und andere kostspielige Glaubensgemeinschaften
Es gehört zu den eigentümlichen Leistungen moderner Gesellschaften, mit bewundernswerter Konsequenz genau jene Institutionen zu finanzieren, deren Existenz sie niemals freiwillig gewählt hätten, wäre vor der Überweisung der Rechnung eine ehrliche Leistungsbeschreibung beigelegt worden. Die Universität galt einst als Ort der Erkenntnis, als Werkstatt des Wissens, als Labor der Vernunft. Dort wurden Brücken berechnet, Krankheiten erforscht, Sprachen entschlüsselt, Sterne vermessen und technische Revolutionen vorbereitet. Heute hingegen begegnet dem erstaunten Steuerzahler bisweilen eine akademische Landschaft, die den Eindruck erweckt, als habe sich ein beträchtlicher Teil der Geisteswissenschaften auf eine Expedition begeben, von der zwar niemand mehr genau weiß, wohin sie führt, die aber jedes Jahr neue Fördergelder benötigt, um ihre theoretischen Koffer weiterzutragen.
Besondere Bewunderung verdient dabei die Fähigkeit gewisser Studienrichtungen, ganze Wörterketten hervorzubringen, deren Bedeutung sich mit jeder zusätzlichen Silbe weiter verflüchtigt. So kann beispielsweise die Ankündigung eines Doktoratsprogramms, das „intersektionale kritische Gender Studies, feministische Theorie, Queer Studies, Trans* Studies, de-, post- und antikoloniale Studien, Black Studies, Migrationsstudien und Disability Studies in einen Dialog bringt“, beim unvorbereiteten Leser einen Moment der Orientierungslosigkeit hervorrufen. Der Satz erinnert an jene Speisekarten avantgardistischer Restaurants, auf denen ein Gericht aus siebenundzwanzig Zutaten besteht und am Ende doch nur nach warmem Leitungswasser schmeckt. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass das Restaurant wenigstens versucht, den Gast zu sättigen.
Der verstorbene Physiker Richard Feynman bemerkte einst, Wissenschaft sei der Glaube an die Unwissenheit der Experten. Gerade deshalb wirkt ein Teil der heutigen akademischen Debatten wie die Umkehrung dieses Prinzips: Nicht die Skepsis gegenüber Gewissheiten steht im Mittelpunkt, sondern die Produktion immer neuer Gewissheiten, die sich vorzugsweise um Machtstrukturen, Diskurse, Narrative, Dekonstruktionen und andere Begriffe drehen, deren Nebelhaftigkeit ihre größte Stärke darstellt. Wer etwas nicht versteht, könnte schließlich versucht sein, es für besonders tiefgründig zu halten. Diese Methode ist keineswegs neu. Schon George Orwell warnte vor einer Sprache, deren eigentliche Funktion darin besteht, Gedanken zu verschleiern, anstatt sie zu klären.
Der Triumph der Begriffsakrobatik
In manchen akademischen Milieus scheint inzwischen die Überzeugung vorzuherrschen, dass jede gesellschaftliche Erscheinung erst dann wissenschaftliche Würde erlangt, wenn sie durch mindestens drei Theoriegebäude, vier Identitätskategorien und fünf historische Schuldzusammenhänge gefiltert wurde. Das Klima wird dann nicht mehr untersucht, sondern „postkolonial gelesen“. Die Wirtschaft wird nicht analysiert, sondern „dekonstruiert“. Technische Innovationen werden nicht bewertet, sondern „problematisiert“. Das Ergebnis gleicht einer intellektuellen Waschmaschine, in die jede Fragestellung geworfen wird und aus der stets derselbe ideologische Einheitsbrei zurückkehrt.
Besonders reizvoll ist dabei die Vorstellung sogenannter „postkolonialer Klimaperspektiven“. Der Ausdruck besitzt jene seltene Schönheit, die nur bürokratische Ausschüsse und akademische Arbeitsgruppen hervorbringen können. Er klingt wie der Titel eines Vortrags, bei dem vierzig Folien präsentiert werden, ohne dass auch nur eine einzige Kilowattstunde Strom erzeugt, ein Gramm CO₂ eingespart oder ein technisches Problem gelöst würde. Die Welt leidet unter Energieknappheit, Infrastrukturproblemen und wirtschaftlichen Verwerfungen, doch irgendwo wird eine Konferenz abgehalten, auf der diskutiert wird, ob der Monsun unter Berücksichtigung hegemonialer Wissensordnungen ausreichend inklusiv verstanden wurde.
