Es gibt eine eigentümliche Form des Alterns, die weniger in den Knien als im Gedächtnis schmerzt: das leise, aber hartnäckige Ziehen der Erinnerung an vergangene Gemeinsamkeiten, die sich im Rückblick wie Szenen aus einem fremden Leben ausnehmen. Einst stand man, zumindest in der politischen Imagination, Schulter an Schulter mit jenen, die sich „links“ nannten – im Kampf für Bürgerrechte, für persönliche Freiheiten, gegen die bleierne Schwere autoritärer Systeme, seien sie nun in Südamerika verortet oder in der eigenen, nur scheinbar aufgeklärten Gesellschaft verborgen. Es war die Zeit, in der man gegen die Zumutungen klerikaler Bevormundung opponierte, den säkularen Staat gegen die Ansprüche der Kirche verteidigte und in der schonungslose Blick auf die Verbrechen des Nationalsozialismus als moralische Selbstverständlichkeit galt. Und nicht zuletzt war es jene Phase, in der die Emanzipation der Frau als unteilbares Projekt verstanden wurde – nicht als kulturell relativierbare Fußnote, sondern als universeller Anspruch.
„Fortschritt“, so hätte man damals sagen können, „ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Zumutung an die Gegenwart.“ Und tatsächlich schien es, als ließe sich zumindest ein Teil dieses Fortschritts im Bündnis erkämpfen, im gemeinsamen Werben um Aufklärung, Rationalität und die Überwindung überkommener Strukturen. Dass dieses Bündnis nicht spannungsfrei war, verstand sich von selbst; aber es existierte, und es trug.
Die große Verschiebung ins Ungefähre
Irgendwann jedoch – der genaue Zeitpunkt entzieht sich der Chronologie wie ein schlecht dokumentierter Epochenbruch – begann sich etwas zu verschieben. Nicht laut, nicht mit Trompeten und Manifesten, sondern eher wie ein schleichender Perspektivwechsel, bei dem plötzlich nicht mehr klar war, wo oben und unten, links und rechts eigentlich verlaufen. Aus der klaren Sprache der Strukturen wurde ein vorsichtiges Umkreisen von Einzelschicksalen; aus der Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse eine fast rituelle Beschwörung individueller Betroffenheit.
Dabei war es gerade die politische Linke, die einst den Unterschied zwischen Einzelfall und Struktur mit beinahe pädagogischer Strenge zu betonen wusste. Man denke an Bertolt Brecht und seine berühmte Sentenz aus „Die Nachtlager“, in der die individuelle Not nicht negiert, aber doch in einen größeren Zusammenhang gestellt wird: das System, nicht das Symptom, sei zu kritisieren. Heute hingegen scheint sich das Verhältnis umgekehrt zu haben. „Das Einzelschicksal“, so könnte ein zeitgenössischer Kommentator süffisant bemerken, „ist zur letzten Bastion geworden, hinter der sich jede strukturelle Debatte elegant vermeiden lässt.“
Die Frage drängt sich auf: Seit wann gilt es als progressiv, strukturelle Probleme mit dem Hinweis auf individuelle Ausnahmen zu neutralisieren? Seit wann ist es ein Zeichen von Sensibilität, die Analyse durch Anekdote zu ersetzen?
Die Ästhetik der Parallelgesellschaft
Parallel zu dieser Verschiebung entfaltet sich ein weiteres Phänomen, das sich mit einer gewissen Bosheit als „Romantisierung der Gegengesellschaft“ beschreiben ließe. Was einst als problematische Abkapselung galt, wird nun nicht selten als Ausdruck kultureller Vielfalt verklärt. Der Begriff der Parallelgesellschaft, früher ein Warnsignal, erscheint heute bisweilen wie ein missverstandenes Kompliment.
„Jede Gemeinschaft hat das Recht auf ihre Eigenheiten“, lautet eine häufig gehörte Maxime – ein Satz, der in seiner Harmlosigkeit bestechend wirkt und doch eine bemerkenswerte Blindstelle enthält. Denn was geschieht, wenn diese „Eigenheiten“ mit den Grundprinzipien individueller Freiheit kollidieren? Wenn innerhalb solcher Gemeinschaften Normen herrschen, die weniger an kulturelle Vielfalt als an soziale Kontrolle erinnern?
Die alte Linke hätte hier, so zumindest die nostalgische Erinnerung, mit einiger Schärfe reagiert. Sie hätte gefragt, wer von diesen Strukturen profitiert und wer unter ihnen leidet. Sie hätte sich kaum damit begnügt, das Phänomen unter dem Etikett der Diversität abzulegen.
Die merkwürdige Milde gegenüber dem Reaktionären
Besonders irritierend erscheint jene neue Milde gegenüber religiösem Fanatismus, die sich in Teilen des progressiven Diskurses beobachten lässt. Einst war Religionskritik ein fester Bestandteil linker Identität, ein Werkzeug der Aufklärung gegen Dogma und Autorität. Heute hingegen wird sie nicht selten als unsensibel, ja als problematisch gebrandmarkt.
