Der 7. Oktober

Israel muss sich für seine Existenz nicht entschuldigen

Der Morgen des 7. Oktober brach nicht als Missverständnis über das Land herein und nicht als jene unbestimmte Eskalation, mit der Kommentare gern beginnen, wenn sie den Täter möglichst früh aus dem Satz entlassen wollen. Er kam als Entscheidung. Geplant, organisiert, ausgeführt von der Hamas und den mit ihr verbündeten bewaffneten Gruppen, brach er in Häuser, in Kibbuzim, in ein Musikfestival ein, wo junge Menschen getanzt hatten, als wäre die Nacht noch ungeteilt. Rund zwölfhundert Menschen wurden getötet, mehr als zweihundertfünfzig verschleppt. Sie waren keine Chiffren einer geopolitischen Lage. Das Kind im Kibbuz war kein Minister, der Festivalbesucher kein General, die Familie in ihrem Haus kein Symbol für eine Strategie. Sie waren Menschen. Und gerade deshalb traf der Tag die elementarste Voraussetzung jeder zivilisierten Ordnung: das Recht, nicht wegen der Zugehörigkeit zu einem Volk ermordet zu werden.

Dass die Täter Teile ihrer Taten selbst filmten und verbreiteten, gehört zur Bedeutung des Morgens. Der Terror sollte nicht nur wirken, er sollte gesehen werden. Er sollte Angst erzeugen und zugleich Triumph demonstrieren. Wer angesichts dessen zuerst vom Kontext spricht, muss sich fragen lassen, warum der Kontext des Opfers weniger zählt als der des Täters. Der israelische Zivilist, der an jenem Morgen starb, war nicht verantwortlich für jede Entscheidung seiner Regierung. Er war ein Mensch, und sein Tod war kein Argument.

Es gilt, an etwas zu erinnern, das in einem erstaunlichen Teil der westlichen Debatte beinahe als Provokation gilt: Israel hat das Recht zu existieren. Nicht als Gnadenakt anderer Staaten, nicht als nachträglich gewährte Konzession für die Verbrechen Europas an den Juden und nicht unter dem Vorbehalt, dass seine Nachbarn dieses Recht jederzeit widerrufen dürfen. Es ist ein souveräner Staat, seit Jahrzehnten Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft. Seine Bevölkerung besitzt dasselbe Recht auf Sicherheit, politische Selbstbestimmung und territoriale Existenz wie jede andere. Wer dieses Prinzip annimmt, muss Israel nicht mögen, Benjamin Netanjahu nicht unterstützen, die Siedlungspolitik nicht gutheißen und nicht jede militärische Entscheidung verteidigen. Er muss nur akzeptieren, dass die Existenz eines jüdischen Staates nicht dadurch illegitim wird, dass manche seiner politischen Entscheidungen kritikwürdig sind.

Es ist eine bemerkenswerte Verschiebung der politischen Moral, dass ausgerechnet Israel sich für sein Dasein rechtfertigen soll, während andere Staaten ihre Existenz als selbstverständlich voraussetzen dürfen. Niemand verlangt von Frankreich, seine Daseinsberechtigung täglich neu zu beweisen. Niemand stellt Deutschland unter den Vorbehalt, dass seine Regierungspolitik stets moralisch einwandfrei sein müsse. Niemand erklärt Großbritannien für illegitim, weil seine Geschichte vom Kolonialismus geprägt ist. Nur Israel wird auffällig häufig nicht nach dem Verhalten seiner jeweiligen Regierung beurteilt, sondern nach der Frage, ob es überhaupt existieren dürfe. Hier endet die gewöhnliche Kritik. Hier beginnt die Delegitimierung.

