Die Geografie der Moral und die Moral der Geografie

Es gibt politische Debatten, die weniger über Landkarten als über Weltanschauungen geführt werden. Grenzlinien erscheinen darin nicht als Ergebnis historischer Entwicklungen, sondern als moralische Schieberegler, die sich je nach ideologischem Bedarf nach links, rechts, oben oder unten verschieben lassen. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass unterschiedliche Maßstäbe existieren – das hat es in der Geschichte immer gegeben –, sondern mit welcher Selbstverständlichkeit dieselben Stimmen innerhalb weniger Minuten völlig gegensätzliche Prinzipien vertreten können, ohne dabei auch nur den leisesten Anflug kognitiver Höhenkrankheit zu verspüren. Geschichte gilt einmal als heilig, ein anderes Mal als irrelevant. Siedlungsdauer ist mal ein unwiderlegbares Argument, mal ein koloniales Verbrechen. Grenzen sind entweder sakrosankt oder Ausdruck struktureller Gewalt – je nachdem, welche politische Erzählung gerade bedient werden soll. Die Landkarte ist längst kein Atlas mehr, sondern ein Whiteboard für moralische Improvisationen.

Ceuta, Melilla und die Kunst der selektiven Geschichte

Besonders anschaulich zeigt sich dieses Phänomen an Ceuta und Melilla. Marokko erhebt seit Langem Anspruch auf beide Städte, obwohl sie seit Jahrhunderten unter spanischer Herrschaft stehen und tief in der politischen und administrativen Geschichte Spaniens verwurzelt sind. Wer den historischen Faktor grundsätzlich für bedeutungslos erklärt, müsste konsequenterweise sagen, entscheidend sei allein die heutige geopolitische Realität. Wer hingegen historische Ansprüche ernst nimmt, müsste anerkennen, dass eine jahrhundertelange staatliche Zugehörigkeit zumindest ein erhebliches Gewicht besitzt. Bemerkenswert wird es dort, wo beide Maßstäbe gleichzeitig verwendet werden: Geschichte zählt genau so lange, bis sie der eigenen politischen Erzählung widerspricht. Danach verwandelt sie sich augenblicklich in ein Relikt kolonialer Unterdrückung. Offenbar existiert eine Art ideologischer Thermostat, der historische Argumente je nach gewünschter Raumtemperatur automatisch ein- oder ausschaltet.

Das flexible Gedächtnis des Kolonialismus

Ähnlich verhält es sich mit anderen historischen Konflikten. Die Nachfahren europäischer Siedler in Südafrika werden bisweilen ausschließlich durch das Prisma des Kolonialismus betrachtet, obwohl ihre Präsenz dort auf mehrere Jahrhunderte zurückgeht und die gesellschaftliche Wirklichkeit weit komplexer ist als jede moralische Kurzformel. In den Vereinigten Staaten wiederum ist regelmäßig vom „gestohlenen Land“ die Rede – eine Formulierung, die reale historische Gewalt und Vertreibung aufgreift, zugleich aber häufig in einer Weise verwendet wird, die gegenwärtige Generationen pauschal mit vergangenen Ereignissen identifiziert. Geschichte wird dabei weniger analysiert als symbolisch verwaltet. Entscheidend scheint nicht die Frage zu sein, welche Maßstäbe allgemein gelten sollen, sondern welche Erzählung politisch den größeren Nutzen verspricht. Wer dieselben Kriterien auf alle historischen Fälle anwenden wollte, würde rasch feststellen, dass ideologische Konsistenz ein ausgesprochen seltenes Naturphänomen ist.

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Die erstaunliche Elastizität nationaler Zugehörigkeit

Geradezu artistisch wird die Argumentation jedoch bei Fragen nationaler Identität. Dort kann jahrhundertelange Präsenz plötzlich bedeutungslos sein, während an anderer Stelle eine sehr kurze Aufenthaltsdauer bereits als hinreichender Beweis gesellschaftlicher Zugehörigkeit präsentiert wird. Satirisch zugespitzt entsteht das Bild eines imaginären Mehmet, der am vergangenen Dienstag die Grenze überschritten hat und dessen nationale Identität nach Auffassung mancher Stimmen bereits als unumstößliche Tatsache behandelt werden müsse, während gleichzeitig Gemeinschaften, deren Geschichte über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückreicht, mit dem Hinweis auf ihre ursprüngliche Herkunft grundsätzlich delegitimiert werden. Die Pointe liegt nicht in der Person, sondern im Maßstab: Zeit besitzt offenbar keinen objektiven Wert mehr. Vierhundert Jahre können zu wenig sein, vier Tage dagegen völlig ausreichend. Historiker dürften sich fragen, weshalb sie Archive unterhalten, wenn politische Moral ohnehin mit einer Stoppuhr arbeitet, deren Zeiger beliebig vor- und zurückgedreht werden können.

