Die freundliche Tyrannei der richtigen Worte

Es gibt historische Ironien, die so vollkommen sind, dass selbst die Satire nur noch ehrfürchtig danebenstehen kann. Eine davon besteht darin, dass ausgerechnet die Gesellschaften, die sich über Jahrhunderte hinweg als Bollwerke der Freiheit verstanden, heute immer größere Energien darauf verwenden, die Grenzen des Sagbaren neu zu vermessen. Nicht mit Zensurstempeln, Gefängniszellen oder den groben Instrumenten klassischer Diktaturen, sondern mit weit eleganteren Methoden: moralischer Ächtung, sprachlicher Disziplinierung, sozialer Isolierung und jenem subtilen Druck, der keinen Henker benötigt, weil jeder Bürger zum Aufseher des anderen geworden ist. George Orwell hätte vermutlich schallend gelacht – und anschließend ein weiteres Kapitel geschrieben.

Als Papst Leo bemerkte, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer enger werde und sich eine neue Sprache mit „orwellschem Beigeschmack“ entwickle, war dies deshalb bemerkenswert, weil die Diagnose aus einer Institution kam, die jahrhundertelang selbst nicht als Hort unbegrenzter Meinungsfreiheit galt. Wenn sogar der Vatikan beginnt, vor sprachlicher Gleichschaltung zu warnen, dann entsteht jener eigentümliche Moment der Geschichte, in dem die Feuerwehr die Bewohner vor Brandgefahr warnt, während diese gerade dabei sind, ihre Möbel freiwillig ins Feuer zu werfen.

Die moderne westliche Gesellschaft hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Sie schafft es, Freiheit zur höchsten Tugend zu erklären und gleichzeitig immer längere Listen jener Auffassungen zu erstellen, die als moralisch unzulässig gelten. Das geschieht selbstverständlich nicht im Namen der Unterdrückung. Niemand würde heute ernsthaft erklären, man wolle Andersdenkende zum Schweigen bringen. Nein, die Sache wird wesentlich eleganter formuliert. Man schützt, sensibilisiert, inkludiert, begleitet, fördert, moderiert und reguliert. Das Ergebnis ähnelt allerdings gelegentlich erstaunlich stark dem, was frühere Generationen schlicht Zensur genannt hätten.

Die eigentliche Meisterleistung besteht dabei in der sprachlichen Verpackung. Jede Epoche besitzt ihre offiziellen Vokabeln. Früher sprach man von Ketzerei, später von Staatsfeindschaft, heute von problematischen Narrativen, Desinformation, Hassrede, toxischen Diskursen oder demokratiegefährdenden Positionen. Die Begriffe wechseln, die gesellschaftliche Funktion bleibt erstaunlich konstant. Wer die jeweils gültige Sprache beherrscht, gehört zu den Guten. Wer sie nicht beherrscht, wird zum Objekt pädagogischer Betreuung. Und wer sich weigert, sie zu übernehmen, findet sich rasch in jener Kategorie wieder, die man früher Dissidenten nannte und heute vorzugsweise als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt beschreibt.

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Dabei entfaltet sich ein bemerkenswertes Paradox. Die neue Sprache tritt mit dem Anspruch an, niemanden auszuschließen. Sie möchte alle sichtbar machen, alle respektieren, alle berücksichtigen. In der Theorie klingt das edel. In der Praxis entsteht jedoch häufig eine Art sprachliches Kastensystem, in dem weniger zählt, was gesagt wird, als vielmehr die Frage, ob die verwendeten Begriffe den jeweils aktuellen Normen entsprechen. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich vom Gedanken auf die Formulierung. Nicht die Wahrheit einer Aussage wird diskutiert, sondern ihre Konformität mit den Regeln des diskursiven Anstands. Die Grammatik wird wichtiger als die Wirklichkeit.

Orwell hatte diesen Mechanismus in seinem Roman „1984“ mit der Erfindung des Neusprech beschrieben. Die Pointe bestand nie darin, dass Menschen gezwungen werden, bestimmte Wörter zu benutzen. Die eigentliche Pointe war, dass bestimmte Gedanken irgendwann gar nicht mehr formulierbar sind, weil die Sprache selbst verengt wurde. Sprache ist schließlich nicht nur ein Werkzeug des Ausdrucks. Sie ist auch ein Werkzeug des Denkens. Wer den Wortschatz verändert, verändert langfristig die Vorstellungswelt. Wer Begriffe eliminiert, verkleinert den geistigen Raum. Die Diktatur der Zukunft, so die düstere Vermutung Orwells, würde weniger durch Gewalt als durch Vokabeln herrschen.

Nun wäre es übertrieben, heutige westliche Demokratien mit totalitären Regimen gleichzusetzen. Die Unterschiede bleiben gewaltig und fundamental. Niemand verschwindet wegen eines falschen Witzes im Arbeitslager. Niemand wird nachts von Geheimpolizisten abgeholt, weil er eine unorthodoxe Meinung geäußert hat. Doch gerade dieser Unterschied macht die Entwicklung so interessant. Die moderne Einschränkung der Meinungsfreiheit arbeitet nicht primär mit staatlichem Zwang, sondern mit sozialem Druck. Der öffentliche Pranger wurde digitalisiert und demokratisiert. Millionen Freiwillige übernehmen seine Verwaltung. Die Guillotine wurde durch den Shitstorm ersetzt. Das Fallbeil ist verschwunden, geblieben ist die Lust an der öffentlichen Exkommunikation.