Für manche Ideologien ist Israel nicht problematisch, weil seine Regierungen Fehler machen, sondern weil seine bloße Existenz eine Vorstellung stört: die Vorstellung, jüdische Geschichte dürfe nach Jahrhunderten der Verfolgung, der Pogrome, der Vertreibung und schließlich der industriellen Vernichtung in staatliche Selbstbestimmung münden. Israel erinnert daran, dass Juden nicht ausschließlich als Minderheit, als Opfer oder als Objekt fremder Fürsorge existieren wollten, sondern als politisches Volk. Diese Selbstermächtigung war für viele nach dem Holocaust eine Frage des Überlebens. Wer den Zionismus allein als europäisches Kolonialprojekt beschreibt, unterschlägt einen wesentlichen Teil seiner Geschichte. Er war auch eine jüdische nationale Bewegung, hervorgegangen aus langer Erfahrung der Staatenlosigkeit. Juden kehrten nicht in ein vollkommen fremdes Land zurück, dessen Geschichte keinerlei Verbindung zu ihnen gehabt hätte. Die Bindung des jüdischen Volkes an Jerusalem, an Judäa, an Samaria und an das Land Israel ist historisch, religiös und kulturell über Jahrtausende bezeugt. Daraus folgt nicht automatisch jeder heutige politische Anspruch. Geschichte ist kein Grundbuch. Aber ebenso wenig lässt sich die jüdische Verbindung zu diesem Land aus der Geschichte lösen, um Israel anschließend als rein europäisches Fremdkonstrukt zu zeichnen. Eine solche Darstellung ist nicht nur verkürzt. Sie macht die jüdische Geschichte selbst unsichtbar.

Die vielleicht bezeichnendste Reaktion auf den 7. Oktober bestand darin, dass Teile des westlichen politischen Milieus den Angriff kaum als das benennen konnten, was er war. Statt vom Massaker sprach man von Widerstand, statt von Terrorismus von bewaffnetem Kampf, statt von jüdischen Opfern von Kontext. Gewiss besteht ein palästinensisches Recht auf politische Selbstbestimmung. Gewiss haben Palästinenser Anspruch auf Sicherheit, Würde und eine politische Zukunft. Daraus folgt kein Recht auf die Ermordung israelischer Zivilisten. Widerstand ist kein moralischer Freibrief. Wer den Begriff so weit dehnt, dass auch das gezielte Töten von Zivilisten darunter fällt, entwertet ihn vollständig. Eine Gesellschaft, die solche Begriffe hinnimmt, verliert die Fähigkeit, zwischen Freiheitskampf und Terrorismus zu unterscheiden. Die Hamas ist keine weitere politische Partei mit radikaler Meinung. Sie ist eine islamistische Terrororganisation, die Israel nicht lediglich verändern, sondern dessen Existenz beseitigen will. Wer diesen Punkt aus der Debatte entfernt, verwandelt einen konkreten Konflikt in eine abstrakte Geschichte von Unterdrückern und Unterdrückten und kann anschließend jedes Verbrechen des vermeintlich Unterdrückten als verständliche Reaktion darstellen. Das ist intellektuell bequem und moralisch verheerend.

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Es ist inzwischen beinahe verpönt, daran zu erinnern, dass der Krieg, dessen Folgen heute Gegenstand unzähliger Debatten sind, mit dem Angriff vom 7. Oktober begann. Gewiss gab es zuvor Gewalt, Besatzung, Blockade, Anschläge, Raketenbeschuss und politische Verwerfungen. Aber jener Tag war kein Naturereignis. Er war eine Entscheidung. Die Hamas entschied sich, Israel massiv anzugreifen, Zivilisten zu ermorden und Geiseln zu nehmen. Damit war vorhersehbar, dass Israel militärisch reagieren würde. Wer diese Kausalität nicht anerkennen will, muss erklären, weshalb ausgerechnet Israel verpflichtet sein sollte, nach einem solchen Angriff untätig zu bleiben. Kein Staat kann von seiner Regierung verlangen, eine bewaffnete Organisation, die seine Bevölkerung massenhaft angegriffen hat und weiterhin seine Vernichtung propagiert, einfach gewähren zu lassen. Das Recht, die eigenen Bürger zu schützen und die militärischen Fähigkeiten der Hamas zu zerstören, ist kein israelisches Sonderrecht. Es ist ein Grundsatz staatlicher Selbstverteidigung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Israel sich verteidigen darf. Sie lautet, wie es sich verteidigt, ob das Vorgehen mit dem humanitären Völkerrecht vereinbar ist und wie zivile Opfer gemindert werden können. Dort beginnt legitime Kritik. Wer bereits das Recht auf militärische Selbstverteidigung bestreitet, verlässt den Boden einer universellen Rechtsordnung.

