass Menschen besondere Lebensmittel wünschen. Das Problem entsteht dort, wo aus dem Wunsch ein moralischer Anspruch auf die Umgestaltung der gesamten Umwelt wird. Der moderne Mensch besitzt inzwischen ein bemerkenswertes Talent, aus einer persönlichen Präferenz eine gesellschaftliche Pflicht und aus der Nichterfüllung dieser Pflicht einen Diskriminierungsvorwurf zu machen. Das ist die große Kunst des identitätspolitischen Zeitalters: Aus „Ich hätte gerne“ wird „Ich habe Anspruch“, aus „Ich habe Anspruch“ wird „Ihr müsst“, und aus „Warum?“ wird schließlich „Das ist menschenfeindlich“.

Der Labrador und die kulturelle Leitkultur des Gehsteigs

Dann kommen die Hunde. Natürlich nicht irgendein Hund, sondern möglichst viele fröhliche Labradore. Sie werden auf den Gehsteigen herumtollen, Passanten freundlich anspringen und gelegentlich dort einen kleinen kulturellen Beitrag hinterlassen, wo die öffentliche Verwaltung bislang keinen vorgesehen hatte. Die Einheimischen werden gebeten, Hundeparks einzurichten, schließlich sei das Tier Teil des Lebensstils. Wer darauf hinweist, dass Hunde in bestimmten religiösen Traditionen anders bewertet werden, gilt vermutlich schon als Kulturpessimist.

Auch hier ist die Pointe nicht der Hund. Der Hund ist unschuldig. Die Pointe ist die Selbstverständlichkeit, mit der die eigene Lebensweise zum Maßstab der Umgebung erklärt wird. Das funktioniert erstaunlich gut, solange die eigene Lebensweise die dominante ist. Erst wenn sie zur Minderheitenpraxis wird, wird plötzlich sichtbar, wie viele gesellschaftliche Vereinbarungen hinter scheinbaren Selbstverständlichkeiten stecken.

Das gilt übrigens in beide Richtungen. Eine liberale Gesellschaft darf von ihren Bürgern erwarten, dass sie Rücksicht aufeinander nehmen. Sie darf Hundehaltung regeln, religiöse Bedürfnisse schützen, Lärmgrenzen festlegen und öffentliche Räume organisieren. Sie muss nicht entscheiden, welche Kultur „richtiger“ ist. Sie muss nur darauf achten, dass aus kultureller Verschiedenheit kein Freibrief für Rücksichtslosigkeit wird. Das klingt erschreckend banal. Vielleicht ist gerade das das Problem.

Und jetzt bitte die religiösen Feste abschaffen

Der schönste Teil des Experiments beginnt, wenn die christliche Minderheit plötzlich verlangt, die religiösen Feste der Mehrheit diskret abzuschaffen. Sie seien „ein bisschen zu viel“, könnten die christliche Gemeinschaft kränken und sollten daher möglichst unsichtbar werden. Schließlich müsse die Minderheit geschützt werden.

Damit ist die satirische Konstruktion vollständig. Denn plötzlich wird aus dem Schutz einer Minderheit die Zumutung, die Mehrheit möge ihre kulturelle Sichtbarkeit reduzieren, damit die Minderheit sich wohler fühle. Natürlich ist das überspitzt. Aber genau darin liegt die Methode der Satire: Sie nimmt eine Denkfigur, die in einem Kontext plausibel erscheint, und setzt sie in einen anderen Kontext ein, bis ihre inneren Widersprüche sichtbar werden.

Eine demokratische Gesellschaft kann Minderheiten schützen, ohne Mehrheiten zu entkernen. Sie kann religiöse Feiertage respektieren, ohne jede religiöse Praxis zur staatlichen Pflicht zu machen. Sie kann Neutralität wahren, ohne kulturelle Amnesie zu verordnen. Und sie kann gleichzeitig verlangen, dass die Mehrheit Minderheiten nicht mit dem Hinweis auf ihre Mehrheit zum Schweigen bringt. Das ist der schwierige Teil. Demokratie ist kein Hotel, in dem alle Gäste Anspruch auf eine Suite haben. Sie ist eher ein ziemlich chaotisches Mehrfamilienhaus, in dem jeder darauf angewiesen ist, dass die anderen nach 22 Uhr nicht mit dem Schlagzeug üben.