„Die Kritik an Religion“, so hätte ein aufgeklärter Denker formuliert, „ist kein Angriff auf Menschen, sondern auf Ideen.“ Diese Unterscheidung scheint zunehmend zu verschwimmen. Religiöse Praktiken, selbst wenn sie offenkundig repressiv sind, werden mit einer Vorsicht behandelt, die fast schon an Ehrfurcht grenzt.
Man denke etwa an den Zwang zur Verhüllung, an die frühzeitige Einpassung von Mädchen in rigide Rollenbilder, an soziale Mechanismen, die weniger mit freier Entscheidung als mit kollektivem Druck zu tun haben. Dass solche Phänomene relativiert, verharmlost oder gar verteidigt werden, wirkt aus der Perspektive früherer emanzipatorischer Bewegungen wie ein ideologischer Kurzschluss.
„Es ist ein seltsamer Fortschritt“, könnte ein ironischer Beobachter anmerken, „wenn die Befreiung der Frau plötzlich kulturell optional wird.“
Der säkulare Staat als verhandelbare Größe
Eng damit verknüpft ist die schleichende Erosion des säkularen Prinzips. Der Staat, einst als neutraler Raum gedacht, in dem religiöse Zugehörigkeit keine Rolle spielt, wird zunehmend zum Schauplatz identitätspolitischer Aushandlungen. Forderungen nach religiös definierten Ausnahmen, nach Sonderregelungen und symbolischer Sichtbarkeit stehen im Raum – und werden nicht selten mit bemerkenswerter Nachsicht behandelt.
Dabei war die Idee des Säkularismus ursprünglich eine Schutzmaßnahme: nicht gegen Religion, sondern gegen deren Übergriff auf das öffentliche Leben. „Die Trennung von Staat und Glauben“, so ließe sich ein klassischer Grundsatz paraphrasieren, „dient der Freiheit aller, nicht der Einschränkung einzelner.“
Dass ausgerechnet jene politischen Strömungen, die einst vehement für diese Trennung eintraten, heute zögern, sie einzufordern, gehört zu den paradoxeren Wendungen der Gegenwart.
Die abwesende Solidarität
Am deutlichsten jedoch wird die Verschiebung dort, wo Solidarität selektiv wird. Wenn Frauen, die sich unter erheblichen Risiken von religiösen Zwängen lösen, nicht mehr als natürliche Verbündete betrachtet werden, sondern ihre Situation relativiert oder marginalisiert wird, dann stellt sich unweigerlich die Frage nach den Prioritäten.
„Solidarität“, so schrieb einmal eine engagierte Feministin, „zeigt sich nicht in der Bequemlichkeit, sondern im Konflikt.“ Gerade dort, wo es unbequem wird, wo kulturelle Sensibilitäten und universelle Rechte aufeinanderprallen, entscheidet sich, wie belastbar ein emanzipatorischer Anspruch tatsächlich ist.
Die Zurückhaltung, die hier oft zu beobachten ist, wirkt weniger wie ein Ausdruck von Toleranz als wie eine Form der Verlegenheit. Man möchte niemanden verletzen – und nimmt dabei in Kauf, diejenigen im Stich zu lassen, die am meisten auf Unterstützung angewiesen wären.
Die Ironie der moralischen Selbstgewissheit
All dies vollzieht sich unter dem Banner moralischer Selbstgewissheit. Kaum eine Epoche war so überzeugt von ihrer eigenen Sensibilität, ihrer Reflexionsfähigkeit, ihrer ethischen Überlegenheit. Und doch entsteht gerade daraus eine eigentümliche Blindheit: die Unfähigkeit, Widersprüche als solche zu erkennen, geschweige denn auszuhalten.
„Die größte Gefahr der Moral“, bemerkte einst ein Philosoph, „besteht darin, dass sie sich für unfehlbar hält.“ In diesem Sinne erscheint der gegenwärtige Diskurs weniger als Fortsetzung früherer Ideale denn als deren eigentümliche Verformung – eine Art Spiegelbild, in dem die Konturen noch erkennbar sind, aber ihre Bedeutung sich verschoben hat.
Ein Schluss mit leichtem Lächeln
Vielleicht liegt die angemessenste Reaktion irgendwo zwischen Resignation und Gelächter. Denn so unerquicklich viele dieser Entwicklungen auch erscheinen mögen, so tragen sie doch auch Züge einer fast schon literarischen Ironie: Eine Bewegung, die einst gegen Autorität und Dogma antrat, ringt nun mit den eigenen Tabus; ein Projekt der Befreiung entdeckt seine Grenzen in der Angst vor dem falschen Wort.
Und irgendwo sitzt ein alternder Beobachter, blättert durch die Erinnerungen an vergangene Bündnisse und denkt sich, halb melancholisch, halb amüsiert: „Es war einmal einfacher, sich einig zu sein – aber vermutlich auch naiver.“