Der Traum von der neuen Menschheit und der alte Geruch der Barbarei

Am Morgen des 5. August 1966 verlässt eine Frau ihr Haus in Peking. Bian Zhongyun, stellvertretende Direktorin eines Mädchengymnasiums, verabschiedet sich von ihrem Mann und geht zur Arbeit. Es ist eine Szene von jener erschütternden Banalität, die historische Katastrophen so unerträglich macht. Niemand geht morgens aus dem Haus mit dem Bewusstsein, wenige Stunden später von Jugendlichen zu Tode geprügelt zu werden. Niemand stellt sich vor, dass der eigene Name eines Tages als erstes bekanntes Opfer einer politischen Massenhysterie in Geschichtsbüchern auftauchen wird. Und doch endet dieser Tag für Bian Zhongyun auf einem Schulhof, geschlagen mit Knüppeln und mit Nägeln bewehrten Tischbeinen, gedemütigt, verbrüht, misshandelt von Schülerinnen, die kaum älter sind als Kinder. Während sie leidet, essen einige ihrer Peinigerinnen Eiscreme. Es ist ein Detail, das sich ein Romancier kaum auszudenken wagte, weil es zu grausam, zu symbolisch, zu vollkommen erscheint. Aber die Wirklichkeit besitzt bekanntlich keinen Sinn für literarische Zurückhaltung.

Die Kulturrevolution begann nicht mit einer grossen Schlacht, nicht mit Kanonendonner oder Panzerkolonnen. Sie begann mit Worten. Mit Losungen. Mit ideologischen Erlösungsversprechen. Mit dem alten politischen Trick, Menschen einzureden, sie seien nicht bloss Menschen, sondern Werkzeuge der Geschichte. Sobald jemand glaubt, die Geschichte persönlich vertrete ihn durch eine Art kosmische Generalvollmacht, wird aus dem Nachbarn ein Feind, aus dem Lehrer ein Volksverräter und aus der Prügelstrafe ein Akt moralischer Hygiene.

Die Verführung durch die Reinheit

Jede totalitäre Bewegung beginnt mit einer hygienischen Fantasie. Es soll gereinigt werden. Gesäubert. Ausgemerzt. Weggefegt. Die Wörter wechseln, die Melodie bleibt dieselbe. Mal sind es Klassenfeinde, mal Volksfeinde, mal Kulaken, mal Bourgeois, mal Abweichler, mal andere angeblich schädliche Elemente. Die Namen variieren, doch stets erscheint die Gesellschaft als ein kranker Organismus, dessen Gesundheit nur durch die Entfernung bestimmter Menschen wiederhergestellt werden könne.

Mao Zedong verstand diese Mechanik meisterhaft. Nachdem seine ökonomischen Experimente im «Grossen Sprung nach vorn» Millionen Menschen in Hunger, Elend und Tod getrieben hatten, hätte ein gewöhnlicher Politiker vielleicht Selbstkritik geübt. Ein aussergewöhnlicher Politiker hätte vielleicht zurückgetreten. Ein Diktator hingegen macht etwas anderes: Er erklärt die Wirklichkeit für schuldig.

Die Kulturrevolution war deshalb keine spontane Revolte der Unterdrückten. Sie war eine von oben organisierte Explosion. Ein kontrollierter Waldbrand, der ausser Kontrolle geraten sollte, weil genau das beabsichtigt war. Mao brauchte Chaos, um seine Macht zu retten. Die Revolution musste revolutioniert werden, weil die vorherige Revolution ihre Unfehlbarkeit verloren hatte. Wo die Realität versagt, muss die Ideologie radikalisiert werden.

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Der Traum war grossartig formuliert. Es ging um den neuen Menschen. Eine Figur, die in der politischen Fantasie des 20. Jahrhunderts ungefähr dieselbe Rolle spielte wie der Stein der Weisen in der Alchemie. Der neue Mensch sollte frei sein von Egoismus, frei von Tradition, frei von Irrtum, frei von Vergangenheit. Er sollte denken, fühlen und handeln gemäss den Bedürfnissen der Geschichte. Dass dabei regelmässig Millionen tatsächlicher Menschen verschwanden, wurde als bedauerlicher Nebeneffekt betrachtet. Die Herstellung des Paradieses erzeugte stets bemerkenswert viel Leichenmaterial.

Kinder der Revolution

Besonders aufschlussreich bleibt die Rolle der Roten Garden. Die Kulturrevolution wurde häufig als Aufstand der Jugend verklärt. Tatsächlich handelte es sich um eine Generation, der man beigebracht hatte, Tugend mit Grausamkeit zu verwechseln.

Die Täter am Pekinger Mädchengymnasium waren keine Monster aus einem Horrorfilm. Sie waren Schülerinnen. Viele stammten aus privilegierten Familien der Parteielite. Gerade das macht den Fall so verstörend. Die Gewalt kam nicht von den Ausgeschlossenen. Sie kam von den Begünstigten.

Die Roten Garden handelten nicht trotz ihrer Erziehung so, sondern wegen ihr. Sie hatten gelernt, dass politische Reinheit wichtiger sei als Mitgefühl. Dass Verdacht wertvoller sei als Wahrheit. Dass Loyalität gegenüber einer Idee höher stehe als Loyalität gegenüber Menschen.

Der revolutionäre Fanatismus besitzt dabei eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er verleiht gewöhnlichen Personen die Aura moralischer Überlegenheit. Wer überzeugt ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, entwickelt oft eine erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Die Prügelnden fühlen sich als Richter. Die Demütigenden betrachten sich als Erzieher. Die Täter erleben sich als Helden.

So entsteht jene eigentümliche Grausamkeit, die nicht aus Hass geboren wird, sondern aus Tugendstolz. Historisch betrachtet ist sie meist die gefährlichere Variante.

Wenn Bücher brennen und Zahnpasta verdächtig wird

Die Kulturrevolution besass zudem jene absurde Komik, die totalitären Projekten eigen ist. Jede Tyrannei erzeugt früher oder später eine Bürokratie des Wahnsinns.

Plötzlich wurden Zahnpastatuben ideologisch überprüft. Kleidung geriet unter Verdacht. Spielzeuge mussten politisch korrekt sein. Bücher wurden vernichtet. Kunstwerke zerstört. Tempel geplündert. Jahrhunderte kultureller Entwicklung wurden behandelt wie Schimmel an einer Badezimmerwand.

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Der Gedanke dahinter war grotesk und zugleich erschreckend logisch. Wenn die Gesellschaft vollkommen neu geschaffen werden soll, darf nichts Altes übrig bleiben. Die Vergangenheit wird zum Feind erklärt. Geschichte erscheint als Belastung. Erinnerung wird verdächtig.

Die Kulturrevolution führte deshalb einen Krieg gegen die Zeit selbst. Nicht bloss Menschen sollten verschwinden. Auch ihre Spuren sollten ausgelöscht werden.

Das Ergebnis war eine Art politischer Bildersturm, dessen Ikonoklasmus nicht aus religiösem Eifer entstand, sondern aus ideologischer Selbstvergöttlichung. Wo früher Kaiser herrschten, regierte nun die Partei. Wo früher Ahnen verehrt wurden, hing das Porträt Maos. Wo früher Heilige standen, wurden rote Büchlein geschwenkt.

Der Mensch, so schien es, war vom Aberglauben befreit worden, um endlich einem noch grösseren Aberglauben dienen zu dürfen.

Die Bewunderer in den komfortablen Fernzonen

Besonders unerquicklich wird die Geschichte dort, wo sie den Westen erreicht.

Denn die Kulturrevolution besass nicht nur chinesische Opfer. Sie besass auch ausländische Bewunderer.

Während Professoren gedemütigt, Familien zerstört und Menschen ermordet wurden, diskutierten Intellektuelle in Paris, Berlin, Zürich oder Berkeley über die aufregenden Möglichkeiten einer neuen Gesellschaft. Die Distanz erwies sich als hervorragendes Beruhigungsmittel. Je weiter entfernt das Blut floss, desto faszinierender erschien die Revolution.

Es gehört zu den dauerhaft peinlichen Episoden der westlichen Geistesgeschichte, dass manche ihrer klügsten Köpfe den Maoismus mit einer Mischung aus Naivität, Eitelkeit und Selbsttäuschung betrachteten. Der revolutionäre Terror wurde als gesellschaftliches Experiment beschrieben, als kulturelle Erneuerung oder als kreative Form politischer Mobilisierung.

Manche glaubten tatsächlich, in China entstehe ein befreiter Mensch. Andere wollten es glauben. Wieder andere hielten das Glauben selbst bereits für einen moralischen Fortschritt.

Die Opfer störten dabei oft nur die Theorie.

Es ist eine erstaunliche Konstante ideologischer Verblendung, dass sie immer dieselbe Ausrede produziert: Die Verbrechen seien übertrieben. Die Quellen seien unzuverlässig. Die Berichte seien Propaganda. Die Zahlen seien erfunden.

Dieser Mechanismus begleitet nahezu jede totalitäre Katastrophe. Erst werden die Warnungen ignoriert. Danach werden die Verbrechen relativiert. Schliesslich erklärt man die Aufklärung über die Verbrechen zum eigentlichen Skandal.

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Der Luxus des Wohlstandsmaoismus

Heute lebt die Kulturrevolution nicht mehr als politisches System fort. Aber ihre ästhetischen und psychologischen Reflexe sind erstaunlich widerstandsfähig.

Noch immer existiert jene merkwürdige Form romantischer Revolutionssehnsucht, die sich besonders gern in sicheren, wohlhabenden Gesellschaften entfaltet. Sie trägt Designerturnschuhe statt Uniformen und verbreitet ihre Botschaften über Smartphones statt über Wandzeitungen. Doch die Grundstruktur bleibt erkennbar.

Immer wieder erscheinen Figuren, die Mao als rebellische Popikone behandeln. Die rote Bibel wird zum Accessoire. Das Symbol verdrängt die Geschichte. Die Pose ersetzt die Erinnerung.

Es handelt sich um eine eigentümliche Form historischen Vergessens. Niemand käme auf die Idee, einen anderen Massenmörder mit vergleichbarer Nachsicht zu behandeln. Niemand würde ein Selfie mit den Insignien eines faschistischen Diktators als harmlosen Scherz verteidigen. Doch bei Mao tritt regelmässig ein seltsamer Ausnahmezustand moralischer Urteilskraft ein.

Vielleicht liegt das daran, dass manche politische Mythen schwerer sterben als ihre Opfer.

Der Mann am Fenster

Am Ende bleibt deshalb nicht Mao in Erinnerung, nicht die Parolen und nicht die gigantischen Massenaufmärsche.

Am Ende bleibt ein Mann am Fenster.

Wang Jingyao verbrachte Jahrzehnte damit, Beweise zu sammeln, Dokumente zu sichern und die Erinnerung an seine ermordete Frau zu bewahren. Während die Partei verdrängte, relativierte und zensierte, bestand er auf einer einfachen, beinahe altmodischen Forderung: dass die Wahrheit nicht verschwinden dürfe.

Darin liegt die eigentliche Niederlage aller totalitären Systeme. Sie können Menschen töten, Archive vernichten, Bücher verbrennen und Denkmäler schleifen. Was sie nicht vollständig kontrollieren können, ist das menschliche Bedürfnis, sich zu erinnern.

Bian Zhongyun wurde von einem Traum getötet. Nicht von ihrem eigenen, sondern von jenem Traum, der im 20. Jahrhundert immer wieder als Heilsversprechen erschien: der Traum vom neuen Menschen.

Die Geschichte zeigt mit unerbittlicher Regelmässigkeit, was geschieht, wenn politische Bewegungen den Menschen verbessern wollen, bevor sie lernen, ihn zu respektieren. Dann werden Lehrerinnen zu Feinden, Kinder zu Anklägern, Nachbarn zu Verrätern und Ideologien zu Ersatzreligionen.

Und irgendwo steht am Ende immer jemand am Fenster und wartet auf eine Rückkehr, die niemals stattfinden wird.

Die Revolutionen versprechen den Himmel. Die Witwen und Waisen erben gewöhnlich die Rechnung.