Vielleicht sagt nichts mehr über die moralische Verschiebung der Debatte aus als der Umgang mit den Geiseln. Menschen wurden aus ihren Häusern, von einem Konzertgelände, aus ihren Familien gerissen und nach Gaza verschleppt. Sie waren keine Soldaten in einem Gefangenenaustausch, sondern Zivilisten. Ihre Gefangenschaft war Teil des Angriffs und wurde als politisches Druckmittel eingesetzt. Dennoch verschwanden sie in Teilen der öffentlichen Diskussion erstaunlich schnell hinter den Statistiken des Krieges. Wer Menschen entführt und in Tunneln verbirgt, wer sie als Verhandlungsmasse benutzt und ihre Rückkehr an Bedingungen knüpft, begeht keinen Akt des Widerstands, sondern Geiselnahme. Dass westliche Demonstrationen teilweise lauter über Israel als über die Entführer sprechen, gehört zu den moralischen Absurditäten dieser Zeit. Die Forderung, sie nach Hause zu bringen, sollte keiner Lagerzugehörigkeit bedürfen. Sie ist eine elementare Forderung der Menschlichkeit.

Das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung ist real. Gerade deshalb darf es nicht politisch instrumentalisiert werden. Wer die Menschen in Gaza ernst nimmt, muss auch über die Herrschaft der Hamas sprechen. Die Organisation hat ihre militärische Infrastruktur in eine dicht besiedelte zivile Umgebung eingebettet. Tunnel, Waffenlager, Kommandoeinrichtungen und Kämpfer befinden sich dort, wo militärische Handlungen zwangsläufig eine hohe Gefahr für Zivilisten erzeugen. Das macht zivile Opfer nicht weniger tragisch und entbindet Israel nicht von seinen völkerrechtlichen Pflichten. Es verändert jedoch die Frage nach der Verantwortung. Eine Terrororganisation, die ihre Infrastruktur mitten in der Zivilbevölkerung errichtet, schafft bewusst eine Lage, in der der Gegner vor der nahezu unmöglichen Aufgabe steht, zugleich die eigene Bevölkerung zu schützen und die gegnerische militärische Struktur zu bekämpfen. Wer ausschließlich die israelischen Bomben zählt und die Strukturen der Hamas aus dem Bild entfernt, beschreibt nicht den Krieg, sondern nur einen Ausschnitt davon.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion auffallend oft untergeht: der außergewöhnliche Umfang, in dem die israelischen Streitkräfte versucht haben, Zivilisten vor bevorstehenden Kampfhandlungen zu warnen. Es waren nicht nur vereinzelte Flugblätter oder allgemeine Aufrufe. Eingesetzt wurde ein ganzes Bündel von Mitteln: direkte Telefonanrufe, SMS, Flugblätter aus der Luft, Rundfunkdurchsagen, Mitteilungen in sozialen Medien, Sprachnachrichten und später detaillierte Evakuierungskarten, mit denen Stadtviertel und nummerierte Blöcke bezeichnet werden konnten. Human Rights Watch dokumentierte für den Zeitraum von Oktober 2023 bis August 2024 insgesamt 184 unterschiedliche israelische Evakuierungsanordnungen und stellte fest, dass neben sozialen Medien und Flugblättern auch SMS und Telefonanrufe verwendet wurden. Die israelische Armee selbst bezifferte ihre Maßnahmen mit ungefähr hunderttausend Evakuierungsanrufen, 9,3 Millionen abgeworfenen Flugblättern, 15,5 Millionen SMS und 17 Millionen Sprachmitteilungen.

Diese Zahlen machen eine häufig unterschlagene Dimension des Krieges sichtbar. Israel hat durch Warnungen einen Teil seiner militärischen Überraschung bewusst aufgegeben, um Zivilisten zur Flucht aus bevorstehenden Kampfgebieten zu bewegen. Die Armee erklärte selbst, dass solche Warnungen nachteilig sein können, weil sie den Gegner über bevorstehende Operationen unterrichten und ihm Zeit geben, Kämpfer oder Material zu verlegen. Dennoch wurden sie eingesetzt. Dass die Maßnahmen nicht immer ausreichend, nicht immer rechtzeitig und unter den Bedingungen des Krieges nicht für jeden umsetzbar waren, ist eine berechtigte Kritik. Human Rights Watch hat auf kurze Fristen, widersprüchliche Anweisungen und die schwierigen Bedingungen für die Zivilbevölkerung hingewiesen. Aus der Feststellung, dass Warnungen nicht immer vollkommen funktionierten, folgt jedoch nicht, dass es sie nicht gab oder dass kein Versuch unternommen worden wäre, zivile Opfer zu vermeiden. Der Umfang dieser Vorsichtsmaßnahmen gehört in jede ernsthafte Bewertung der Kriegsführung.

