Es gibt politische Entscheidungen, die Straßen bauen, Schulen sanieren, Kriminalität bekämpfen oder dafür sorgen, dass Strom aus der Steckdose kommt und nicht aus einer PowerPoint-Präsentation. Und dann gibt es jene Entscheidungen, die sich mit der existenziellen Frage beschäftigen, ob ein Vater eigentlich noch ein Vater sein darf oder ob er künftig als „nicht-gebarende Elternperson“ durch die Verwaltungsgeschichte wandeln soll wie eine sprachlich verunglückte Randfigur aus einem dystopischen Behördenroman. Falls Franz Kafka jemals geglaubt haben sollte, die Möglichkeiten bürokratischer Absurdität ausgeschöpft zu haben, hätte ihn das 21. Jahrhundert eines Besseren belehrt. Die moderne Verwaltung besitzt inzwischen die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst die einfachsten Wörter der menschlichen Zivilisation in Formulierungen zu verwandeln, die klingen, als seien sie von einem Ausschuss aus Juristen, Soziologen und außer Kontrolle geratenen Übersetzungsprogrammen gemeinsam verfasst worden.
Die Wörter „Mutter“ und „Vater“ gehören zu den ältesten Begriffen menschlicher Kultur. Sie finden sich in Mythen, Religionen, Märchen, Liedern, Gedichten und Familienalben. Sie wurden von Königen ausgesprochen und von Analphabeten verstanden. Sie überstanden Kriege, Revolutionen, Völkerwanderungen und technische Umwälzungen. Selbst Menschen, die einander sprachlich nicht verstanden, konnten meist nachvollziehen, was mit „Mutter“ oder „Vater“ gemeint war. Doch nichts ist vor dem modernen politischen Ehrgeiz sicher, Sprache so lange zu verbessern, bis sie niemand mehr freiwillig benutzt.
Der Triumph des Verwaltungslyrismus
Die Vorstellung, einen Vater offiziell als „nicht-gebarende Elternperson“ zu bezeichnen, besitzt eine fast poetische Komik. Es ist eine Formulierung, die klingt, als habe jemand beschlossen, einen Baum künftig als „nicht-mobiles Sauerstoffproduktionsobjekt“ zu klassifizieren. Natürlich wäre die Aussage technisch nicht völlig falsch. Sie wäre lediglich grotesk unnatürlich. Genau darin liegt das Problem vieler moderner Sprachreformen: Sie verwechseln technische Präzision mit menschlicher Verständlichkeit.
George Orwell bemerkte einst, dass politische Sprache dazu dienen könne, Lügen wahrhaftig und Mord respektabel erscheinen zu lassen. Heute scheint politische Sprache gelegentlich vor allem dazu zu dienen, einfache Dinge kompliziert zu machen. Der Bürger wird nicht mehr angesprochen, sondern verwaltet. Die Familie wird nicht mehr beschrieben, sondern kategorisiert. Aus Menschen werden Funktionsbezeichnungen. Aus Beziehungen werden Verwaltungseinheiten. Aus Eltern werden Personalakten mit Fortpflanzungsmerkmalen.
Man stelle sich den alltäglichen Sprachgebrauch vor. „Das ist mein Vater“ wird ersetzt durch „Dies ist meine primäre nicht-gebarende Elternperson.“ Ein Satz, der jede Familienfeier in die Atmosphäre eines nuklearen Sicherheitsbriefings verwandeln würde. Der betreffende Vater könnte sich immerhin damit trösten, dass auch die Mutter nicht mehr Mutter heißt, sondern „gebarende Elternperson“. Es ist gewissermaßen die Demokratisierung der sprachlichen Trostlosigkeit.
Die Religion der Umbenennung
Jede Epoche besitzt ihre eigenen Glaubenssätze. Früher diskutierte man über Gott, Freiheit oder den Sinn des Lebens. Heute entstehen erbitterte Debatten darüber, ob Wörter ausreichend inklusiv sind. Die moderne Politik hat eine bemerkenswerte Leidenschaft entwickelt, Probleme auf sprachlichem Wege lösen zu wollen. Wenn die Realität nicht den gewünschten Vorstellungen entspricht, wird zunächst das Wörterbuch angegriffen.
Dabei entsteht häufig der Eindruck, als sei die Umbenennung selbst bereits die Lösung. Schulen können verfallen, Straßen bröckeln, die öffentliche Sicherheit unter Druck geraten und die Lebenshaltungskosten steigen – doch irgendwo sitzt ein Ausschuss und beschäftigt sich mit der historischen Mission, ein Wort mit zwei Silben durch einen administrativen Zungenbrecher zu ersetzen. Es ist die politische Variante des Mannes, dessen Haus brennt und der beschließt, zunächst die Klingel neu zu lackieren.
