Der lange Marsch durch die Wirklichkeit

Es gibt politische Ideen, die scheitern. Es gibt politische Ideen, die spektakulär scheitern. Und dann gibt es politische Ideen, die derart grandios mit der Wirklichkeit kollidieren, dass ihre Anhänger gezwungen sind, die Wirklichkeit selbst für rechtswidrig zu erklären. An diesem Punkt beginnt gewöhnlich die Komödie. Oder die Tragödie. Oder jene eigentümliche Mischform moderner Politik, in der sich beides kaum noch voneinander unterscheiden lässt.

Australien liefert hierfür ein bemerkenswertes Schauspiel. Ursprünglich sollte das Gesetz gegen Geschlechterdiskriminierung Frauen vor Benachteiligungen schützen. Eine durchaus nachvollziehbare Absicht. Niemand hätte damals vermutet, dass eines Tages Frauen vor Gericht erscheinen würden, um überhaupt noch feststellen zu lassen, dass sie zu jener Gruppe gehören, für deren Schutz das Gesetz einst geschaffen wurde. Doch die Geschichte besitzt einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Ausgerechnet jene Menschen, die ursprünglich als Schutzobjekt des Gesetzes galten, finden sich nun regelmäßig in der Rolle der Angeklagten, Beklagten, Berufungsklägerinnen oder sonstiger juristischer Versuchskaninchen wieder.

Man muss sich das Schauspiel auf der Zunge zergehen lassen. Frauen ziehen vor die höchsten Gerichte, um feststellen zu lassen, dass Frauen existieren. Lesben ziehen vor Gerichte, um feststellen zu lassen, dass lesbische Orientierung eine Bedeutung besitzt. Bürgerinnen werden juristisch verfolgt, weil sie biologische Tatsachen aussprechen. Andere verlieren Arbeitsplätze oder Ehrenämter, weil sie Definitionen verwenden, die noch vor wenigen Jahren als völlig selbstverständlich galten. Wieder andere sehen sich mit ruinösen Geldstrafen konfrontiert, weil sie öffentlich zugängliche Informationen veröffentlicht haben. Die politische Klasse bezeichnet dies als Fortschritt. Der Beobachter fühlt sich eher an ein Theaterstück erinnert, das von einem besonders zynischen Satiriker geschrieben wurde, dessen Manuskript jedoch irrtümlich in den Gesetzgebungsprozess geraten ist.

Die Bürokratie des Offensichtlichen

Besonders bemerkenswert ist die Entstehung einer völlig neuen Verwaltungsdisziplin: der staatlich organisierten Verwirrung. In früheren Zeiten beschäftigten sich Behörden mit Steuererklärungen, Grenzkontrollen oder Straßenbauprojekten. Heute scheinen beträchtliche Ressourcen darauf verwendet zu werden, Selbstverständlichkeiten in komplizierte Rechtsfragen zu verwandeln.

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Die eigentliche Absurdität besteht nicht darin, dass Menschen unterschiedlicher Auffassungen über Geschlecht existieren. Solche Debatten gab es immer. Die Absurdität besteht darin, dass Institutionen offenbar davon ausgehen, gesellschaftliche Konflikte ließen sich lösen, indem man sprachliche und biologische Kategorien gleichzeitig aufrechterhält und auflöst. Das Ergebnis gleicht einem Verwaltungsakt, der zugleich bestätigt und bestreitet, dass Wasser nass ist.

Je offensichtlicher eine Tatsache erscheint, desto größer scheint inzwischen der bürokratische Aufwand zu werden, ihre Existenz zu relativieren. Ganze Behördenapparate wirken dabei wie Alchemisten des 21. Jahrhunderts. Während ihre mittelalterlichen Vorgänger versuchten, Blei in Gold zu verwandeln, versuchen moderne Ideologen, Definitionen in Meinungen und Meinungen in verbindliche Definitionen umzuwandeln. Der Erfolg bleibt in beiden Fällen überschaubar.

Die seltsame Logik der Bestrafung

Besonders aufschlussreich ist die Frage, wer in solchen Konflikten die Konsequenzen trägt. Denn politische Ideologien verraten ihren wahren Charakter nicht durch ihre Versprechen, sondern durch ihre Opferlisten.

Wenn Frauen Sanktionen riskieren, weil sie bestimmte Aussagen treffen; wenn Mädchen ihre Schultoiletten meiden; wenn Sportlerinnen Nachteile befürchten; wenn Gefangene über Übergriffe berichten und dennoch als Störfaktoren behandelt werden; wenn die Diskussion über solche Themen selbst bereits als verdächtig gilt – dann entsteht ein bemerkenswertes Paradox. Eine Politik, die angeblich Diskriminierung bekämpfen soll, erzeugt neue Konflikte, neue Ungleichheiten und neue Tabus.

