Es gehört inzwischen zur gepflegten Disziplin des politischen Feuilletons, mit der Abrissbirne auf Begriffe einzuschlagen, bis aus einem Verwaltungsakt ein Epochenbruch wird. Regierungsbildung – dieses unerquicklich nüchterne, von Sitzverteilungen, Koalitionsarithmetik und ministeriellen Eitelkeiten durchzogene Handwerk – reicht offenbar nicht mehr aus, um die eigene Erregungslage zu rechtfertigen. Also greift man tiefer in die Kiste der historischen Großkaliber und zieht, mit theatralischer Gravität, die Machtergreifung hervor. Ein Wort, das einst für den Zusammenbruch von Institutionen stand, wird heute mit der Nonchalance eines Talkshow-Slogans herumgereicht. Es ist, als würde man für den Austausch einer Glühbirne die Feuerwehr alarmieren – nur dass die Feuerwehr längst selbst am Benzinkanister steht.
Dramaturgie statt Demokratie
Was hier stattfindet, ist keine Analyse, sondern ein dramaturgisches Upgrade der Wirklichkeit. Die Gegenwart wird so lange hochgerechnet, bis sie endlich den gewünschten Katastrophenwert erreicht. Der politische Alltag, an sich unerquicklich banal, wird zur existenziellen Bedrohung aufgeblasen, damit er die nötige Fallhöhe erhält. Denn ohne Fallhöhe kein Applaus, ohne Applaus keine Relevanz. Der Begriff Machtergreifung ist dabei das rhetorische Äquivalent zur Sirene: schrill, unüberhörbar, zuverlässig wirksam – und nach kurzer Zeit so vertraut, dass niemand mehr innehält, sondern nur noch mit einem routinierten Schulterzucken weitergeht.
Die Empörungsindustrie läuft im Dreischichtbetrieb
Empörung ist längst kein Affekt mehr, sondern eine Infrastruktur. Sie produziert Schlagzeilen, Klickzahlen und moralische Überlegenheit in industriellem Maßstab. Wer heute noch von Regierungsbildung spricht, wirkt wie ein Buchhalter auf einem Jahrmarkt – korrekt, aber unerquicklich. Wer hingegen Machtergreifung ruft, liefert das gewünschte Spektakel: die große Geste, das moralische Pathos, den Hauch von Weltuntergang, der jede Diskussion mit der nötigen Dringlichkeit auflädt. Dass dabei die Wirklichkeit zur Kulisse verkommt, ist kein Kollateralschaden, sondern Voraussetzung des Geschäftsmodells.
Historische Analogien als Wegwerfartikel
Besonders bemerkenswert ist der Verschleiß historischer Begriffe, der in dieser Rhetorik betrieben wird. Was einst als singuläres Ereignis galt, wird zur jederzeit abrufbaren Metapher degradiert. Die Vergangenheit dient nicht mehr der Einordnung, sondern der Verstärkung. Sie wird nicht verstanden, sondern benutzt – als dramaturgischer Verstärker für die eigene Gegenwartserzählung. Der Begriff Machtergreifung verliert dadurch nicht nur seine Präzision, sondern auch seine Würde. Er wird zum Wegwerfartikel im Supermarkt der Empörung, jederzeit verfügbar, jederzeit austauschbar.
Moralische Selbstinszenierung im Hochglanzformat
Die eigentliche Pointe dieser Übertreibung liegt jedoch in ihrer Funktion: Sie erlaubt eine makellose Selbstinszenierung. Wer vor der Machtergreifung warnt, positioniert sich automatisch auf der Seite des Guten, der Vernünftigen, der historisch Sensiblen. Es ist ein moralischer Kurzschluss, der jede Differenzierung überflüssig macht. Der Gegner wird nicht mehr kritisiert, sondern diskreditiert; nicht mehr widerlegt, sondern etikettiert. Die eigene Haltung gewinnt an Strahlkraft, je düsterer das Bild des anderen gezeichnet wird. Es ist ein Spiel mit klar verteilten Rollen, in dem die Realität nur noch Statist ist.
Die Inflation des Ausnahmezustands
Wenn alles zur Machtergreifung wird, ist am Ende nichts mehr eine. Die permanente Eskalation der Begriffe führt zu einer paradoxen Entwertung: Der Ausnahmezustand wird zur Gewohnheit, das Außerordentliche zur Routine. Die Sprache, einst Instrument der Differenzierung, verwandelt sich in ein monotones Dröhnen, das zwar laut ist, aber nichts mehr unterscheidet. Der Diskurs verliert an Tiefe, gewinnt jedoch an Lautstärke – ein Tauschgeschäft, das erstaunlich bereitwillig akzeptiert wird.
Der Souverän als Störfaktor
In dieser Logik wird der eigentliche Akteur der Demokratie zum Problemfall. Das Wahlergebnis passt nicht zur Erzählung, also wird die Erzählung angepasst – oder das Ergebnis pathologisiert. Der Souverän erscheint nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Risiko, das erklärt, korrigiert oder zumindest eingeordnet werden muss. Die Bürger wählen, und die Kommentierung liefert die Gebrauchsanweisung dazu. Es ist eine Form der pädagogischen Übergriffigkeit, die sich als Verantwortung tarnt und doch vor allem eines offenbart: das Misstrauen gegenüber dem, was nicht ins eigene Raster passt.
Die verkehrte Welt der Deutungshoheit
So entsteht eine verkehrte Hierarchie, in der nicht mehr das Ereignis die Deutung bestimmt, sondern die Deutung das Ereignis. Die Realität hat sich gefälligst an der Sprache zu orientieren, nicht umgekehrt. Wer diese Ordnung infrage stellt, gilt schnell als naiv oder, schlimmer noch, als Teil des Problems. Die Begriffe sind gesetzt, die Rollen verteilt, das Urteil gefällt – bevor überhaupt etwas entschieden ist. Demokratie wird zur Inszenierung, in der das Ergebnis nur noch den dramaturgischen Erwartungen zu entsprechen hat.
Ein Vorschlag, der keiner sein wird
Vielleicht wäre es ein Akt der intellektuellen Hygiene, die Begriffe wieder auf Normalmaß zurückzustutzen. Regierungsbildung als das zu benennen, was sie ist: ein Verfahren, unerquicklich, langsam, gelegentlich unerquicklich banal. Und Machtergreifung dort zu belassen, wo sie hingehört: in die Geschichtsbücher. Doch diese Nüchternheit hätte einen entscheidenden Nachteil – sie wäre langweilig. Und Langeweile ist der Tod jeder Empörungsökonomie.
Schluss mit bitterem Lachen
So bleibt am Ende ein Satz, der mehr über den Zustand des Diskurses sagt als über die Politik selbst: Die einen planen eine Regierungsbildung, die anderen die Machtergreifung. Ganz mein Humor. Denn selten war so deutlich zu sehen, wie aus Sprache ein Instrument der Übertreibung geworden ist – und wie bereitwillig diese Übertreibung akzeptiert wird, solange sie laut genug ist. Es ist ein Humor, der nicht zum Lachen reizt, sondern zum Stirnrunzeln. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe.