Die paradoxe Ökonomie der Überfülle

Es gehört zu den eigentümlichen Triumphen der modernen Energiepolitik, dass ausgerechnet im Moment des Überflusses der Mangel am deutlichsten spürbar wird. Ein System, das sich selbst als zukunftsweisend, effizient und nachhaltig begreift, produziert plötzlich mehr Strom, als irgendein Netz, irgendeine Nachfrage, irgendein vernünftiger Marktmechanismus aufzunehmen vermag – und verwandelt diesen Überschuss in ein finanzielles Defizit, das sich wie ein schlecht gelaunter Schatten über die Stromrechnungen der Bürger legt. „Hellbrise“ nennt sich das meteorologische Kuriosum, das klingt, als hätte es ein PR-Team der Erneuerbaren erfunden, und doch ist es nichts anderes als eine ironische Pointe der Natur: Wind und Sonne im Übermaß, also genau jene Ressourcen, deren Knappheit stets als moralisches Argument bemüht wird.

Die Zahlen sprechen eine Sprache, die selbst hartgesottene Optimisten ins Schwitzen bringen müsste: 175 Prozent des Bedarfs – ein Wert, der weniger nach Effizienz klingt als nach einer grotesken Überproduktion, wie man sie sonst nur aus planwirtschaftlichen Lehrbüchern kennt. Der Strompreis fällt ins Negative, als hätte er beschlossen, sich von der Realität vollständig zu verabschieden. Minus 32 Cent pro Kilowattstunde – ein Zustand, in dem Strom nicht mehr verkauft, sondern gewissermaßen verschenkt wird, ja schlimmer noch: mit einer Prämie versehen wird, damit ihn irgendjemand bitte, bitte abnimmt.

Der Markt als Theaterstück

Was sich hier abspielt, ist weniger ein Markt als vielmehr ein Theaterstück, dessen Handlung zunehmend absurd wirkt. Produzenten erzeugen Energie, die niemand braucht, und erhalten dennoch garantierte Vergütungen. Abnehmer werden dafür bezahlt, Energie zu konsumieren, die sie ohne finanzielle Anreize niemals nachgefragt hätten. Und irgendwo im Hintergrund stehen konventionelle Kraftwerke bereit, geschniegelt und geschniegelt, als müssten sie jederzeit einspringen, falls die erneuerbare Euphorie plötzlich in sich zusammenfällt.

„Der Markt regelt das“, lautet ein oft zitierter Glaubenssatz, doch in diesem Fall regelt der Markt vor allem eines: die Umverteilung. Denn während Großverbraucher und ausländische Abnehmer von negativen Preisen profitieren, bleibt die Rechnung im Inland. Sie wandert, diskret und zuverlässig, auf jene Konten, die weder über industrielle Skaleneffekte noch über politische Einflussmöglichkeiten verfügen: die der privaten Haushalte.

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Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn ausgerechnet jene Technologie, die einst als Heilsbringer gegen steigende Energiepreise propagiert wurde, nun selbst zur Quelle eben dieser Preissteigerungen wird. Ein Perpetuum mobile der Kosten, gespeist aus Subventionen, Netzstabilisierungsmaßnahmen und der Notwendigkeit, ein System am Laufen zu halten, das gleichzeitig zu viel und zu wenig produziert.

Subventionierte Realität und reale Subventionierung

Es wäre naiv, den Begriff „Subvention“ hier als bloße finanzpolitische Fußnote abzutun. Vielmehr handelt es sich um das tragende Fundament eines Systems, das ohne staatliche Garantien kaum lebensfähig wäre. Die Betreiber erneuerbarer Anlagen können sich entspannt zurücklehnen, denn ihre Einnahmen sind gesichert – unabhängig davon, ob ihr Produkt gebraucht wird oder nicht. Ein Geschäftsmodell, das in anderen Branchen vermutlich als grotesk gelten würde, genießt hier den Status politischer Notwendigkeit.

„Die Kosten tragen letztlich Steuerzahler und Konsumenten“, heißt es mit jener nüchternen Lakonie, die große Wahrheiten gern begleitet. Und tatsächlich: Die Summe von 133 Millionen Euro an einem einzigen Feiertag wirkt weniger wie eine Ausnahme als vielmehr wie ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass ein System geschaffen wurde, das seine eigenen Widersprüche nicht auflöst, sondern finanziell überdeckt.

Man könnte versucht sein, darin eine moderne Variante des Ablasshandels zu sehen: Die moralische Reinheit der Energieerzeugung wird erkauft durch die Bereitschaft, ökonomische Absurditäten zu akzeptieren. Wer zahlt, darf sich immerhin auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen.

Die Physik lässt sich nicht verhandeln

Während politische Programme und wirtschaftliche Modelle sich gern in Flexibilität üben, bleibt die Physik bemerkenswert stur. Strom lässt sich nicht beliebig speichern, Netze haben Kapazitätsgrenzen, und Angebot und Nachfrage folgen nicht immer den Drehbüchern politischer Visionen. Wenn also zu Ostern die Industrie stillsteht und gleichzeitig Windräder und Solaranlagen auf Hochtouren laufen, entsteht kein grünes Paradies, sondern ein logistisches Problem.

Das Netz wird zur Bühne eines permanenten Balanceakts: hier drosseln, dort exportieren, irgendwo Kapazitäten vorhalten, die im entscheidenden Moment einspringen müssen. Es ist ein System, das gleichzeitig Überfluss und Mangel organisiert – ein Kunststück, das bewundernswert wäre, wenn es nicht so teuer wäre.

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Fortschritt mit Nebenwirkungen

Natürlich wäre es zu einfach, die gesamte Energiewende als Fehlkonstruktion abzutun. Fortschritt ist selten geradlinig, und jede Transformation bringt ihre eigenen Verwerfungen mit sich. Doch gerade deshalb verdient sie eine ehrliche Betrachtung, frei von ideologischen Scheuklappen und PR-tauglichen Begriffen wie „Hellbrise“.

Denn was sich hier zeigt, ist weniger ein temporäres Problem als vielmehr eine strukturelle Spannung: zwischen politischem Anspruch und physikalischer Realität, zwischen ökologischer Zielsetzung und ökonomischer Umsetzbarkeit. Ein System, das bei idealen Wetterbedingungen ins Negative kippt, stellt unausweichlich die Frage, wie es unter weniger idealen Umständen funktionieren soll.

Am Ende bleibt ein Eindruck, der ebenso unerquicklich wie faszinierend ist: Der Strom fließt reichlich, die Preise fallen unter null, und doch steigt die Rechnung. Eine Konstellation, die sich jeder intuitiven Logik entzieht und gerade deshalb so perfekt in die Gegenwart passt – eine Zeit, in der Fortschritt nicht selten bedeutet, Probleme auf eine Weise zu lösen, die neue Probleme hervorbringt.

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