Mit historischen Superlativen sollte man vorsichtig sein. Dennoch lässt sich feststellen, dass Umfang und Systematik dieser Warnungen im modernen urbanen Krieg außergewöhnlich sind. Es fällt schwer, einen vergleichbaren Krieg zu nennen, in dem eine Armee vor Angriffen in dicht besiedelten Gebieten in einer derartigen Verbindung aus Flugblättern, individuellen Anrufen, SMS, Sprachbotschaften, Rundfunk, sozialen Medien und detaillierten Karten versucht hat, die Zivilbevölkerung aus den vorgesehenen Kampfzonen zu führen. Das ist keine moralische Immunisierung. Warnungen machen einen völkerrechtswidrigen Angriff nicht rechtmäßig, und auch nach einer Warnung bleiben Zivilisten geschützt. Wer aber über zivile Opfer spricht, ohne diese Vorsichtsmaßnahmen überhaupt zu erwähnen, betreibt keine vollständige Analyse. Er lässt einen wesentlichen Teil der militärischen Wirklichkeit weg.

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Wichtiger noch ist die Frage, warum solche Warnungen überhaupt notwendig waren. Die Hamas kämpft nicht auf einem abgegrenzten Schlachtfeld, sondern innerhalb einer dicht besiedelten Gesellschaft. Ihre militärische Infrastruktur ist vielfach in oder unter zivilen Strukturen eingebettet. Damit steht die israelische Armee vor einer ungewöhnlichen Entscheidung: Sie kann die militärischen Fähigkeiten der Hamas nicht ignorieren, ohne die eigene Bevölkerung einer fortgesetzten Bedrohung auszusetzen; sie kann sie aber auch nicht bekämpfen, ohne das Risiko ziviler Opfer in einem dicht besiedelten Raum einzugehen. Die Warnung der Zivilbevölkerung ist deshalb kein bloßes Mittel der Darstellung. Sie ist ein Versuch, dieses Dilemma wenigstens teilweise zu entschärfen. Wer Israel dafür kritisiert, dass Menschen trotz solcher Warnungen getötet wurden, muss dieselbe Strenge gegenüber der Hamas aufbringen und fragen, weshalb eine Terrororganisation ihre Infrastruktur dort platziert, wo die Zivilbevölkerung zwangsläufig zur Leidtragenden wird.

Moralische Verantwortung lässt sich nicht allein an der Zahl der Opfer ablesen. Zahlen sind wichtig, aber sie erklären keine Absichten. Ein Krieg kann eine hohe Zahl ziviler Toter hervorbringen, ohne dass jeder von ihnen ein beabsichtigtes Ziel gewesen sein muss. Umgekehrt kann ein Angriff mit wenigen Opfern eindeutig verbrecherisch sein, wenn Zivilisten bewusst ausgewählt wurden. Genau diese Unterscheidung wird in der öffentlichen Debatte häufig verwischt. Der 7. Oktober war deshalb so eindeutig, weil die Hamas zivile Menschen bewusst angriff. Israel behauptet, militärische Ziele zu bekämpfen und zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden; die umfangreichen Warnungen sind ein objektiv feststellbarer Bestandteil dieses Vorgehens. Ob jede einzelne Operation diesem Anspruch genügt hat, ist eine andere Frage und muss im Einzelfall geprüft werden. Aus möglichen oder tatsächlichen Fehlern einzelner Handlungen folgt jedoch nicht die Behauptung, Israel verfolge grundsätzlich eine Politik des gezielten Mordes an Zivilisten.

Hier liegt ein Unterschied, den die Debatte nicht verwischen sollte. Israel versucht nachweislich, die Zivilbevölkerung vor seinen Angriffen zu warnen; die Hamas hat am 7. Oktober die Zivilbevölkerung selbst zum Ziel gemacht. Israel fordert Zivilisten auf, Kampfgebiete zu verlassen; die Hamas hat wiederholt versucht, die Bewegungen der eigenen Bevölkerung für militärische Zwecke zu nutzen und zivile Infrastruktur in die Kriegsführung einzubeziehen. Diese Verhaltensweisen sind moralisch und rechtlich nicht dasselbe. Wer sie gleichsetzt, weil auf beiden Seiten Menschen sterben, verwechselt die Tragik des Ergebnisses mit der Frage nach Absicht und Vorgehen. Jede ernsthafte Diskussion über Gaza muss deshalb beide Seiten der Gleichung betrachten: das unbestreitbare Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und die Verantwortung jener Organisation, die den Krieg begonnen, die Geiseln genommen und ihre militärische Infrastruktur inmitten eben jener Bevölkerung errichtet hat.