Das Kreuz, das Schinkenbrot und die große pädagogische Zumutung

In Schule und Arbeitswelt soll selbstverständlich das große Kreuz getragen werden dürfen. Die Kinder sollen Schinkenbrote essen dürfen. Die christlichen „Vibes“ sollen ungehindert ausgelebt werden können. Dazu kommen Gebetsräume in jedem Gebäude, Dolmetscher und natürlich die ausdrückliche Zusicherung, dass die neue Heimat sich sprachlich anpassen möge. Schließlich kann von einer christlichen Familie nicht erwartet werden, Arabisch zu lernen. Das wäre ja Integration.

Hier erreicht das Gedankenexperiment seinen vielleicht schärfsten Punkt. Denn Sprache ist eine der wenigen Formen von Integration, die tatsächlich gegenseitig funktionieren kann. Wer in einem anderen Land dauerhaft lebt, arbeitet, seine Kinder dort zur Schule schickt und am öffentlichen Leben teilnimmt, hat ein offensichtliches Interesse daran, die Sprache des Landes zu beherrschen. Das bedeutet nicht, dass jeder Dialekt perfekt gesprochen werden muss oder dass kulturelle Herkunft aufgegeben werden soll. Aber die Forderung, dass grundsätzlich die Umgebung die sprachliche Anpassungsleistung übernehmen müsse, ist keine Integration, sondern kulturelle Externalisierung.

Besonders interessant ist dabei die unterschiedliche moralische Bewertung. Wenn eine migrantische Familie ihre eigene Sprache innerhalb der Familie pflegt, ist das selbstverständlich legitim. Wenn sie darüber hinaus ihre Religion praktiziert, ebenfalls. Wenn sie bestimmte Speisen bevorzugt, ebenso. Der kritische Punkt beginnt dort, wo aus all diesen privaten Freiheiten kollektive Ansprüche an die gesamte Gesellschaft werden. Genau dieselbe Grenze müsste aber auch für die Mehrheitsgesellschaft gelten. Das Kreuz ist kein Freibrief, der Schweinsbraten ist kein Verfassungsartikel und das Vaterunser ersetzt keine kommunale Bauordnung.

TIP:  Die Dusche als letzter Hort der Republik

Die Polizei als Kundenservice der verletzten Gefühle

Und falls irgendetwas abgelehnt wird, soll bitte eine Liste mit Polizeiwachen bereitgestellt werden. Schließlich könnte Diskriminierung vorliegen. Christenfeindlichkeit. Intoleranz. Gehässigkeit. Vielleicht sogar „Islamophobie gegen Christen“, wenn die politische Fantasie ausreichend lange durchhält.

Die Ironie besteht darin, dass der Rechtsstaat tatsächlich verpflichtet ist, Diskriminierung zu verhindern. Gerade deshalb sollte der Diskriminierungsvorwurf nicht zum rhetorischen Universalhammer verkommen. Wer jede Ablehnung eines individuellen Wunsches als Diskriminierung bezeichnet, macht den eigentlichen Schutz vor Diskriminierung langfristig schwächer. Nicht jede Ablehnung ist Hass. Nicht jede Regel ist Unterdrückung. Nicht jede Unbequemlichkeit ist Menschenrechtsverletzung. Und nicht jede unterschiedliche Behandlung ist rechtswidrig.

Ein Rechtsstaat muss zwischen legitimer Religionsausübung, allgemeiner Ordnung, tatsächlicher Diskriminierung und bloßer persönlicher Kränkung unterscheiden können. Sonst entsteht eine Gesellschaft, in der jeder Bürger mit dem juristischen Megaphon vor dem Gesicht des anderen steht und ruft: „Ich fühle mich diskriminiert!“ – woraufhin die Verwaltung ein Formular ausstellt, dass die Gefühle ordnungsgemäß zur Kenntnis genommen wurden.