In dieser neuen Ordnung entsteht eine sonderbare Figur: der professionelle Empfindliche. Er bewegt sich durch die Welt wie ein Minensuchgerät für sprachliche Verfehlungen. Wo frühere Generationen über Inhalte stritten, untersucht er Formulierungen. Wo andere Argumente suchen, sucht er Kränkungen. Wo einst politische Debatten geführt wurden, werden heute oft sprachhygienische Kontrollen durchgeführt. Das politische Leben ähnelt stellenweise einer permanenten TÜV-Prüfung für Wörter. Jeder Satz wird auf mögliche Nebenwirkungen getestet. Jede Formulierung benötigt eine moralische Betriebserlaubnis.

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Der Humor leidet unter solchen Bedingungen zwangsläufig zuerst. Satire lebt schließlich von Übertreibung, Grenzüberschreitung und Provokation. Sie ist der Hofnarr der Freiheit. Doch der moderne Hofnarr hat ein Problem: Der Hof ist voller Menschen, die den Witz zunächst auf mögliche Regelverstöße untersuchen. Bevor gelacht wird, erfolgt die moralische Risikoanalyse. Das Gelächter muss erst genehmigt werden. Die Pointe benötigt ein Gutachten.

Besonders faszinierend ist dabei die Entstehung einer neuen Priesterklasse. Früher wachten Theologen über die Reinheit der Lehre. Heute übernehmen diese Aufgabe Aktivisten, Kommunikationsberater, Diversity-Beauftragte, Faktenprüfer und Diskurswächter unterschiedlichster Couleur. Sie definieren die zulässigen Formulierungen, identifizieren Abweichungen und verkünden regelmäßig aktualisierte Sprachgebote. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass die modernen Dogmen mit wissenschaftlichem Vokabular vorgetragen werden. Der Tonfall ist säkular geworden, die Struktur erstaunlich vertraut.

Der französische Philosoph Alexis de Tocqueville hatte bereits im 19. Jahrhundert vor einer neuen Form des Despotismus gewarnt. Sie würde nicht mit Ketten arbeiten, schrieb er sinngemäß, sondern mit sozialer Anpassung. Sie würde den Menschen nicht den Kopf abschlagen, sondern ihn sanft in die gewünschte Richtung drehen. Es wäre eine Herrschaft der öffentlichen Meinung, deren Macht gerade deshalb so groß ist, weil sie nicht sichtbar auftritt. Der Bürger bliebe formal frei und würde sich dennoch ständig fragen, welche Ansichten noch gefahrlos geäußert werden können.

Genau darin liegt die eigentliche Brisanz der Warnung Leos. Nicht die Existenz von Regeln ist das Problem. Jede Gesellschaft benötigt Regeln. Problematisch wird es dort, wo die Angst vor dem falschen Wort größer wird als die Suche nach der Wahrheit. Wo Konformität höher bewertet wird als Erkenntnis. Wo moralische Korrektheit die intellektuelle Neugier ersetzt. Eine Kultur, die jede Abweichung als Gefahr betrachtet, produziert irgendwann keine freien Bürger mehr, sondern vorsichtige Sprachakrobaten, die ständig darauf bedacht sind, den nächsten semantischen Stolperdraht nicht auszulösen.

Die Geschichte zeigt jedoch eine gewisse Hartnäckigkeit. Gedanken lassen sich erstaunlich schwer einsperren. Jede Epoche, die glaubte, den endgültig richtigen Wortschatz gefunden zu haben, wurde früher oder später von der Realität korrigiert. Ideen besitzen die unangenehme Eigenschaft, immer wieder zurückzukehren, selbst wenn sie offiziell verschwunden sein sollten. Vielleicht liegt gerade darin ein Grund zur Gelassenheit. Die Freiheit des Denkens hat schon wesentlich mächtigere Gegner überlebt als die Bürokraten der sprachlichen Tugend.

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Und so könnte die eigentliche Satire der Gegenwart darin bestehen, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich als offen, pluralistisch und divers verstehen, zunehmend Schwierigkeiten mit echter Vielfalt haben – nämlich der Vielfalt von Meinungen. Hautfarben, Identitäten, Lebensstile und Konsumpräferenzen dürfen sich in schillernder Buntheit entfalten; beim Denken hingegen wird gelegentlich eine bemerkenswerte Uniformität erwartet. Das Ergebnis erinnert an einen Karneval der Individualität, in dem alle Kostüme erlaubt sind, solange dieselben Texte gesprochen werden.

Orwell hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Nicht weil seine düsteren Visionen vollständig Wirklichkeit geworden wären, sondern weil die Gegenwart einmal mehr beweist, dass die gefährlichsten Einschränkungen der Freiheit selten als Feinde der Freiheit auftreten. Sie erscheinen vielmehr als deren begeisterte Verteidiger. Sie sprechen von Offenheit und errichten geistige Schranken. Sie predigen Vielfalt und fördern Konformität. Sie feiern Toleranz und zeigen erstaunlich wenig Geduld gegenüber Abweichlern. Und währenddessen wird die Sprache immer freundlicher, immer sensibler, immer inklusiver – bis plötzlich auffällt, dass der Kreis derjenigen, die noch unbefangen sprechen dürfen, merkwürdig klein geworden ist.