Die Republik der leeren Kassen und vollen Sonntagsreden

Österreich spart. Das ist zunächst keine Nachricht, sondern ein Naturereignis. Wie der Wintereinbruch in Tirol, der Stau auf der Südautobahn oder die alljährliche Erkenntnis, dass öffentliche Haushalte offenbar nach denselben Gesetzen funktionieren wie private Kreditkarten: Irgendwann kommt die Abrechnung. Diesmal jedoch trifft die Sparwut nicht irgendein Verwaltungsreferat, keine obskure Förderstelle für die Erforschung alpiner Moosarten und auch keine Kommission zur Evaluierung der Evaluierungskommissionen. Diesmal trifft es die Kultur. Und wie stets in solchen Fällen erklingt das bekannte Requiem aus Betroffenheit, Entrüstung und jener besonderen österreichischen Melancholie, die entsteht, wenn man etwas verliert, von dessen Existenz man bis gestern kaum Kenntnis hatte.

Zu den ersten prominenten Opfern zählt die Wiener Kammeroper. Gestern Abend ging die letzte Premiere über die Bühne. Der Vorhang fiel, das Publikum applaudierte, die Sänger verbeugten sich, und irgendwo im Hintergrund dürfte bereits ein Beamter mit dem Rotstift die nächste Institution markiert haben. Das Ende der Kammeroper ist dabei weniger ein Einzelfall als vielmehr ein Menetekel. Es ist die Ouvertüre einer Sparoper, deren weitere Akte bereits geschrieben werden. Die Handlung ist simpel: Das Geld ist knapp, die Prioritäten verschieben sich, und die Kultur steht wieder einmal auf der Liste jener Ausgaben, die man für verzichtbar hält, solange niemand unmittelbar daran verhungert.

Die Kultur als ewiger Luxusartikel

In Zeiten knapper Kassen zeigt sich regelmäßig eine bemerkenswerte geistige Rangordnung. Straßen müssen gebaut werden. Krankenhäuser müssen funktionieren. Polizei und Feuerwehr müssen einsatzbereit bleiben. Das versteht jeder. Schwieriger wird es bei Theatern, Opernhäusern, Museen und Konzerthäusern. Denn deren Nutzen lässt sich nicht in Kubikmetern Beton, geretteten Menschenleben oder ausgefüllten Formularen messen. Kultur produziert keine Schrauben, keine Autos und keine Steuerbescheide. Sie erzeugt etwas weit Flüchtigeres: Identität, Erinnerung, Bildung, Reflexion und gelegentlich sogar Schönheit. Alles Dinge, die in Budgetdebatten ungefähr dieselbe Überzeugungskraft besitzen wie ein Gedicht auf einer Sitzung des Rechnungshofes.

So entsteht regelmäßig die Vorstellung, Kultur sei eine Art gesellschaftliches Sahnehäubchen. Wenn genug Geld vorhanden ist, gönnt man sie sich. Wenn nicht, wird eben gespart. Als würde es sich bei Opern, Bibliotheken und Theatern um dekorative Zimmerpflanzen handeln, die man bei finanziellen Engpässen einfach weniger gießt. Dass gerade hochentwickelte Gesellschaften ihre kulturellen Institutionen über Jahrhunderte hinweg aufgebaut haben, weil sie mehr sein wollten als bloße Produktionsgemeinschaften, gerät dabei leicht in Vergessenheit.

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Die Kunst des symbolischen Sparens

Besonders faszinierend ist die mathematische Logik kulturpolitischer Einsparungen. Kulturhaushalte machen in den meisten öffentlichen Budgets nur einen vergleichsweise kleinen Anteil aus. Selbst drastische Kürzungen verändern die Gesamtfinanzen oft kaum. Dennoch wird immer wieder dort angesetzt. Warum? Weil Kultur politisch attraktiv zu kürzen ist. Eine geschlossene Bühne verursacht keine Schlaglöcher. Ein eingespartes Orchester führt nicht zu Stromausfällen. Die Folgen sind langfristig, diffus und selten sofort sichtbar.

Der satirische Beobachter könnte daher auf die Idee kommen, Kulturförderung erfülle im politischen System eine ähnliche Funktion wie die Petersilie auf dem Schnitzel: Sie ist dekorativ, wird gerne gezeigt, aber sobald gespart werden muss, landet sie zuerst am Tellerrand. Das eigentliche Gericht bleibt unangetastet.

Das Ergebnis sind Einsparungen mit hohem symbolischem Ertrag und oft bescheidenem finanziellem Nutzen. Man demonstriert Entschlossenheit, Haushaltsdisziplin und Reformbereitschaft. Das Budgetloch bleibt zwar ungefähr so groß wie zuvor, aber wenigstens wurde eine Oper geschlossen. Das hat etwas Beruhigendes. Es vermittelt Handlungsfähigkeit. Ob es tatsächlich hilft, ist eine andere Frage.

Das Land der Kultur und die Kultur des Sparens

Österreich pflegt seit Generationen sein Image als Kulturnation. Mozart lächelt von Souvenirs, Klimt schmückt Kaffeetassen, und die großen Namen der Vergangenheit werden mit einer Hingabe zitiert, die gelegentlich den Eindruck erweckt, sie hätten ihre Meisterwerke eigens für die Tourismuswerbung geschaffen. Das kulturelle Erbe gehört zum nationalen Selbstverständnis wie die Alpen, die Sachertorte und die Überzeugung, dass der Kaffeehausbesuch eine Form geistiger Arbeit darstellt.