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq beschrieb moderne Institutionen einmal als Systeme, die immer kompliziertere Regeln erzeugen, um immer weniger greifbare Ergebnisse hervorzubringen. Man könnte versucht sein, manche universitären Fachrichtungen als Bestätigung dieser Beobachtung zu betrachten. Während Ingenieure Brücken bauen, Chemiker Medikamente entwickeln und Informatiker Algorithmen schreiben, entsteht an anderer Stelle eine stetig wachsende Literatur darüber, warum Brücken, Medikamente und Algorithmen möglicherweise Ausdruck historischer Machtverhältnisse seien. Die Gesellschaft erhält dadurch zwar keine zusätzliche Brücke, aber immerhin ein dreihundertseitiges Papier darüber, warum die Existenz von Brücken kritisch reflektiert werden sollte.
Die große Umverteilung von Vernunft zu Verwaltung
Wenn Regierungen Sparmaßnahmen ankündigen, entsteht regelmäßig ein bemerkenswertes Schauspiel. Plötzlich erklären sämtliche Interessengruppen ihre jeweilige Tätigkeit zur unverzichtbaren Grundlage der Zivilisation. Jeder Fördertopf wird zur letzten Bastion der Demokratie, jedes Projekt zum Bollwerk gegen den Rückfall in die Barbarei. Die Frage, ob sämtliche universitären Angebote tatsächlich denselben gesellschaftlichen Nutzen besitzen, gilt dabei oft als geschmacklos. Dabei handelt es sich um eine völlig legitime Frage.
Niemand käme auf die Idee, in einem Krankenhaus sämtliche Abteilungen unabhängig von ihrer medizinischen Wirksamkeit gleich zu finanzieren. Niemand würde verlangen, dass eine technische Universität dieselben Mittel für Astrophysik und Kaffeesatzdeutung bereitstellt. Sobald jedoch akademische Modetheorien betroffen sind, verwandelt sich jede Kosten-Nutzen-Debatte in einen moralischen Ausnahmezustand.
Es fällt auf, dass viele der lautstärksten Verteidiger bestimmter ideologischer Studiengänge ihre gesellschaftliche Relevanz bevorzugt mit abstrakten Begriffen belegen. Von Bewusstseinsbildung ist die Rede, von Sensibilisierung, von kritischer Reflexion und transformativen Prozessen. Das sind ehrenwerte Tätigkeiten, doch sie besitzen den Nachteil, dass ihr Erfolg kaum messbar ist. Wer eine Brücke baut, kann auf die Brücke zeigen. Wer ein Medikament entwickelt, kann auf das Medikament zeigen. Wer hingegen einen transformativen Diskursraum zur Dekonstruktion normativer Wissensregime geschaffen hat, muss zunächst eine halbstündige Erklärung liefern, bevor überhaupt erkennbar wird, was genau geschaffen wurde.
Die Rückkehr der Wirklichkeit
Die moderne Industriegesellschaft lebt nicht von Seminartiteln, sondern von Energie, Technik, Medizin, Logistik, Mathematik und Naturwissenschaften. Ein Land wird nicht durch Theorien über Stromversorgung beleuchtet, sondern durch Stromversorgung. Es wird nicht durch Dekonstruktionen verteidigt, sondern durch funktionierende Institutionen. Es wird nicht durch Sprachkritik ernährt, sondern durch Produktion.
Das bedeutet keineswegs, dass jede geisteswissenschaftliche Disziplin überflüssig wäre. Im Gegenteil. Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft oder klassische Soziologie leisten unverzichtbare Beiträge zum Verständnis der menschlichen Gesellschaft. Doch gerade diese Fächer litten häufig darunter, dass immer neue ideologische Spezialgebiete entstanden, deren intellektueller Ertrag in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer begrifflichen Komplexität zu stehen scheint.
Vielleicht wäre deshalb eine bescheidene Rückkehr zu einer altmodischen Frage hilfreich: Was wird eigentlich produziert? Welche Erkenntnis entsteht? Welches Problem wird gelöst? Welcher konkrete Nutzen ergibt sich für Gesellschaft, Wissenschaft oder Wirtschaft? Es sind Fragen, die einst selbstverständlich waren und heute gelegentlich wirken, als würden sie einen unerhörten Affront darstellen.
Die Universität sollte ein Ort sein, an dem Ideen miteinander konkurrieren. Doch Wettbewerb setzt voraus, dass auch die Möglichkeit des Scheiterns existiert. Wenn jede Theorie automatisch finanzierungswürdig, jede Modeerscheinung institutionalisierbar und jede ideologische Strömung zur akademischen Disziplin erhoben wird, verwandelt sich die Universität von einer Suchmaschine der Wahrheit in ein Subventionsprogramm für intellektuelle Nischenmärkte.
Und so bleibt am Ende die stille Hoffnung, dass künftige Generationen von Studierenden wieder häufiger mit Formeln, Experimenten, Beweisen, historischen Quellen und überprüfbaren Argumenten in Berührung kommen als mit jener endlosen Produktion akademischer Wortgebilde, die vor allem eines leisten: den Nachweis, dass man auch ohne jede praktische Konsequenz erstaunlich viel Papier füllen kann.