Der britische Schriftsteller G. K. Chesterton bemerkte einst, dass die moderne Welt voller alter christlicher Tugenden sei, die verrückt geworden seien. Ähnliches ließe sich über manche Formen der Inklusion sagen. Der Wunsch, niemanden auszugrenzen, ist grundsätzlich ehrenwert. Doch jede Tugend kann in ihr Gegenteil umschlagen, wenn sie zur Obsession wird. Aus Rücksicht wird Sprachzwang. Aus Sensibilität wird Bürokratie. Aus Menschlichkeit wird Terminologie.
Die Entdeckung des Offensichtlichen
Der eigentliche Humor dieser Entwicklung liegt darin, dass die neuen Begriffe nicht mehr Informationen liefern als die alten, sondern weniger. „Mutter“ beschreibt eine biologische, soziale und kulturelle Rolle, die jeder versteht. „Gebärende Elternperson“ beschreibt einen biologischen Vorgang. Das Wort reduziert den Menschen auf eine Funktion, während es gleichzeitig vorgibt, besonders sensibel zu sein. Ausgerechnet jene Sprache, die angeblich Vielfalt fördern soll, schrumpft die Person auf einen administrativen Vorgang zusammen.
Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch der Gegenwart: Während ständig von Individualität gesprochen wird, entstehen Begriffe, die Menschen klingen lassen wie Ersatzteile einer Behörde. Der Bürger verschwindet hinter Kategorien. Die Persönlichkeit verschwindet hinter Definitionen. Die Sprache wird nicht reicher, sondern steriler.
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb, die Grenzen der Sprache seien die Grenzen der Welt. Wenn das stimmt, dann besteht eine gewisse Gefahr, dass die Welt mancher Sprachreformer bald wie ein Formular des Finanzamtes klingt.
Die Bürokratie als Satiriker ihrer selbst
Das Erstaunlichste an vielen dieser Entwicklungen ist, dass Satiriker zunehmend arbeitslos werden könnten. Die Realität erledigt ihre Aufgabe inzwischen oft selbst. Früher musste ein Schriftsteller absurde Behörden erfinden. Heute genügt es gelegentlich, offizielle Formulierungen unverändert zu zitieren. Der Leser lacht nicht, weil ein Witz erzählt wurde, sondern weil er ahnt, dass niemand einen Witz machen wollte.
Jonathan Swift hätte vermutlich seine Freude daran gehabt. Der Autor von „Gullivers Reisen“ verstand, dass Macht manchmal dann am komischsten wirkt, wenn sie sich selbst vollkommen ernst nimmt. Nichts erzeugt größere Ironie als eine Institution, die mit feierlichem Ernst Probleme löst, die außerhalb ihrer eigenen Debatten kaum jemand als Probleme wahrnimmt.
Die Rückkehr des gesunden Menschenverstands
Am Ende besitzt Sprache eine Eigenschaft, die politische Programme oft unterschätzen: Sie gehört den Menschen. Wörter überleben nicht, weil sie beschlossen werden, sondern weil sie benutzt werden. Keine Verordnung der Welt kann ein Wort dauerhaft ersetzen, das Millionen Menschen freiwillig verwenden. Sprache wächst von unten, nicht von oben. Sie entsteht in Familien, auf Schulhöfen, in Cafés und Wohnzimmern, nicht in Ausschüssen.
Vielleicht liegt gerade darin der stille Trost dieser Debatte. Die meisten Menschen werden auch morgen noch von ihrer Mutter sprechen und von ihrem Vater. Nicht aus politischem Protest, sondern weil diese Wörter Teil ihrer Lebenswirklichkeit sind. Sie sind kurz, verständlich und menschlich. Sie benötigen keine Fußnote und keinen Verwaltungsleitfaden.
Und so könnte die Geschichte dieser sprachpolitischen Experimente eines Tages als Kuriosität enden: als Erinnerung an eine Zeit, in der Teile der Politik glaubten, gesellschaftlichen Fortschritt dadurch messen zu können, wie viele traditionelle Begriffe durch bürokratische Ersatzkonstruktionen ersetzt wurden. Die Menschen hingegen werden weiterhin tun, was Menschen seit Jahrtausenden tun: Sie werden ihre Eltern Mutter und Vater nennen und sich wundern, weshalb irgendjemand jemals glaubte, dafür sei eine neue Gebrauchsanweisung erforderlich.