Die Geister von Wolhynien

Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen der europäischen Gegenwartspolitik, dass sie eine beinahe übernatürliche Fähigkeit entwickelt hat, historische Tatsachen gleichzeitig zu beschwören und zu verdrängen. Nie zuvor wurde so leidenschaftlich an Erinnerungskultur appelliert, während zugleich entschieden darüber gestritten wird, woran eigentlich erinnert werden soll. In diesem eigentümlichen Theaterstück der selektiven Moral nimmt die Geschichte des ukrainischen Nationalismus einen besonderen Platz ein. Dort erscheinen Figuren wie Stepan Bandera, die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) wie Wiedergänger einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, obwohl zahllose Reden, Resolutionen und Presseerklärungen dies gerne behaupten würden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte bei der Benennung militärischer Verbände nach historischen Vorbildern, dies knüpfe an die „historischen Traditionen der nationalen Armee“ an. Eine Formulierung, die auf den ersten Blick harmlos klingt und die doch eine ganze Bibliothek von Fragen öffnet. Denn Traditionen sind bekanntlich wie Dachböden alter Häuser: Dort lagert alles, was man nicht wegwerfen wollte, aber auch nicht offen im Wohnzimmer zeigen möchte. Wer historische Traditionen beschwört, muss daher beantworten, welche Traditionen gemeint sind und weshalb gerade diese ausgewählt werden.

Der Nationalheld mit dem langen Schatten

Stepan Bandera ist eine jener Gestalten, die jede Nation hervorbringt, wenn sie verzweifelt nach Helden sucht und irgendwann beschließt, die historischen Fußnoten zu Hauptkapiteln zu erklären. Für viele Ukrainer gilt Bandera als Symbol des Widerstandes gegen sowjetische Herrschaft und russische Dominanz. Für viele Polen hingegen steht sein Name für Terror, ethnischen Nationalismus und die Massaker von Wolhynien. Für zahlreiche Historiker bleibt er eine hoch umstrittene Figur, deren politische Bewegung mit Gewalt, ethnischer Ausgrenzung und radikalem Nationalismus verbunden war.

Das Erstaunliche an solchen Figuren ist nicht ihre Existenz. Jede Nation besitzt ihre dunklen Helden und ihre hellen Schurken. Erstaunlich ist vielmehr die Hartnäckigkeit, mit der manche politischen Milieus versuchen, aus einem historischen Problem einen moralischen Vorzeigeartikel zu machen. Wo andere Länder mühsam versuchen, belastete Vergangenheiten kritisch aufzuarbeiten, entsteht hier gelegentlich der Eindruck, als solle ein Denkmal errichtet werden, bevor die Geschichtsbücher überhaupt fertig gelesen sind.

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Wolhynien verschwindet nicht

Besonders deutlich wird dies im Verhältnis zu Polen. Die Erinnerung an die Massaker von Wolhynien gehört dort nicht zu den Randnotizen der Geschichte, sondern zum kollektiven Gedächtnis. Tausende polnische Familien tragen die Erinnerung an Vertreibung, Mord und ethnische Gewalt bis heute in ihren Familiengeschichten. Die Ereignisse der Jahre 1943 und 1944 sind keine akademische Debatte, sondern Teil einer historischen Erfahrung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Deshalb reagieren viele Polen mit Empörung, wenn in der Ukraine Organisationen oder Persönlichkeiten geehrt werden, die mit diesen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Die Empörung kommt nicht aus einem historischen Vakuum. Sie ist die Folge einer Erinnerung, die nicht vergessen werden will. Geschichte besitzt die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich nicht per Dekret abschaffen lässt. Ein Parlament kann Feiertage beschließen, Straßennamen ändern und Denkmäler errichten. Es kann jedoch nicht rückwirkend bestimmen, was geschehen ist.

Wolhynien bleibt Wolhynien, auch wenn moderne PR-Agenturen darüber Broschüren drucken. Die Opfer verschwinden nicht, weil ihre Geschichte politisch unbequem geworden ist. Und die Toten entwickeln leider keine Rücksicht auf aktuelle geopolitische Prioritäten.

Die erstaunliche Elastizität der Moral

Besonders faszinierend wirkt die Debatte aus europäischer Perspektive. In Europa wird mit Recht darauf geachtet, nationalistische Ideologien kritisch zu betrachten. Kaum irgendwo sonst auf der Welt existiert eine vergleichbare Sensibilität gegenüber historischen Verbrechen. Umso erstaunlicher erscheint die bemerkenswerte Elastizität dieser Prinzipien, sobald geopolitische Interessen ins Spiel kommen.

Plötzlich beginnt eine bemerkenswerte sprachliche Akrobatik. Radikale Nationalisten werden zu Freiheitskämpfern. Problematische historische Bewegungen werden zu Symbolen nationaler Selbstbehauptung. Belastete Biographien werden in patriotische Erzählungen eingebettet, bis die störenden Details nur noch als Fußnoten erscheinen.