Die brennende Flagge und die pädagogische Standpauke

Besonders elegant wird die Argumentation, wenn die eigenen Kinder die Flagge des Gastlandes verbrennen. Nicht aus Hass, natürlich. Vielleicht nur aus Fußballbegeisterung. Vielleicht hat Spanien gerade gewonnen. Vielleicht war es ein emotionaler Moment. Die Eltern werden eine ernste Standpauke halten. Möglicherweise müssen die Kinder fünfzigmal „Entschuldigung“ schreiben. Danach sollte die Angelegenheit erledigt sein.

Genau hier endet der Spaß allerdings dort, wo das Rechtsverständnis beginnt. Eine Gesellschaft darf Kindern Fehler zugestehen, aber sie muss nicht jede Grenzüberschreitung als folkloristische Jugendsünde behandeln. Wer eine fremde nationale Symbolik absichtlich beschädigt, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass die eigene Symbolik sakrosankt behandelt wird. Respekt funktioniert nicht nach dem Prinzip des Einbahnstraßenverkehrs.

Das gilt wiederum für jede Richtung. Wer in Europa lebt, muss nicht jede Flagge lieben. Wer eine Religion nicht teilt, muss sie nicht verehren. Wer eine Regierung ablehnt, muss deren Politik nicht bejubeln. Freiheit der Meinung ist gerade dann interessant, wenn sie unangenehm wird. Aber zwischen politischer Kritik und bewusster Verachtung der Menschen, die zu einer Gruppe gehören, sollte unterschieden werden. Der Rechtsstaat lebt nicht davon, dass niemand beleidigt wird. Er lebt davon, dass Konflikte nach Regeln ausgetragen werden.

Die heilige Dreifaltigkeit: Wohnung, Leistung und Taschengeld

Dann folgt der ökonomische Teil des Pakets. Großzügige Leistungen, kostenlose Wohnungen, Taschengeld und möglichst drei Generationen Zeit zum Eingewöhnen. Arbeiten sei optional. Schließlich handele es sich um Integration.

Das ist der Moment, in dem die Satire beinahe von der Realität überholt wird, denn kaum ein politisches Thema ist so geeignet, die menschliche Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung zu demonstrieren wie die Sozialpolitik. Die Vorstellung, dass Menschen ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben, ist Bestandteil moderner Zivilisation. Die Vorstellung, dass daraus automatisch ein dauerhaftes Recht auf die Finanzierung des eigenen Lebens durch andere entsteht, ist etwas völlig anderes.

Sozialstaatlichkeit ist kein moralischer Selbstbedienungsladen. Sie setzt Solidarität voraus. Solidarität wiederum funktioniert nur, wenn sie nicht dauerhaft einseitig organisiert wird. Wer Leistungen erhält, ist deshalb nicht automatisch faul. Wer arbeitet, ist nicht automatisch moralisch überlegen. Wer Unterstützung braucht, verdient Respekt. Wer Unterstützung missbraucht, verdient Kritik. Diese vier Sätze sollten eigentlich gleichzeitig möglich sein. In einer zunehmend hysterischen politischen Debatte scheint das allerdings fast schon revolutionär.

Alkohol, Pferderennen und die universelle Kultur des „Aber bei uns“

Und dann, als wäre die kulturelle Einkaufsliste noch nicht lang genug, kommen Alkohol und Pferderennen hinzu. Schließlich handelt es sich um europäische Traditionen. Wenn andere ihre kulturellen Eigenheiten verteidigen dürfen, dann dürfen europäische Neuankömmlinge selbstverständlich ebenfalls verlangen, dass der Wirt den Wein ausschenkt und der Rennplatz geöffnet bleibt.

Natürlich darf eine Minderheit ihre Traditionen bewahren. Natürlich darf ein erwachsener Mensch Alkohol trinken, sofern das Recht des Landes dies erlaubt. Natürlich darf niemand wegen einer legalen persönlichen Lebensweise diskriminiert werden. Aber wieder liegt die entscheidende Frage nicht darin, ob jemand etwas tun darf, sondern ob daraus ein Anspruch entsteht, dass alle anderen diese Praxis gutheißen, finanzieren oder übernehmen müssen.