Der moderne Antisemitismus hat gelernt, seine Sprache zu wechseln. Er spricht nicht mehr unbedingt von den Juden, sondern von den Zionisten. Er spricht nicht mehr offen von jüdischer Weltverschwörung, sondern von zionistischen Netzwerken. Er behauptet nicht unbedingt, Juden kontrollierten Regierungen und Medien, sondern spricht von einer angeblich allgegenwärtigen israelischen Lobby. Nicht jede Kritik an Zionismus oder Israel ist antisemitisch. Diese Unterscheidung muss mit Nachdruck verteidigt werden. Ebenso muss man erkennen, dass alte Ressentiments neue politische Kleider annehmen können. Wenn Israel als grundsätzlich illegitimer Staat dargestellt wird, wenn jüdische Menschen außerhalb Israels für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden, wenn Synagogen, jüdische Schulen oder jüdische Studenten zum Ziel politischer Einschüchterung werden, ist die Grenze legitimer Kritik längst überschritten. Dann geht es nicht mehr um Netanjahu, um Gaza oder um die Siedlungspolitik. Dann geht es um Juden.

Die eigentliche Tragik besteht darin, dass Israel und der Westen dieselbe politische Zivilisation verteidigen, obwohl Israel geografisch an einer Frontlinie steht, die Europa gern aus sicherer Entfernung betrachtet. Israel ist keine vollkommene Demokratie, aber es ist eine Demokratie. Es gibt Regierungswechsel, Opposition, Demonstrationen, Gerichte, kritische Medien und eine Öffentlichkeit, die die eigenen Regierungen oft schonungsloser kritisiert als ausländische Beobachter. Araber sitzen im Parlament. Arabische Bürger nehmen am öffentlichen Leben teil. Homosexuelle Menschen leben offen. Frauen bekleiden höchste politische und militärische Ämter. Diese Wirklichkeit macht Israel nicht unangreifbar, aber sie macht die Behauptung, es sei eine Art faschistischer Fremdkörper im Nahen Osten, schwer haltbar. Wer die liberalen Prinzipien des Westens ernst nimmt, sollte erkennen, dass Israel trotz aller politischen Konflikte wesentlich näher an diesen Prinzipien steht als die islamistischen Organisationen, die seine Vernichtung fordern.

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Ein Teil der westlichen Linken hat sich in eine politische Sackgasse manövriert. Die Welt wird in Kolonisatoren und Kolonisierte, in Täter und Opfer, in Unterdrücker und Unterdrückte geteilt. Das Problem entsteht dort, wo diese Kategorien wichtiger werden als die konkrete Handlung. Ein israelischer Zivilist kann dann nicht mehr einfach Opfer sein, weil er in die falsche Kategorie fällt. Ein Kämpfer der Hamas wird nicht mehr nach seinem Verhalten beurteilt, sondern nach der behaupteten historischen Position seines Volkes. Ausgerechnet jene Bewegung, die sich sonst gegen jede Form von Kollektivschuld wendet, akzeptiert sie, sobald Juden betroffen sind. Der israelische Student soll für die Regierung seines Landes verantwortlich sein, der jüdische Ladenbesitzer für die Politik Israels, die jüdische Gemeinde für einen Krieg, den sie nicht führt. Das ist nicht progressiv. Es ist Kollektivdenken. Und Kollektivdenken bleibt Kollektivdenken, auch wenn es sich in die Sprache der Befreiung kleidet.

Israel muss sich für seine Existenz nicht entschuldigen. Es muss sich auch nicht dafür entschuldigen, dass es seine Bevölkerung nach dem 7. Oktober verteidigt, und nicht dafür, dass es die Hamas bekämpft. Es kann Fehler machen, und es muss für tatsächliche Rechtsverletzungen Verantwortung übernehmen. Eine Demokratie sollte dazu imstande sein. Daraus folgt nicht, dass es die Waffen niederlegen und darauf hoffen soll, diejenigen, die seine Vernichtung fordern, würden plötzlich friedlich. Staaten haben nicht nur das Recht, ihre Bevölkerung zu schützen. Sie haben die Pflicht dazu. Die Vorstellung, Israel müsse seine Existenzberechtigung immer wieder durch besondere moralische Reinheit erwerben, während seine Feinde nur erklären müssen, sie seien historisch unterdrückt worden, ist selbst eine Form von Diskriminierung. Kein anderer Staat wird auf diese Weise behandelt. Israel wird nicht deshalb weniger legitim, weil seine Nachbarn seine Existenz ablehnen. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass es seit seiner Gründung immer wieder angegriffen wurde, macht die Frage seiner Sicherheit existenziell.

