Die freiwillige Abschaffung des Geheimnisses

Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen moderner Demokratien, dass ausgerechnet dort die Freiheit am energischsten eingeschränkt wird, wo ihre Verteidigung am lautesten beschworen wird. Kaum vergeht ein politischer Festakt, ohne dass Pathos über Menschenrechte, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und europäische Werte ausgeschüttet wird, als handle es sich um Konfetti auf einem Parteitag. Doch sobald die Mikrofone ausgeschaltet sind, beginnt die eigentliche Regierungsarbeit: Grundrechte werden zu Fußnoten erklärt, Datenschutz zum Verwaltungsproblem und die Privatsphäre zu einem Luxusartikel, dessen Besitz nur noch solange gestattet ist, bis irgendein Referat in irgendeinem Verwaltungsgebäude beschließt, dass Sicherheit gerade etwas wichtiger sei. Freiheit besitzt inzwischen die Haltbarkeit eines Joghurtbechers. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird bei jeder Krise neu berechnet.

Der Bürger als Verdachtsdatei

Früher musste der Staat einen Verdacht haben, bevor er in die Privatsphäre eingriff. Heute genügt die bloße Möglichkeit, dass irgendwo irgendwann irgendjemand vielleicht etwas Illegales schreiben könnte. Aus dieser mathematischen Meisterleistung entsteht ein Generalverdacht gegen Hunderte Millionen Menschen. Die Logik ist ebenso bestechend wie grotesk: Weil einige Straftäter digitale Kommunikation benutzen, sollen vorsorglich sämtliche Bürger überwacht werden. Dieselbe Logik würde verlangen, sämtliche Wohnungen regelmäßig zu durchsuchen, weil Einbrecher bekanntlich auch Häuser benutzen. Doch bei Wohnungen würde Protest entstehen. Bei Smartphones genügt ein freundliches Update.

Das eigentlich Erstaunliche ist jedoch nicht die Idee selbst. Bürokratien entwickeln zwangsläufig einen gesunden Appetit auf neue Zuständigkeiten. Überraschend ist vielmehr die Gelassenheit, mit der sich eine Gesellschaft an den Gedanken gewöhnt, dass private Kommunikation offenbar gar nicht mehr privat sein soll. Das Wort „privat“ existiert zwar noch im Wörterbuch. Praktisch entwickelt es sich jedoch zu einem historischen Begriff, ähnlich wie „Fernsprechzelle“ oder „Postscheckamt“.

Die hohe Kunst der politischen Wortkosmetik

Politik hat längst aufgehört, Tatsachen zu benennen. Sie produziert Verpackungen. Niemand fordert Massenüberwachung. Das klingt unerquicklich. Stattdessen entstehen Begriffe wie „präventive Sicherheitsmaßnahme“, „digitale Verantwortung“, „Resilienz“, „vertrauenswürdige Plattformen“ oder „Schutz gefährdeter Gruppen“. Das ist sprachliche Alchemie: Aus Blei wird Gold, aus Kontrolle Fürsorge und aus Überwachung Mitgefühl. George Orwell hätte vermutlich eingeräumt, dass selbst sein „Neusprech“ gegen diese Kreativität fast handwerklich wirkt.

TIP:  Der Ehrenwerte Chor der Beschwichtigungen

Besonders elegant funktioniert dabei der moralische Schutzschild. Wer Einwände erhebt, muss sich zunächst rechtfertigen. Warum eigentlich Datenschutz? Was gibt es zu verbergen? Weshalb sollte ehrliche Kommunikation Angst vor Kontrolle haben? Dieselbe Frage könnte ebenso gut lauten: Weshalb sollte eine Wohnung eine Haustür besitzen? Wer nichts besitzt, braucht schließlich auch kein Schloss. Freiheit wird nicht mehr als Recht verstanden, sondern als verdächtige Gewohnheit.

Demokratie mit Nachspielzeit

Parlamentarische Abstimmungen galten einst als Ausdruck des politischen Willens. Inzwischen erinnern sie gelegentlich an den Videobeweis im Fußball. Fällt das Ergebnis unpassend aus, beginnt die Suche nach einer Regel, einer Auslegung oder einer Verfahrensbesonderheit, die das Resultat noch in die gewünschte Richtung lenken könnte. Demokratie entwickelt dadurch einen bemerkenswert elastischen Charakter. Gewonnen hat nicht, wer mehr Stimmen besitzt, sondern wer die Fußnoten der Geschäftsordnung kreativer liest.