Der Schulterschluss der Gegensätze

In diesem Spannungsfeld wird häufig die These formuliert, Teile der politischen Linken und islamistische Akteure fänden trotz tiefgreifender Unterschiede in vielen Grundfragen punktuell gemeinsame Interessen. Tatsächlich lassen sich in einzelnen politischen Konflikten taktische Überschneidungen beobachten, etwa wenn beide Seiten westliche Machtstrukturen oder bestimmte außenpolitische Positionen kritisieren. Daraus jedoch eine grundsätzliche Einheit abzuleiten, würde die erheblichen ideologischen Gegensätze zwischen linken Strömungen und islamistischen Weltbildern ausblenden. Satirisch betrachtet wirkt die Konstellation dennoch wie eine Wohngemeinschaft, deren Bewohner sich über nahezu alles streiten, sich aber jeden Abend darauf einigen, dass das eigentliche Problem das Gebäude sei, in dem sie wohnen. Der Liberalismus erscheint dabei als gemeinsamer Gegner, obwohl gerade er vielen erst ermöglicht, ihre jeweiligen Positionen frei zu vertreten. Die Ironie besitzt beinahe literarische Qualität: Die Freiheit wird genutzt, um ihre Grundlagen möglichst gründlich zu demontieren.

Die Logik des Bumerangs

Satire lebt davon, Argumente bis zu ihrem logischen Endpunkt zu verfolgen. Wenn historische Eroberungen grundsätzlich niemals Legitimität erzeugen können, wenn territoriale Veränderungen auch nach Jahrhunderten keinen Bestand entwickeln und wenn Vergangenheit jederzeit gegen die Gegenwart aufgerechnet werden darf, eröffnet sich ein faszinierendes Spielfeld. Warum sollte dann Konstantinopel – unabhängig von der historischen Eroberung im Jahr 1453 – nicht weiterhin als genuin griechische Stadt betrachtet werden? Weshalb endet die moralische Rückabwicklung ausgerechnet dort, wo sie politisch unbequem wird? Warum sollte die Logik an einer bestimmten Jahreszahl Halt machen? Weshalb nicht Byzanz rekonstruieren, Karthago rehabilitieren oder den Römern nachträglich ihre Provinzen zurückgeben? Vielleicht ließe sich sogar ein internationales Ministerium für historische Rückabwicklungen schaffen, dessen Beamte mit Zollstock, Lateinlexikon und Zeitmaschine bewaffnet sämtliche Grenzen der Welt neu vermessen. Das Verfahren dürfte lediglich einige Jahrtausende dauern.

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Die Republik der doppelten Maßstäbe

Die eigentliche Satire besteht letztlich nicht in historischen Ansprüchen, sondern in ihrer selektiven Anwendung. Moral verliert ihre Überzeugungskraft dort, wo sie nicht mehr als allgemeines Prinzip, sondern als politisches Werkzeug eingesetzt wird. Wer Geschichte ausschließlich dann gelten lässt, wenn sie den eigenen Standpunkt bestätigt, betreibt keine Geschichtswissenschaft, sondern dramaturgische Kulissenmalerei. Wer universelle Werte fordert, sollte auch universelle Maßstäbe akzeptieren. Andernfalls verwandelt sich jede Debatte in ein Theaterstück, dessen Handlung täglich neu geschrieben wird, während dieselben Schauspieler mit ernster Miene behaupten, das Drehbuch sei seit jeher unveränderlich gewesen. Die Bühne bleibt dieselbe, die Requisiten wechseln, und der Applaus wird nicht für Konsistenz gespendet, sondern für die kunstvolle Beherrschung des politischen Spagats. Vielleicht ist genau das das eigentliche Wunder der Gegenwart: Nicht die Landkarten verändern sich am schnellsten, sondern die Maßstäbe, mit denen sie betrachtet werden.