Es gehört zu den besonders rührenden Ritualen spätwestlicher Politik, dass jene Figuren, die im eigenen Land kaum noch einen funktionierenden Getränkeautomaten demokratisch legitimieren könnten, sich mit staatsmännischer Gravitas auf internationale Bühnen schleppen, um dort die „Verteidigung unserer Demokratie“ auszurufen, als handle es sich um eine Mischung aus Kreuzzug, TED-Talk und Betriebsausflug des Weltwirtschaftsforums. Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer bilden dabei ein Ensemble von bemerkenswerter Symbolkraft: drei Männer, die im Inland mit einer Mischung aus Erschöpfung, Skepsis und latentem Augenrollen betrachtet werden, treten außenpolitisch auf wie Marvel-Figuren der liberalen Weltordnung. Das ist ungefähr so überzeugend, als würde ein Bankrotteur Vorträge über finanzielle Selbstdisziplin halten oder ein Kettenraucher das Gesicht einer internationalen Lungenkampagne werden. Gerade die moralische Lautstärke dieser Herren verrät die eigentliche Schwäche. Denn nichts schreit verzweifelter nach Legitimität als ein Politiker, der ständig von „Haltung“ spricht, während die eigene Bevölkerung längst damit beschäftigt ist, den emotionalen Abstand zwischen Wahlurne und Fluchtreflex auszumessen.
Merz, der mit der Aura eines Unternehmensberaters auftritt, der gleich PowerPoint-Folien über „Effizienzsteigerung in Zeiten multipler Transformationsprozesse“ präsentieren wird, verkörpert jene deutsche Sonderform des politischen Verwaltungsadels, die jede Krise zunächst mit dem Satz beantwortet: „Da müssen wir jetzt durch.“ Eine bemerkenswerte Formulierung, weil nie erklärt wird, wer eigentlich „wir“ ist und wer unterwegs unter die Räder kommt. Seine öffentliche Erscheinung wirkt häufig wie die personifizierte Erinnerung daran, dass Politik in Deutschland irgendwann aufhörte, gesellschaftliche Leidenschaft zu organisieren, und stattdessen begann, in der Tonlage einer Sparkassenfusion zu sprechen. Die Republik ächzt unter Energiepreisen, Infrastrukturverfall, Wohnungsnot und einer Bürokratie, die inzwischen aussieht wie Franz Kafka mit WLAN-Anschluss — und aus Berlin kommt der staatsmännische Hinweis, Demokratie müsse „wehrhaft“ bleiben. Das klingt imposant, bis auffällt, dass sich diese Wehrhaftigkeit erstaunlich oft gegen die Geduld der eigenen Bevölkerung richtet.
Macron wiederum hat die bemerkenswerte historische Leistung vollbracht, gleichzeitig als Jupiter-Präsident und tragischer Intendant eines brennenden europäischen Stadttheaters zu erscheinen. In Frankreich wird protestiert wie anderswo geatmet, und der Élysée-Palast reagiert darauf mit jener aristokratischen Mischung aus pädagogischer Strenge und philosophischer Verachtung, die den französischen Zentralstaat seit Jahrhunderten begleitet. Macron spricht bevorzugt in jener Sprache, die nur entsteht, wenn Managementseminare und Napoleon-Biographien eine toxische Beziehung eingehen. Jeder Satz klingt, als sei er gleichzeitig als historisches Vermächtnis und LinkedIn-Beitrag konzipiert worden. Während die Straßen brodeln, die politische Mitte erodiert und die Bevölkerung zunehmend den Eindruck entwickelt, in einem gigantischen Experiment technokratischer Selbstüberschätzung zu leben, reist der Präsident durch Europa und erklärt den Wert demokratischer Stabilität. Man möchte höflich fragen, welche genau gemeint ist. Die Stabilität der Rentenproteste? Die Stabilität der institutionellen Entfremdung? Oder jene Stabilität, mit der die politische Klasse jede Form von Kritik zunächst als moralisches Problem des Kritikers diagnostiziert?
Und dann Starmer. Der Mann wirkt, als hätte eine Anwaltskanzlei beschlossen, probeweise ein menschliches Beruhigungsmittel als Premierminister einzusetzen. Seine größte politische Stärke besteht bislang darin, nicht Boris Johnson zu sein, was zweifellos ein Verdienst ist, aber langfristig ungefähr dieselbe strategische Tiefe besitzt wie der Wahlkampfslogan „Immerhin kein Scheunenbrand“. Die britische Politik nach Brexit gleicht einem aristokratischen Landsitz, dessen Dach einstürzt, während im Salon weiter höflich Tee serviert wird. Krankenhäuser kollabieren, die Produktivität lahmt, öffentliche Dienstleistungen zerfallen sichtbar — aber aus Downing Street ertönt der ernste Appell zur Verteidigung demokratischer Werte. Großbritannien hat inzwischen eine Infrastruktur, die teilweise aussieht, als würde sie von Charles Dickens persönlich verwaltet, aber die politische Elite spricht mit der Selbstgewissheit eines Imperiums, das geistig noch immer die Weltmeere kontrolliert.
Die Religion der alternativlosen Zumutung
Der eigentliche Skandal besteht allerdings nicht einmal in der Unbeliebtheit dieser Politiker. Demokratien überleben schlechte Umfragewerte mühelos. Der Skandal liegt in der nahezu sakralen Selbstinszenierung eines politischen Milieus, das seine eigene Legitimität zunehmend aus moralischer Selbstbestätigung statt aus gesellschaftlicher Zustimmung ableitet. Früher musste Politik Ergebnisse liefern. Heute genügt oft die korrekte Gesinnungsgymnastik im Interviewstudio. Wer die richtigen Vokabeln benutzt — „europäische Werte“, „Resilienz“, „Verantwortung“, „Zeitenwende“, „Haltung“ — erhält automatisch die Aura historischer Ernsthaftigkeit, selbst wenn gleichzeitig die Züge nicht fahren, die Industrie abwandert und die Bürger den Eindruck gewinnen, dass der Alltag nur noch eine lästige Randnotiz geopolitischer Selbstverwirklichung ist.