Doch Kulturpolitik hat die unangenehme Eigenschaft, nicht ausschließlich aus der Pflege vergangener Größen zu bestehen. Irgendjemand muss die Bühnen betreiben, die Musiker bezahlen, die Produktionen finanzieren und die Räume offenhalten. Kultur entsteht nicht nur in Denkmälern. Sie entsteht in Institutionen. Werden diese geschwächt oder geschlossen, bleibt zwar die Erinnerung an vergangene Glanzzeiten bestehen, doch die Gegenwart beginnt auszutrocknen.

Der große österreichische Satiriker Karl Kraus bemerkte einst: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“ In Zeiten kultureller Kürzungen gewinnt dieser Satz eine neue Aktualität. Wo Institutionen verschwinden, wachsen Ersatzdebatten. Wo Produktionen ausfallen, gedeihen ideologische Stellvertreterkriege. Wo Räume für Kunst schrumpfen, vergrößert sich häufig der Platz für Lautstärke.

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Die Ökonomie der Unvernunft

Freilich wäre es naiv, die finanziellen Probleme zu ignorieren. Öffentliche Mittel sind begrenzt. Nicht jede Institution kann auf Dauer erhalten bleiben. Nicht jede Bühne ist sakrosankt. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die merkwürdige Ökonomie kultureller Einsparungen.

Ein Theater beschäftigt Künstler, Techniker, Handwerker, Verwaltungsangestellte, Dienstleister und Zulieferer. Es zieht Besucher an, belebt Gastronomie und Hotellerie und trägt zur Attraktivität eines Standortes bei. Kultur ist keineswegs bloß Kostenfaktor. Sie ist auch Wirtschaftsfaktor. Die Vorstellung, Kulturförderung sei ausschließlich ein Zuschussgeschäft, gehört zu jenen langlebigen Legenden, die politische Debatten überstehen wie Kakerlaken einen Atomkrieg.

Zudem entsteht eine paradoxe Situation: Während Regierungen regelmäßig die Bedeutung von Kreativität, Innovation und Bildung beschwören, werden jene Bereiche geschwächt, in denen genau diese Fähigkeiten kultiviert werden. Man fordert geistige Beweglichkeit und spart bei den Orten, an denen sie entsteht. Das erinnert an den Versuch, einen Obstgarten zu vergrößern, indem man die Bäume fällt.

Die stille Verarmung

Das eigentliche Problem kultureller Kürzungen liegt jedoch tiefer. Gesellschaften werden selten durch einzelne Entscheidungen verarmt. Sie verarmen schleichend. Eine Bühne schließt. Ein Festival wird kleiner. Eine Ausstellung entfällt. Ein Ensemble wird aufgelöst. Nichts davon löst unmittelbar eine Staatskrise aus. Die Republik bleibt bestehen. Die Züge fahren. Die Supermärkte öffnen. Die Welt geht nicht unter.

Doch über Jahre entsteht ein anderes Klima. Möglichkeiten verschwinden. Begegnungsräume schrumpfen. Künstler wandern ab. Publikum verliert Gewohnheiten. Was einst selbstverständlich war, wird außergewöhnlich. Was außergewöhnlich war, wird unmöglich.

Der Prozess ähnelt dem langsamen Austrocknen eines Sees. Lange Zeit scheint alles unverändert. Dann werden die Ufer breiter. Schließlich bleiben nur noch Pfützen, und irgendwann fragt sich die nächste Generation, ob dort jemals Wasser gewesen ist.

Ob das das Kraut fett macht?

Bleibt die Frage, die über allen Sparpaketen schwebt wie ein skeptischer Geist über einer Ministerratssitzung: Macht das das Kraut fett?

Wahrscheinlich nicht. Die Schließung einer Kammeroper wird Österreichs Budgetprobleme kaum lösen. Die Kürzung kultureller Förderungen wird weder die Staatsverschuldung beseitigen noch die großen strukturellen Herausforderungen des Landes bewältigen. Die finanziellen Effekte werden überschaubar bleiben. Die symbolischen Schäden könnten größer sein.

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Denn Kultur ist nicht der Luxus einer funktionierenden Gesellschaft. Sie ist ein Teil ihrer Funktionsweise. Sie ist das Gedächtnis, das Gewissen, der Spiegel und gelegentlich auch der Narr, der den Mächtigen unbequeme Wahrheiten ins Gesicht sagt. Gerade deshalb gerät sie in Krisenzeiten so schnell unter Druck.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie der gegenwärtigen Entwicklung. Während Österreich stolz seine kulturelle Vergangenheit vermarktet, spart es an Teilen seiner kulturellen Zukunft. Das Land zehrt vom Glanz seiner großen Namen und kürzt gleichzeitig die Orte, an denen die großen Namen von morgen entstehen könnten.

Und so verlässt die Wiener Kammeroper die Bühne. Der Applaus verhallt. Die Lichter gehen aus. Die Haushaltszahlen bleiben. Das Defizit ebenfalls. Nur die Musik wird leiser.