Es entsteht der Eindruck, als hätten manche Historiker und Politiker eine Art moralischen Wechselrichter erfunden. Was auf der einen Seite als gefährlicher Nationalismus gilt, erscheint auf der anderen als legitimer Patriotismus. Was gestern noch Anlass zur Distanzierung gewesen wäre, wird heute als Ausdruck nationaler Identität interpretiert. Die Maßstäbe bleiben dieselben, nur ihre Anwendung verändert sich erstaunlich flexibel.

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Fahnen, Parolen und die Wiederkehr alter Symbole

In Polen wird regelmäßig über Vorfälle berichtet, bei denen Bandera-Symbole, Bandera-Fahnen oder entsprechende Parolen auftauchen. Für viele Beobachter sind solche Erscheinungen mehr als bloße Randphänomene. Sie gelten als Hinweis darauf, dass bestimmte Formen des historischen Nationalismus weiterhin gesellschaftliche Resonanz besitzen.

Natürlich wird häufig argumentiert, diese Symbole würden von vielen Anhängern nicht im historischen Sinne verstanden. Das mag teilweise zutreffen. Doch Symbole führen bekanntlich ein Eigenleben. Niemand würde ernsthaft behaupten, historische Embleme verlören ihre Bedeutung einfach dadurch, dass ihre Träger andere Absichten erklären. Geschichte funktioniert nicht wie eine Waschmaschine, in die belastete Zeichen geworfen werden, um sie anschließend gereinigt wieder herauszuholen.

Gerade deshalb reagieren viele Polen empfindlich auf jede Form der Verherrlichung. Sie betrachten diese Symbole nicht als abstrakte Zeichen nationaler Identität, sondern als Erinnerungen an konkrete historische Gewalt.

Die Republik der selektiven Erinnerung

Die eigentliche Tragikomödie besteht jedoch darin, dass Europa gleichzeitig die Rolle eines moralischen Schiedsrichters beansprucht. Mit feierlicher Miene werden Lektionen über Demokratie, Menschenrechte und historische Verantwortung erteilt. Doch sobald bestimmte historische Fragen aufkommen, senkt sich ein bemerkenswert dichter Nebel über die Debatte.

Dann heißt es plötzlich, jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt. Dann müsse man die größeren Zusammenhänge betrachten. Dann dürfe man die aktuelle Lage nicht aus den Augen verlieren. Mit anderen Worten: Geschichte soll wichtig sein, allerdings vorzugsweise dort, wo sie keine politischen Komplikationen verursacht.

Die Vergangenheit wird dadurch zu einer Art politischem Werkzeugkasten. Manche Erinnerungen werden hervorgeholt, poliert und ausgestellt. Andere bleiben sorgfältig im Keller verstaut. Dort lagern sie zwischen alten Aktenordnern und den Restbeständen jener Prinzipien, die offiziell weiterhin gelten.

Das unbequeme Erbe

Das Problem verschwindet jedoch nicht. Es bleibt bestehen, weil es auf einer einfachen Tatsache beruht: Nationalbewegungen können gleichzeitig Opfer und Täter hervorbringen. Befreiungskämpfe können Elemente enthalten, die später kritisch beurteilt werden müssen. Historische Figuren können gegen eine Unterdrückungsmacht gekämpft und dennoch moralisch schwer belastet gewesen sein.

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Eine reife Erinnerungskultur müsste genau diese Ambivalenzen aushalten. Sie müsste akzeptieren, dass nationale Geschichte nicht aus makellosen Helden besteht. Sie müsste anerkennen, dass Patriotismus und historische Selbstkritik keine Gegensätze sind.

Doch genau an diesem Punkt beginnt die Schwierigkeit. Denn nationale Mythen leben von Eindeutigkeit. Sie benötigen Helden ohne Schatten und Gegner ohne menschliche Eigenschaften. Geschichte dagegen verweigert diese Bequemlichkeit.

Die Rückkehr der Realität

Am Ende bleibt die einfache Erkenntnis, dass historische Wahrheit keine Rücksicht auf politische Moden nimmt. Die Massaker von Wolhynien bleiben Teil der Geschichte. Die Debatte über OUN und UPA bleibt legitim. Die Erinnerung der polnischen Opfer verschwindet nicht. Und jede Ehrung historischer Figuren, die mit solchen Ereignissen verbunden werden, wird zwangsläufig Widerspruch hervorrufen.

Vielleicht besteht die eigentliche Ironie darin, dass ausgerechnet jene Epoche, die sich so gerne als Zeitalter der Aufarbeitung versteht, immer wieder an den gleichen Versuchungen scheitert wie frühere Generationen: an der Versuchung, Geschichte nicht zu verstehen, sondern zu benutzen. Die Vergangenheit wird dann nicht mehr erforscht, sondern verwaltet. Sie wird nicht mehr kritisch betrachtet, sondern politisch sortiert.

Doch Geschichte besitzt einen schlechten Charakter. Sie bleibt hartnäckig. Sie kehrt zurück. Sie stellt Fragen. Und sie hat die unerquicklichste aller Eigenschaften: Sie lässt sich nicht dauerhaft zum Schweigen bringen.