Die Erfindung des „Echten“

Eine kleine Mediengroteske in mehreren Akten

Es gehört zu den verlässlichsten Ritualen moderner Demokratien, dass in regelmäßigen Abständen jemand auftritt, die Stirn in staatsmännische Falten gelegt, und verkündet, nun sei es endlich so weit: Man werde „Qualität“ retten, „Verantwortung“ stärken und den „echten Journalismus“ vor den Zumutungen der Gegenwart bewahren. In dieser Rolle findet sich derzeit Andreas Babler, der als Medienminister das Versprechen formuliert, eine neue Medienförderung solle genau jenes schwer fassbare Wesen stärken: den „echten Journalismus“. Der Begriff schwebt dabei im Raum wie ein wohlparfümierter Nebel – angenehm im Geruch, unerquicklich in der Substanz. Denn sobald sich die erste Euphorie gelegt hat, beginnt die unerquicklich präzise Frage zu nagen: Wer genau darf definieren, was „echt“ ist, und wer wird im selben Atemzug zum bloßen Schatten erklärt?

Die Ontologie des Echten oder Die Sehnsucht nach dem geprüften Wahrheitsstempel

Das Adjektiv „echt“ trägt eine bemerkenswerte Doppelbödigkeit in sich. Es klingt nach Authentizität, nach geprüfter Wahrheit, nach handwerklicher Redlichkeit – und zugleich nach Ausschluss. Wer „echt“ ist, impliziert zwangsläufig, dass es auch „unechte“ gibt. In der Welt der Medienpolitik wird aus dieser sprachlichen Unschuld rasch ein Instrument: ein Siegel, das verteilt, entzogen, verhandelt wird. Es ist die moderne Variante des alten Gildensystems, nur dass statt Zunftmeistern nun Ministerien entscheiden, wer zur ehrwürdigen Gemeinschaft gehört.

Die Ironie liegt darin, dass Journalismus sich historisch gerade durch seine Widerständigkeit gegenüber Autoritäten ausgezeichnet hat. Die Idee, dass staatliche Instanzen definieren, was als „echter Journalismus“ gelten soll, erinnert daher an jene paradoxen Situationen, in denen die Freiheit durch Vorschriften garantiert werden soll. Es ist ein wenig so, als würde ein Ministerium für Spontaneität gegründet, das verbindliche Richtlinien für ungezwungenes Verhalten erlässt.

Die Förderlogik oder Wer zahlt, schafft an

Medienförderung ist, nüchtern betrachtet, ein Instrument politischer Gestaltung. Sie verteilt Ressourcen, setzt Anreize und verschiebt Kräfteverhältnisse. In dieser Hinsicht ist sie weder per se verdächtig noch per se edel – sie ist schlicht wirksam. Doch genau hier beginnt das Problem: Wer Geld verteilt, gestaltet indirekt Inhalte. Nicht durch direkte Zensur, sondern durch die viel subtilere Methode der Erwartung.

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Der „echte Journalismus“, der gefördert werden soll, wird sich naturgemäß an den Kriterien orientieren, die seine Förderung sichern. Es entsteht ein feines, kaum sichtbares Netz aus Selbstanpassung: Redaktionen lernen schnell, welche Themen, Tonlagen und Perspektiven als förderwürdig gelten. Das Ergebnis ist selten plumpe Propaganda; vielmehr eine sanfte Homogenisierung, ein leises Angleichen an das Erwartbare. Der Journalismus wird nicht gleichgeschaltet, sondern vorsichtig geschniegelt.

Die große Abrechnung mit den sozialen Medien oder Der Feind im Taschenformat

Parallel zur Aufwertung des „Echten“ erfolgt die Abwertung des vermeintlich Unechten – und hier geraten soziale Medien ins Visier. Sie gelten als Hort der Beliebigkeit, als Brutstätte von Desinformation, als digitaler Jahrmarkt der Eitelkeiten. All das ist nicht falsch, aber auch nicht neu. Die Pointe besteht darin, dass soziale Medien vor allem eines sind: Konkurrenz. Sie entziehen klassischen Medien Aufmerksamkeit, Deutungshoheit und Einnahmen.

Wenn nun der Ruf ertönt, diese Plattformen „zu beschneiden“, schwingt darin eine bemerkenswerte Ambivalenz mit. Einerseits wird ein reales Problem adressiert – die Verbreitung von Falschinformationen. Andererseits wird eine strukturelle Verschiebung beklagt, die weniger mit Wahrheit als mit Macht zu tun hat. Die Satire liegt auf der Hand: Der „echte Journalismus“ soll gestärkt werden, indem man den Raum verkleinert, in dem andere Stimmen hörbar sind.

Die Definitionsmacht oder Die stille Versuchung der Deutungshoheit

Die zentrale Frage bleibt bestehen und gewinnt an Schärfe: Wer entscheidet? Ist es ein Gremium, eine Behörde, ein Minister? Oder wird die Entscheidung ausgelagert an Experten, deren Expertise wiederum politisch legitimiert werden muss? Jede Antwort führt zu einer weiteren Frage, jeder Versuch der Objektivierung endet in einem Netz von Interessen, Perspektiven und Machtverhältnissen.

Die Vorstellung, es gebe eine klare, unstrittige Definition von „echtem Journalismus“, ist selbst ein politischer Akt. Sie suggeriert, dass Wahrheit und Qualität eindeutig messbar seien, dass sie sich in Kriterienkataloge pressen lassen. Doch Journalismus lebt gerade von Grauzonen, von Streit, von Perspektivenvielfalt. Die Fixierung auf das „Echte“ droht, diese Dynamik einzufrieren.

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Die Pointe oder Warum der Zweifel das einzige Echtheitskriterium bleibt

Vielleicht liegt die eigentliche Tragik – oder, je nach Perspektive, die Komik – darin, dass der „echte Journalismus“ sich jeder endgültigen Definition entzieht. Er ist kein Zustand, sondern ein Prozess; kein Zertifikat, sondern eine Praxis des permanenten Zweifelns. Wer ihn festschreiben will, riskiert, genau das zu ersticken, was ihn ausmacht.

So bleibt am Ende ein schillerndes Paradox: Der Versuch, den Journalismus zu retten, könnte ihn zugleich domestizieren. Und während irgendwo ein Förderantrag ausgefüllt wird, könnte man sich leise fragen, ob das Echteste am Journalismus nicht gerade darin besteht, sich solchen Zuschreibungen zu widersetzen – auch, und vielleicht gerade, wenn sie wohlmeinend daherkommen.

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