Das Erstaunliche an dieser politischen Klasse ist ihre Fähigkeit, jeden offensichtlichen Misserfolg rhetorisch in einen moralischen Sieg umzudeuten. Steigende Unzufriedenheit? Zeichen dafür, dass Demokratie unter Druck steht. Sinkendes Vertrauen? Folge von Desinformation. Wachsende Wut? Natürlich das Werk populistischer Verführer. Nie kommt der Gedanke auf, dass Bürger möglicherweise schlicht genug davon haben könnten, gleichzeitig finanziell belastet, kulturell belehrt und kommunikativ infantilisiert zu werden. Die moderne Regierungsrhetorik behandelt den Wähler oft wie einen störrischen Patienten, der die Großartigkeit seiner Therapie leider nicht ausreichend würdigt.
Gerade darin liegt die groteske Komik der gegenwärtigen Lage: Diejenigen, die am lautesten „Demokratie retten“ rufen, wirken oft wie Menschen, die Demokratie primär als Zustimmung zu ihrer eigenen Weltanschauung verstehen. Jede Wahl, die falsch ausgeht, wird sofort als Symptom einer tieferen Krise interpretiert. Jeder Protest gilt als potenziell toxisch. Jede Abweichung vom Konsens wird mit der alarmierten Miene betrachtet, mit der viktorianische Pfarrer einst auf Jazzmusik reagierten. Demokratie ja — aber bitte geräuschlos, effizient und ohne diese unangenehme Eigenschaft der Bevölkerung, gelegentlich anderer Meinung zu sein.
Der aristokratische Tonfall des Niedergangs
Besonders unerquicklich ist dabei die Sprache. Diese Sprache! Sie klingt wie eine Mischung aus EU-Gipfelpapier, Trauerrede und Betriebsversammlung eines insolventen Versicherungskonzerns. Ständig ist von „Herausforderungen“ die Rede, niemals von Fehlern. Von „Transformation“, niemals von Verlust. Von „Komplexität“, niemals von Verantwortung. Die politische Kommunikation westlicher Eliten hat inzwischen eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Sie kann über gesellschaftliche Krisen sprechen, ohne jemals das konkrete Leben realer Menschen zu berühren. Ein Heizkostenbescheid wird zum „Anpassungsprozess“. Arbeitsplatzverlust heißt „Strukturwandel“. Soziale Angst mutiert zu „Transformationsmüdigkeit“. Es ist die Sprache eines Milieus, das seine eigene Abgehobenheit nicht mehr bemerkt, weil es seit Jahren ausschließlich mit Menschen spricht, die ebenfalls auf Podien sitzen.
Und während all dies geschieht, inszenieren sich dieselben politischen Führungen als letzte Verteidiger der Aufklärung gegen die Barbarei. Das hat unfreiwillig literarische Qualität. Man fühlt sich an jene dekadenten Spätphasen alter Imperien erinnert, in denen die Eliten noch große moralische Opern aufführen, während draußen bereits die Fenster klirren. Die Pointe besteht darin, dass die Bevölkerung keineswegs demokratiefeindlich geworden ist. Im Gegenteil. Viele Menschen nehmen Demokratie plötzlich wieder ernst — und genau das macht die politische Klasse nervös. Denn ernst genommene Demokratie bedeutet Streit, Kontrollverlust, Zumutung und die Möglichkeit, dass Bürger irgendwann nicht mehr die vorgesehenen Antworten geben.
Danke für gar nichts
So bleibt am Ende das eigentümliche Bild dreier Regierungsfiguren, die mit ernster Miene das historische Schicksal des Westens beschwören, während zuhause das Vertrauen zerbröselt wie trockenes Baguette auf einem EU-Empfang. Merz verwaltet die deutsche Nervosität, Macron die französische Erschöpfung und Starmer den britischen Nach-Brexit-Kater — und alle gemeinsam erklären der Öffentlichkeit mit fast religiösem Ernst, sie kämpften für „unsere Demokratie“. Das Problem ist nur: Demokratie lebt nicht von Pressekonferenzen, Pathosformeln und Gipfelfotografie. Sie lebt davon, dass Bürger den Eindruck haben, Regierungen seien noch in erster Linie ihren Gesellschaften verpflichtet und nicht irgendeinem abstrakten internationalen Moraltheater.
Vielleicht liegt genau darin die Tragikomödie der Gegenwart. Die politischen Eliten halten sich für Feuerwehrleute der Geschichte, während ein wachsender Teil der Bevölkerung den Verdacht entwickelt, dass sie seit Jahren mit dem Benzinkanister herumlaufen. Und dennoch marschieren sie weiter durch die Konferenzsäle, geschniegelt in moralischer Selbstgewissheit, ausgestattet mit Aktentaschen voller Phrasen und dem festen Glauben, die öffentliche Skepsis sei bloß ein Kommunikationsproblem. Irgendwo zwischen Brüssel, Berlin, Paris und London sitzt vermutlich bereits der nächste Berater und formuliert gerade den Satz: „Wir müssen die Menschen besser mitnehmen.“
Wohin genau, bleibt weiterhin offen.