Das ist der Kern des gesamten Gedankenspiels: Freiheit ist nicht dasselbe wie gesellschaftliche Vorherrschaft. Minderheitenschutz ist nicht dasselbe wie Minderheitenherrschaft. Toleranz ist nicht dasselbe wie Selbstaufgabe. Und Integration ist nicht dasselbe wie die vollständige Umgestaltung der aufnehmenden Gesellschaft nach den Wünschen jedes einzelnen Neuankömmlings.

Der nackte Oberkörper als Gipfel der kulturellen Diplomatie

Wenn schließlich bei gutem Wetter ohne Hemd durch die Straßen gegangen wird, ist das große Projekt der kulturellen Verständigung vollständig. Die Gastgeber sollen Geduld haben. Sie werden sich schon daran gewöhnen.

Es ist schwer, diesen letzten Satz zu übertreffen, weil er die gesamte Logik in vier Worten zusammenfasst: „Ihr werdet euch gewöhnen.“ Nicht etwa: Es wird gemeinsam verhandelt. Nicht: Es gibt unterschiedliche Auffassungen. Nicht: Beide Seiten respektieren einander. Sondern: Die andere Seite wird sich gewöhnen.

TIP:  Die Inszenierung der Empörung als politisches Theater

Das ist die vielleicht ehrlichste Definition kultureller Dominanz überhaupt. Jede Kultur hält die eigenen Gewohnheiten zunächst für normal und die Gewohnheiten der anderen für erklärungsbedürftig. Der zivilisatorische Fortschritt besteht nicht darin, diese Unterschiede abzuschaffen. Er besteht darin, Regeln zu schaffen, die es ermöglichen, mit ihnen zu leben.

Die eigentliche Pointe: Der Spiegel funktioniert in beide Richtungen

Das Gedankenexperiment ist deshalb nur dann interessant, wenn es nicht als billige antimuslimische Polemik missverstanden wird. Sein eigentlicher Gegenstand ist nicht der Islam. Sein Gegenstand ist die menschliche Neigung zur Doppelmoral. Es ist ein Spiegel, und Spiegel sind bekanntlich ausgesprochen unhöfliche Gegenstände. Sie fragen nicht nach politischer Gesinnung. Sie zeigen einfach, was davorsteht.

Wer in einem anderen Land lebt, sollte dessen Gesetze respektieren. Wer als Minderheit lebt, hat Anspruch auf Religionsfreiheit, kulturelle Entfaltung und Schutz vor Diskriminierung. Wer zur Mehrheit gehört, hat dieselben Rechte. Niemand sollte gezwungen werden, seine Identität aufzugeben. Niemand sollte aber auch verlangen können, dass die Gesellschaft ihre Grundordnung nach jeder individuellen oder kollektiven Befindlichkeit neu sortiert.

Das gilt für Christen, Muslime, Juden, Atheisten, Buddhisten, Hindus, Agnostiker, Fußballfans, Veganer, Fleischesser, Motorradfahrer, Hundehalter, Opernfreunde und Menschen, die grundsätzlich der Meinung sind, dass jeder Nachbar um 7.30 Uhr am Samstagmorgen ein Recht auf einen Laubbläser besitzt. Die Freiheit des einen endet nicht erst dort, wo der andere politisch nicht mehr zustimmt. Sie endet dort, wo legitime Rechte anderer verletzt werden.

Die paradoxe Kunst der Toleranz

Vielleicht liegt darin die eigentliche Schwäche mancher gegenwärtiger Toleranzdebatten: Toleranz wird zunehmend mit Zustimmung verwechselt. Eine tolerante Gesellschaft muss nicht alles mögen. Sie muss nicht jede Religion schön finden. Sie muss nicht jede Tradition übernehmen. Sie muss nicht jede Forderung erfüllen. Sie muss lediglich bereit sein, Menschen ihre legitimen Rechte zu lassen, solange diese Rechte nicht mit den Rechten anderer kollidieren.