Die Ironie ist dabei kaum zu übersehen. Die offizielle Erzählung behauptet, Kategorien seien unwichtig. Gleichzeitig wird mit bemerkenswerter Präzision festgelegt, wer schweigen, nachgeben oder sich anpassen soll. Offenbar weiß jeder Beteiligte sehr genau, welche Gruppen von den neuen Regelungen betroffen sind. Sonst ließen sich die Sanktionen schließlich kaum so zielgerichtet verteilen.

Der Kult der Unfehlbarkeit

Wie jede große Ideologie entwickelte auch die Gender-Ideologie ihre eigene Priesterschaft, ihre eigenen Dogmen und ihre eigenen Häresien. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass moderne Ketzerprozesse nicht mehr auf Marktplätzen stattfinden, sondern in Personalabteilungen, Universitäten, sozialen Medien und Gerichtssälen.

Das eigentliche Problem solcher Systeme besteht nicht darin, dass sie Fehler machen. Fehler sind menschlich. Das Problem beginnt dort, wo Fehler nicht mehr eingestanden werden dürfen. Jede Ideologie, die ihre Grundannahmen gegen jede Kritik immunisiert, verwandelt sich früher oder später in eine Maschine zur Wirklichkeitsverweigerung. Die Realität besitzt jedoch eine unangenehme Eigenschaft: Sie verhält sich selten kooperativ. Sie stimmt nicht ab. Sie nimmt keine Rücksicht auf politische Kampagnen. Sie liest keine Leitartikel und besucht keine Aktivistenseminare.

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Die Geschichte ist voller Beispiele. Von wirtschaftlichen Utopien bis zu gesellschaftlichen Großexperimenten scheiterten zahllose Projekte nicht deshalb, weil ihre Kritiker besonders klug gewesen wären, sondern weil die Wirklichkeit auf Dauer schwer zu überreden ist.

Der Preis der Feigheit

Viele Politiker glaubten offenbar, dieser Konflikt werde sich von selbst erledigen. Man müsse lediglich lange genug schweigen, Formulierungen vermeiden und auf die nächste Nachrichtenlage warten. Doch gesellschaftliche Konflikte verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Sie wachsen. Sie sammeln Frustration an. Sie entwickeln eine politische Sprengkraft, die irgendwann jede Kommunikationsstrategie übersteigt.

Die Geschichte demokratischer Gesellschaften zeigt immer wieder dasselbe Muster. Bürger tolerieren Irrtümer. Bürger tolerieren Inkompetenz. Bürger tolerieren sogar eine erstaunliche Menge an Bürokratie. Was sie dauerhaft nicht tolerieren, ist die demonstrative Missachtung ihrer Wahrnehmung. Wer Menschen auffordert, ihren eigenen Augen nicht zu trauen, eröffnet einen Wettkampf zwischen politischer Erzählung und erfahrbarer Realität. Dieser Wettkampf endet fast immer zugunsten der Realität.

Das Erwachen aus dem ideologischen Traum

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Bedeutung der gegenwärtigen Auseinandersetzung. Es geht nicht allein um Definitionen. Es geht nicht allein um Gesetze. Es geht um die Frage, ob demokratische Gesellschaften noch in der Lage sind, zwischen Mitgefühl und Wirklichkeitsverweigerung zu unterscheiden.

Eine liberale Gesellschaft kann unterschiedliche Lebensweisen akzeptieren. Sie kann Minderheiten schützen. Sie kann Respekt und Höflichkeit fördern. All dies gehört zu ihren Stärken. Doch sie verliert ihre Orientierung, wenn sie beginnt, objektive Fragen ausschließlich durch moralischen Druck beantworten zu wollen.

Die vielleicht größte Ironie der gesamten Entwicklung besteht darin, dass ihre Befürworter einst antraten, um Diskriminierung zu reduzieren. Stattdessen entstanden neue Konfliktlinien, neue Verbote, neue Ängste und neue Formen gesellschaftlicher Polarisierung. Der versprochene gesellschaftliche Frieden erscheint heute vielerorts ferner als zuvor.

Und so endet das große Experiment vorläufig dort, wo alle gescheiterten Ideologien enden: vor der unbeirrbaren Richterin namens Wirklichkeit. Sie besitzt weder soziale Medien noch Presseabteilungen. Sie veröffentlicht keine Leitlinien. Sie erlässt keine Rundschreiben. Sie wartet lediglich geduldig ab, bis politische Moden vorüberziehen. Ihre Urteile können nicht angefochten werden. Ihre Entscheidungen kennen keine Berufungsinstanz. Und ihre Geduld ist gewöhnlich sehr viel länger als die Amtszeit jener Funktionäre, die glauben, sie dauerhaft außer Kraft setzen zu können.