Der 7. Oktober hat deshalb nicht nur Israel verändert. Er hat Europa einen Spiegel vorgehalten. In diesem Spiegel sieht man die Reaktionen auf ein Massaker, die Begeisterung mancher Demonstranten, die Gleichgültigkeit gegenüber den Geiseln, die Relativierung terroristischer Gewalt und die erstaunliche Bereitschaft, Israel die Verantwortung für seine eigene Existenz aufzubürden. Man sieht aber auch anderes: eine jüdische Gesellschaft, die trotz ihrer Angst weiterlebt, eine Demokratie, die sich gegen ihre Feinde verteidigt, Familien, die um ihre Angehörigen kämpfen, und eine Bevölkerung, die zwischen Sicherheitsbedürfnis und politischem Streit ringt. Israel ist nicht vollkommen. Es muss es auch nicht sein. Staaten sind keine Heiligenfiguren. Aber es ist auch nicht der moralische Sonderfall, als den es seine Gegner gern darstellen. Es ist ein Land mit einer komplizierten Geschichte, einer widersprüchlichen Gegenwart und einem legitimen Anspruch auf Zukunft. Wer Palästinensern eine Zukunft wünscht, sollte deshalb nicht Israels Untergang wünschen. Wer Frieden will, muss nicht Israel entwaffnen, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen Israelis und Palästinenser ohne gegenseitige Vernichtungsdrohung leben können. Das setzt voraus, dass man die Wirklichkeit anerkennt. Frieden entsteht nicht dadurch, dass man die Hamas romantisiert, Israel delegitimiert oder den Terror vom 7. Oktober in einen Fußnotenapparat des Konfliktkontextes verwandelt.

Am Ende bleibt eine einfache, aber unbequeme Entscheidung. Man kann Israel kritisieren. Man kann Netanjahu ablehnen. Man kann die Siedlungspolitik verurteilen. Man kann einen palästinensischen Staat fordern. Man kann über die israelische Kriegsführung streiten und jede einzelne militärische Handlung am Völkerrecht messen. All das gehört zu einer freien politischen Debatte. Was man nicht tun sollte, ist den Unterschied zwischen Israel und seinen Feinden aufzuheben. Israel ist ein Staat, die Hamas eine Terrororganisation. Israel kämpft um seine Sicherheit und sein Fortbestehen; die Hamas hat in ihrem politischen und militärischen Programm die Beseitigung Israels zum Ziel. Israelis können für ihre Regierung verantwortlich gemacht werden. Palästinenser dürfen nicht kollektiv für die Hamas verantwortlich gemacht werden. Und Juden in Europa dürfen niemals zu Stellvertretern israelischer Politik gemacht werden.

Der 7. Oktober hat gezeigt, wie dünn die zivilisatorische Schicht manchmal ist, die zwischen politischem Protest und offenem Judenhass liegt. Deshalb lautet die entscheidende Frage heute nicht, ob Israel vollkommen ist. Kein Staat ist es. Sie lautet, ob Israel dasselbe Recht auf Existenz, Sicherheit und Selbstverteidigung zugestanden wird wie jedem anderen Staat. Wer diese Frage mit Nein beantwortet, sollte wenigstens den Mut besitzen, die Konsequenz seiner Position auszusprechen. Denn dann geht es nicht mehr um Kritik an einer Regierung, nicht mehr um Gaza und nicht mehr um Netanjahu. Dann geht es um die Existenz Israels selbst. Und genau deshalb darf der 7. Oktober nicht als bloßes Kapitel in einer endlosen Chronologie gegenseitiger Gewalt verschwinden. Er war ein Angriff auf Israel, auf seine Bevölkerung und auf das Recht eines jüdischen Staates, in Sicherheit zu bestehen.

Israel muss sich dafür nicht entschuldigen, dass es überleben will.