Gerade die Diskussion um die Chatkontrolle hinterlässt deshalb einen unangenehmen Eindruck. Nicht allein wegen des Inhalts, sondern wegen der Symbolik. Wenn parlamentarische Mehrheiten plötzlich an neuen Mehrheitserfordernissen scheitern, obwohl sie numerisch Mehrheiten bleiben, entsteht jener Verdacht, der in Demokratien besonders giftig ist: dass Verfahren nicht mehr der Wahrheitsfindung dienen, sondern der Ergebnisproduktion. Demokratie verwandelt sich dann in eine Theateraufführung, bei der das Publikum zwar klatschen darf, das Drehbuch aber längst fertig geschrieben wurde.

Die Bürokratie kennt kein Genug

Bürokratien unterscheiden sich von schwarzen Löchern lediglich dadurch, dass Astrophysiker schwarze Löcher faszinierend finden. Beide besitzen eine Gemeinsamkeit: Sie ziehen alles an, was in ihre Nähe gerät. Kompetenzen, Zuständigkeiten, Daten, Register, Dokumentationen und Überwachungsinstrumente verschwinden zuverlässig im Gravitationsfeld administrativer Selbstvermehrung. Jede neue Befugnis erzeugt den Bedarf nach der nächsten. Kontrolle kennt keinen Endpunkt, weil Kontrolle ihre eigene Existenz rechtfertigen muss.

Besonders beeindruckend ist die Fantasie, mit der stets versichert wird, jede Maßnahme bleibe selbstverständlich streng begrenzt. Nichts sei flächendeckend. Nichts richte sich gegen unbescholtene Bürger. Alles erfolge unter richterlicher Kontrolle, technischer Sicherheit und parlamentarischer Aufsicht. Dieselben Versicherungen begleiteten nahezu jede Ausweitung staatlicher Befugnisse der vergangenen Jahrzehnte. Offensichtlich besitzt das Wort „Ausnahme“ in der Politik eine erstaunliche Lebenserwartung. Manche Ausnahmen erreichen mühelos das Rentenalter.

TIP:  Willkommen in der absurden Realität

Der gläserne Mensch als europäisches Leitbild

Die moderne Verwaltung träumt nicht mehr vom freien Bürger. Sie träumt vom berechenbaren Bürger. Von einem Menschen, dessen Verhalten analysierbar, dessen Kommunikation auswertbar und dessen zukünftige Entscheidungen statistisch prognostizierbar sind. Der ideale Staatsbürger ist kein selbstbestimmtes Individuum mehr, sondern ein Datensatz mit gepflegter Metadatenstruktur.

Ironischerweise geschieht dies ausgerechnet auf einem Kontinent, der sich gern als weltweiter Hüter des Datenschutzes präsentiert. Europa exportiert Datenschutzgrundverordnungen und importiert Überwachungsphantasien. Es predigt digitale Selbstbestimmung und arbeitet gleichzeitig daran, private Kommunikation maschinell kontrollierbar zu machen. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie eine Gesundheitskampagne, die von einer Zigarettenfabrik gesponsert wird.

Die Freiheit als Verwaltungsfehler

Vielleicht liegt das eigentliche Problem tiefer. Freiheit verursacht Unordnung. Menschen sprechen unbeobachtet, denken unkontrolliert und äußern Meinungen, die nicht zuvor algorithmisch bewertet wurden. Bürokratien empfinden solche Zustände naturgemäß als störend. Ordnung ist berechenbar. Freiheit ist es nicht. Deshalb gewinnt Ordnung fast immer gegen Freiheit – allerdings stets unter der Versicherung, sie diene ausschließlich deren Schutz.

Am Ende könnte die Geschichte über die Chatkontrolle weit mehr erzählen als über Messenger-Dienste. Sie erzählt von einer politischen Kultur, die Grundrechte nicht mehr als unverrückbare Grenze staatlicher Macht betrachtet, sondern als verhandelbare Variable. Das eigentliche Drama besteht dabei nicht einmal in den Gesetzen. Gesetze können geändert werden. Dramatisch ist die Gewöhnung. Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt, dass jede private Nachricht potenziell gescannt werden darf, wird irgendwann vergessen, weshalb das Wort „privat“ überhaupt einmal erfunden wurde.

Und vielleicht wird eines Tages unter jeder verschlüsselten Nachricht ein freundlicher Hinweis erscheinen: „Diese Kommunikation bleibt selbstverständlich vertraulich. Sie wird lediglich vorsorglich vollständig analysiert.“ Das wäre kein Witz mehr. Satire stirbt in jenem Augenblick, in dem die Verwaltung beginnt, ihre Pointen als Verordnung zu veröffentlichen.