Toleranz bedeutet, dass eine Moschee existieren darf, auch wenn ein Nachbar sie architektonisch hässlich findet. Sie bedeutet, dass eine Kirche ihre Gottesdienste feiern darf, auch wenn ein anderer Bürger mit Religion nichts anfangen kann. Sie bedeutet, dass ein Muslim halal essen darf und ein Christ Schweinefleisch. Sie bedeutet, dass ein Atheist beides für kulinarische Details hält. Sie bedeutet, dass Kinder ein religiöses Symbol tragen dürfen, sofern die gesetzlichen Rahmenbedingungen dies erlauben. Sie bedeutet aber auch, dass niemand daraus das Recht ableiten kann, andere Menschen zu seiner Religion zu zwingen.

Und vor allem bedeutet Toleranz, dass die Regeln nicht danach wechseln, wer gerade die Minderheit und wer gerade die Mehrheit ist.

Vielfalt, diese wunderbare Einbahnstraße

„Vielfalt ist unsere Stärke“, lautet die moderne Formel. Das klingt hervorragend. Es klingt bunt, freundlich und nach einer Broschüre, die von einer Arbeitsgruppe erstellt wurde, deren Mitglieder sich drei Monate lang auf die korrekte Schreibweise von „Diversität“ geeinigt haben.

Vielfalt kann tatsächlich eine Stärke sein. Aber Vielfalt ist kein Naturgesetz, das automatisch gute Ergebnisse produziert. Unterschiedliche Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten, Traditionen und Sichtweisen mit. Das kann eine Gesellschaft bereichern. Es kann aber auch Konflikte erzeugen. Entscheidend ist deshalb nicht die Vielfalt allein, sondern die Fähigkeit, mit ihr umzugehen.

Eine Gesellschaft, die jede Differenz zum unverhandelbaren Identitätsanspruch erhebt, wird irgendwann unregierbar. Eine Gesellschaft, die jede Differenz unterdrücken will, wird irgendwann unfrei. Zwischen diesen beiden Abgründen liegt die eigentliche demokratische Kunst: gleiche Rechte, gleiche Pflichten, unterschiedliche Lebensweisen und ein gemeinsamer Rechtsrahmen.

Das klingt weniger glamourös als die großen Schlagworte. Es eignet sich schlechter für politische Kampagnen und noch schlechter für soziale Medien. Dafür funktioniert es im wirklichen Leben erstaunlich gut.

Der höfliche Schlussbrief an die Realität

Und so endet das große Schreiben aus dem zukünftigen muslimischen Gastland vermutlich mit einem höflichen „Vielen Dank im Voraus für eure Toleranz“. Ein Satz, der in seiner Höflichkeit beinahe rührend ist und in seiner Ironie gleichzeitig die gesamte Konstruktion zusammenfasst. Denn Toleranz wird hier nicht als gegenseitige Tugend verstanden, sondern als Dienstleistung der anderen Seite.

Vielleicht wäre deshalb eine etwas weniger spektakuläre, aber wesentlich belastbarere Formel angemessen: Jeder darf seine Religion leben. Jeder darf seine Kultur pflegen. Jeder darf seine Sprache sprechen. Jeder darf seine Speisen essen. Jeder darf seine Symbole tragen. Jeder darf seine Traditionen bewahren. Aber niemand besitzt das Monopol auf Respekt.

Und wer in ein anderes Land zieht, sollte sich vielleicht zunächst eine ganz einfache Frage stellen: Nicht „Was bekomme ich dort?“, sondern „Was bin ich bereit, dort ebenfalls zu respektieren?“

Das wäre dann tatsächlich Integration.

Und vielleicht sogar Toleranz.

Die unangenehme Pointe daran ist nur: Sie funktioniert in beide Richtungen.

„Schließlich ist Vielfalt ja unsere Stärke.“

Ja. Aber nur, wenn Vielfalt nicht bedeutet, dass immer nur die anderen tolerant sein müssen.